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    Aktuelle Kritik - Hedwig - ob’s uns passt oder nicht

    Hedwig and the Angry Inch- Rockmusical, Februar 2015 im BKA-Theater, Berlin-Kreuzberg

    artbild_250_hedwig_plakatHedwig ist wie Berlin. Stark und zerbrechlich, schön und schäbig. Mann und Frau. Ost und West. Aber ist Berlin bereit für Hedwig? Jene Stadt, in der diese irre Geschichte ihren Anfang genommen hat? Und vor allem: ist Berlin bereit für Sven Ratzke? Der 1977 geborene deutsch-niederländische Entertainer und „Homme fatale“ stürmt als Transsexuelle „Hedwig“ die Bühne des BKA-Theaters und lässt sie bald zu klein werden. Zuschauer, haltet euch an euren Tischen und Stühlen fest, hier kommt eine Naturgewalt. Ein schräger Vogel, der seine Flügel wie Windräder kreisen lässt, Schwung holt und die Zuschauer mitnimmt auf eine verstörende Reise in seine Vergangenheit. Sven Ratzkes explosive Kraft in Stimme und Darstellung löst Nervosität, aber auch Faszination aus, so perfekt beherrscht er jede Geste, jeden Ton. Unterstützt von der Vier-Mann-Band „The Angry Inch“ stürzt er sich als Hedwig in die Erinnerungen an sein verpfuschtes Leben.

    Ein zorniger Zentimeter

    Hedwig war mal Hansel, ein junger Mann, der sich in einen US-Soldaten verliebt und sich in eine Frau - eben Hedwig – verwandeln muss, um der Mauerhaft der DDR zu entkommen. Doch die Geschlechtsoperation läuft katastrophal schief: Das Messer des Chirurgen erweist sich als stumpf, zurück bleibt jener titelgebende »angry inch« - ein »zorniger Zentimeter«, der Hedwig daran erinnert, dass sie vielleicht niemals ganz zu einer Seite gehören wird. Bald findet sich Hedwig denn auch verlassen in einem heruntergekommenen Trailerpark wieder – der amerikanische Traum ist geplatzt.

    Mit dem pickligen Jesus-Freak Tommy tritt eine neue Liebe an Hedwigs Seite. Für ihn schreibt sie im räudigen Wohnwagen nun Songs, die den Geist des Glam Rocks der 70er Jahre atmen und von der Suche nach Liebe und Erfüllung handeln. Das scheinbare Glück währt jedoch nicht lange und Hedwig wird erneut betrogen. Der neue Lover lässt sie sitzen und sich als Superstar »Tommy Gnosis« mit den gestohlenen Songs feiern.

    Kult-Musical

    Bereits Anfang der 1990er Jahre entwickelte John Cameron Mitchell zusammen mit dem Musiker Stephen Trask Songs und Geschichten rund um die Kunstfigur „Hedwig“, in die auch persönliche Erfahrungen des Autors mit einflossen - der 1963 geborene Autor, Regisseur und Schauspieler wuchs als Sohn eines US-Generals unter anderem in Berlin auf. Die Geschichte des »Rock’n’Roll-Zwischenwesens« Hedwig wurde 1998 off-Broadway aufgeführt und wurde schnell ein Kulthit. Ebenso die Verfilmung aus dem Jahre 2001.

    Wir sind nur Schnecken

    artbild_350_hedwigWährend seiner Show rockt sich Ratzke den letzten Rock, das letzte knappe Oberteil vom Körper. Stimmsicher singt er sich durch Punk, Glamrock und Balladen. Das Publikum, das er „Schnecken“ nennt, macht so einiges durch an diesem Abend. Ein Zuschauer muss ihm das knappe Oberteil aufmachen, während er hemmungslos mit ihm flirtet, Andere werden als Hocker oder Transportmittel missbraucht. Jeder ist froh, wenn es den Nachbarn trifft. Manchmal ufert das dann alles ein wenig aus, wenn Ratzke beispielsweise immer wieder einen Mann als „alten Knacker“ bezeichnet und ihn fragt, warum der eigentlich hier sei - der Herr trägt es mit Fassung, wahrscheinlich ein Berliner. Oder wenn Ratzke Getränke ins Publikum spuckt. Da denkt man dann, jetzt ist gut, wir haben es ja kapiert. Schrill und schamlos und anarchisch bis zum Anschlag soll es eben sein.

    Auch Hedwig geht nicht gerade zimperlich um mit ihrem „Mann“ Yitzhak, gespielt von der 1968 geborenen Maria Schuster, Schauspielerin, Musikerin und Sängerin mit rumänischen Wurzeln. Er wird rumkommandiert, gnadenlos beim Singen unterbrochen, schikaniert. Schuster spielt diese Rolle auf beunruhigend zurück genommene Weise und beeindruckt in den Momenten, in denen sie zu Wort kommt, mit ihrer Stimme und Präsenz.

    Who the hell is Hedwig?

    Die englischsprachigen Touristen im BKA-Theater bekommen regelmäßige Hilfestellung auf Englisch. „You may ask, what the hell is he talking about“, ruft Ratzke dann und gibt kurze Einblicke in das Leben der DDR und die Besonderheiten von Berlin – „what is Currywurst mit Darm?“.

    Aber Hedwig/Ratzke kann auch anders. In den verletzlichen Momenten, wenn die Erinnerungen ihn zu Boden brechen, schlägt er einen fast zärtlichen Ton an. Und am Ende, wenn Hedwigs Haare immer dünner werden, weil sie alt geworden ist und wenn sich dann Ratzke aus seiner Hülle herausschält und als Mann auf dem Boden liegen bleibt, kommt er einem erschreckend nah. Aber da steht er schon wieder, rotzfrech wie immer.

     

    Besetzung:

    Sven Ratzke (Hedwig), Maria Schuster (Yitzhak)
    The Angry Inch: Florian Friedrich (Bass & Musical Director),
    Christopher Noodt (Keys), Hans Schlotter (Drums),
    Stefan Machalitzky/Jan Terstegen (Guitar)
    Bühnenbild: Momme Röhrbein
    Angelika Rieck (Kostüme)
    Ulrike Reimann (Maske)
    Regie: Guntbert Warns

    Sven Ratzkes neue Show ist in der Mache: „Starman“. Musik von David Bowie. Ab Oktober wird die Show auf Tournee gehen. Premiere ist am 13.10.2015 im TIPI am Kanzleramt in Berlin.

    Redaktion: Katrin Schielke

    Bildnachweis:
    "Hedwig" Fotos:Dennis Veldmann

    2015-03-31 | Nr. 86 | Weitere Artikel von: Katrin Schielke





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