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    Come Together, Au Cirque!


    Europa bleibt der Dreh- und Angelpunkt im zeitgenössischen Zirkus, denn hier trifft der Wunsch der Künstler, anderen Welten zu begegnen, auf die geballte Neugier eines Publikums, das sich freut, in Artistik einen Zugang zu fremden Kulturen zu finden. Auch innerhalb Europas drückt sich das Bedürfnis aus, Grenzen in Brücken zu verwandeln. Aus zwölf verschiedenen Ländern kamen Tanzkritiker und Chefredakteure von Kulturzeitschriften im Juni nach Paris, um auszuloten, wie es um die Zirkuskritik bestellt ist. Das staatliche Institut Hors les murs, das auch die Zeitschrift Stradda herausgibt, hatte ein Seminar organisiert, bei dem die enormen Unterschiede deutlich wurden. Journalisten mit ausreichender Erfahrung, um aktuelle Zirkusproduktionen im diachronischen und synchronischen Kontext analysieren zu können, gibt es eigentlich nur in Belgien, Finnland und Frankreich. Von Italien bis Schottland, von Griechenland bis Portugal, von Kroatien bis Schweden fehlt es an Anerkennung der Kunstform, an Aufführungen, Produktionen und Möglichkeiten zu publizieren. Clownschule Uli TammDoch überall gibt es Kulturjournalisten, die verstanden haben, dass Zirkus heute ein Motor der künstlerischen Entwicklung ist, offen für die Fusion mit anderen Künsten, und die ihren Lesern den Zugang dazu vermitteln wollen. Ein Teil verfasste nach dem Seminar Texte (in englischer Sprache), die nun auf der Website von Hors les murs einzusehen sind (www.horslesmurs.fr). Interessant ist auch, dass im Zirkus die Grenzen zwischen Kreation, Kritik und Theorie recht offen zu sein scheinen. Zirkuskritik, so hieß es, solle Künstlern und Publikum näherstehen als etwa im Theater, da im Zirkus der Bezug zum Publikum im Mittelpunkt steht. So könnte eine noch zu entwickelnde Praxis auch anderen Feldern als Beispiel dienen, wäre da nicht das Problem, dass das Zelt als Spielstätte mehr und mehr Aufführungen auf Theaterbühnen weicht. Es gibt aber Stücke, die beides verbinden, damit auch im Theatersaal der Funke überspringt. Ob es daran liegt, dass die Artisten aus Marokko und Vietnam kommen?

    Ja, was stellen zwei Schweizer und zwölf Marokkaner auf die Beine, wenn sie sich eigentlich nur mit Händen und Füßen verständigen können? Martin Zimmermann und Dimitri de Perrot konzipierten und choreografierten in Tanger zum ersten Mal ein Stück, in dem sie nicht auf der Bühne stehen. Sind sie allein, spielen sie groteskes, virtuoses Körpertheater, so konzeptuell wie unterhaltsam. Jetzt aber führen sie Regie für die Groupe acrobatique de Tanger und freuen sich darüber, wie die zehn Jungen und zwei Mädchen entdecken, dass sie zu komplexeren Darbietungen fähig sind als Pyramiden zu bilden. Nun existieren sie auch als Personen auf der Bühne und entpuppen sich hier und da als talentierte Komiker. Jede Menge Energie bringen sie mit, gestählt im täglichen Überlebenskampf zwischen Akrobatik für Touristen und anderen Jobs. „Chouf Ouchouf“ ist ein Musterbeispiel für interkulturelle Zusammenarbeit. Da lässt sich über drei Akte genau verfolgen, wie die Marokkaner langsam in die Welt der beiden Schweizer eintauchten. Während das Publikum Platz nimmt, scheint sich auf der Bühne eine Fußballmannschaft aufzuwärmen. Dann baut die Truppe eine Menschenwand nach der anderen – und wir fühlen uns wie in einem Spektakel für Touristen. Doch plötzlich schiebt sich die Rückwand nach vorne und aus den Akrobaten werden Menschen im Alltag. In einer Warteschlange kämpfen sie mit Haken und Ösen um den ersten Platz, in der Hoffnung auf ... das begehrte Visum? Wenn sie sich dann vor uns aufbauen und ihre Lieder singen, wirkt das wie eine politische Demonstration. Dann löst die Wand sich auf, verwandelt sich in ein Labyrinth aus kreisenden Holztürmen. Zwischen denen kriechen sie umher, erstarren, werden ausradiert oder zu Gefangenen. Zimmermann und De Perrot sind Geburtshelfer eines Selbstporträts, auf individueller wie kollektiver Ebene. Marktszenen, das Leiden der Schwächsten der Gesellschaft, Machoparodien und das Geschlechterverhältnis, Hoffnungen und Verletztheit einer Generation schillern im Prisma akrobatischer Symbolistik, von Slapstick bis Poesie. In Marokko lösen die Szenen lautstarke Katharsis aus, für Europäer lässt diese Intelligenz der Emotion das wahre Marokko ein Stück näherrücken. Nachdem Zimmermann und De Perrot sich in „Gaff Aff“ als kongeniales Duo profilierten, suchten sie für „Öper Öpis“ und nun „Chouf Ouchouf“ nach immer neuen Begegnungen und Herausforderungen. Da beweisen sie, dass das, was in engster Vertrautheit entsteht, sich zu einer universellen Kunstsprache entwickeln kann, sofern eine Recherche nur tief genug geht (www.zimmermanndeperrot.com).

    Und so erfüllte von den in der vorletzten Ausgabe angekündigten asiatischen Produktionen nur das vietnamesische Lang Toi (Mein Dorf) die hohen Erwartungen. Regisseur Lan Nguyen, der in Chambéry die Zirkusschule Arc-en-cirque leitet, zeigte in Hanoi den dort heimischen Akrobaten, welche Wunder sie mit dicken Bambusrohren zu vollbringen im Stande sind. Aus denen bauen sie immer neue Geräte, wenn sie nicht sogar darauf musizieren. Das Stück gleitet wie aus einem Guss, sodass alle Akrobatik umso schwebender aussieht als die Bambusstangen, von Kameraden gehalten, recht fragile Gerüste bilden. Von Bild zu Bild evozieren sie Aspekte traditioneller Lebensformen und setzen die verschiedenen Techniken ein, die sie beherrschen – von vietnamesischer Tradition über die Perfektion der Schule des sowjetischen Staatszirkus bis zum schauspielerischen, narrativen Ansatz der heutigen europäischen Szene. Da entsteht ein Gefühl von Leichtigkeit und Harmonie, von Natürlichkeit und Gemeinschaft. Nguyen weiß die Stärken der Truppe bestens einzusetzen und überträgt sie in die Kreativität seines Bühnenbilds. Dass der Ansatz, das Dorfleben als Inspiration zu wählen, eher konservativ ist, tut der Magie keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Wenn man nämlich sieht, wie gleichzeitig in Kambodscha die jungen Akrobaten des Kunstzentrums Phare Ponleu Selpak künstlerisch scheitern, als sie in „Puthou“ das Leben der Teenies zwischen Flirts und Disco durch Akrobatik verhandeln, so mag man ihnen raten wollen, besser nicht diffusen Ideen von Modernität hinterherzulaufen. In „Puthou“ greifen Akrobatik und Szenario nicht ineinander und der schauspielerische Part bleibt blass. So sieht das Ergebnis etwas hilflos aus.

    Eine ganz andere Idee von Begegnung zelebriert zurzeit eine der Kompanien der ersten Stunde, Cirque Baroque. Deren neue Kreation wurde, wie auch Puthou, auf dem Festival Furies in Châlons-en-Champagne vorgestellt, der Stadt des Centre national des arts du cirque (CNAC). Christian Taguet hat für „4 Sous d’CirQ“ John Gays Beggars Opera als Vorlage genommen und die drei Akte mitsamt der Truppe drei verschiedenen Regisseuren anvertraut. Das Ergebnis: Man sieht drei Stücke für den Preis einer Eintrittskarte. Das ist, in Zeiten der Wirtschaftskrise, ein feiner Zug, auch wenn es mehr als drei Groschen kostet. Der erste Akt gehört Kazuyoshi Kushida und kommt fast klassisch daher, macht aus Akrobatik und Jonglage ein choreografisches Mimentheater der Spitzenklasse. Stimmungsvoll, intensiv, mal Stummfilm, mal Gruselkabinett. Auf der Hochzeitsfeier werden Keulen zu Champagnerflaschen, in der Artistik wird aus der Matratze gleich das Hochzeitsbett, in das man beschwingt hineinfliegt. Im zweiten Akt begegnen wir der Ästhetik von Mauricio Celedon, dem bekannten Regisseur des chilenischen Teatro del silencio, wo schon immer gerockt und gekämpft wurde. So auch hier, in finsterer Atmosphäre gegen maskierte Geister und Meister. Da werden Einkaufswagen zu fahrenden Gefängnissen. Allein der dritte Akt, inszeniert von Karelle Prugnaud, wusste zur Premiere noch nicht voll zu überzeugen.

    Aber das kann auch Cirque Plume passieren, obwohl deren Regisseur Bernard Kudlak zu den schillerndsten Figuren des Genres gehört. Die Enttäuschung über „L’Atelier du peintre“ ist umso größer als das Projekt, Zirkus mit Rembrand und anderen Meistern zu verbinden, mehr versprach als je zuvor. Deren Werke werden hier plötzlich lebendig, und das träumerisch, clownesk oder bizarr kindlich. Aber das Prozedere mit Figuren wie der des Sammlers, seiner Sekretärin, des Malers etc. ist derart schwerfällig, dass Plume ausgerechnet zum Jubiläum, nach neun Stücken in fünfundzwanzig Jahren, zum ersten Mal die Federn im Farbtopf festzukleben scheinen. Jonglage, Akrobatik, die Acts am Trampolin und am Röhnrad, das fast zum Trapez wird, usw. sind so raffiniert wie immer, aber die Dialoge, die Wortspiele, der Bühnenraum, ja, das ganze Script nehmen dem Vergnügen den Wind aus den Segeln. Ausgerechnet mit ihrem bisher schwächsten Stück wagt die Truppe die bisher längste Präsenz eines nouveau cirque, drei Monate in La Villette in Paris. Aber keine Sorge, das Publikum reißt sich um die Karten (www.cirqueplume.com).

    Das soll nun nicht heißen, dass Cirque Plume wegen des ersten Fehltritts gleich der Vergangenheit angehört; aber die Artisten der Zukunft begegnen sich nun einmal im CNAC. Immer wieder finden sich dort Schüler zusammen, die Kompanien gründen. So auch die sechs Mitglieder der jungen und äußerst selbstironischen Compagnie Galapiat, die in „Risque zéro“ mit der Kindheit und ihren Bubenstreichen flirten. Tischtennis spielen sie, indem sie sich die Bälle von Mund zu Mund zuprusten. Da geht es zu wie in einem Kinderzimmer oder auf einem Dachboden. Das freie Erfinden absurder Spielregeln ist aber nur scheinbar naiv und regressiv. Ob auf der Wippe oder beim Jonglieren mit dem Hackebeil, es geht um schelmisches Verweigern produktivistischer Rationalität, welche das Primat der Ökonomie erst den Kindern aufzwingt und später den Künstlern. Ganz nebenbei erfindet das Kollektiv auch den internen Rhythmus eines Zirkusstücks völlig neu, und das mitten im Zelt. Die Zukunft gehört also der Rasselbande, aber das war ja schon immer so (www.galapiat.fr).

    Redaktion: Thomas Hahn

    AdNr:1007

    2006-12-15 | Nr. 65 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn



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