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    Der Berliner Trend der Saison: Nehmen Se`n Alten!

    Die Jungen haben diesmal kaum eine Chance: Der Berliner Lieblingselefant „Kiri“ starb kürzlich unerwartet mit neun Monaten. Die neue, zweite Spielstätte des Chamäleon-Variétés machte es nur einen Monat länger: Der „Glaskasten“ (siehe Trottoir III/2000) hat dichtgemacht. Vor allem die hohe Miete war nicht mehr tragbar, weil zugesprochene Lottogelder vom Senat letztlich doch ausblieben. Die Schließung des Theaters mit dem Wintergarten-Ambiente ist aus verschiedenen Gründen bedauerlich: Zum einen hätten hier vor allem Nachwuchskünstler aus dem Umfeld des Chamäleons eine besondere Bühne gehabt. Zum andern hat auch der Bezirk Wedding, in dem der Glaskasten beheimatet war, ein kulturelles Angebot dringen nötig: Traditionell steht der Bezirk in Berlin für prollig-muffig-schmutzig. Dabei gehört er durch die Bezirksreform seit dem ersten Januar eigentlich zur hofierten Mitte. Noch längst nicht spruchreif, aber vielleicht ein Hoffnungsschimmer sind Verhandlungen verschiedener Berliner Kulturbetreiber über die weitere Nutzung des Ortes, der - unterstützt vom Senat - für vier Millionen Mark ausgebaut und mit modernster Technik ausgestattet worden war. Möglicherweise wird der Glaskasten irgendwann von mehreren Veranstaltern gemeinsam bespielt. Dann hätte die Kleinkunst doch noch eine Chance im Wedding.

    Sehr viel positiver sieht es da schon für den „Club Existentialiste“ aus. Nach einer jahrelangen Pause hat der große alte Mann des Berliner Wortvariétés, Dr. Seltsam, seinen „Club Existentialiste“ wiederbeleben können. Er residiert nun jeden Sonntag in einem Theaterkeller weit östlich im Thälmann-Park. Das Programm ist bunt und voller Herzblut. Von Eva Other mit ihren stimmgewaltigen - wenn auch wenig originellen - Edith-Piaf-Interpretationen, über einen gutgelaunten Studentenchor, der A Capella-Versionen von Roland Kaiser-Schlagern beisteuerte, bis zum ernsthaft philosophierenden Vorsitzenden der Sartre-Gesellschaft reichte der festgelegte Teil des Premierenprogramms. Danach war noch offene Bühne und der Jubel ebbte nicht mehr ab. Schön und von Dr. Seltsam sehr liebevoll moderiert.

    in erneutes Heimspiel gab Comiczeichner und Comedian Fil alias Phil Tägert im Mehringhof. „Sie nannten ihn Fil & Sharkey“ heißt sein neues Programm. Es entpuppte sich als eine lockere Weiterführung seiner bisherigen Soloabende. Der Berliner erzählt einfach immer ziemlich sprunghaft aus seinem bisherigen Leben, gelegentlich unterstützt von seiner Gitarre oder einer Hai-Handpuppe mit leicht cholerischem Temperament. Fil selber ist eindeutig ein Melancholiker, was man schon an seinen traurigen braunen Kulleraugen sieht, die die Frauen betören. Aber so deprimiert, wie in einem Artikel in der „Berliner Zeitung“ anlässlich der Premiere dargestellt, ist der Lokalheld nun auch wieder nicht. Und falls doch: Für die dort aufgezählten erlittenen Martern (Kindheit im Neubauviertel! Nach Ärztepfusch jahrelang ans Bett gefesselt! Jugendpsychiatrie! Keine richtige Ausbildung!) hat er sich doch ganz schön viel Humor bewahrt.

    Nicht unbedingt humoriger, aber mit Sicherheit attraktiver - und reifer - ist Chansoneur Tim Fischer geworden, seit seine Farah Fawcett-Mähne gefallen ist. Stoppelköpfig gab er sich seinem neuen Programm „Walzerdelirium“ hin und die Fans waren, wie immer, begeistert.

    Auf gemischte Kritiken stieß das neue Gipfeltreffen Berliner Kabarett- und Comedygrößen. „Romanze in Mull“ heißt das Grusical von Frank Golischewski („Drei alte Schachteln“). Es spielt im Krankenhausmillieu - als Personal sind neben dem RTL-Darsteller Thomas Engel die Samenspenderinnen Natascha Petz und Mai Horlemann dabei. Thema des Abends ist die Gesundheitsreform. Das ist nicht topaktuell und auch einige Pointen gehören schon in die geriatrische Abteilung. Aber zumindest kriegen vor diesem Hintergrund Schlager wie „Ich schenke dir mein Herz“ eine neue Bedeutung. Und die Gagen der Überraschungsgäste - etwa die falsche Knef-Schwester Irmgard Knef oder Evelyn Künneke - werden der Berliner Aidshilfe gespendet.

    Noch einer ollen Kamelle wurde neue Ehre zuteil: „...aber bitte mit Sahne!“ heißt eine Revue des Berliner Grips-Theaters zu Ehren des Kabarett-Autors Eckhart Hachfeld. Der 1994 hochbetagt verstorbene Humorist ist nicht nur Vater des Grips-Chefs Volker Ludwig, sondern war einer der produktivsten Kabarett- und Schlagerautoren Deutschlands. Er schrieb über hundert Programme - unter anderem für Heinz Erhardt, Dieter Hildebrandt und die Stachelschweine - und unzählige Chansons für Adamo und Udo Jürgens. Das Publikum zieht in Scharen in die charmante Erinnerungsrevue.

    Noch älter als Hachfeld, nämlich ganze 100 Jahre, ist das deutsche Kabarett am 18. Januar geworden. Das wurde in Berlin mit einer „Langen Nacht des Kabaretts“ gefeiert. Arnulf Rating, Matthias Beltz, Hanns Dieter Hüsch und viele andere traten dabei auf. In der Akademie der Künste eröffnete eine Ausstellung des Deutschen Kabarett-Archivs namens „Die Welt als Cabaret - Wie Kabarett in Deutschland begann“. Warum genau datiert die Geburtsstunde des Deutschen Kabaretts eigentlich am 18. Januar? Na, weil an diesem Tag im Jahre 1901 Ernst von Wolzogen in der Berliner Philharmonie den ersten deutschen Kabarett-Abend des „Bunten Theaters“ („Überbrettl“) veranstaltete. Mit von der Partie bei den Feierlichkeiten war übrigens auch „Blödel-Opa“ Dieter Hallervorden. Der hatte ja vor kurzem wieder einiges gut machen können: Seine ARD-Serie „Zebralla“ (zusammen mit Frank Lüdeke) ist endlich mal wieder richtig spritzig und lustig. Danke Didi!

    Redaktion: Susann Sitzler

    2001-03-15 | Nr. 30 | Weitere Artikel von: Susann Sitzler





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