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    Der Hostienvorkoster und ein vollautomatischer Neuschwansteinautomat

    Winter in München. Dirndl und Zithern werden ausgepackt, in Pfarrheime und Wirthausnebensäle verbracht und die omnipräsente weihnachtlich-bayerische Folklore macht die Landeshauptstadt zu einem wenig lebenswerten Raum. Doch es gibt ein Mittel, das helfen kann, im bajuwarischen Christdschungel zu überleben: Es ist das Kabarett. Und die Zeit rund um die Tage mit den langen Nächten ist traditionell Premierenzeit. Es gibt also viel zu lachen derzeit in München – trotz allem.

    Eine große Überraschung war das Programm von Josef Brustmann, das dieser in der Lach- und Schießgesellschaft vorgestellt hat. Der ehemalige Vorzeige-Sepp der New-Volksmusikcombo Bairisch-Diatonischer Jodelwahnsinn und Mitglied der ähnlich ausgerichteten Monaco-Bagage hat ein Kabarettsolo auf die Beine gestellt. „Leben hinterm Mond“ heißt das Werk, in dem Brustmann natürlich seine musikalischen Qualitäten an Zither, Banjo oder Gitarre auszuspielen weiß, aber auch durch seine Texte überzeugen kann. Da erzählt er vom Leben als Bub, der bis zum vierten Lebensjahr auf allen Vieren durch die winzige Wohnung robbt, weil er an Kinderlähmung erkrankt ist, von der Leidenschaft des Jungen, Fliegen mit dem Mund zu fangen und nicht alle wieder lebendig auszuspucken, von einer Krankheit, die einmal als Kelly-Family-Syndrom in die Medizingeschichte eingehen könnte – kurz von einem schrägen Leben, von lebenslangen Lausbubengeschichten. Das ist nicht immer zum Schenkelklopfen komisch, das ist manchmal richtig traurig, vor allem aber ist es schräg. Brustmann präsentiert sich als bayerisches Original, ohne auf Klischees setzen zu müssen – eine hohe Kunst. Ja, man kann einiges erfahren über das katholische Land im Süden der Republik. Wo sonst gibt es Szenen wie diese: ein Ministrant gibt eine vorgelutschte Hostie zum Zwecke des Auflutschens an einen Freund weiter, dem das Sakrament der Erstkommunion noch nicht zuteil wurde, worauf dieser sich mit einem heiligenscheinseeligen Lächeln und einer Old-Shatterhand-Figur, die er seinem Gönner noch während der Messe zusteckt, bedankt.

    Ebenso verblüfft waren viele Zuschauer von Christian Springers neuem Programm, das er in der Drehleier vorgestellt hat. Es heißt „Fonsi“ – und im Untertitel: „Machts weiter so!“ Der Fonsi ist für viele Bayern ein alter Bekannter. Als Comedy-Figur des bayerischen Rundfunks, und in dieser Funktion oberster humoristischer Oktoberfestberichterstatter des Senders, hat er es in beinahe jedes Wohnzimmer des Freistaats geschafft. Als Kassenbeamter mit Dienstledertasche, blauem Sakko und korrekt sitzender Dienstmütze führt Christian Springer nun durch ein ganzes Abendprogramm. Und bald schon stellt sich heraus, dass in dem bayerischen Vorzeigespießer mehr steckt als der dauergrantelnde Wiesnbeobachter. Als Kassenwart von Neuschwanstein sieht er Menschen aus aller Herren Länder an sich vorbeiziehen, sieht auch, wie sein vollautomatischer Kollege neben ihm angeschlossen wird und ahnt bei allem, was sich so tut, dass der Ausgang ungewiss ist. Kabarettphilosophie, wie sie nur aus Bayern kommen kann.  

    Für die Andreas Giebel-Fans gibt es zwei gute Nachrichten. Viele werden sich gewundert haben, wo es denn so lange abgeblieben ist, das Vollmannsbild der Münchner Kabarettszene. Nein, er war nicht etwa auf einem Selbsterfahrungstrip in einem südindischen Askesecamp und hat jetzt eine Figur wie weiland der Heiland, nein, er hat hart gearbeitet. Die Früchte dieser Arbeit sind derzeit im Bayerischen Fernsehen zu sehen: Giebel spielt den Münchner Alt-Sheriff Xaver Bartl in der neuen Fernsehserie von Franz-Xaver Bogner. Für die Dreharbeiten musste er seine Bühnenpräsenz ein wenig einschränken. Jetzt gibt es ihn im TV zu sehen – die erste gute Nachricht. Und auch auf den Kleinkunstbühnen wird er sich bald wieder vermehrt zeigen – die zweite gute Nachricht.  

    Neues gibt es Anfang nächsten Jahres in der Lach- und Schießgesellschaft vom Altinger Michi – besser vielleicht von Herrn Michael Altinger. Denn der Kabarett-Darling hat angekündigt, nicht mehr ganz so lieb sein zu wollen wie in früheren Programmen. Der Titel seiner neuen Show könnte in dieser Hinsicht kaum eindeutiger sein: „Ich kanns mit alle, aber ab und zu sag ich auch meine Meinung und dann schauns“. Wenn Altinger seine Meinung sagt, weiß man längst, was Holger Paetz und Uli Bauer zu sagen haben. Die beiden ehemaligen Lach-und-Schießer haben sich zum Kabarettduo formiert und im Hinterhoftheater ihr neues Werk „Es muss jetzt eine Zufriedenheit her“ vorgestellt. Ebenfalls noch vor dem Jahreswechsel präsentieren die Les Derhos’n ihr neues Programm. Seit zehn Jahren spielen sich Michi Marchner, Martin Lidl und Michaila Kühnemann nun schon mit geballter musikalischer Wucht durch die Kleinkunstszene. Wer die von ihnen kreierte ganz spezielle Form des Kabarettkonzerts noch nicht gesehen hat – ist selber schuld.  

    Redaktion: Andreas Rüttenauer


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    2004-12-15 | Nr. 45 | Weitere Artikel von: Andreas Rüttenauer





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