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    Die Revolution der Ilka Schönbein

    Ein großer Teil des Programms von Mimos 98 war früheren Preisträgern gewidmet, die erneut die Heimat des Foie gras besuchen durften. Was gibt es Neues von Derevo, Semola, dem Theatre du Mouvement und vor allem von Ilka Schönbein? Gerade im Fall Ilka war die Frage interessant, denn nie zuvor hatte eine Straßenkünstlerin den Preis der Kritik von Mimos gewonnen. Da dieser Preis jedes Jahr an eine einzige Kompanie vergeben wird, ist Strassentheater gegenüber den Indoor-Produktionen von Natur aus benachteiligt. Vor ein paar Jahren triumphierte Ilka mit ihrem Theater Meschugge und dem jiddisch inspirierten "Metamorphorsen", einer Mischung aus Tanz, Puppenspiel, Mime und Animation, die beides bewies: daß Straßenkunst im Wettbewerb mit Bühnen-Noblesse nicht immer chancenlos ist und daß "Metamorphosen" einfach eine Klasse für sich ist, wo Ilka mit ihren selbstgebauten Figuren, zu jiddischen Chansons tanzend, verschmilzt: mit dem Raben, der Ratte, der Schlange, der Spinne, dem Lamm, der Taube... Genau wie das Theater Alfred entwickelte Ilka ihre persönliche Sprache um Angst, Frust, Freude sowie Geburt, Heirat, Alter, Tod, kurz: alle prägenden Stationen im Leben einer Frau, in Schritte und Gesten zu fassen. Innerhalb von einem Jahr wurde sie in Frankreich vom Geheimtip zum Mythos. Und änderte nichts an ihrer Lebensweise, reist immer noch in ihrem umgebauten Feuerwehrvehikel und meidet Hotels und Diners. Was sich änderte war allein, daß die Polizisten, die sich nachts beim illegalen Camping überraschen, sie nicht mehr mitnehmen sondern erkennen und in Ruhe lassen: "Ah, c'est Ilka!". Unvergeßlich ist Ilka im Kostüm der jiddischen Mamma, die als Bettlerin an der Krücke geht und den Zuschauern den Obolus abverlangt. Wann hat man schon die Geldscheine fliegen sehen nach einer Straßenaufführung? Kritik und Publikum liegen ihrer Arte povera zu Füßen, und das zu Recht.

    Ilkas Erfolg unterstreicht wieder einmal die Frage nach dem Status des Straßentheaters in Deutschland, denn eine so sensible, großzügige, und von ihrer Arbeit besessene Künstlerin, die inzwischen in Frankreich auch die Säle füllt, scheut die Auftritte in in ihrere Heimat nicht nur wegen des Klimas, sondern vor allem seit sie dort wiederholt von bierseligen Rabauken während ihrer Aufführung angepöbelt wurde, wo jeder Franzose auch nach vier Flaschen Rotwein ihr noch applaudiert. An "Methamorphosen" zeigt sich die ganze Misere der fehlenden Anerkennung der Straßenkunst in Deutschland. Denn wer kennt hier Ilka Schönbein, die doch in Frankreich eine der beliebtesten Botschafterinnen von "outre-Rhin" ist und in den letzten Jahren so viel Publicity hatte wie Ute Lemper oder Katharina Thalbach. So kommt niemand auf die Idee, daß eine tägliche Aufführung von "Metamorphosen" jedes Holocaust-Denkmal ersetzen würde. Ilka schöpft ihre Puppen aus Strümpfen, einem Regenschirm und alten Stoff-Fetzen und bestätigt einmal mehr die Worte von Etienne Decroux: "Große Kunst gedeiht dort, wo totale Reduktion stattfindet."

    Jahr für Jahr schaute Ilka wieder in Périgueux vorbei und wurde nach einem neuen Stück gefragt. Das ist nun da, eine Indoor-Aufführung des Froschkönigs: "Le Roi grenouille." Ilka bleibt sich treu, indem sie weiter selbst ihre Puppen und Masken baut. Zusammen mit ihrem Partner Alexandre Haslé entwicklt sie eine Szenographie, die Beleuchtung und Miniaturfiguren einsetzt und mit einfachsten Mitteln den ganzen Zauber des Theaters kreiert. Dass nun ihr "Roi grenouillle" kaum eine Chance hat, sich in einen deutschen "Froschkönig" zu verwandeln ist eine  Schizophrenie, die in jener Haltung der Bonner Republik begründet liegt, wonach alles was von der Strasse kommt, zum Pöbel gehört. So treibt man seine Künstler ins Exil.

    Allerdings hat Frankreich in dieser Hinsicht niemandem Lektionen zu erteilen, denn das internationale Symposium zu Decroux findet am 13. November ausgerechnet in Belgien statt, und zwar in Gent, also in Flandern! Dort wird es Filme, Vorträge, live-Demonstrationen und Diskussionen geben, unter anderm mit Claire Heggen und Yves Marc vom Théâtre du mouvement aus Paris.

     

    Redaktion: Thomas Hahn
    1998-12-15 | Nr. 21 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn



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