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    Die Schule für Artistik in Berlin

    Trottoir sprach mit dem künstlerischen Leiter, Gerd Krija

    Gerade hat ein neuer Absolventenjahrgang seine Ausbildung abgeschlossen und wird in den Varietés und Zirkussen zu sehen sein.

    Aus diesem Anlass sprach Trottoir mit Gerd Krija.

    Trottoir: Herr Krija, Sie haben selbst diese Schule besucht, waren Artist, sind dann als Lehrer an die Schule zurückgekommen und leiten sie seit 1974. Wie erinnern Sie sich an die Anfänge?

    Krija: Es war ja eigentlich Tradition in der Artistik, den Nachwuchs in der eigenen Familie auszubilden oder Lehrlinge in eine Truppe aufzunehmen, und es gab auch immer kleine, bescheidene private Ausbildungsstudios.

     Ellen UrbanNur in der damaligen Sowjetunion, in der die Zirkuskunst die gleiche Anerkennung genoss wie andere Künste, entstand schon 1927 eine staatliche Artistenschule.

    Angelehnt an dieses Vorbild wurde in der DDR 1956 eine staatliche Ausbildungsstätte  geschaffen, untergebracht in einem alten Wohnhaus in der Friedrichstraße 112a, in unmittelbarer Nähe des Friedrichstadtpalastes und des Zirkus Barlay.

    Der erste Jahrgang bestand aus zwanzig Schülern. Ich selbst habe 1962 mit dem Studium begonnen und es mit der Darbietung „Inge und Gerd„ beendet.

    Trottoir: Welche Auftrittsmöglichkeiten hatten damals die Absolventen nach Beendigung ihrer Ausbildung?

    Krija: Als die Schule gegründet wurde, war das alles noch nicht endgültig klar, gedacht war wohl an Engagements in den Zirkussen und Varietés.

    1960 jedoch wurde aus den vorher in kommunaler Verantwortung geleiteten Zirkussen Aeros, Barlay und Busch der VEB Zentral-Zirkus (ab 1980 Staatszirkus der DDR) gegründet, und alle Absolventen wurden als Mitarbeiter dieses Unternehmens übernommen.

    1965 erhielt die Schule den Status einer Fachschule, und nach einem in der DDR gültigen Gesetz, das die Lenkung der Absolventen der Fach- und Hochschulen festlegte, waren sie für eine Zeit von drei Jahren an den Zirkus gebunden. Das schloss jedoch nicht aus, dass sie danach auch als freiberufliche Artisten tätig werden konnten.

    Trottoir: Sie kehrten 1965 an die Schule als Lehrer zurück, wurden dann künstlerischer Leiter und waren bis 1990 Direktor der Fachschule für Artistik. Wie war die Ausbildung damals organisiert?

    Krija: Das Aufnahmealter betrug in der Regel 14 Jahre, die Ausbildungsdauer vier Jahre. Neben der allgemeinen schulischen Ausbildung unterrichteten erfahrene Artisten in den praktischen Fächern, d.h., zuerst gab es natürlich eine Grundausbildung, danach eine Spezialisierung für ein bestimmtes Genre.

    Da der Staatszirkus besonderen Wert auf Truppendarbietungen legte, die für ein Zirkus-Programm besonders wichtig sind, wurden bei uns viele Truppen in den unterschiedlichsten Genres zusammengestellt. Die Prüfung endete dann mit einem richtigen, staatlich anerkannten Fachschulabschluss.

    Trottoir:  Und wie gestaltete sich dann die Arbeit Ihrer Schüler im Zirkus?

    Krija: Wer den Zirkus kennt, weiß, dass die Umstellung vom Schulbetrieb auf das harte Zirkusleben nicht einfach ist, und nicht alle haben die erste Zeit überstanden. Aber der überwiegende Teil der Schüler sind zu anerkannten Artisten geworden, und viele Truppen haben internationale Beachtung gefunden, ich erinnere nur an die Reckakrobaten Rectons, die Schleuderbretttruppe Arconas, die Jongleure Majongs, die Kugeläquilibristen Baltos und viele andere, die sowohl im Osten wie im Westen gearbeitet haben und auch auf den Zirkusfestivals von Monte Carlo und Paris Preise errungen haben.

    Trottoir: Die „Wende" hat sicher auch an Ihrer Schule erst einmal Probleme mit sich gebracht?

    Krija: Das waren tatsächlich existenzielle Probleme, da zum einen der Träger unserer Schule, das Ministerium für Kultur der DDR, nicht mehr bestand, und zum anderen unser „Abnehmer", der Staatszirkus der DDR, in seiner bisherigen Form aufgelöst wurde und versuchte, privatwirtschaftlich zu arbeiten und somit die Artisten nicht mehr in einem festen Arbeitsverhältnis beschäftigen konnte.

    Wir waren sehr froh, als der Berliner Senat beschloss, die Schule zu übernehmen und sie mit der vordem ebenfalls als Fachschule bestehenden Ballettschule zur „Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik" zusammenzuführen. Nach einem zweijährigen Modellversuch zur Artistenausbildung wurde dies 1995 bestätigt und wir arbeiten seither nach diesem Modell.

    Das bedeutet, dass die Schüler bei uns ebenfalls mit 14 Jahren eintreten, in der Regel sind es 10 pro Schuljahr, vier Jahre studieren und dabei sowohl den Realschulabschluss als auch den Abschluss einer Berufsfachschule als Artist erwerben.

    Es besteht aber auch die Möglichkeit, erst nach dem Schulabschluss bei uns zu beginnen und in zwei Jahren den Berufsabschluss zu erwerben. Das nutzen besonders Schüler aus dem Ausland, so hatten und haben wir Auszubildende aus der Schweiz, aus Finnland, aus Frankreich und anderen Ländern.

    Trottoir: Im Gespräch ist schon seit längerem, die räumlichen Verhältnisse zu verbessern?

    Krija: Die Schule leidet eigentlich von Beginn an unter komplizierten Raumverhältnissen, beginnend mit der Unterbringung in der Friedrichstraße mit einem ganz kleinen Probesaal, so dass wir weitere Turnhallen nutzen mussten und die Schüler viel Zeit mit dem Weg von einem Ort zum anderen verbracht haben. Jetzt, mit dem Sitz in der Bochumer Straße, ist das etwas besser, aber auch nicht optimal. Nach mehreren Jahren Planung ist nun endlich am Sitz  der Ballettschule eine mit Mitteln der EU und des Berliner Senats finanzierte große Trainingshalle im Bau, die auch für Luftdarbietungen optimale Bedingungen bieten wird, sie wird – lange erwartet – in diesem Herbst eingeweiht werden.

    Trottoir: Herr Krija, Sie sind seit 1990 als künstlerischer Leiter für die Fachrichtung Artistik an dieser neuen Einrichtung tätig, wie haben sich die Genres verändert?

    Krija: Leider können die Zirkusunternehmen kaum noch große Truppendarbietungen bezahlen, da weichen sie lieber auf Darbietungen aus dem Osten aus. So haben wir uns konzentriert auf Solo- oder Duodarbietungen., die auch in Varietés und bei Events Auftrittsmöglichkeiten finden.

    Trottoir: Wie viele Darbietungen haben Ihre Schule in den über 45 Jahren ihres Bestehens absolviert und – wie können sich Interessenten bewerben?

    Krija: Bis zur Abschlussprüfung im Jahre 2002 waren es  403 Darbietungen, ich denke, das ist schon eine sehr beachtliche Zahl.

    Bewerbungen mit den üblichen Unterlagen kann man jederzeit einreichen, ab August unter unserer neuen Anschrift:

    Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik – Fachrichtung Artistik -, Erich-Weinert-Str. 103, 10409 Berlin, Telefon (030) 42 44 028, Fax (030) 42 45 987.

    Trottoir: Herr Krija, ich glaube, die Zahl der Absolventen ist beeindruckend, wir wünschen der Schule weiterhin viel Erfolg und  danken Ihnen für Ihre interessanten Informationen.

    Das Gespräch führte Dietmar Winkler.

    AdNr:1099 





    2002-06-15 | Nr. 35 | Weitere Artikel von: Dietmar Winkler



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