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    Fantastisches Spektakel aus Polen

    « Es war keine Absicht und Manche meinen, das sei unmöglich. Aber ich habe ein Festivalprogramm ohne eine einzige französische Kompanie gemacht,“ sagt Frank Wilson,  Leiter des Stockton Riverside Festivals. Peter Bu gelang dieses Kunststück sogar mitten in Frankreich. Soviel outdoor wie möglich wünschen sich die Stadtväter von Périgueux. Ob sie sich aber freuten, dass der Preis der Kritik an Warner and Consorten ging? Nur der Tod ist absurder als die Darbietungen des Ablegers der ehemaligen Dog Troep aus den Niederlanden. Mit einem Dreiteiler machten sie auf Mimos Station. Ihre Performances tragen keine individuellen Titel, denn das hiesse wohl schon, ihrem Tun und dem Leben Sinn zuzugestehen. Das Gesamtkonzept heisst „Straatstaal“ und enthält die Elemente „Installations“, „Participation“ und Infiltration.“ Modelle für die Aktionen sind das Alltagsleben und öffentliche Zeremonien. In „Installations“zappt derZuschauer zwischen vier Stationen, alle auf demselben Platz installiert. Hier in Paar das in einem Schrankbett wohnt und seinen Kaffee in Tennissocken filtert. Dort ein Neurotiker, der Brot festnagelt. Ein Paar auf einer Wippe oder ein Stammesritual mit Feuer und Musik auf Blechbüchsen. Szenen, die sich ständig wiederholen. Immer wieder ruft ein Schrei oder ein Sirenenton aus einer anderen Ecke des Platzes, dem man folgt oder auch nicht. Jeder Zuschauer gestaltet sein eigenes Programm. Geschickt stiften die Consorten höchste Alarmstufe und Verwirrung. In anderen Darbietungen sieht man die Truppe ebenso bierernst und feierlich in öffentlicher Parade, oder wie sie in einer Art Boot mit Holzhämmern Ananasfrüchte zermatschen. Der Humor solcher Parodien, die den Alltag aus den Angeln heben, ist subtil, aber gnadenlos und attackiert soziale Konventionen an der Wurzel. Das kann durchaus instinktive Ablehnung auslösen. Hier entsteht Konzeptkunst die tatsächlich den öffentlichen Raum neu bewertet. Körperlich und mimisch sind die Akteure grossartig, da man alle ihre Absuritäten für banal halten kann, wenn man  nicht genau hinsieht. Warner and Consorten gewannen den ersten Mimos-Preis für das Strassentheater seit Ilka Schönbein.

    Ganz anders das Teatr Osmego Dnia (Theater des Achten Tags) aus Polen. In „Arche“ rollen sie auf einem lebensgrossen Segelschiff durch ein  Meer aus Zuschauern. Keine gemütliche Kreuzfahrt, sondern Symbol für die Vertriebenen dieser Welt, auf der Flucht vor Bomben und brennenden Häusern. Es beginnt mit einem Dorffest. Spektakulär dann die brennenden Fenster, der Rauch und der Exodus auf der Arche. Ea Obrebowska steht mit ihrer Kompanie für das politische Engagement des polnischen Strassentheaters, das Theater des Achten Tags während des Sozialismus ins Exil zwang.  Italien?

    Aus den USA kamen Bond Street Theater mit Vogelkostümen, Slapstick, Märchenwelt, Musical und anderen Clownereien. Fast eine Braodway-Revue, erfolgreich erprobt u.a. in Bosnien, da die Kompanie sich gerne dort engagiert, wo die Bevölkerung leidet. Auf Mimos sah aber eher die Kompanie leidend aus und der Aufführung fehlte jede Spritzigkeit.

    Der britische Humor ist weit weniger von der Tagesform abhängig. Man ist eben witzig, oder man ist es nicht. Die Whalley Range Allstars setzen auf die Überraschung des Zuschauers, wenn dieser sich in einem Miniatur-Schlafsaal wiederfindet. Das spukt es und Fledermäuse fliegen, so wie man es in der Kindheit oft genug fantasierte. Zehn Minuten dauert der Gruselspass im „Head Quarter“  für je zehn Personen. Dazu kommt die Vorbereitung: Schädelmessen mit der Wasserwaage und ähnliche Feinheiten des Humors von der Insel. Ein Kleinod der langsam abflauenden Welle der Baracken.

    Auch das Mim’off enthielt wieder ein paar Juwelen. Aus der Butoh-Theaterinszenierung von Masaki Iwana (siehe Szene Frankreich) blieb Yukiko Nakamura mit Soloimprovisationen unter dem Titel „Ein Jemand Anderes“. Unglaublich fragil, wie von fernen, da vergangenen und zukünftigen Räumen durchdrungen, trotzt sie im Kimono selbst Wind und Regen. Sie schmiegt sich in einen Wandbrunnen, überquert geisterhaft die Plätze der Stadt, verirrt sich zwischen Koniferen. So entrückt, so verzaubert, und will doch keine Definition von Butoh gelten lassen. Denn sie hat Ballett studiert und war Interpretin in der Kompanie von Blanca Li. Und trotzdem: butohhafter geht es nicht. Hier entsteht outdoor ein Bezug zu den Elementen (und zum Publikum), wie er sich auf der Bühne nie entwickeln kann.

    Eine Tänzerin ist auch an der Compagnie Pirate beteiligt, die, sich im Titel an Marivaux anlehnend, das „Spiel von Liebe und Asfalt“ aufführt. Ein Hochzeitspaar. Er wartet, barfuss, mit Koffer und leicht verrutschter Krawatte. Als Sie endlich eintrifft, im adretten Brautkleid, ist die Kirchentür verschlossen und die Jagd geht los. Sie will nur noch weg, er rennt hinterher. Auf ihrer choreografierten Verfolgung durch die Strassen der Stadt durchlaufen sie alle Krisen, Eifersüchteleien und Koketterien eines Paares bis hin zu Flirts mit Zuschauern. Wer nicht genau hinsieht, könnte sie auch für ein echtes Brautpaar halten. Das ist, wie bei Warner, noch Theater für die Strasse und mit der Strasse als Thema.

    Auch die Tschechen von Bile Divadlo zeigten sich outdoor. Nicht als Skifahrer (siehe Szene Frankreich), sondern mit einer folkloristischen Prozession, die eine traditionelle Legende erzählt. Vom Bauernsohn und dessen toten Hahn, der gen Himmel entfliegen muss, damit der Jüngling zum Mann reifen kann. Die Komödianten tanzen, musizieren und singen traditionelle Volkslieder. Wenn sie über den Markt ziehen, entsteht eine Ahnung von der Gemeinschaft, die wir alle, trotz Begeisterung für modernes Leben, unbewusst entbehren. So viel Natürlichkeit, Poesie und Wärme der Melodien kann sich niemand verschliessen, auch wenn die Schauspieler natürlich tschechisch sprechen.

     

    Die Kunst des Kunststücks

    Immer mehr Jongleure entwickeln persönliche Konzepte. Der Belgier D’irque gastierte beim Festival de Théâtre européen in Grenoble, das wie Mimos der Strasse einen Teil des Programms einräumt. D’irque macht aus Jonglage und Akrobatik eine relativ reisserische, aufwändige Show auf einem selbst gebauten Gerät. Dabei parodiert er sich selbst als Model und Supermacho, vollbringt feine Kunststücke und gibt einen sehr dynamischen Entertainer, der zu Jonglage und Akrobatik (beinahe) alle Hüllen fallen lässt. Spass ist garantiert.

    Was dem Einen der String, ist dem Anderen die Abendgarderobe. Der in Italien lebende Ägypter Osama el Masry war auf Coup de Chauffe in Cognac ein Meister des Diabolo. Er beherrscht sein Gerät mit so viel Schwung, dass er zu ägyptischer Musik in mondäner Eleganz die Räder so weit in die Höhe schleudert, dass sie fast im Abendhimmel verschwinden und sie in eleganter Drehung hinter dem Rücken wieder auffängt. Und nicht nur das. Er hat einfach Charme und ist ebenso interaktiv wie der Belgier, hat ebenso viel Charakter.

    Ganz jung im Geschäft : Fausse note et chute de balle, „poetische Jonglage und nostalgisches Akkordeon.“ Dem bleibt hinzuzufügen, dass die Bälle zu Musette-Melodien äusserst musikalisch fliegen und die Technik sehr originell, da autodidaktisch erarbeitet ist. Ein absoluter Geheimtipp. Ebenso wie M’zelle (sprich : Mamsell) die als eine Art Starlet auftritt und ebeno mitreissend Bälle und Keulen fliegen lasst.

     

    Die Kunst der Installation

    Zurück zu den schweren Brocken: ein ganz eigenes, sehr reizvolles Genre sind die Installationen. Unter den Kreationen dieses Jahres war zum Beispiel ein seltsames Musik-Karussell, das sich auf Vivacité in Sotteville und bei Chalon dans la rue drehte. Grosse Holzstäbe an der Aussenseite schlagen Metallplatten an. In der Mitte vier Musiker, die ausserdem ständig die Positionen der Stäbe verändern. Das Karussell der Kompanie A Chahuter ist die wohl grösste Drehorgel der Welt, und auch das grösste Percussion-Instrument. Musikalisch nicht gerade melodiös, da eher experimentell, ähnlich wie der Titel der Performance: Léon Napakatbra.

    Auf einem ruhigen Flussarm oder einem See schwimmen die Plattformen von KMK. Da stehen Kühlschränke und andere Hausgeräte. Fast scheint die Kompanie auf ihren Flossinseln zu wohnen und tatsächlich kann sich der Besucher per Boot zu einem Ausflug auf die Inseln einladen lassen. Für den Spaziergänger am Ufer sehen diese „Bancs de sable“ (Sandbänke) aus tausenden von Plastikflaschen recht müllig aus. Man muss die Kunst-Landschaft in der Landschaft durch die am Ufer installierten Ferngläser betrachten und zugleich an einem Stöpsel ziehen oder auf ein Pedal treten, um aus einer Dusche mit Klang berieselt zu werden. Durch die Geschichten die sich dann über uns ergiessen, erschliesst sich, visuell und textlich, schliesslich auch der Sinn.

    „Das Leben ist Super 8“ behaupten La Tortue magique. Die Zauberschildkröte installiert zwanzig oder mehr Super 8-Projektoren, die skurrile Kurzfilme auf genauso ungewöhnliche „Leinwände“ projizieren, z.B. expressionistisch brodelnde Spaghetti, auf den Boden eines realen Kochtopfes. Es muss eben nicht immer ein Film mit Handlung sein. Wir sind hier im Bereich der Film-Kunst, die sich mit bildender Kunst, Konzeptkunst und Strassenkunst liiert. Am schönsten gelang das in Chalon, wo der Event eine richtige Garden-Party wurde. Ein exzentrischer Blick auf unseren Alltag und mit der feinste Humor, den man je in der Strassenkunst gesehen hat.

    Ganz ähnlich vermischen sich die Genres in den aus Strandkabinen geschaffenen Mini-Galerien der Kompanie Hors de soi. „Les cabines s’amusent“ ist eine Kreation in residence aus dem Atelier 231 in Sotteville. Die Videos und Recherchen zu Materialien, Prismen, Formen und Hologrammen sind moderne Kunst pur. In zufälliger Reihenfolge betritt man die Kabinen, natürlich ohne Badeanzug-Pflicht

    In den nächsten Ausgaben: ein Schwerpunkt Tanz und Interviews mit den Direktoren von Festivals in England, Polen, Slowenien und den Niederlanden.

     

    Redaktion: Thomas Hahn

    2002-12-15 | Nr. 37 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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