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    Festival, überall

    Auf Frankreichs Festivals war das Wort „Streik“ in diesem Sommer ein Unwort. Zu sehr hatten die Künstler im letzten Jahr unter ihrem Kampf gelitten. Nun leckten sie ihre Wunden, obwohl der Kampf um den Erhalt ihrer Arbeitslosenversicherung noch lange nicht gewonnen ist. Ob die erhöhte Dialogbereitschaft, die der neue Kulturminister vor dem Sommer angedeutet hat, mehr als nur ein Spiegeltrick war, ist die große Frage dieses Winters. Bewegt sich nichts, sind Streiks auf den Festivals 2005 aufs Neue zu befürchten.

    Im „In“ des Festival d’Avignon herrschte eitel Sonnenschein. Die neuen Intendanten (Hortense Archambault, Vincent Baudriller) stellten ein Programm auf die Beine, das stach. Die Protestler durften sich ausdebattieren, ohne militant zu werden. Presse, Publikum, Direktion und Künstler: alle wollten den Erfolg. Nur im „Off“ herrschte Katerstimmung. Man sprach von 20 % weniger Besuchern. Erfolgreiche Vorstellungen waren dennoch überbucht. Was gut läuft, sind die Mini-Festivals im „Off“, wenn eine région, in etwa mit einem Bundesland zu vergleichen, ein Theater mietet, um ihre Kompanien zu promoten. Avantgardistisch gab sich die région Champagne-Ardennes. Mit Jean-Baptiste André in „Intérieur nuit“ (Trottoir 41, Circus international), der auch auf Mimos begeisterte, und einer Entdeckung zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Tanz, Mime, Objekttheater und Performance. Julika Meyer, ein Liegestuhl und ein Musiker spielen „Heimat, où habitons-nous? (habitable)“. Eine Heimat gibt es eben nicht, wenn der ständige Konflikt mit der Tücke des Objekts so gar nichts vom Clown von früher hat. Im Gegenteil, „Heimat ...“ ist ein Theater der Zukunft. Nicht im Liegestuhl sondern unter ihm, zwischen ihm, und in psychoanalytischer Symbiose. Als hätte dort nicht eine Choreografin Hand angelegt, sondern ein Designer. Und trotzdem begeistert dieses kongeniale Fremdkörpertheater jede Art von Publikum, denn es berührt sublime Bereiche der Psyche. Wer stochert nicht in dem Wunsch nach Symbiose oder einer seelischen Heimat herum, so hilflos und verwirrt, so lustvoll wie Julika in ihrer ironischen Falle aus Stahl und Stoff? Es lässt sich aber auch häuslich leben, in dem, was uns erdrückt, wie Julika akrobatisch und humorvoll demonstriert. (www.laou.com)

    Stark auch das neue Stück der Kompanie Des Equilibres („Un-Gleichgewichte“). Eine mitreißende Revue aus Hip-Hop, zeitgenössischem Tanz, Theater und Gesang. Die Tänzer kommen aus den größten Kompanien, von Angelin Preljocaj bis Philippe Decouflé, Karine Saporta, Accrorap oder Batsheva. „In the Bocal“ heißt das Break-Musical, bei dem auch eine exzellente Sopranistin mitwirkt. Das Szenario ist einfach: Menschen treffen sich an einer Bushaltestelle. Ihre Körpersprache erzählt von ihren Neurosen und Ängsten, welche die zwölf Darsteller parallel in Tanz, Theater und Musik ausdrücken. Zwischendurch parodieren sie das Fernsehen („...Superstar“). Grandiose Interpreten und eine bewegende Inszenierung (François Berdeaux & Laure Saupique) zeigen, wie sehr Hip-Hop heute in Frankreich eine Kunstsprache ist, die mit allen anderen im Kontakt steht und fruchtbare Verbindungen eingeht (www.desquilibres.com). Das führt ursprüngliche Hip-Hop-Freaks oft auf Irrwege. Wenn zum Beispiel eine Kompanie des Namens Trafic de Styles ein Stück Poesie aus Mime, Jonglage und natürlich auch Tanz abliefert. „Le poids du ciel“ („Das Gewicht des Himmels“) zeigt einen Pierrot, Clowns, Jonglage, Bunraku und visuelles Kunstwerk aus Bällen aller Größen, Farben und optischen Illusionen. Der Choreograf Sébastien Lefrançois zieht die Inspiration seiner getanzten Fabel aus den Romanen Italo Calvinos. Seine verträumte Hauptfigur erinnert an den Kleinen Prinzen und versucht immer wieder, an einer Stange den Himmel zu erklettern, verstrickt sich dabei in den Körpern seiner Kameraden, die schließlich über dem Wunsch, den Himmel zu erklettern, die Auseinandersetzung mit ihrer irdischen Existenz vergessen. In diesen Bildern zwischen Träumen und Wachen, zwischen Kindheit und Choreografie schillert Hip-Hop noch durch die Körper, aber hier nur als Grundlage einer überraschenden Körpersprache, die sich keiner Kategorie mehr zuordnen lässt. (www.traficdestyles.com)

    Hätte man Trafic de Styles in diesem Sommer auf Mimos gesehen, sie wären dort keine Fremdkörper gewesen. Das Festival hat zu einer neuen Form gefunden, die sich eigentlich wenig von jener unter Peter Bu unterscheidet. Etienne Bonduelle hat weniger Scheu vor Choreografen und Tänzern. Zeitgemäße Recherche gibt es weiterhin, und wenn eine russische Kompanie anreist, dann gewinnt sie auch den Preis. Das war schon früher so und hat sich auch in diesem Jahr mit Akhe Group bewahrheitet. Die Truppe aus Sankt Petersburg zelebriert ein schwarzes Bildertheater, das man als absurd oder dadaistisch und genauso gut als tragisch bezeichnen kann. In „The White Room“ und „Mister Carmen“ tauchen sie, jeden Slapstick, jede Tortur ostentativ genießend in schwindelerregende Martyrien und Grotesken. Ihre Performance räumt auf mit jeder Logik unserer Gesellschaftsordnung, und doch beteuern sie, sie seien völlig unpolitisch. (www.akhe.ru)

    Fast schon ein eigenes Genre sind persönliche, sensible Duos, in denen die Interpreten sehr fragil auftreten und häufig alle Hüllen fallen lassen. So die neu entstanden Kompanie Etxea auf Mimos. Deren Name ist neu, nicht aber der von Frédéric Etcheverry, dem Gründer der Straßentheaterkompanie Pesce Crudo und nun Etxea. Frédéric und Gloria Aras Gasent tauchen in verdrängte Dimensionen der Psyche, in Ekstasen und Panik. Kleidung als soziale Tarnung entfällt, da beide nach kurzer Zeit splitternackt laufen, kriechen, sich tragen oder einfach atmen. Das rührt umso mehr, als das Publikum sich frei an den Wänden oder sogar im Raum platziert. Stühle gibt es nicht. Man taucht in ihre Wehrlosigkeit wie in eine Lascaux-Grotte des Menschseins, und in die eigene Seele. Nicht selten verlassen Zuschauer erschüttert oder gar weinend den Raum.

    Distanzierter läuft’s bei F(x). Auch hier eine Art choreografisches Ritual einfachster Handlungen, aber mit einem Minimum an Kleidung und Accessoires. Je reduzierter eine Bewegung, umso mehr enthält sie alle anderen. Mit strikter Geometrie aus Neonröhren, Klebestreifen, Papierrollen und zwei Körpern (Damien Dreux, Fabrice Merlen) geschieht das Wunder: die Kälte der Inszenierung verwandelt sich in Wärme. Denn auch das Duo F(x) bietet sich in aller Verletzlichkeit dar. Sie tanzen wie in Trance, stapeln Kartons, bekleben sich, laufen verbissen … Auch hier eine tief bewegende Recherche in Richtung innere Wahrheit in der Beziehung zu sich selbst, zum Partner und zur Welt. F(x) traten im Rahmen eines Alternativfestivals auf, Nous n’irons pas à Avignon, das im Juli in Vitry-sur-Seine bei Paris der freien Szene einen Freiraum für Recherche in Theater und Performance bietet. (www.gareautheatre.com)

    Frankreichs Festivals sind natürlich internationale Drehscheiben. Eines der bedeutendsten ist die Biennale Internationale de la Danse in Lyon. Ein wenig Kleinkunst ist auch dort im Programm, in diesem Jahr Sonia Baptista, eine portugiesische Tänzerin zwischen Kabarett, Performance und Videokunst. Eine Dadaistin ex machina, vom Zuspruch des Publikums in die Gefilde ihre „Haikus“ getragen. Kurze Sketche auf der Bühne oder im Video, in denen sich eine Art britischer Humor und mediterranes Flair treffen. Als „Luso-Geisha“ im Kimono entkernt sie lächelnd die Konsumgesellschaft, als Nixe auf Rollschuhen trinkt sie mit dem Strohhalm aus der Sardinendose und singt dazu. Wenn sie vom Frauenmörder erzählt, dreht sie den Spieß um und klebt sich Schnurrbärte als Trophäen auf den Körper. Jeder ihrer Haikus erzählt vom Lebensgefühl der Frau in der Gesellschaft von heute.

    Eine besondere Stellung nimmt ein Festival in Bayonne und Biarritz ein, Les Translatines, eine Hochburg spanischer und lateinamerikanischer Theater- und Performancekunst. Die Nähe zu Spanien und die natürliche Verbindung des Baskenlandes mit der baskischen Diaspora in Südamerika machen aus den Nachbarstädten am Atlantik ein Tor zur spanischsprachigen Kulturlandschaft. Bei der Auswahl von Les Translatines (www. theatre-des-chimeres.com) setzt dessen Direktor Jean-Marie Broucaret auf ausdrucksstarke Produktionen, mit voller Körperkraft gespielt. An jeder Ausgabe sind visuelle Theaterkompanien beteiligt, denn selbst so nahe der Grenze spricht nicht jeder im Publikum spanisch. Außerdem kamen Abiturklassen mit Abschluss „Theater“ aus ganz Frankreich zum Festival und verliehen ihm jugendliches Flair. Unter den Stargästen ohne jede Allüren: das Teatro de los Andes aus Bolivien (www.teatrodelosandes.org). Hier stellen sie ihre Stücke vor, und dann folgt in der Regel eine Tournee durch Spanien und Italien. 2004 kamen sie mit ihrer jüngsten Produktion, „En un sol amarillo“, einer szenisch schlichten Tragi-Groteske über Erdbebenopfer und dem damit verbundenen Korruptionsskandal im Bolivien des Jahres 1998. Es gelingt ihnen, die sonst reichlich Tanz und Musik integrieren, den Schrecken des Bebens durch Stille zwischen den Dialogen einzufangen. Ihre Karikaturen von Präsidenten und Politikern bleiben aber so sarkastisch, der Einsatz der Schauspieler so kompromisslos wie gewohnt.

    Gleich zwei Kompanien, die reines Körpertheater spielen, kamen aus Chile. La Troppa, in Europa schon relativ bekannt, mit „Jesus Betz“, einem Bildertheater, das so perfekt läuft, dass man es für Kino halten kann. „Jesus Betz“ erzählt die Abenteuer eines Zwergmenschen, eine Art Odyssee mit außergewöhnlicher, poetischer Tiefe, auf einer Höhe mit den größten Sagen der Menschheit. Weniger bekannt ist La Patogallina. Ihr „1907, el ano de la flor negra“ erzählt einen Arbeiteraufstand in den Salzminen. Die Bildersprache von La Patogallina (www.lapatogallina.cl) ist poetisch, klar und eindringlich, die Geschichte dagegen tragisch: der Streik der Kommune wird von der Armee im Blut ertränkt. Der Legende nach wuchsen auf den damit getränkten Böden schwarze Blumen. Zwischen Robotergang und Stummfilm haben sie eine Körpersprache entwickelt, beeinflusst von Trickfilmen, wie man sie heute auch bei Kompanien aus Venezuela und anderen Ländern Südamerikas findet. Dazu spielt ein Orchester, das hinter den Zuschauerrängen platziert ist. Die Truppe grüßt am Ende mit erhobener Faust. Und nachts entzündet sich das Feuer der Translatines beim Tanz im Festivalzelt.

    Redaktion: Thomas Hahn

     

     

     

    2004-12-15 | Nr. 45 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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