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    Festivals mit Fragezeichen


    Die abgelaufene Saison brachte eines klar zum Vorschein : Immer stärker drängt der Tanz auf die 360°-Bühne, der Straße. Das Bedürfnis der Tänzer, es dem Theater gleichzutun und die geschlossenen Räume zu verlassen, ist unübersehbar. Selbst auf dem Festival von Chatillon, das weiterhin den Anspruch pflegt, das Straßentheater zu neuen ästhetischen Gefilden zu führen, war der Anteil der Tanzaufführungen im Off deutlich höher als im In-Programm. Doch bei der derzeitigen geistigen Flaute der etabalierten Straßentheaterkompanien wird sich Tanz schon in der nächsten Saison im In-Asfalt festkrallen.

    Die etwas kleineren Festivals

    Es gibt jene Mega-Festivals, die den modernen Sklavenmärkten in den USA ähneln, wo Arbeitslose ihre Muskelkraft versteigern. In Aurillac und Chalon sur Saône ist im In-Programm der Bogen der eingeladenen Kompanien international weit gespannt. Dort spielt jede Aufführung für sich und in Konkurrenz zu allen anderen. Die etwas kleineren Festivals, wo die Kompanien noch zweistellig und nicht dreistellig zählen, haben den Vorteil daß der Besucher zwar nicht alle, aber den größten Teil der Aufführungen sehen kann und daß hinter dem Programm denkende Köpfe sichtbar werden. So wird in Cognac und Chatillon versucht, die gegenwärtige Orientierungslosigkeit des Strassentheaters zu überwinden. Wenn sie schon nicht eigene Kreationen auf die Beine stellen, so nehmen die Direktoren von Cognac und Chatillon, RenéMarion/Martine Lézineau und Serge Noyelle/Pedro Garcia doch Einfluß auf die Entwicklung des Genres indem sie Produktionen finanzieren, die wegweisend wirken sollen. Dabei kann man Glück oder Pech haben.

    Shivas kosmische Schnüre

    In Cognac erwies sich als Glücksgriff daß René Marion die Choreografin Myriam Dooge zu einer Zusammenarbeit mit den Objektkünstlern von Lola Muance führte. In Gruppen zog das Publikum durch die Straßen von Cognac, den poetischen Soli der Tänzer folgend. Von indischer Sanftheit inspiriert, zwischen den Arkaden eines ehemaligen Klosters, folgten Shiva-hafte Liebesduos und Soli, eine Sage und zum Abschluß eine Choreografie für acht, begleitet von der Gruppe Shiva Nova mit zeitgenössischer indischer Musik aus London, zu hören auf der selbst verlegten äußerst interessanten CD « Urban  Mantras » (shivanova@aol.com). Lola Muance zogen blaue Schnüre wie kosmische Lichtstrahlen in den Innenhof und besetzten dort und im Park von Cognac einige Grünflächen mit geometrischen Feldern ebenso fremdartig blauer Quader im Kleinformat, aufgereiht wie die Schlachtkreuze von Verdun und ewigen Frieden ausstrahlend. Nicht nur hier ließ sich feststellen, daß Skulptur jeder Art im öffentlichen Raum immer mehr Platz einnimmt, genauso wie der Tanz.

    René Marion hat einfach Instinkt, zusätzlich zu seinem über mehrere Jahre angelegten Konzept. Da brachte er das Festival zurück ins Zentrum der Stadt, nach einer Art Tournee, insbesondere mit einem Halt in einem der « sozial schwachen » Viertel am Stadtrand, und das Publikum kam mit. Denn man glaube nicht, daß es selbstverständlich ist daß Jene die vor den Toren der Stadt wohnen sich der « Kultur » im Stadtzentrum in die Arme werfen, selbst wenn es sich um Straßentheater handelt und die Straße für Alle da ist. Ein Teil des Publikums ist Stammpublikum und zieht von Festival zu Festival, ein weiterer Teil ist lokales Publikum das von Jahr zu Jahr ebenfalls einen kritischen Blick schärft. Immerhin : während nur etwa sieben Prozent der Franzosen in die Theatersäle finden, sehen etwa dreißig Prozent Straßentheater. In Cognac war der Unterschied zu anderen Festivals auf Schritt und Tritt zu sehen. Hier kommt das Publikum tatsächlich aus allen Schichten, mit Kinderwagen und Einkaufstüte. Dafür fehlt die Punkscene, die in Aurillac und Chalon sur Saône präsent ist. Doch auch die professionellen Zuschaür machen sich rar. Hinzu kommt, daß sich einer der Hauptsponsoren, der Cognacproduzent Henessy, zurückgezogen hat, was einige finanzielle und logistische Probleme bereitete. Ein Beispiel das die Grenzen des Privatsponsoring aufzeigt. Ohne Unterstützung von allen Seiten ist Straßentheater nicht möglich und wer als Sponsor nicht in der Lage ist, von der enormen Popularität dieser Kunst zu profitieren, wird auch anderswo sein Glück nicht finden. Unabhängig von der Qualität der Aufführungen ist Freilufttheater voll im Boom. Man glaubt es nicht, wie viele Städte und Städtchen ihr Festival gründen. Mehr noch : Es braucht gar kein Festival, denn es reicht, irgendwo im Herbst eine größere öffentliche Grünanlage zu betreten, und die Wahrscheinlichkeit ist groß daß irgendeine Kompanie auftritt. Dazu kommt daß die Auswahl inzwischen so groß ist daß thematische Festivals möglich sind. So konnte die Stadt Suresnes, im Großraum Paris gelegen, zur Feier der Weinernte (sogar in Paris, auf Montmartre, gibt es einen Weinberg !) ein Festival mit Theater, Zirkus und sogar Hip Hop ausschließlich im Stil der Jahrhundertwende und der Goldenen Jahre anbieten.

    Erotisches Feuer im Velodrom

    Zurück zum Festival in Cognac : Dort war der gigantische Feuergarten der Compagnie Carabosse im städtischen Velodrom installiert, das somit viele der Bewohner Cognacs zum ersten mal entdeckten. Eine Art französischer Garten aus lauter Lichtern, in zwei doppelten Kreisen, dazwischen ein Wasser schaufelndes Drehgestell und eine Bühne für die Musiker. Im Zentrum der beiden Kreise wird heftig rotiert, links entseelte Zwangsarbeiter, rechts  befreite Lebenskünstler auf Motor- und Fahrrädern oder Himmelsschlössern, einen Reigen von Sternschnuppen versprühend. Natürlich nicht gleichzeitig, sondern nacheinander, so daß man von links nach rechts eine Glücksmessage der Revolte herauslesen kann, während man, den Feuerspuren folgend, von Kreis zu Kreis rotiert. Da wird man schnell von Kinderwagen gerammt und in der Hitze des Gelaüfs sind manch Einem die Plastikschuhe weggeschmolzen. « Le Jardin » (Der Garten) heißt diese echauffierende Veranstaltung deren erotische Symbolik rotierender Mechanismen mit Bewässerung und heißem Sound zwischen den Kreiseln wohl weder der Compagnie noch dem Leiter des Festivals bewußt geworden sind. Doch, wie schon gesagt, René Marion bewies Instinkt. So schickte er die Zuschauer direkt von Carabosse (der französische Name der Stiefmutter von Schneewittchen) deren Garten erst nach einer pyrotechnischen Ejakulation die Pforten schloß, direkt zu Joe Bitume, wo der Theaterzauber mit der Geburt des Helden weiterging. Hello Mister Joe ist ein Meisterwerk des Märchenerzählens, in dem jeder Traum an der Realität zerbricht, an Betrug, Armee, Bischof und unerbittlich tickender Uhr, wo aber am Ende unser Held eben doch alle Hindernisse überwindet und das Glück erobert. Die Autoren haben ganz offensichtlich bei Bettelheim nachgelesen, was ein Märchen ausmacht. Und haben hier eines für Kinder und Erwachsene kreiert. Ein Hindernisritt ins Glück, bei dem sich die Kleinen voll mit Joe identifizieren und die Großen aus melancholischer Distanz ihre verlorene Naivität zurückerobern können. Hinzu kommt eine Dimension die bei einem gelesenen Märchen nie erreicht werden kann da sich « Hello Mister Joe » im nächtlichen Himmel über den Köpfen der Zuschauer abspielt.

    Zurück zum Tanz. Während Cognac ein Festival ohne Off-Programm ist, gibt es in Chatillon ein kleines Heftchen das die « Compagnies de passage » ansagt. Ein in Aurillac kreierter Eufemismus der verdeutlicht daß auch das Off reglementiert wird. Im  In bestach mit « Caliente » von Artonik (siehe Trottoir 24, S. 42) die eindeutig beste Compagnie des Festivals mit Tanztheater und die Spanierinnen von Las Malqueridas trieben auf schwärzestem Asfalt ihre leuchtenden arabo-andalusisch geprägten Tänze zwischen Einkaufswagen und kreisenden Hüften oder jahrtausende alten Bewegungen des Getreidemahlens bis zur Erschöpfung. Und das Off brachte gleich eine ganze Serie von Tanzkopanien.

    Lebende Plakatrahmen

    Im Bereich Theater/Performance werden einfach zu viele gute Ideen dadurch sabotiert daß dem Drängen nachgegeben wird, einen Auftritt im Programmheft mit Ort und Zeit anzusagen und den Zuschauer zum Termin-Manager zu verformen. Es gelingt betrüblich selten, eine Performance so in den Kontext der Straßen und Häuser einzugliedern daß sie wirklich zur Geltung kommt. Und gerade wenn sich endlich mal eine Truppe mit den « Stadtmobiliar » auseinandersetzt, ist das besonders schade. Da setzen sich die Akteure der Compagnie Kumulus unter der Losung « tout va bien » (Es geht uns prächtig) den Blicken der Masse aus indem sie in moderne Plakatrahmen klettern und dort die Neurosen des Städters zur Schau stellen : Putzwut, Sangeskrampf, Zwangserotik, Apothekenfimmel und Sinatrafantasien hinter Plexiglas. Schade nur, wenn diese Acts alle auf derselben Kreuzung gruppiert stehen und somit zur Zirkusnummer verkommen. Wo doch gerade auf einem Festival, wo sich sowieso die Massen durch die Straßen wälzen, jeder Akteur für sich das Publikum überraschen könnte, egal an welcher Straßenecke. Hier sind einfach Sensibilität und Autorität der Festivalleiter gefordert. Es kann doch nicht sein, daß da Keine(r) eine Nummer mehr als zwanzig Minuten durchhält. Es war nicht einmal heiß in Chatillon, Ende September.

    Redaktion: Thomas Hahn

    1999-12-15 | Nr. 25 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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