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    Firas Alshater, der Flüchtling der YouTube-Comedy macht


    artbild_200_youEr ist innerhalb von wenigen Monaten zu einem bekannten Comedian geworden: Firas Alshater, Flüchtling aus Syrien hat im Januar 2016 sein erstes YouTube Video veröffentlicht. Bereits im ersten Monat hatte er über 2,5 Million Zuschauer. Innerhalb kürzester Zeit wurde er in Talkshows eingeladen, Zeitungen und Sender berichten über ihn. Auch die internationale Presse von Washington Post, über BBC bis hin zu brasilianischen und japanischen Medien wurde auf ihn aufmerksam. Das liegt sicher auch daran, dass sein Publikum zu 50 % in Deutschland sitzt, die andere Hälfte auf der ganzen Welt verbreitet ist.

    Seine erste Aktion: Er hört von Pegida-Demonstrationen. Um dem Hass gegen Flüchtlinge und Muslims etwas entgegen- zusetzen, stellt er sich mit verbundenen Augen auf den Berliner Alexanderplatz. Ein Schild fordert Passanten auf, ihn zu umarmen. Danach beginnt er zusammen mit Filmemacher Jan Heilig an der YouTube-Serie Zukar zu arbeiten. Hier das erste, sehr erfolgreiche Video „Wer sind diese Deutschen?“-  Deutschland aus der Perspektive eines Flüchtlings:

    Video: Zukar -Wer sind diese Deutschen

    
    

    :VideoClip

    Inzwischen gibt es einen Buchvertrag und Verhandlungen mit Fernsehsendern. Ein erfreu- licher Weg, besonders wenn man die Tiefpunkte in Firas Leben betrachtet: Nachdem er sich als Aktivist für Demokratie in Syrien eigesetzt hatte, wurde er vom Assad-Regime inhaftiert und gefol- tert. Da er sich auch islamkritisch geäußert hatte, wird er wenig später von Islamisten gefangen genommen. Im dem Buch, dass er gerade schreibt, erzählt er unter anderem davon.

    Wir haben Firas Alshater und Jan Heilig, die beiden Köpfe hinter Firas Videoserie Zukar interviewt.


    Kassandra KnebelFiras, wie würdest Du selbst beschreiben, was Du machst?

    Firas: Ich bin YouTuber und Filmemacher. Das Wort Flüchtling habe ich anfangs als negativ wahrgenommen: Flüchtlingskrise, Probleme, Terrorismus, die Vorfälle in Köln. Da hatte „Flüchtling“ immer einen negativen Beigeschmack. Die Medien haben mich als "Flüchtlings-Youtuber" bezeichnet. Inzwischen sehe ich mich schon auch in dieser Rolle. Durch Flüchtlings-Comedy bekommt das Wort endlich auch mal eine positive Bedeutung. (grinst)


    Kassandra Knebel: Wie kamst Du nach Deutschland?

    Jan: Ich habe 2012 den Kinofilm Syria inside gedreht. Unser großartiger Regisseur Tamer AlAwam kam während der Dreharbeiten ums Leben. Das war schrecklich.  

    Firas: Ich habe das mitgekriegt. So habe ich Jan über eine Aktivistin kontaktet und angeboten, die letzten Szenen in Syrien für ihn zu drehen, das Material nach Deutschland zu bringen und es gemeinsam zu schneiden. So bin ich mit einem Schengen- Visum nach Deutschland eingereist. Wir haben dann drei Monate an unserem Kino Projekt gearbeitet. In der Zwischenzeit gab es immer heftigere Todesdrohungen aus allen Lagern in Syrien gegen mich. Ich konnte nicht mehr zurück nach hause. Deshalb habe ich einen Asyl-Antrag gestellt und der ist mir nach sechs Monaten auch bewilligt worden.
     

    Kassandra Knebel: Wie war der Anfang in Deutschland? Wie ist es, in Deutschland anzukommen?

    Firas: Es ist sehr schwer. Es ist sehr einsam. Außer Jan hatte ich keinen Ansprechpartner und Jan hatte durch seine Arbeit wenig Zeit. Ich war zuerst einmal in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Da habe ich das ganze Grauen dort kennen gelernt. Das sind rechtsfreie Räume. Ich war nahe an der Depression. Ich glaube es geht vielen so. Es ist erst einmal ein großer Schock. Man ist sehr allein und hat kaum Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme. Die deutsche Sprache konnte ich erst lernen, als ich das Flüchtlingsheim verlassen habe.
     

    Kassandra Knebel: Wie war Dein Weg von der Ankunft bis hierher?

    Firas: Das war ein wahnsinnig langer Weg. In meinem Buch werde ich das ausführlich
    beschreiben. Ich habe die ganze Zeit Medien- und Kunstprojekte gemacht und mich mit Hochdruck darum bemüht, die deutsche Sprache zu lernen. 


    Kassandra Knebel
    :
    Was hast Du zuvor in Syrien gemacht?

    Firas: Ich habe in Syrien Schauspiel studiert. Während der Revolution 2011 habe ich Demos mitangeleitet und mir eine Kamera besorgt. Ich wollte dem StaatsFernsehen etwas
    entgegensetzen, denn die offiziellen Medien haben sämtliche Freiheits-Aktivisten zu Terroristen erklärt. So kam ich zur Filmerei. Und leider auch in Foltergefängnisse. Ich konnte später in die Türkei fliehen. Dort habe ich mich weiter als Aktivist betätigt und dazu einige kleinere Clips zur Situation in Syrien gemacht und für TV Anstalten gearbeitet.
     

    Kassandra Knebel: Wie ist die Idee entstanden, hier zu YouTuben?

    Jan: Das war wirklich Zufall. Ich hatte ein Projekt namens Zukar gestartet. Es ging darum, Flüchtlinge selbst erzählen zu lassen, ohne das sie gefragt werden. Ihnen eine Stimme zu geben. Firas hat angeboten seine Umarm- Aktion auf dem Alexanderplatz vorzustellen. So habe ich das Skript geschrieben und Firas stand vor der Kamera. Nach 2 Tagen hatten wir schon 100.000 Zuschauer und es wurden immer mehr. Und dann kamen die Medien.

    FirasEs war eigentlich nur ein Experiment. Ein Test, ob wir unsere Serie überhaupt machen wollen oder nicht. Als 60 % der Kommentare zum Inhalt hatten: "Wann kommt das nächste Video?" - Da wusste ich: Jetzt geht's los!
     

    Kassandra Knebel: Richten sich Deine Videos auch an Flüchtlinge?

    Firas: Nein, ursprünglich nicht. Die Videos richten sich eigentlich an Deutsche. Aber viele Flüchtlinge gucken Sie. - Zum Deutsch lernen.

    Jan: Sie sitzen zusammen und sprechen nach, was Firas sagt. Das ist schon wieder eine Story für sich. (lacht)
     

    Kassandra Knebel: Wie gestaltet sich Eure Partnerschaft?

    Jan: Firas hat mir sehr geholfen. Wir sind nicht nur Partner - wir sind vor allem gute Freunde! Wir haben zwei Verträge miteinander geschlossen. Das eine ist ein klassischer Managementvertrag. Damit ich seine Karriere fördern kann. Das sehe ich als meine Aufgabe an. Und für die Serie Zukar haben wir einen Coproduktions-Vertrag: die Serie gehört uns beiden; wir produzieren sie gemeinsam. Wir setzen uns regelmäßig zusammen und besprechen, wie es weitergeht. Dazu gehört zum Beispiel der Buch-Vertrag, der ein Fundament sein wird für ihn als Figur in Deutschland; dazu gehört, ob er eine Karriere in Deutschland oder in Europa starten will– also auf Deutsch oder in Englisch.

    Firas: Ich habe mich für Deutschland entschieden. Das ist jetzt meine Heimat. Und ich will Deutschland etwas zurückgeben.
     

    Kassandra Knebel: Jan, Du machst Filme für NGOs - was darf man sich darunter vorstellen?

    Jan: Ich mache Filme für die großen Non-Profit-Organisationen in Deutschland. Ich bin auf dem Gebiet mittlerweile sehr bekannt. Ich betreue die NGOs bei ihrem Filmmarketing und unterstütze bei der Strategie. Ich mache auch TV-Produktionen, habe einen Kinofilm auf die Beine gestellt. Es wächst gerade sehr. Ich habe eine Firma gegründet, Okayfactor, die sich um interkulturelle Kommunikation kümmert. Zum Beispiel analysieren wir Webseiten, ob sie für Araber verständlich sind. Also nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell und inhaltlich. Wenn es um kulturübergreifende Dinge geht, dann sind wir gefragt. Insofern hat sich mein Arbeitsbereich sehr erweitert.
     

    Kassandra Knebel: Firas, wie fühlt sich für Dich der Rechtsruck in Deutschland an? Wie gehst Du damit um?

    Firas: Ich sehe da keinen Rechtsruck. Ich kriege das zwar in den Medien mit. Aber in meinem Alltag kommt das so nicht vor. Es gibt viele Leute, die sich engagieren und davon begegne ich vielen. Das ist das, was ich erlebe. Einen Rechtsruck kriege ich nicht mit. Was ich mitkriege ist, dass die deutsche Gesellschaft sich polarisiert in Flüchtlingsbefürworter und Flüchtlingsgegner. Mein Problem hier sind eher die Assad-Anhänger in Deutschland.
      

    artbild_450_team_thank_youKassandra Knebel: Hast du Erfahrungen mit Rassismus machen müssen?
    Wie hat sich das geäußert? Wie bist du damit umge- gangen?

    Firas: Nicht so viel. Ich bin mal von einem Besoffenen ange- schrien worden. Und ich wurde am Flug- hafen als Araber besonders gründlich nach Bomben

    abgesucht. Das ist dann schon ein bißchen komisch.

    Jan: Man nimmt dich auch nicht unbedingt als Araber wahr, weil du so hip aussiehst. ( beide lachen)
     

    Kassandra Knebel: Wie entwickelt Ihr Eure Videos? Wie geht Ihr vor?

    Jan: Wir entwickeln die Ideen zusammen. Ich schreibe dann das Skript und wir besprechen und verbessern es zusammen. 20-30 % der Ideen entstehen erst beim Drehen. Thematisch beziehen wir uns meist auf aktuelle Anfragen der Fans.
     

    Kassandra Knebel: Was sind Deine Pläne, Firas?

    Firas: Eigentlich wollte ich an der HFF in Potsdam Filmschnitt studieren. Mein Kindheits- und Lebenstraum ist es aber, Schauspieler zu sein. Das bin ich ja jetzt irgendwie schon. Und es laufen sogar Verhandlungen mit Fernsehsendern. Insofern denke ich, dass ich diesen Weg weiter einschlagen werde.
     

    Kassandra Knebel: Bleibst Du beim Medium YouTube/ Film oder wird man Dich auch auf der Bühne sehen können?

    Firas: Ich will tatsächlich auf die Bühne! Jetzt schreibe ich erst mal mein Buch und nehme weiter Schauspiel-Unterricht. Noch bin ich nicht so weit, Stand Up Comedy zu machen, aber ich arbeite schon daran. Gerade gibt es soviel Anfragen aus dem Bereich TV und Film, denen werde ich zuerst nachgehen. Bühne ist mein Plan für die Zukunft. (lächelt)
     

    Kassandra Knebel: Und Du Jan - was sind Deine Pläne?

    Jan: Schwierig zu sagen - es öffnen sich gerade soviel Türen. Das lässt sich nicht festlegen. Langfristig werde ich Firas produzieren. Und natürlich weiterhin TV und Comedy produzieren. Und nächstes Jahr möchte ich meinen nächsten Kinofilm in Angriff nehmen.
     

    Kassandra Knebel: Wo siehst du den Unterschied zwischen deutschem und arabischem/ syrischem Humor?

    FirasManche Araber verstehen den Humor an manchen Stellen nicht. Das liegt daran, dass sie die Sache nicht kennen, auf die sich der Humor bezieht. Es gibt Araber, die kennen Michael Jackson und Mickymaus nicht. Aber man darf sich nicht täuschen. In Syrien ist zum Beispiel Rotkäppchen eine total bekannte Kindergeschichte. Die Bezüge fehlen also manchmal. Ansonsten ist der arabische, der syrische Humor sehr schwarz. Ich habe das bis jetzt nicht wirklich analysiert. Ich merke nur, dass mein Humor in Deutschland ganz gut ankommt. Insofern scheint es mehr Gemeinsames zu geben als Trennendes.
     

    Kassandra Knebel: Was motiviert Euch? Was seht Ihr als Eure Aufgabe?

    Firas: Ich bin kreativer Medien-Producer und möchte zwar gerne auch von meinen eigenen Erfahrungen reden - aber nicht ausschliesslich. Gerade arbeite ich daran, meine Aufgabe zu definieren. Ich merke, dass ich von Deutschland aus der syrischen Revolution und dem Aktivismus dort nicht wirklich helfen kann. Aber ich kann den Flüchtlingen hier helfen. Im Moment gehen ganz viele Anfragen ein - zum Beispiel zu Podiumsdiskussionen - bei denen ich als Experte für Flüchtlingsfragen sprechen soll. Das lehne ich ab. So sehe ich mich überhaupt nicht. Ich sehe mich als Kreativer, als Comedian, Kabarettist, Unterhaltungskünstler. Damit transportiere ich meine Botschaft.

    Jan: Wir entwickeln die Themen und Botschaften zusammen. Das sind manchmal recht unterschiedliche Perspektiven: Firas ist ein junger Mensch mit vielen Fragen, ich bin ein älterer Mensch mit viel Erfahrung. Im Gespräch entwickeln wir dann die Botschaft, die wir senden wollen. Ich würde es so zusammenfassen: Firas ist wie eine ausgestreckte Hand. Und gleichzeitig bittet er die Menschen in Deutschland, sich nicht so polarisieren zu lassen. 

    Firas: Eine Botschaft ist auch: Gebt allen etwas Zeit, sich an das Neue zu gewöhnen. Die Flüchtlinge, die Flüchtlingshelfer und auch die Flüchtlingsgegner. Wir brauchen Zeit miteinander. Wie bei der Geschichte mit dem kleinen Prinzen und dem Fuchs. „Du musst oft wieder kommen, bis wir uns vertraut werden.“ Das dauert.

    Jan: Mich motiviert - das was ich mache. (lacht) - Mich motiviert, wenn das, was man macht, relevant ist. Wenn man anderen weiterhilft oder sie berührt.
     

    Kassandra Knebel: Was ist Euch wichtig zu sagen? Gibt es eine Botschaft an die Leser?

    Jan: Ich denke Humor ist die höchste Form der menschlichen Kunst. Naja - vielleicht gleich nach der Musik. Man muss viel nachdenken und kreativ sein. Mit Humor kann man die Herzen der Menschen erreichen. Also - produziert und praktiziert Humor! Wir haben von Flüchtlingsgegnern Positives gehört, wie zum Beispiel: „ Ich bin zwar eigentlich gegen Flüchtlinge, aber das hat mir doch gefallen. Wenn alle Flüchtlinge so sind, dann hab ich nichts dagegen." Solche und ähnliche Sätze haben wir gehört. Und zwar oft. Und das ging nur durch Humor. Humor ist manchmal wichtiger als Argumente.

    Firas: Wir wollen das beste geben und die Leute glücklich machen. Solange unser Publikum uns mag, machen wir weiter und weiter und weiter.


    Infos im Web:
    Zukar.org

    Zukar, der YouTube- Kanal

    Inside Syria, Jan und Firas Film zum Zustand in Syrien.

    Redaktion: Kassandra Knebel ANZ_clown_schule_tamm_1_8

    116|739 TG: Clownschule Uli Tamm . Klinik-Clown . Clownschule

     


     

    2016-04-08 | Nr. 90 | Weitere Artikel von: Kassandra Knebel



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