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    Giftzahn der Zeit

    „Raus mit dem Tafelsilber und ran ans Eingemachte“, unter diesem Motto teilt Wilfried Schmickler aus Köln seine Spitzen über den großen Ausverkauf des deutschen Sozialstaats aus. Zum Dritten! (WortArt 4549 / ISBN-13: 3-86604-539-5; 14 Tracks, 78:37 Min., live) kommt alles unter den Hammer, was dem Staat Geld bringt. Das zeigt natürlich Folgen! Jetzt wurde sogar eine Unterschicht gefunden und die Nieten, Penner und Doofköppe des Landes ziehen in die Parlamente ein. Schmickler spottet, lästert, klagt an, schimpft und singt. Er setzt dem neuen Stolz auf Deutschland seinen kritischen Blick auf das Land entgegen.

    An der Potsdamerin Barbara Kuster nagt der Giftzahn der Zeit (WortArt 4271 / ISBN-13: 978-3-86604-271-1; 25 Tracks, 78:18 Min., Liedertexte, live). Ihr Mann Jens-Reiner, genannt JR, macht als SPD-Unterbezirksvorsitzender in Potsdam Realsatire und sie macht Kabarett und singt. Von Brecht/Weill bis Rammstein, von Lindenberg bis Carmen reicht ihre stimmgewaltige, parodierende Bandbreite. Dazwischen kalauert sie übers Private, der arme JR muss dafür oft herhalten, oder sie schwadroniert satirisch über den Verfall der Zeiten und Sitten. Gesamtdeutsches Musikkabarett ostdeutscher Herkunft.

    Ich Kanns Mit Alle (Russki Record MA 5; 20 Tracks, 51:42 Min., live) behaupten Michael Altinger und Band in Bad Tölz und die Leut mögens. Mit der musikalischen Begleitung von Martin Julius Faber als Band und einigem Klamauk erfreut er sein Publikum. „Alle“ ist ein Bekannter aus Strunzenöd, der mit Diavorträgen die Leute bescheißt. Über Profilneurotiker, Angeber und Hansi Hinterseer, über Betrüger und Selbstbetrüger wird nach Herzenslust in Wort und Song rumgelästert. Und die Botschaft? An alle: Selber denken macht fett! Recht hat er.

    Dirk Pursche und Stefan Klucke, seit über 11 Jahren als Schwarze Grütze beieinander, haben Das schwarze Album (Rillenschlange Musikverlag / Roughtrade; 21 Tracks, 60:38 Min., live) herausgebracht, auf dem musikalkabarettistisch gewortspielt, persifliert und schwarzhumorig gekalauert wird. Ob der Medienrummel um den Selbstmörder auf dem Hochhaus, der Nachruf auf den doofen Karnevalskumpel oder das durch die Decke tropfende Blut des toten Nachbarn: das Potsdamer Duo bringt satirischen Blödsinn auf hohem Niveau.

    Du kannst das alles haben (www.Kook-label.de; 13 Tracks, 55:31 Min., Texte) versprechen Bruno Fanceschini & Band auf ihrem Debütalbum und präsentieren SalonPop auf Italienisch und Deutsch, der zum Zuhören einlädt. Die lakonischen Texte der Wahlberliner(in) Monika Rink (Zweibrücken) und Bruno Fanceschini (Rom) haben eine lässige Absurdität, und die Musik nimmt Elemente des Jazz, von Chansons, der Hamburger Schule und lateinamerikanische Rhythmen auf. Eine eigenwillige und interessante Kombination von spannender Lyrik und mitnehmender Musik.

    Immer noch immer (Pläne 88941; 15 Tracks, 51:10 Min., Texte) erfreut Barbara Thalheim ihr Publikum. Die (Ost-)Berliner Liedermacherin ist für ihre klugen und kritischen Texte bekannt, die sie mit einer warmen, dunklen Stimme vorträgt. Seit sie sich mit dem Franzosen Jean Pacelet zusammengetan hat, ist sie musikalisch noch vielfältiger und interessanter geworden. Sie nähert sich dem französischen Chanson und folgerichtig singt sie ihr letztes Lied auf der CD „In eigener Sache“, sowohl in Deutsch als auch in Französisch. Es ist vielleicht ihre schönste Produktion überhaupt, auf der sie über Sozis und Frauen, Heimatliches und Fernes, Kindheitserinnerungen und Arbeitslosigkeit singt. Nachdenklich, vielfältig, schön.

    Roger Matura ist ein Ausnahmekünstler unter den Songwritern in Deutschland. Er hat sowohl in den USA als auch in Deutschland Erfolge erzielt mit erdigen Country- und Rockballaden, mit sozialkritischen, atmosphärisch dichten Songs, die Verstand und Sinne gleichermaßen ansprechen. Zudem sind seine Alben stets sorgfältig und liebevoll gestaltet. So auch seine neueste Produktion mit Titeln aus der Zeit von 1979 bis 2005, The Return of the CaveMan / auf wiedersehen zukunft (Ozilla Music SW 503; 3 CDs, 19 Tracks, 68:18 Min.; 20 Tracks, 76:54 Min.; 17 Tracks, 29:04 Min., Texte), auf der er eine Scheibe mit deutschen Songs, die zweite mit englischen und die dritte mit Cover-Versionen füllt. Der gebürtige Gelsenkirchener, der im Hauptberuf Sozialarbeiter ist, versteht es außerordentlich gut, die Situation der Verlorenen, der Menschen in Städten, in proletarischen Milieus und in den neu entdeckten Unterschichten zu schildern. Seine heisere, rauchige Stimme, seine musikalische Virtuosität und die authentischen Texte gehören zum Besten dieses Genres in Deutschland.

    Giora Feidman, Klaus Hoffmann, Reinhard Mey, Hannes Wader, Konstantin Wecker und andere mehr auf einer Veranstaltung und auf einer CD zu hören, ist nicht leicht erreicht, aber auf Kloster Banz ist es 2006 gelungen. Das Jubiläumskonzert Songs an einem Sommerabend (Pläne 88935; 17 Tracks, 63:36 Min., Infos), das Bodo Wartke charmant moderierte (der auch sang), vereinte diese hochkarätige Sängerschar. Seit 1987 gibt es diese Veranstaltung auf dem fränkischen Berg am Obermain und sie erfreut sich seitdem trotz oft widriger Witterung großer Beliebtheit. Eine bunte Mischung war’s im Juli 2006, mit Liedern auf Schwedisch (Riltons Vänner), auf Französisch (Mey, Wartke) und vielen deutschen Titeln, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurden.

    Bleiben wir in Bayern. Der schärfste Gang (Blankomusik / BMG Sony 82876878602; 12 Tracks, 41:26 Min., Texte) des Herrn Dr. Georg Ringsgwandl ist seine neueste CD vielleicht nicht gerade, dafür ist sie nicht trulla-trulla genug, aber gut und scharf ist sie allemal. Schrullige Typen, Zeitgeistjäger und Aussteiger bevölkern seine Lieder, Feng-Shui-Fans, die sensationelle Politesse Vroni und die Wahnsinnstypen am Bass. Doch „die Welt ist kompliziert“, besonders für „Konsumverweigerer“, oder wenn man ein „simpler Typ“ ist, der „die Mörderfrau“ oder die „ganz normale Frau“ sucht. Der schräge Ringsgwandl’sche Kosmos in 12 neuen Liedern vereint sie alle.

    Für den Metzger und Sozialpädagogen Wilhelm Raabe alias Tigerwilli aus Steinebach am Wörthsee ist es Papageil (Blankomusik / BMG Sony 88697024302; 13 Tracks, 65:48 Min., Infos). Niemand kann sexuelle Lüste und Nöte, aber auch Einsamkeit und Verlorensein in so wunderbaren Liedern ausdrücken wie er. Natürlich kommt ihm da sein bayerischer Dialekt zugute, der sowohl glättet als auch schärft. Zusammen mit seinem langjährigen Begleiter Günther „Bonzo“ Keil an der Gitarre bringt er einen Blues in den CD-Player, dass einem warm ums Herz wird (Bonzo ist leider im November 2006 verstorben, einen letzten Gruß an diesen virtuosen Musiker von dieser Stelle!). Mit viel Ernsthaftigkeit, Humor und Ironie, leise und ohne ordinär zu werden kann er nackte Mädchenärsche, die Bäuerin als Domina und Orgien auf dem Marienplatz ebenso besingen wie Mord und Totschlag auf dem Gartenfest oder wie Gisela sich aus armen Verhältnisse reich heiratet und mordet. Tigerwilli spricht und singt über das pralle Leben, mit scharfem Blick, aber voller Anteilnahme und raffinierter Schlichtheit.

    Vom Münchener Umland nach Wien: Dort haben sich Klemens Lendl (Viola) und David Müller (Gitarre) unter dem Namen Die Strottern (wienerisch für Menschen, die früher die Abwasserkanäle nach Verwertbarem durchsuchten) dem Wiener Lied verschrieben. Aber nicht Wien und Wein, sondern die Liebe steht bei ihren leisen Liedern im Mittelpunkt. Im ¾-Takt wird’s etwas sehnsüchtig, aber auch direkt, etwas abgeklärt und humorvoll. Auch wenn der Dialekt gelegentlich für hochdeutsche Ohren schwer verständlich ist, spürt man doch die Melancholie und die Sensibilität ihrer Texte. Mea ois gean (Preise Records PR 90556; 11 Tracks, 51:45 Min., Texte), eine CD voller Sinnlichkeit und Besinnlichkeit.

    Mit dem Dialekt ist es bei Stiller Has noch schwieriger. Der Frontmann Endo Anaconda hat sowohl österreichische als auch schweizerische Wurzeln, aber seine Präsenz vermittelt sich trotz aller Sprachdifferenzen. In der Geisterbahn (SoundService 250306-2; 11 Tracks, 59:24 Min., Texte) fährt der Tod mit. In neuer Bandbesetzung gibt es morbide und mythische Gesänge in kraftvollen Bildern zu feinster Rock- und Bluesmusik, eine eigentlich widersprüchliche, aber deshalb typische Hasenmischung. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen bei dem Piraten, dem Cowboy und dem alten Mann, die sich durchschlagen müssen in dieser Welt und um ihre Würde ringen. Die Gesichter der Mitfahrer in der Straßenbahn sind plötzlich nur noch Masken und die Tram mutiert zur Geisterbahn. Nur der Ruchti, der in mehreren Liedern auftaucht, scheint noch so etwas wie bürgerliche Konstanz in die rabiate und entfremdete Wirklichkeit zu bringen. Mit den Texten von Anaconda und der Musik vom Gitarristen Schifer Schafer geht die Erfolgsgeschichte von Stiller Has in die nächste Runde.

     

    Mit den Wölfen geheult

    Preisfrage: Was haben Ernst von Wolzogen, der Gründer des ersten Kabaretts in Deutschland 1901, und Weiß Ferdl mit Ida Wüst und Trude Hesterberg gemeinsam, und was trennt sie? Die beiden Herren haben sich schon Anfang der Zwanziger den Nazis angedient, die beiden Damen dagegen erst nach der Machtergreifung. Das dunkle Kapitel des Opportunismus und der Kollaboration von Kabarettisten und anderen Künstler mit den Nazis beleuchtet Volker Kühn in seiner Hörcollage Mit den Wölfen geheult (duo-phon 07113; 2 CDs, 16 Tracks, 76:13 Min. + 13 Tracks, 77:50 Min., umfangreiche Infos). Er zeichnet ein umfangreiches Bild von Künstlern, die verfolgt wurden, die in die Emigration mussten, die im Land widerstanden haben und von den vielen, die sich angepasst haben. Eine sehr informative und nachdenklich machende Dokumentation, die auf manch bekannten Namen Schatten wirft. Eine Produktion, die jedem nur empfohlen werden kann.

    Willy Rosen war beispielsweise einer jener Künstler, die ihrer jüdischen Herkunft wegen in Westerbork in den Niederlanden interniert waren und später in Auschwitz umgebracht wurden. Er hat noch in Westerbork für das dortige Lager-Kabarett unter Leitung Max Ehrlichs Lieder verfasst. Diese sind wiedergegeben in einer umfangreichen Dokumentation über Lagerlieder von 1933 bis 1945 unter dem Titel O Bittre Zeit (Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager ISBN 978-3-926277-14-5; 3 CDs, 81 Tracks, ca. 3:45 Std., 2 Booklets mit Texten und Infos). Zeitzeugen singen und reden. Die CDs sind nach den Schwerpunkten Liedzeugen, Liedtexte und Liedvariationen gegliedert, die Booklets geben eine grundlegende Einführung und die Liedertexte wieder. 64 verschiedene Lieder in 81 Aufnahmen werden vorgestellt, ihre Entstehungsgeschichten und Varianten erläutert. Lagerlieder sind heute fast gänzlich unbekannt, nur eine Handvoll, allen voran das Moorsoldatenlied aus den Emslandlagern, haben es zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Hier setzt die Dokumentation an, indem sie diese Lieder vorstellt, von Zeitzeugen oder späteren Interpreten gesungen und mit weiterführenden Informationen versehen. Eine informative und verdienstvolle Forschungsarbeit, die Beachtung bei Publikum und Künstlern verdient.

    Theodor Kramer, der österreichische Dichter, musste 1939 vor den Nazis nach England fliehen. Über 12.000 Gedichte hatte er verfasst, inzwischen ist er indes fast vergessen. Doch immer wieder faszinieren seine Texte heutige Künstler, so auch Harald Hahn und David Fuhr, die unter dem Titel Lob der Verzweiflung (ibidem-Verlag ISBN 3-89821-659-4; Buch und CD, 66 S. + 16 Tracks, 55:02 Min.) ein Programm mit Vertonungen seiner Gedichte erarbeitet haben. Mit sparsamen Mitteln tragen sie die Texte vor, ganz auf die Worte konzentriert. Das Buch enthält noch ein Gedicht zum Tod eines alten Freundes und Dichterkollegen Kramers, der zu den Nazis übergelaufen ist. Warum im Programm auf dieses Gedicht verzichtet wird, diskutiert ein Artikel. Ein würdiger Beitrag zum 110. Geburtstag des Dichters im Januar 2007.

    Wussten Sie, dass Clara Wortmann eine Zeitlang bei den Eltern von Franz Theodor Schmitz in Hannover gelebt hat? Von wem hier die Rede ist? Von Claire Waldoff natürlich, der waschechten Berlinerin aus Gelsenkirchen, deren 50. Todestag sich im Januar jährte, und von Theo Lingen. Die Gelsenkirchener Chansonsängerin Maegie Koreen trifft Claire Waldoff (CWB 3099 / www.chanson-cafe.de; 16 Tracks, 72:24 Min.) immer wieder und pflegt ihr Erbe mit großem Engagement. Ihre Hörcollage über die berühmte Kollegin stellt Zitate und Erinnerungen von Zeitzeugen zusammen mit Chansons vor, die von beiden Gelsenkirchener Damen gesungen werden. Maegie Koreen hat bei der berühmten Hana Hegerova ihre Ausbildung erhalten, ihr Gesangstil unterscheidet sich demnach sehr vom frechen, rotzig-ernsten Stil der Waldoff. Wir hören Lieder und bekommen Informationen über eine einzigartige und mutige Künstlerin, der es nach der Nazizeit nicht gelang, an alte Erfolge anzuknüpfen, und die bis zu ihrem Tode in ihrem Rückzugsort Bayrisch-Gmain lebte.

    Auch die Geschichten aus der Nachkriegszeit (Der Hörverlag ISBN -13: 978-3-89940-915-4; 12 Tracks, 58:48 Min.) von Karl Valentin mit seiner Partnerin Liesl Karlstadt hatten nicht mehr den Erfolg, den sie vor 1933 hatten. Der Hunger und das Elend beherrschen ihre Dialoge, und mit stets verquerer Logik wird der Wirklichkeit auf den Grund gegangen. Ein Geschichtsunterricht über die Nachkriegsjahre der anderen Art.

     

    2007-03-15 | Nr. 54 |



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