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    Herzlichen Glückwunsch, Dietrich Kittner!


    Gleich zwei Jubiläen gibt es für eines der Urgesteine des deutschen Kabaretts zu feiern: Ende Mai wird Dietrich Kittner 75 Jahre alt, und vor 50 Jahre startete der Jurastudent (zusammen u. a. mit Ehefrau Christel) in Göttingen mit dem Studentenkabarett DIE LEID-ARTIKLER seinen neuen Beruf und fand seine Berufung. Seit 1966 ist er nur noch mit Solo-Programmen auf der Bühne und Christel hinter der Bühne und an der Technik. Sein Werdegang war und ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Nicht nur, dass er überaus engagiert und parteilich Kabarett macht, er mischt sich auch immer wieder direkt mit Aktionen in politische Auseinandersetzungen ein, z. B. bei der legendären Rote-Punkt-Aktion in Hannover gegen Fahrpreiserhöhungen. Darüber hinaus leitete er mehrere eigene Theater in Hannover, von denen das (von ihm sehr gut gemachte) Theater am Küchengarten – tak – noch heute existiert. Sein Engagement zeigt sich auch daran, dass er in machen Jahren über 200 Auftritte absolvierte, und diese Auftritte konnten schon mal drei bis vier Stunden dauern, da er immer wieder aktuelle Ergänzungen in die Vorstellungen einbaute. Er machte auch seinerzeit mehrere Tourneen in die DDR, und die bedeutendsten Kabarettensembles aus Dresden, Leipzig und Berlin (Ost) gastierten im tak. Das (West-)Fernsehen hat ihn Anfang der siebziger Jahre wegen seiner politischen Haltung boykottiert, ein Fernsehverbot, das bis heute anhält. Er macht ein klassisches Kabarett mit Sketchen, Liedern, Conférencen, Parodien, Nachrichten, Telefondialogen und Dialog mit dem Publikum. Über die Jahrzehnte ist damit eine Vielzahl von Programmen, Tonträgern und Büchern entstanden, die zum Bühnenjubiläum um ein besonderes und limitiertes Schmankerl erweitert wird: Progressive Nostalgie Die frühen Jahre
    (edition logischer garten; ISBN 978-3-924526-28-3 / www.dietrich-kittner.de; 5 CD Box, 5:56:36 Std., 50 €). Hier besteht die seltene Gelegenheit, die Geschichte der Bundesrepublik und die Kabarettgeschichte nachzuvollziehen. Es fehlen leider Zeitangaben und erklärende Bemerkungen, sodass das Auf und Ab der politischen Themen und Bewegungen nicht immer leicht einzuordnen ist. Es wird zu seinen Jubiläen manche Ehrung geben, diese CD-Box ist sicher die witzigste von allen.

    Bullip macht süchtigWenn Hagen Rether auf der Bühne loslegt, geht es eigentlich weniger um Liebe 3 (WortArt 0338; ISBN 978-3-8371-0388-5, 12 Tracks, 77:46 Min., live), sondern da redet sich der junge Mann am Klavier gaaaanz ruhig und verhalten seinen Zorn von der Seele. So zurückhaltend die Form, so offensiv der Inhalt. Mit Spott und Ironie führt er seinen Zuhörern den Unsinn vor, der tagtäglich von Regierenden und Medien verbreitet wird. Die Gleichsetzung von rechter und linker Gewalt beispielsweise oder die vielen, kleinen, affigen Skandälchen, die alle Augenblick hervorgekramt werden. Der Blow-job bei Clinton wurde intensiver untersucht als alle Toten zusammen, die die Bush-Administration verursacht hat. Ein Programm der Aufklärung und Erbauung, unaufgeregt, aber aufregend.

    Der 6. Politische Aschermittwoch (conanima CA 26584; 2 CDs, 10 Tracks, 49:31 Min. + 9 Tracks, 56:07 Min.), der sich langsam in der Arena in Berlin-Köpenick zur Tradition entwickelt, war mit den (einstigen) Wahlberlinern Arnulf Rating, Wiglaf Droste, Horst Evers, Florian Schroeder und dem Dresdener Uwe Steimle prominent besetzt und bot den Zuschauern ein breites Spektrum (aus deren Repertoire). Rating und Schroeder als politische Kabarettisten nehmen die neue Bundesregierung heftig-deftig aufs Korn, Droste macht mit fundierten Sprach- und Formkritiken Gesellschaftskritik und bei Evers sind es die Fallen des Alltags, der Moderne und seiner Nachlässigkeit, die ihm das Leben schwer machen. Uwe Steimle schimpft sich als ehemaliger Parteisekretär Günther Ziechong den Nachwendefrust von der Seele. Ein schöner Rundumschlag vom ganz Kleinen bis zur großen Politik.

    Henning Venske und Jochen Busse bringen es zusammen auch schon auf über 140 Jahre Lebenszeit, und entsprechend routiniert fällt ihre Inventur (conanima CA 26583; 2 CDs, 12 Tracks, 54:04 Min. + 13 Tracks, 50:50 Min., live) aus. Sie sitzen im Wartezimmer und lamentieren. Wussten Sie, dass sich in Deutschland fast alle Berufsgruppen und Schichten als die „Melkkühe der Nation“ empfinden? Oder dass der Boomberuf in Deutschland schlechthin der Experte ist? Ganz egal, ob Sie etwas von der Sache verstehen oder nicht. Oder dass die Banker gar nicht wussten, dass sie auch Verantwortung haben? Der arme Frank Grischek am Akkordeon, der für die musikalischen Intermezzi verantwortlich zeichnet, muss als angeblich verarmter Banker verbale Prügel einstecken. Da die beiden ihr Handwerk verstehen und gut aufeinander eingespielt sind, gelingt zusammen mit den musikalischen Einlagen ein richtig unterhaltendes und anregendes Programm.

    Das ist kein leichtes Unterfangen, was Fatih Çevikkollu da versucht. Sein Programm Der Moslem-TÜV (WortArt 0257; ISBN 978-3-8371-0257-4; 2 CDs, 6 Tracks, 55:58 Min.+ 4 Tracks, 46:24 Min., live) versucht Vorurteile gegenüber Moslems aufzudecken und zu korrigieren. Das Leben zwischen Integration, Ablehnung, eigener Community und zwischen Gestern und Morgen ist überaus schwierig und voller Reibungspunkte mit der Mehrheitsgesellschaft. Er selbst ist in Deutschland aufgewachsen und kennt die Zerrissenheiten der Zuwandererfamilien und die Schwierigkeiten einer türkischen Familie in Deutschland. Auf witzige und nachdenkliche Weise bringt er seinem deutschen Publikum diese andere Seite nahe. Also gut, sie sind nicht alle Fundamentalisten und Terroristen, ich hab’s kapiert und glaub’s auch.

    Bei Bülent Ceylan aus „Monnem“ (Mannheim) geht es Ganz schön turbülent (WortArt 0308; ISBN 978-3-8371-0308-3; 12 Tracks, 71:19 Min., live) zu. Die Mama ist deutsch, der Vater ist Türke und irgendwie dazwischen ist er aufgewachsen. Der Papa und der deutsche Opa, deutsche und türkische Gartengrundsätze, Hausmeister und kleine Machos, darüber redet er. Da er ein fescher und witziger Bursche ist und zudem ordentlich abrocken kann, geht es bei seinen Auftritten immer ziemlich ab und dort, wo er Heimvorteil hat, ganz besonders. Er parodiert mit Eifer und Freude türkische, arabische und deutsche Typen und zeigt dabei das Lächerliche an ihnen, ergo das Menschliche. Multikulturelle Kleinbürger in der deutschen Provinz.

    Eigentlich ist Matthias Reuter aus Oberhausen nicht viel anderes übrig geblieben: Germanistik studiert, nicht auf Lehramt – was nun? Also macht er Kabarett, statt Taxe zu fahren, und das noch mit Klavier, und stellt zu allem Übel auch noch an sich selber fest, dass er mit zunehmendem Alter immer konservativer wird. Auf schwarz sieht man alles! (WortArt 0309; ISBN 978-8371-0309-0; 19 Tracks, 79:10 Min., live), und diese Schwarzseherei teilt er uns erfreulicherweise mit. Er weiß von den Menschen aus der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet wenig Schmeichelhaftes, weil allzu Menschliches zu erzählen. Sei es im Straßenverkehr, beim Kindergeburtstag im Autokino oder bei Subway: An den Umgangsformen lässt sich doch noch einiges verbessern. Seine erzählten und gesungenen Geschichten sind schön beobachtet und freundlich dargebracht. Er macht eine beiläufig intelligente Unterhaltung, wie man sie in dieser Form nicht oft hört.

    Aus Bayern kommt Lisa Fitz mit Texten, Liedern und Gitarre und ihrem aktuellen Programm Super plus! Tanken & Beten (WortArt 0301; ISBN 978-3-8371-0301-4; 14 Tracks, 79:06 Min., live) daher. Sie schlägt einen weiten Bogen von der CSU bis zur Liebe, vom Benzinpreis und dem Ozonloch bis China und München und von Jesus bis zur Huna-Lehre auf Hawaii. Seehofer und andere dicke Kinder bekommen ihr Fett ab, auch die Rotlichtbranche; sie spricht über Armut, den Katastrophen-Hype und singt mittendrin ein ganz romantisches Liebeslied, zum Dahinschmelzen. Ihr kräftiger Dialekt verhindert, dass eben diese Romantik kitschig, süßlich wirkt.

    Mit Dresden, Berlin und München war einst Erich Kästner verbunden. In Breslau, Berlin und München hat er immer wieder mal mit dem Komponisten Edmund Nick zusammengearbeitet, mit dem er zeitlebens freundschaftlich verbunden war. Mitte der Fünfziger erhielt Kästner den Auftrag, für eine Schweizer Illustrierte jeden Monat ein Monatsgedicht zu verfassen. Er machte gleich 13 nachdenkliche Gedichte daraus, im letzten sinniert er darüber, was wünschenswert sei. Zu seinem siebzigsten Geburtstag entstand der Plan, Die 13 Monate (duo-phon 06353; 18 Tracks, 53:10 Min., Infos) zu vertonen, und Kästner konnte seinen alten Freund Nick überzeugen, diese Aufgabe zu übernehmen. Diese Vertonungen etwas aus der Versenkung zu holen ist das Anliegen des Bass-Baritons Ulrich Schütte und des Pianisten Gerold Huber. Eine sehr kunstvolle und ansprechende Interpretation, die sich einreiht in die Liedkompositionen anderer großer Komponisten.

    Texte Kästners aus den Zwanzigern und vor allem den Vierzigern für das Münchener Kabarett Schaubude, die von Edmund Nick vertont wurden, hat sich Susanne Brantl ausgewählt: Prima Wetter (duo-phon 06363; 17 Tracks, 43:00 Min.). Auch hier begleitet Gerold Huber am Klavier. Es sind ebenfalls einzelne Texte von Tucholsky, Mascha Kaléko und Werner Fink vertreten. Selten gehörte Chansons, die überzeugend vorgetragen werden. Einige Informationen zu den Chansons im Booklet wären für den Zeitbezug und das bessere Verständnis hilfreich gewesen.

    Gar nicht so leicht, als überzeugter Nichtraucher (historische) Songs für Unverbesserliche (duo-phon 05673; 22 Tracks, 69: 47 Min., Infos) vorzustellen, nur für Raucher eben. Zusammengestellt unter dem Aspekt der persönlichen Freiheit hat diese Auswahl an verräucherten Titeln Volker Kühn. Eva und Ernst Busch, Marlene Dietrich und Lale Andersen sind ebenso vertreten wie Bully Buhlan und Freddy Quinn. Das Hohelied auf Cigarettes und Whisky traut sich kaum noch einer zu singen, doch die Anthologie hat, auch bei klarer Luft genossen, durchaus ihren Charme.

    Toni Mahoni, der wunderbare Berliner Sänger, der vor Jahren mit seinen Internetauftritten bekannt wurde, ist ein überaus bekennender Raucher und mag auch einen guten Tropfen gern. Toni Mahoni hat nun in der Lebensmittelabteilung des Kaufhauses KaDeWe in Berlin die Kunststudentin Peggy Maschke kennengelernt, die in einer privaten politischen Aktion gegen den Konsum Probierhäppchen besabberte. Wer sich in einen solch aparten vegetarischen Engel, der prinzipiell nur im Bademantel rumläuft, verliebt, darf sich über Turbulenzen in seinem Leben nicht wundern, und so geht es in seinem ersten Roman Gebratene Störche (tacheles! / Roof Music RD 21033405; ISBN 978-3941168-21-3; 4 CDs, 5:02 Std.) gelegentlich drunter und drüber. Aber er beklagt sich ja auch nicht, eher noch seine Mitbewohner in der WG, er produziert ja sein eigenes Chaos. Ob in Jobs, mit der Band oder in der WG: Auch bei Toni kann man vor Überraschungen nie sicher sein. Das Einzige, wessen man sicher sein kann, ist, dass Toni einem leckeren Essen, einem guten Tropfen und einem Zigarettchen gegenüber nie abgeneigt ist.

    Ein überaus witziges (Hör-)Buch, von einem lässigen Lebemann unserer Tage.

    Jan Friedrich Henselmann alias Yannick Herbst macht Comedy und ist damit nur mäßig erfolgreich. Er ist Anfang dreißig, wurschtelt sich in Berlin und in der Provinz so durch und ist weder beruflich noch privat zufrieden und glücklich. Als er zufällig im Zoo das Verhalten von Flusspferden kennenlernt und vor allem deren Pfleger Konrad, scheint sich alles zum Besseren zu wenden. Aber das Leben ist ja bekanntlich kein Ponyhof und die Comedybranche entwickelt sich immer mehr zum Haifischbecken, je bedeutender sie wird und je mehr Geld im Topf ist, sodass alles turbulenter kommt als erhofft. Das Debüt von Volker Surmann als Romanautor besingt Die Schwerelosigkeit der Flusspferde (Querverlag; ISBN 978-3-89656-178-7; 256 S., 14,90 €) und zeigt als Medienkomödie, wie wenig komisch das lustige Geschäft ist oder sein kann.

    Das Geschäftemacherei, Spekulation, Größenwahn, Krise und Pleite kein Phänomen allein unserer Tage ist, kann man dem Roman von Gabriele Tergit aus dem Jahre 1931 entnehmen, der damals ein viel diskutierter Bestseller war: Käsebier erobert Berlin (duo-phon 07183; 2 CDs, Infos). Ein Kleinkunstsänger soll hoch gepusht werden, weil Journalisten, Veranstalter und Bauunternehmer ein dickes Geschäft mit ihm wittern. In einer Atmosphäre von Tratsch, Intrigen, Gier, Missgunst und Eitelkeiten entsteht eine Blase, die natürlich platzt und all die oberschlauen Protagonisten mit in die Tiefe reißt. Der aufkommende Faschismus lässt zudem die kommenden Schrecken erahnen. Ein Roman, der ebenso zeitnah wie zeitlos aktuell ist. Volker Kühn besorgte die Hörspielfassung (er spricht auch kleine Rollen selbst) und mit Walter Plathe, Barbara Schnitzler, Georg Preuße oder Angelika Mann konnte auch eine hochkarätige Besetzung verpflichtet werden.

    Sieger sehen anders aus, aber auch die Nichtsieger, die Verlierer, die Frager brauchen ja Lieder, und Holger Saarmann bringt solche Lieder. Sie haben alle etwas Geheimnisvolles, Verborgenes, dass Fragen offen lässt. Wie einsam ist man, wenn man nur sich hat? Warum verliebt man sich so oft in die Unerreichbare? Wie wahrhaftig ist die Kunst? Doch auch er hat manchmal Glück und trifft unerwartet eine Muse: So küsste mich meine Friseure (www.holger-saarmann.de; 17 Tracks, 63:32 Min., Texte). Angenehme, ruhige Lieder, für Gitarre, Klavier, Geige und Bass einfühlsam arrangiert und ansprechend gesungen. Ein Sänger, den man sich anhören sollte.

    Volkwin Müller (Gesang, Gitarre), sein Bruder Thomas (Keyboard) und Mike Turnball (Percussion) von Volkwin & Co aus Detmold trauen sich was: Auf ihrem neuen Doppelalbum covern sie auf der ersten Scheibe, und unter Sting, Knopfler und Beatles ist es nicht getan. Sie machen das nicht schlecht, aber das Ganze ist doch eher etwas für Auftritte live (www.volkwin.de; 12 Tracks, 59:25 Min.+ 12 Tracks, 54:10 Min.) als für die Konserve. In ihren eigenen Songs geht es vor allem um Liebe, beginnende und vergehende. Die gute Singstimme von Bandleader Volkwin und sein Gitarrensound geben den Liedern eine eigene Note. Doch ihrem Deutschlandlied, so gut es auch gemeint sein mag, haftet was Gequältes, Klebriges an.

    Sechs Autoren östlich der Elbe wollen Lachen und lachen lassen 2 (Eulenspiegel; ISBN 978-3-359-01126-2; 7 Tracks, 65:26 Min.). Die Spanne reicht von Texten aus dem Jahre 1978 (Hansgeorg Stengel) bis in die Nachwendezeit (Rudi Strahl, Günter Herlt). Stengel z. B. macht sich mit feinem, aber scharfem Spott über die Versorgungslage in der DDR lustig und das Geschwafel offizieller diplomatischer Erklärungen. Külow erzählt vom Chaos, den der Besuch einer mongolischen Delegation im VEB Handbesamungselektonik Lotte Ullbricht auslöst, und Herlt berichtet von seinem ersten, missglückten Westbesuch im November 1989 und von dem enormen (finanziellen) Aufwand, um seine Wohnungstür einbruchssicher zu machen. Auch hier fehlen leider Infos über die Texte und Macher im Booklet, wenn man von den entsprechenden Buchempfehlungen zu den Autoren einmal absieht.

    Der Mecklenburger Liedermacher Ingo Barz, Jahrgang 1951, hatte in der DDR auch nicht so viel zu lachen, er konnte höchstens über sie lachen. Als Kind einer Flüchtlingsfamilie und mit Westverwandtschaft hat er immer gefremdelt, was die Parolen und die geistige Enge seines sozialistischen Umfeldes anging. So waren die Konflikte vorgezeichnet und Barz zeichnet immer in kleinen, ganz persönlichen Episoden die Atmosphäre, wie er sie in den 50er- und 60er-Jahren empfunden hat. Die unterschwelligen Reste der Nazivergangenheit, das Anpassertum, die Intoleranz gegenüber Leuten, die anders dachten oder nur anders aussahen, z. B. lange Haare trugen. Er schildert die Minisubkultur, die sich in seinem Freundeskreis bildet, die Versuche, sich vor der staatlichen Einvernahme zu schützen, die Konflikte in Schule und Ausbildung und die drohende Einberufung zur NVA 1970, der er sich durch eine Tintenstiftverletzung am linken Auge entzieht, wofür er mit einer linksseitigen Erblindung bezahlt. Hier endet der Erzählstrang und die Jahre später angenommene Stelle als Jugendwart der evangelischen Landeskirche gibt Ausblicke auf die weitere Erzählung. Ein Buch, das nachdenklich macht, weil es Geschichte schildert jenseits des heutigen Ossi-Wessi-Konfliktes. Und weil die Erzählung auch nicht von einem Altvorderen stammt, sondern eher von einem Typ Ost-68er, dessen individualistisches Lebensgefühl auch anderen vermittelbar ist.

    AdNr:1010

     

     

    2010-06-15 | Nr. 67 |



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