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    Im Osten Schamanen

    Da wimmelte es also von schwarzhaarigen, asiatischen Gesichtern in den Strassen und auf den Plätzen von Périgueux, wurden die Organisatoren mit fremden Bräuchen und Anforderungen konfrontiert und Mimos erlebte seine exotischste Ausgabe aller Zeiten. Eindrucksvolle Walkacts wie bei Arrache-Pied-France, die als lebende Bäume und grünliche Heuschrecken durch die Straßen zogen bis zu den Clown- und Mimen-Akrobaten A & O waren alle Genres vertreten. Auch zwei Kompanien aus Südkorea waren diesmal zu Gast in der südwest-französischen Metropole der Bewegungskunst. In deren Windschatten kamen auch südkoreanische Journalisten, Regierungsvertreter und Publikum. Peter Bu, Leiter des « Festival international de mime actuel » hatte  die Kontakte geknüpft und präsentierte Tradition und Aktualität südkoreanischer Körperkunst.

     

    Die Staatsschauspielerbauern

    Exotismus beiseite : was als authentisches Maskentheater authentischer Bauern angekündigt war (sie spielten wohl tatsächlich zum erstenmal außerhalb ihres jährlichen, traditionellen Festivals) entpuppte sich als pure Konservation der äußeren Form eines vor Jahrhunderten einmal bissigen Theaters mit sozialer und religiöser Funktion. Achtung, Schamanen ! In Hochglanzbroschüren im Detail erklärt (Bedeutung der Masken und Kostüme), im schamanischen Teil auf ein knappes Zitat zusammengestutzt, bietet das Maskentheater aus Kangnung, dargeboten von Mimen die in den Rang von Kwanno (Staatsdiener) erhoben wurden, heute einfach gehobene Unterhaltung. Richtig ist wohl dass die Mimen und Tänzer im Hauptberuf Bauern sind. Das jährliche Festival in dessen Rahmen sie auftreten, spielt allerdings in einer Stadt von 200.000 Einwohnern und die gemischte Truppe erwies sich als dem 21. Jahrhundert vollauf gewachsen (www.kangnung.kangwon.kr). Bis 1909 muß dieses Theater eine der Autorität gegenüber kritische Rolle gespielt haben, denn die japanischen Besatzer untersagten es. Erst 1967 wurde es rehabilitiert und sofort von der Regierung als kulturelles Erbe in Beschlag genommen. Eine reine Vorsichtsmassnahme, denn auf allen (Studenten-) Demonstrationen im Land spielt Maskentanz eine provokative Rolle. Gespielt wird ein sehr enges Repertoire historischer Liebesdramen im Streit zwischen Ober- und Unterwelt, Landvolk und Aristokratie. Die Musik wird natürlich live gespielt und am Ende tanzen Akteure und Publikum fröhlich miteinander.

     

    Der Performer

    Einen zeitgenössischen, rein ästhetischen Bezug zum Schamanismus und dessen Rituale

     kreiert das Theater Momzit aus Seoul. « Die leeren Hände » ist eine Performance von Yu Jin Gyu, der in der Technik des Mime corporel von Etienne Decroux ausgebildet ist und die im Anschluß an Mimos auch auf der Expo in Hannover zu sehen war. Momzit zeigt innovatives Schattentheater das Geisterbeschwörungen zitiert, gestyltes Ritual und ein Ballett glimmender Räucherstäbchen in der Nacht. Die Essenz dieser Performance liegt darin, nicht wie im Westen kopflastig, sondern trotz aller Modernität offen zu sein für das Sinnliche und Übernatürliche. Dass trotz der lebendigen Verbindung zur Tradition zeitgenössische Künstler aus Korea, Taiwan oder Hongkong aktuelle Entwicklungen nicht verschlafen zeigte auch die Biennale de la danse in Lyon mit vielen asiatischen Tanz- und Performance-Produktionen. Aus Seoul kam die Changmu Dance Company mit drei Tanzstücken, die sich wiederum mit dem schamanischen Erbe auseinandersetzen. Das Festival Mimos hatte durch Peter Bu finanzielle Unterstützung der südkoreanischen Regierung zur Präsentation der Kwanno gewonnen. Und zu Momzit gehört auch Choi Kyu, der Leiter des Chunchon International Mime Festival (www.chunchon.mimefestival.net). Nur kurz am Rande : Spezialist in Sachen Schamanismus ist Kim Jeong Ok aus Seoul der im Rahmen des in Marseille gehaltenen Welttheaterkongresses der Unesco und als Präsident der Internationalen Theaterinstituts die Videoaufzeichnung einer schamanischen Zeremonie vorführte. Die wurde von Kunststudenten auf einem Schlachtfeld des koreanisch-japanischen Krieges ausgeführt um die Toten zu versöhnen. Mitternachts, bei Vollmond und übertragen auf Internet.

     

    Die Alchimistin

    Der Preisträgerin 2000 auf Mimos ist Schamanismus ebenfalls kein Fremdwort. Tanya Khabarova von den in Dresden ansässigen Derevo zeigt in ihrem Solo « Reflection » nicht koreanischen sondern globalen Schamanismus. Ihre Hauptfigur ist ein bedrohlich tot daherschreitender Alchimist mit kalkweissem hypnotischem Gesicht dass einem das Blut gefriert. Über Adam und Eva, Baseler Fasnachtsmythen, Sokrates, Zentaurn, afrikanische Rituale und Tierverwandlungen, aber auch eine moderne Frauenfigur zeigt die Khabarova den Menschen im Bund und im Kampf mit okkulten Mächten, siedelt die Seele wieder im Körper an und hebt den Gegensatz zwischen Mensch und Tier so weit auf dass ihre Darstellungen von Spinne, Panther oder Fledermaus organische Wahrheiten werden.

     

    Die Warteclowns

    In Brasilien gibt es die Capoeira und einige Orixas und andere Gottheiten, die ihre eigene Art des Schamanismus anbieten. André Curti und Artur Ribeiro zeigen dass sie der Capoeira, aber auch des Tangos, nicht unkundig sind und beginnen ihr « Dos a deux » tatsächlich im Urwald, doch bald stellt sich heraus dass es sich um eine Art brasilianisch gemimter Version von Vladimir und Estragon handelt. So wunderbar sie den Clown neu definieren, so erfindungsreich zeigen sie, wie gestrandete Wohlstandsklone mit löchrigen Socken verzweifelt die Leere ihres Alltags auszufüllen versuchen. Dabei sind sie zu jeder Kontorsion fähig und erfinden die Clownsprache des Körpers. Ganz Brasilien befindet sich permanent im Wartezustand, merken sie dazu an. André Curti entstammt der deutsch-brasilianischen Tanztheater-Kompanie A fleur de peau und Artur Ribeiro erlernte Mime corporel und machte sich bei Josef Nadj schlau.

    Es war  nichts rein französisches dabei ? Nun, der brasilianische Humor von Dos a deux entstand an der Seine und Mimos 2000 ist lange nicht ausgschöpft. Doch im nächsten Trottoir soll eher vom Schweizer Zirkustheater Gopf die Rede sein.

     

    Redaktion: Thomas Hahn

     

    2001-03-15 | Nr. 30 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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