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    Irmgard Knef im Berlin Story Salon


    Es gibt eine Gattung von älteren Frauen, die gerne von jüngeren Männern dargestellt wird. Dafür gibt es reale Beispiele, wie Bette Midler oder Liza Minelli. Aber auch Kunstfiguren wie Lilo Wanders oder Max Goldts frühe Figur Ruth Frau. Diese Anverwandlung ist ein fester Bestandteil der schwulen Subkultur. Die Damen, denen diese besondere Verehrung zuteil wird, zeichnen sich meist dadurch aus, dass sie trinkfest, unzimperlich und etwas vierschrötig sind. Auch Hildegard Knef war eine solche Frau. Ihr zu Ehren hat der Schauspieler und Autor Ulrich Michael Heissig seine erfolgreichste Bühnenfigur geschaffen: Irmgard Knef, die unbekannte Zwillingsschwester. Seit 1999 hat er ein halbes Dutzend Programme mit ihr gestaltet.

    „Mein alter Westen“ heißt der Abend mit Irmgard Knef im Berlin Story Salon (siehe Haupttext). Dabei lässt Heissig seine Figur abwechselnd an einem kleinen Tischchen sitzen, trinken – „nur Wasser“, wie sie mit schwerer Stimme versichert – und locker aus dem Leben im alten West-Berlin fabulieren. Hin und wieder erhebt sich die gebrechliche Diva und wuchtet sich an den Mikroständer. Dort singt sie im typisch knefschen Sprechgesang eigens für die Zwillingsschwester getextete Chansons.

    Das funktioniert sehr gut und ist weit mehr als Imitation oder Travestie. Der 45-jährige Heissig verkörpert die fast doppelt so alte Dame mit jedem Zittern und jedem Nuscheln überzeugender. Aus mürbem Körper und hellwachem Geist entsteht trotz hoher Kalauerdichte eine spannungsvolle Einheit – und eine eigenständige, äußerst anziehende Figur. Das liegt auch daran, dass der Abend, obwohl er locker dahingeplaudert erscheint, tatsächlich ein sauber inszenierter, durchkomponierter Bühnenmonolog ist.

    Natürlich hat es nie eine unbekannte Zwillingsschwester der Knef gegeben. Doch wer Heissig einmal als Irmgard Knef gesehen hat, wünscht sich, es wäre anders.

    Redaktion: Susann Sitzler

     

    2010-03-15 | Nr. 66 | Weitere Artikel von: Susann Sitzler





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