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    Kritik: „As Showtime goes by“ von Lothar Lambert

    Kleinkunst ist kein perfektes Wort, weil es die Minderung schon beinhaltet. Und doch beschreibt es besser als jeder andere Begriff das, was damit gemeint ist. Im besten Fall gelingt Künstlerinnen und Künstlern dieser Gattung eine besonders große Intimität zum Publikum, können sie problemloser und kreativer die Grenzen der Genres durchbrechen. Der Dokumentarfilm „As Showtime goes by“ porträtiert ein halbes Dutzend Berliner Bühnenkünstler, die in diesem Sinn als Klein- und Kleinstkünstler zu verstehen sind. Am bekanntesten ist das Chanson-Parodie-Trio „Triple Sec“, das Jean-Theo Jost, Petra Zeigler und Lothar Alexander Runze zusammen bilden und welches sie mit regelmäßigen Auftritten einem überschaubaren, aber treuen Publikum bekannt gemacht haben. Außerdem lernen wir Magy da Silva kennen, die als singende und scherzende Kellnerin bei Privatanlässen auftritt. Früher war sie einmal Tänzerin und Assistentin eines Zauberers in Las Vegas. Brother Mad ist gelernter Religionslehrer, ehemaliger Modeschöpfer und tritt nach Feierabend mit der Gitarre auf. Dieter Rita Scholl kann mit den Augen rollen wie Joan Crawford und Bette Davis in Personalunion, beherrscht aber auch Männerrollen. Sie alle verbinden drei Dinge: Vor langer Zeit hatten sie den Traum, sich als Schauspieler oder Musiker einen Namen zu machen. Vor etwas kürzerer Zeit haben sie eingesehen, dass das in diesem Leben wohl nicht mehr gelingen wird. Und danach haben sie doch nie aufgehört, es trotzdem zu versuchen.

    „As Showtime goes by“ erzählt vom Alltag dieser bunten Vögel. Sie lassen den Filmemacher Lothar Lambert mit seiner wackeligen Handkamera ganz nah an sich heran. Schließlich ist er einer von ihnen: In Berlin legendär, produziert Lambert seit Jahrzehnten fast jedes Jahr einen neuen No-Budget-Film. Auch er ignoriert fast alle Regeln und sprengt die Grenzen der Filmgenres ständig ohne Scheu. Das Resultat hat fast immer einen intensiven, rohen Charme, den man woanders nicht zu sehen bekommt. Genau wie bei den porträtierten Kleinkünstlern.

    Besonders interessant ist aber das, was der Film unterschwellig spürbar macht: der Unterschied zwischen seinen Protagonisten und denjenigen, die als Künstler irgendwann groß werden. Lamberts Künstler sind ganz eng verbunden mit ihren Bühnenfiguren. Sie können oder wollen keine professionelle Distanz zu ihnen herstellen. Sie können gar nicht anders, als auf der Bühne alles zu geben. So sehr, dass man in jedem viel zu inbrünstig geschmetterten Ton, in jeder heillos überspielten Pointe die ganze Sehnsucht der Person sieht, die in diesen Minuten auf der Bühne endlich das Gefühl haben will, sie selber zu sein. Gerade weil ihnen das nicht im großen Stil gelingt, werden sie von diesem Wunsch auch nicht erlöst. Oder wollen sie gar nicht die Möglichkeit der Profis, die eigenen Bühnenfiguren an- und wieder auszuziehen? Diese Antwort legt der Film auch nahe. Die von Lambert porträtierten Kleinkünstler verzichten mit Absicht auf eine Haltung zur Kunst, die es ihnen ermöglichen würde, jenseits der Bühne ein anderes Leben mit anderen Sehnsüchten zu führen. Sie verzichten auf Professionalität. Vielleicht, weil sie ihnen zu wenig intensiv ist.

    Redaktion: Susann Sitzler

     
    2007-09-15 | Nr. 56 | Weitere Artikel von: Susann Sitzler





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