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    Lieder und ihre Interpreten

    – Von Veränderungen und endgültigen Schlusspunkten

    Georg Danzer hat dieser Welt seine poetische, seine literarische und seine engagierte Meinung gesungen und gesagt. Die Nachricht über seinen Tod hat mich und viele andere Menschen tief getroffen. Ein Lungenkrebs ließ ihn nur 60 Jahre alt werden.

    Die tiefgründige Poesie seiner Worte ist mir im Ohr geblieben. Sein durchdachter Scharfsinn blitzte in einem Interview, das ich einmal mit ihm geführt habe, ebenso auf wie in seinen unendlich vielen Liedern. Auf Danzers Homepage schreibt sein Freund Walter Gröbchen: „In tiefer Trauer geben wir bekannt, dass Georg Danzer am 21.6.2007 nach schwerer Krankheit im Kreise seiner Familie verstorben ist. Georg Danzer war ein Meister der Zwischentöne. Gewiss, da finden sich auch derbe, grelle, pfiffig populistische Songs in seinem Oeuvre, das die Beachtlichkeit von 46 Alben und mehr als 400 Liedern umfasst. Danzer hat über Sex, Alkohol, Sucht, Ängste und Abgründe gesungen, über Träume und Utopien, über das Ende. Danzer hat sich getraut zu träumen. Getraut, die Gitarre in die Hand zu nehmen. Getraut, Texte zu schreiben und anzubieten und schließlich selbst zu interpretieren. Getraut, populär zu sein und Unpopuläres zu wagen. Getraut, keinen gradlinigen Weg zu gehen im Leben und im Pop-Business und in der Öffentlichkeit. Der Schurl war, wiewohl lange Jahre in Deutschland daheim und in Spanien, ein Wiener tiefster Prägung. Vom Dreigestirn Ambros-Danzer-Fendrich, das lange Jahre und sehr erfolgreich unter dem Signet „Austria 3“ auftrat, wird er als derjenige in Erinnerung bleiben, der am zurückhaltendsten war, am vielfältigsten und am glaubwürdigsten. Er selbst hätte derlei Einschätzungen sofort vom Tisch gewischt; die Loyalität zu seinen Freunden manifestierte sich jenseits der Regenbogenpresse. Und jenseits politischer oder auch nur imagetechnischer Korrektheit. Image, Karriere, Kontostände waren einfach keine Kategorien im Leben eines Singer-/Songwriters, der sich eher über den Werdegang junger Künstlerkollegen erkundigte als darüber, ob man seine neue Single denn gnädig spielen würde. Das blieb so bis zuletzt.“

    Dem kann ich nichts mehr hinzufügen.

     

    „Ich gehe“ heißt das Programm, mit dem Bettina Wegner zurzeit unterwegs ist. „Nach über 35 Jahren Tourneen und Plattenveröffentlichungen wird sich Bettina Wegner 2007 mit einer letzten Tour vom Künstlerberuf verabschieden. Anlass dafür sind (nicht nur) gesundheitliche Gründe. Singen wird sie immer, aber nicht mehr touren. Das ist nicht und war nie ein Abschied auf Raten, es ist die eine erste und letzte Abschiedstournee.“

    Mit diesen Worten verlässt eine Sängerin die Bühne, die den Menschen, die ihr zuhörten, etwas zu sagen hatte, die Politikern und Mächtigen ein Dorn im Auge war. Bettina Wegner protestierte in der ehemaligen DDR gegen die Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei, wurde verhaftet und verurteilt wegen staatsfeindlicher Hetze. Ihre Auftrittsmöglichkeiten wurden weiter beschnitten, als sie öffentlich die Ausbürgerung Wolf Biermanns anprangerte. Vor die Wahl gestellt, entweder ins Gefängnis zu gehen oder ebenfalls ausgebürgert zu werden, zog sie 1983 nach Westberlin um und arbeitete weiter als kritische Liedermacherin. Bekannt wurde Bettina Wegner vor allem mit dem Lied „Kinder“ („Sind so kleine Hände ...“) aus dem Jahre 1979. Für die gleichnamige LP erhielt sie eine Goldene Schallplatte.

    Daneben veröffentlichte die Wegner zahlreiche Bücher.

    Singen wird sie weiter, wenn auch nicht mehr touren. Damit verliert unser Land eine weitere wichtige, kritische Stimme, die deutlich sagt, was nicht sein darf.

     

    Wenn man von lateinamerikanischer Folklore spricht, kommt man um eine Frau nicht herum, die in ihrer Heimat den Status einer Nationalheldin hat. Erst spät habe auch ich den Zugang zu ihrer Musik gefunden. „Zuhause“ in Argentinien nennt man die heute 72-jährige Sängerin einfach „La Negra“, die Schwarze, die Stimme Lateinamerikas. Dieser Spitzname spielt auf ihre indianische Herkunft an. In Europa kennt man sie eher als Mercedes Sosa. Ihre erste LP erschien 1965 unter dem Titel „Canciones con fundamento“. Der nationale Durchbruch gelang ihr 1965 auf dem „Festival Nacional de Folklore de Cosquín“. Bereits zwei Jahre später gab Mercedes weltweit Konzerte, u. a. in Miami, Lissabon und Rom. Wegen kritischer Äußerungen gegenüber ihrer Regierung und wegen ihres vehementen Eintretens gegen Knechtschaft und Unterdrückung wurde 1980 ein Auftrittsverbot über sie verhängt. La Negra ging 1980 nach Spanien ins Exil. 1983 kehrte sie endgültig nach Argentinien zurück. Ihre Musik und ihr Engagement wurden mit zahlreichen internationalen Preisen bedacht. Unter anderem ist sie zur UNICEF-Botschafterin für Lateinamerika und die Karibik ernannt worden.

     

    Was an Mercedes Sosa fasziniert, ist ihre Stimme, die zwischen butterweich und scharf konturiert in Sekunden wechseln kann. Ihre Lieder gehen einfach unter die (Gänse-)Haut. Eine akribische Analyse des Weltgeschehens lässt sie einfließen in Lieder, die verändern können und sicher viele Dinge schon positiv verändert haben. Auf die Frage nach ihren Utopien hat La Negra einmal geantwortet: „Ich habe die Utopie, dass jeder Mensch zu essen hat, jeder Mensch sich kleiden kann, jeder Mensch eine Wohnung hat, in der es sich leben lässt. Dass die Elendssiedlungen verschwinden. Dass der Arbeiter stolz sein kann auf seine Arbeit, stolz darauf, ein Arbeiter zu sein.“ Möge diese Utopie real werden. Und auch ihr Traum, einmal mit Carlos Santana auf der Bühne zu stehen.

     

    Santana ist ein Kult-Gitarrist. Ein anderer, den ich vor wenigen Monaten erst persönlich kennenlernen durfte, auch. Pepe Romero ist ein Weltstar der Gitarristik. Sein Talent wurde ihm tatsächlich in die Wiege gelegt. Als er 1944 geboren wurde, spielte sein Vater Celedonio auf seiner Gitarre, um den kleinen Pepe auf der Welt willkommen zu heißen. Das hatte Auswirkungen. Mit 7 Jahren hatte Pepe seinen ersten öffentlichen Auftritt, mit 15 nahm er seine erste Schallplatte auf. Seither ist er aus der Gitarrenwelt nicht mehr wegzudenken. Pepe Romero spielte vor Päpsten, Präsidenten, Königen und Königinnen. Seine Recitals sind ein Erlebnis. Ich konnte dabei sein.

    Mit lang anhaltendem Beifall wird diese lebende Legende vom Publikum empfangen. Romero schöpft aus der ganzen Fülle von fünfzig Jahren aktiven Musikschaffens, um seinen alten und neuen Fans das Beste zu geben, was er geben kann: Wundervolle Gitarrenmusik. Damit ist der Spanier von klein an aufgewachsen, hat seinen 1996 verstorbenen, berühmten Vater Celedonio Romero als Lehrer gehabt. „Mein Vater und ich, wir sind ein Gitarrist. ... Und ich spiele nicht eine einzige Note, in der mein Vater nicht lebendig wird. Ich glaube zutiefst, dass mein Vater und ich wirklich eins sind, ein Spieler.“ Und in der Tat gewährt Pepe Romero jedem Ton, den er auf seinem Instrument entwickelt, den gebotenen Respekt. Klar formend, virtuos in der technischen Umsetzung und vor allem tiefgründig interpretierend ist im Koblenzer Recital kein einziger Ton wie der andere. Da erhält Giulianis „Grande Ouverture“ Ereignis-Charakter, da entstehen aus Sors wunderbaren Miniaturen in den Variationen über Themen aus Mozarts Zauberflöte ganz neue Zusammenhänge. Romero spürt den tonalen Gegebenheiten nach, versieht die kompositorischen Vorlagen mit interpretatorischer Eleganz und entwickelt musikalische Schönheit, die etwa in Bachs Partita No. 2 nicht einmal ein vehement hereinbrechendes Gewitter schmälern kann.

    Nach der Pause widmet sich der Filigraninterpret der Moderne. Besser: Er nimmt sich ihrer an, spürt in Leo Brouwers „Elogio de la Danza“ gleich einer ganzen Palette von Empfindungen nach, die dieses Werk hervorrufen kann. Mit eben derselben Empathie bringt Romero die drei mexikanischen Volkslieder von Manuel Ponce zum Klingen. Und – er hat es wohl geahnt – beim weltberühmten Rodrigues-Tango „La Comparsita“ gerät die Begeisterung des Auditoriums vollends aus den Fugen. Romero legt nach, liefert mit Tarregas „Tango Maria“ den Inbegriff von Zärtlichkeit und klanglichem Wunderschön-Sein.

    Seine eigene Komposition „Farrucas“ ist eine Hommage an seine spanische Heimat, an spanisches Temperament und natürlich an den Flamenco. Und ebenso natürlich darf Celedonio Romeros „ Fantasia Cubana“ nicht fehlen. Mit der ehrfürchtigen musikalischen Verbeugung vor der Musik seines Vaters beschließt Pepe sein offizielles Programm. Wohlgemerkt sein „offizielles“. Das Publikum kann sich von diesem großen Künstler nicht trennen. Frenetischer Applaus, dann Romeros Zugaben, die einen gigantischen Musikgenuss beenden.

    Bis demnäx, euer Bernhard Wibben

    2007-09-15 | Nr. 56 | Weitere Artikel von: Bernhard Wibben





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