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    Musik ist, was man daraus macht

    Ich komme am besten gleich zur Sache.

    Peter Herbolzheimer gilt als König des Jazzarrangements. Er verbindet als Komponist und Arrangeur die stilistische Offenheit des Bigbandsounds und die solistischen Qualitäten seiner Musiker mit sicherem Gespür für den historischen und unterhaltsamen Wert des Swing zu einer Einheit. Das gefällt dem Publikum sowieso und hat bei renommierten Musikerkollegen immer wieder Begeisterung ausgelöst. Herbolzheimers Bigband war zu hören und zu sehen in den TV-Sendungen von Alfred Biolek.

    1992 orchestrierte und dirigierte er die Filmmusik von K. Wecker für den preisgekrönten Film „Schtonk“, hatte einen TV-Live-Auftritt mit Al Jarreau und Eartha Kitt in Sat.1 und produzierte die CD „Uferlos“, eine der erfolgreichsten Scheiben vom Konstantin. Wecker.

    1998 wurde ihm der Musikpreis der Stadt Frankfurt verliehen. Die Reihe der Milestones ließe sich unendlich fortsetzen.

    Seit 1987 leitet Herbolzheimer auch das BuJazzO, das Bundesjugend-Jazzorchester. Beide Orchester, die RC & B und das BuJazzO, sind einmalig und haben nachhaltig die Musikszene in Deutschland geprägt, gestaltet und verändert.

    Heute ist dieser Jazzer immer noch ein Spitzenkönner. Ich habe ihn erlebt mit der JamFactory. Bluesig oder funky, im Bebop oder Swing mit teils melancholischen Melodiephrasen: Herbolzheimer arrangiert kreativ für die, die seine Musik auf die Bühne bringen können. Er dirigiert eher minimalistisch, auch mal mit der linken Hand in der Jackentasche, lässt seine Band druckvollen Bigbandsound entwickeln, der garniert wird mit kunstvollen Soli.

    Mit derselben Kreativität setzt die Blueslegende Larry Garner seine Musik um. Garner wurde 1952 in New Orleans, Louisiana, geboren, hat mit 11 Jahren das erste Mal zur Gitarre gegriffen und sie seither nicht mehr losgelassen. Garner spielt den Mainstream-Blues der Baton-Rouge-Blues-Szene. Und er spielt ihn mitreißend. Seine Gigs verdienen große Aufmerksamkeit, weil dieser Mann mit Gitarre und Hut eben immer wieder auch den musikalischen Südstaatencharme versprüht.

    Aufmerksamkeit verdient auch die Gruppe Boppin’ B. 20 Jahre stehen sie mittlerweile auf den Bühnenbrettern und lassen es mit Jive einfach mal so krachen. Bei ihrem „Heute ist ein toller Tag“ tanzt der Lila-Laune-Bär mit. Diese Boygroup oder selbsternannte „Scheißkapelle“ bringt jeden Saal zum Kochen. Eingetaucht in Skiffel-Rock mit einem Hauch Cajun lassen die Jungs es sich nicht nehmen, ihre Fans auch mit dem aktuellen Hit „If you believe“ zu begeistern.

    Eine geniale Jive-Formation kommt aus Dänemark und nennt sich Jordan’s Drive. Diese 6 Musiker haben sich dem Swing und beginnenden Rock der 50er-Jahre verschrieben. Bei „All down the Mississippi“ geht wirklich die Post ab. Die Show ist sehenswert. Mr. Silver zieht mit seinem Gesang die Zuhörer in seinen Bann. Bei „Sing, sing, sing“ befinden sich außer dem Drummer alle Bandmitglieder im Publikum. Da schlägt die Stimmung vor der Bühne schon mal Kapriolen.

    Und noch eine Band aus Dänemark: Die Blues Brothers Showband sprengt schon mal die Möglichkeiten kleiner Bühnen. Die 14 Mann starke Gruppe reinkarniert das, was Jake und Elwood traditionell unter Show verstanden. Und das eben auch mit den passenden Requisiten: Schwarze Anzüge, Sonnenbrillen, Krawatten und Hüte. Zudem hält Dänemarks größte Bluesband auch noch Tanzszenen und Feuerwerk bereit. Zugegeben: Das hat Eventcharakter!

    Eher verhaltend habe ich auf ein Konzert des Trio Pachanga reagiert. In der Besetzung Bass, Keyboard, Percussion – und Drum-Computer – ist dem Cha-cha-cha oder Salsa, den das karibische Trio spielt, kaum etwas abzugewinnen. Allerdings: Die kubanischen Zigarrendreherinnen, die die drei Pachangas immer mitbringen und die die Tabakblätter auf ihren Oberschenkeln rollen, sind eine echte Attraktion. Zumindest das ist Karibik pur.

    Musik pur dagegen bietet Big Daddy Wilson. In seinem Heimatort Edenton im amerikanischen Bundesstaat North Carolina brachte man dem Sänger, Songschreiber und Komponisten schon als Kind im Gospelchor all das bei, was heute in Europa seine Fortsetzung findet. Blues-Erfahrungen sammelte er mit den Größen, wie z. B. Lazy Lester oder Guy Forsyth. Zudem hat er eine eigene Band, die erdigen Blues und Funk spielt. Interessant ist allerdings vor allem sein derzeitiges Projekt „Back to the Roots“. In Minimalbesetzung realisiert Big Daddy Songs von Muddy Waters, Eric Clapton und anderen sowie eigene Stücke. In Doc Fozz (Wolfgang Feld) hat er den Gitarristen gefunden, der ihm die groovige Unterstützung gibt. Dieses Duo, erweitert um zwei Musiker, ergibt das Quartett: Big Daddy Wilson & the Mississippi Grave Diggers. Besetzung: Gitarre, Violine, Cajun, Conga, Bluesharp, Maultrommel und zeitweise 4-stimmiger Gesang. Natürlich immer präsent: die fulminante Stimme von Big Daddy Wilson. Man muss diese Band einfach erleben. Es passt wie die Faust aufs Auge, wenn Wilson „I heard an angel“ singt. Das Quartett präsentiert handgemachte Musik, die bei „When I woke up this morning“ die Musik aus dem Mississippi-Delta wieder aufleben lässt.

    Und noch einmal ein interessanter Tipp für euch. Authentischer als von der N’Awlins Brassband gespielt, kann Blasmusik aus dem Mekka des Jazz nicht klingen. Die Mannen aus den Niederlanden brauchen dafür nicht einmal unbedingt eine Bühne. „Let’s parade“ ist ihr Motto, und das geht am besten auf der Straße. Einfach grandios.

    Ausnahmsweise jetzt mal von mir ein Hinweis auf ein Theaterstück, in der die geflötete und gesungene Musik lediglich als Bindeglied für einzelne Szenen dient und sich dennoch mit Anklängen an Zarah-Leander-Couplets wie ein roter Faden durch das Stück zieht.

    „Schatten von Menschen“ heißt das Stück und ist Theater mit Tiefgang. Mutig wagt sich das Koblenzer Jugendtheater heran an das, was der Schriftsteller Ernst Heimes recherchierte und als Schauspiel vorlegte. Unter der empathischen Regie von Bruno Lehan braucht es keinen erhobenen Zeigefinger, um mit den jugendlichen Akteuren in zehn Bildern die Grausamkeiten des NS-Regimes gegenwärtig werden zu lassen. Was sich in den KZ-Außenlagern Treis und Bruttig und in der Fabrikation von Kriegsmaterial im Cochemer Tunnel seinerzeit an Unmenschlichkeit auftat, löst über das Bühnengeschehen auch jetzt Beklemmung aus. Die Menschen, deportiert und zur Zwangsarbeit versklavt, degenerieren zu Schatten ihrer Selbst, zu Schatten von Menschen, beraubt ihrer Individualität, durchnummeriert, entwürdigt und entmenschlicht. Nur in ihrer Angst, ihren Träumen und ihrer ausweglosen Suche nach Wegen aus der Hölle dieser brachialen Gewalt wird das Menschliche dieser Menschen in all ihrer Not erkennbar.

    Karg wie das damalige Leben dieser Häftlinge ist auch das Bühnenbild. Lehan kontrapunktiert darin mit den zwei Ebenen die Realität derer, die als selbsternannte Herrenmenschen oben stehen, die denen unten das Leben mit Macht unmöglich machen oder mit Waffen nehmen. Verbunden und zugleich getrennt sind diese Spielebenen durch ein Stahlgerüst, das allein schon emotionale Kälte auslöst. Und Lehan folgt der Vorlage von Heimes, stellt den Ausgang der Historie an den Anfang des Stücks. Beim Anhören des 1954er-WM-Spiels in einem Wittlicher Gefängnis stehen die Gefängniswärter im unsäglichen Abseits und hofieren den ehemaligen Lagerleiter (Lars Weisbrod), der als verurteilter Kriegsverbrecher dort im wahrsten Sinne gut leben kann. Ein Schicksal, dass viele Kriegsverbrecher seinerzeit leider teilen durften.

    „Schatten von Menschen“ entlarvt nicht nur die NS-Politik. Das Stück zeigt nachvollziehbar, wie auch Menschen auf der Herrscherseite ihr Leben retten wollen, indem sie die Augen verschließen und mitlaufen.

    Der Chauffeur (Gunter Falk) trägt fast sympathische Züge, wenn er sich bei allem Defätismus eine Zukunft mit seiner Verlobten (Linda Matuschek) vorstellbar macht. Am Ende wird er doch mit der Wirklichkeit konfrontiert, soll auf Befehl Häftlinge erhängen lassen, soll am Ende das Alltägliche dieser Zeit mitverantworten. Am Ende auch dieses Theaterstückes, bei dem alle Mitwirkenden die Namen der 73 damaligen KZ-Außenlager skandieren. Der Zuschauer hat sich bis dahin in keiner Minute dem Geschehen entziehen können. Spätestens am Schluss, in dieser grauenvoll gespenstischen Szenerie, ereilt ihn das Gefühl, dass das Grauen bis heute real nachwirkt. Bis demnäx.

    Redaktion: Bernhard Wibben

    2005-12-15 | Nr. 49 | Weitere Artikel von: Bernhard Wibben



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