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  • Themen-Fokus :: Clown | Mime

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    Neue, junge Mime: Was passiert in der Mimen-Szene?

     

    Mime war in der öffentlichen Wahrnehmung lange ein wenig eingeschlafen, es schien aus der Mode gekommen zu sein. Wenn Laien Pantomime hören, dann denken Sie meist an weiß geschminkte Gesichter, die mit verzweifeltem Gesichtsausdruck eine unsichtbare Blume an den Mann oder die Frau bringen wollen. Das wollen nur noch wenige sehen. 

    Doch wie man es zum Beispiel auf dem Mimos Festival in Périgueux erleben kann, gibt es viele Künstler, die mit der Mime und der visuellen Performance Neues, Kreatives erschaf- fen. Uns interessiert: Was genau passiert eigentlich in der jungen Mime-Szene? Was bleibt gleich; was ändert sich? Wir haben einen jungen Mimen, Elias Liermann, bekannt als Elias Elastisch interviewt. 

    artbild_400_Elias_ElastischElias schloss seine Mimenaus- bildung an der Etage Berlin 2010 ab. Er ist sehr aktiv in recht unterschied- lichen Bereichen der Mime tätig - so hat er mit anderen Mimen ein Kollektiv gegründet, bringt die Kunst der Mime nachts in Berliner Clubs und spielt Pantomime in einer Oper im Bodemuseeum. Daneben veranstaltet er Battles zwischen Clowns und Mimen und bringt häufig youtube Videos heraus. 

    Kollektiv, Clubs, Battles und youtube - das fanden wir sehr modern und zeitgemäß und sind sehr gespannt auf Elias Sicht auf die heutige Mime.

     

    Kassandra Knebel: Bezeichnest Du Dich als Pantomime?

    Elias Elastisch:
     Jein, ich beschreibe mich selbst als Mimen, der auf die Technik der Pantomime zurückgreift und Sie auch ständig weiterentwickelt. Pantomime ist ein Handwerk; es sind technische Grundlagen, den Raum plastischer zu gestalten und ihn zu modellieren. Das Spiel mit der Imagination, d.h. Gegenstände zu erschaffen ohne dass sie da sind, dass ist Pantomime. Aber das Leben, die Emotionen, die Authentizität das ist der Mime (der Schau- spieler). 

     

    Kassandra KnebelWas ist Dir an der Kunst der Mime wichtig?

    Elias Elastisch: Mir ist wichtig, die eigene Kunstform als Sprachrohr zu sehen. Es geht darum, Menschen zu berühren. Alles, was Theater so lebensnotwendig macht, ist die eigene Phantasie mit anderen Menschen zu teilen, gemeinsam über Themen nachzudenken; zu lieben und zu schreien, zu lachen und zu weinen.
    Welche Form der Kommunikation könnte schöner sein als die rein visuelle, die auf der ganzen Welt verstanden werden kann, eben die Sprache des Bildhaften, die Kunst der Pantomime/ Mime. Mimik, Emotion, Rhythmus und ein leerer Raum malen die Geschichte mit dem Stift des Unsichtbaren weiter. Was sie nicht hören, sehen sie und was sie nicht sehen, passiert einfach in ihrem Kopf! 

     

    Kassandra KnebelWelche Trends beobachtest Du?

    artbild_250_Elias_Man_Man_ZElias Elastisch: Mit youtube lassen sich neue Leute erreichen, die zu unseren Shows im Club oder anderswo kommen. Film hat mit Mime/ Stummfilm angefangen - siehe Chaplin, Buster Keaton usw. und jetzt können wir diese Verbindung der Künste ganz einfach ohne riesige finanzielle Risiken selbst gestalten.
    Ansonsten wird Mime immer mehr gemischt mit anderen Genres. Oft wird es dann schnell Tanz oder abstraktes Theater, es ist dann oft die Rede von Phsyical Theater (ein sehr schwammiger Begriff). Die Folkwang Universität in Essen, bekannt für Ihr gutes Studienfach der Pantomime, hat kürzlich Ihr Fach auch auf Physical Theater umbenannt. Es ist ein Versuch junge Menschen für das Thema  zu öffnen. Doch beim Physical Theater fehlen mir oft die dramaturgischen Bögen. Abstraktion gewinnt oft die Überhand und man ist verloren im Sumpf der undefi-nierten Darstellungen. Klar gefallen mir auch einige Physical Theater Produktionen, die durch die Bilder und Emotionen den Betrachter berühren. Eine gute Mischung aus Mime & Physical Theater ist immer wichtig.



    Kassandra Knebel: Neue Mime? Was ist das eigentlich?

    Elias ElastischDie neue Mime befindet sich in einem Prozess, der nie aufhören wird, so lange es Leute gibt, die diese Kunstform hinterfragen, sie aber auch gleichzeitig lieben und pflegen. Über Dekaden gibt es immer wieder geniale Künstler, die mit den künstlerischen Mitteln neue Themen besprechen und kreative Entdeckungen machen.

    Wir erfinden das Rad der Mime nicht neu - aber wir entwickeln es stetig weiter. Es gibt andere Themen heute und ein paar neue Stilmittel.

    Pantomime-technisch benutzen wir immer noch ähnliche Grundbausteine wie früher z.b. Fixpunkte, Isolationen, Körperwellen das gehen auf der Stelle und das abgesetzte Spiel durch den Toc. 

    Aber der Mime kann aufgrund der heutigen Zeit auf ganz andere Visualisierungs-Techniken zurückgreifen - zum Beispiel filmische Stilelemente. Man nehme nur den Splitscreen, 3D, Slomotion, Actionfilme & die damit verbundene schnellere Filmschnitttechnik. Die Sehge- wohnheiten haben sich verändert und das nutzen wir in der Mime auch auf der Bühne. Durch schnellere Schnitte zum Beispiel wird das Spiel sehr viel frischer und moderner.

    Auch würde ich als neu bezeichnen, dass wir den Rahmen des Theaters als festen Standort immer mehr auflösen. Theater kann überall sein - und wer geht schon noch ins Theater? Wir machen Veranstaltungsreihen in Clubs und im öffentlichen Raum. Junge Leute werden neugierig und interessieren sich auf einmal wieder für diese neu interpretierte „alte“ Kunstform. Das Publikum ist gebannt, niemand rechnet mit so einer starken Ausdrucks- form, die nichts weiter braucht außer sich selbst. Sie sind dabei einen Film live mitzuerleben und vergessen dabei ganz, dass es nicht im Kino war, sondern einfach in ihrem eigenen Kopf stattgefunden hat! Glücksgefühle des Verstehens werden freigesetzt, wir belohnen uns selbst mit unserer Vorstellungskraft.



    Kassandra KnebelWelche Künstler haben Dich inspiriert?

    Elias ElastischWichtig zu nennen sind die Umbillical Brothers aus Australien. Sie zeichnen sich aus durch einen sehr Comic-haften Style.


     

    Ein Ensemble, welches mich immer sehr fasziniert hat, ist das Theater Derevo (Russland). Die körperlichen Bilder und das Bühnenbild sind unvergleichbar. Immer am Rand zwischen Groteske und Surrealismus.                                                     Videobeispiel: Youtube

    Teatre Licedei Schüler von Slava Polunin (Russland): Tolle Figuren, ein radikaler Humor und ein super Timing. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Mime & Clown.
                                                                                                                   
    Videobeispiel: Youtube

    Und  zu guter Letzt der Herr Michel Courtemanche aus Kanada, seines Zeichens Visual Comedy Avantgarde aus den 90er Jahren, in Deutschland bekannt geworden durch RTL Samstag Nacht.






    Kassandra KnebelIhr habt Battles zwischen Clowns und Mimen veranstaltet. Was ist das? Wo ist der Unterschied zwischen Clowns und Mimen?

    artbild_250_PageElias ElastischClowns & Mimen stammen quasi aus der gleichen Familie. Das Mimen (etwas nachahmen) ist schon immer in uns Menschen gewesen. Quasi noch bevor es Sprache überhaupt gab, mussten wir uns köperlich & gestisch sowie durch Laut-Codes verständigen. Dann später waren es rituelle Tänze, was somit die Urform der Pantomime ist. Wenn man den Stammbaum betrachtet, spalten sich diese beiden Formen nach der Blütezeit der Comedia del Arte (ital. Stehgreiftheater, Ende des 18.Jahrhun-derts) so langsam voneinander ab.
    Der Clown und der Pantomime fanden ein neues Zuhause im neu aufkommenden Zirkus. Die Künste sind dort immer noch untrennbar miteinander verwoben. Anfang des 20 Jahrhunderts sollte sich das ändern. Der Tänzer und Schauspieler Etienne Marcel Decroux (F) ist einer der Gründungsväter der Modernen Pantomime. Er entwickelte eine exakte Technik und Philosophie des Mimen und grenzte sich bewusst ab vom Clown. Seitdem können alle Mimen der Welt auf eine nachvollziehbare Technik zurück greifen.
    Wichtige Mitbegründer sind auch Henryk Tomaszewski & Jerzy Grotowski aus Polen.
    Grundlegend würde ich sagen, der Unterschied liegt meistens in der Spielweise. Clowns arbeiten eher selten mit imaginären Objekten und Räumen, das Gefühl steht an erster Stelle.
    Auch wird das Publikum oft mit einbezogen. Die kleinste Maske der Welt, die Clownsnase ist auch ein wichtiger Hinweis auf einen Clown, aber nicht zwangsläufig nötig.
    Das was der Clown nicht hat, findet man beim Pantomimen/ Mimen viel häufiger, eben die Technik, Räume zu bauen und Phantasie auf ganz andere Art und Weise zu stimulieren. Leider erlebe ich oftmals viel zu technische Mimen-Künstler, bei denen dadurch das Spiel verloren geht und auch der Kontakt zum Publikum. Deshalb können diese beiden Kunstformen wieder neu von einander lernen. Wie: "Hey, lange nicht gesehen & was hast du die letzten 100 - 200 Jahre so gemacht ?" 

    Das Battle zwischen Clowns & Mimen bringt die zwei Kunstformen wieder zusammen, die mal eins waren. Es ist eine bunte Unterhaltungsshow aus Improtheater und Nummernprogramm  mit Moderator.



    Kassandra KnebelIhr habt das Mimen-Kollektiv Wurmpüree Deluxe gegründet? Wie kam es dazu? Was macht Ihr?

    Elias Elastisch: Ich habe mit der Mime-Kollegin Sandra Strauch in der Yuma Bar in Neukölln eine Show gespielt; das war 2011. Der Bar Besitzer Nicolas Rocher, auch Pantomime/ Mime aus Berlin, hat nach der Show angeboten, dort regelmäßig einen Abend mit anderen Mimen zu spielen. Es hat wunderbar funktioniert und so ist das Kollektiv gewachsen und eine Plattform war geboren.

    Unser Ziel war es, neue Nummern auszuprobieren und das natürlich vor Publikum. Wir haben in einem gemeinsamen Probenraum trainiert, Feedback gegeben, über Themen ausgetauscht und zusammen Shows gemacht. Wir wollten gemeinsam und dennoch unabhängig arbeiten - uns unterstützen, aber nicht als klassisches Ensemble.

    Dem Trend als Solokünstler zu arbeiten und sich von seinen Kollegen unterbewusst zu entfernen, wollen wir damit entgegen wirken. Berlin ist das größte Ballungsgebiet für Pantomimen/ Mimen; warum sollten sich dann gerade diese Leute nicht treffen sich austauschen und mit einander spielen? Wir haben uns auch in Duos zusammen getan und einfach wild losgearbeitet. Gelernte Technik mit Leben angereichert. 

    Bei der Namensfindung haben wir uns dann ganz einfach nach unserem Bauchgefühl leiten lassen. Klar war, wir wollten keine Wortneuschöpfung mit Panto oder Mime im Wort. So ist es Wurmpüree Deluxe geworden, WPDX, ganz sinnfrei und offen.


    Kassandra Knebel: Wie geht es kollektiv denn weiter?

    artbild_400_Duo_Mimikry_IIElias ElastischMal sehen - das Kollektiv bleibt erhalten als Labor, es wird wieder neue Shows geben in diesem  Jahr. Was sich daraus neu entfalten konnte ist das Duo mit meinem Kollegen Nicolas Rocher. Wir haben das Duo Mimikry ins Leben gerufen und werden am 15. März 2017 beim Pantomime Festival im ACUD unsere Premiere mit dem Stück „Visual Short Stories“ spielen.


    Videobeispiel:
    Vimeo



    Kassandra KnebelNeben all Deinen Projekten hast Du auch Walkacts entwickelt. Was ist für Dich der Unterschied zur Bühnensituation ?

    Elias ElastischIch persönlich trenne Walk-Act und Bühnenshow nur sehr gering. Wenn du eine Rolle spielst, dann bist du diese von Kopf bis Fuß -entweder ganz oder gar nicht. Mir ist es wichtig, Menschen in einen verspielten Zustand zu versetzen und sie ihren Alltag vergessen zu lassen. Hier geht es immer um ein miteinander. Es kommt auch ganz auf Stimmung und Laune der Veranstaltung an, ob ich als Walk-Act rede oder nicht. 

      
     

    Kassandra KnebelDein Solo-Programm heißt Laute Stille. Was hat es mit der Stille auf sich?

    Elias ElastischLaute Stille ist Arbeitstitel & Forschungsgebiet gleichzeitig. Ohne Lärm gibt es keine Stille, es ist immer das Extrem was uns wach hält. Warm & kalt oder hart & flüssig, ein- & ausatmen. Ich möchte in meinem Solo den Leuten da draußen zeigen, zu was die Pantomime/Mime heutzutage in der Lage ist, eben laut und leise zu sein. Ich spiele mit dem Thema und das läuft wie ein roter Faden durch meine Figuren. Eine Mischung aus Kurzge-schichten und Interviews auf offener Straße in Berlin z.b. zu Themen wie Pantomime, Sprache, laut und leise.


      

    Weiteres Videobeispiel: vimeo


    Kassandra Knebel: Zum Abschluss- was ist wichtig für die Kunst der Mimen?

    Artbild_300_Elias_ElastischElias ElastischDisziplin, Leidenschaft, Lust, Körperbewusstsein & Körperkontrolle, ein Auge für den Raum, Rhythmus, Timing, Gefühl. Und besonders der eigene Mut zum scheitern, um sich und seine Kunst immer wieder zu verbessern, damit die Leute folgen -  und nicht anders können als zu gucken, lachen, träumen, denken und zu verstehen.



    WebInfo:Elias-Elastisch.de

     

    Redaktion: Kassandra Knebel  

    Bildnachweis:
    Fotos:Stefan Lengsfeld


     

    2017-01-03 | Nr. 94 | Weitere Artikel von: Kassandra Knebel



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