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    Ob jetzt die guten KLEINKUNST-Tage kommen?

    Was soll man über einen Kollegen schreiben, den man schon mehr als zwei Jahrzehnte kennt, also weit vor seinem Sprung vom Theologen zum Kabarettisten?

    artbild_250_stefan_waghubinSchon erstaunlich, wie der Spätberufene - die Gnade der späten Kabarett-Geburt - die Zuschauer begeistern kann. Kein Politkabarett, aber ein Schwindel erregendes gesellschafts-politisches. Sein drittes Programm heißt: „Jetzt hätten die guten Tage kommen können!“ Die Pointen-Dichte ist hoch, aber nie hat man im Freiburger Hinterhaus das Gefühl, dass Stefan Waghubinger (FOTO) sich auf ein Schenkel klopfendes, flaches Niveau begibt. Zu Beginn wühlt er im dunklen Dachboden seiner Eltern nach einer Schachtel. Symbolisch findet er zwischen alten Möbeln, morschen Bodenbrettern und viel Staub den, der er mal war. Ein genialer Theater-Kunstgriff, mit dem er das Publikum sofort in seine Welt mitnimmt. Inhaltlich geht es um Gott und die Welt, um die ewigen Mann Frau Themen, um Auseinander-setzungen in Partnerschaften und Sex. Aus Erfahrung und Phantasie erarbeitete Geschich-ten, die mit all den Sprüngen immer wieder für eine Überraschung gut sind. Keine Frage. Die guten Tage sind für Stefan Waghubinger schon seit Längerem da!


    Auf der Freiburger Messe traf ich einen weiteren Kollegen, den ich schon über zehn Jahre nicht mehr auf der Bühne gesehen hatte. Bernd Gieseking. Ich habe noch seine Programme „Köpper vom Dreier“ oder „Abgeschleppt“ in guter Erinnerung. Also bot sich sein Messe-Auftritt an, sich über seine heutige Arbeit ein Bild zu machen! Meine Erwartungen waren erst mal nicht so hoch. Wie würde er sich vor dem großen, fachkundigen Publikum schlagen, das schwerpunktmäßig aus professionellen und ehrenamtlichen Veranstaltern besteht. Keine leichte Aufgabe! Er fing etwas verhalten an, hatte aber schon nach kurzer Zeit mit seinem Augen zwinkernden Humor das Eis gebrochen und das Publikum auf seiner Seite. Wer unter solchen Bedingungen diesen Werbeauftritt so souverän und gut meistert, wird sicher mit vielen Anfragen belohnt werden. Ganz zu Recht!


    Frauen sind im Kabarett immer noch die Ausnahme. Über die Jahrzehnte setzten sich Lisa Fitz, Simone Solga oder Gerburg Jahnke von den Missfits durch. Aber es erscheint eine völlig neue Kabarett-Generation von jungen Frauen auf unseren Bühnen! Frech, tabulos, perfekt. Die Programme müssen ja nicht gleich „Ficken für den Frieden“ heißen. Solche Titel können gefallen, müssen es aber nicht! In Freiburg auf den Messen der letzten beiden Jahre hab ich viele gute Solistinnen und Duos auf der Bühne erlebt. 2017 Lisa Eckhard, frech, doppeldeutig und schwarzhumorig, um nur eine zu nennen.


    artbild_250_kristina_zurbruSeit Jahren in Sachen Song ist eine Schweizerin, die in Wien wohnt, unterwegs. Sie hat eine einzigartige Kombination aus Gesang, Rap, Pop und mehr entwickelt. Ein Beispiel dafür, dass von Jahr zu Jahr auch musikalisch auf der Freiburger Messe immer mehr geboten wird. Christina Zurbrügg (FOTO) , die das moderne Jodeln perfektioniert hat, kann mit ihren Songs ein Publikum mitreißen! Und die Liste ihrer Kooperationen ist lang. Oft stand sie gemeinsam mit Franz Hohler und anderen prominenten Künstlern auf der Bühne. Das Multitalent drehte Filme, veröffentlichte natürlich eine handvoll CDs und DVDs. Diese dynamische Frau gibt ihre musikalischen Erfahrungen auch als Dozentin weiter. Wer sich dafür interessiert, sollte sich mal das Programm vom Bildungshaus Schloss Puchberg zu Gemüte führen, dass ich als „Schlafwagen-Dozent“ zufällig in einem österreichischen Nachtzug gefunden hab. Bleibt zu hoffen, dass sie nach ihrem guten Auftritt auf der Freiburger Messe auch öfter als früher in der BRD zu sehen ist.


    artbild_200_Arnulf_Rating_cIn Pforzheim tobte ein Tornado. Nicht durch die Straßen, sondern durchs Kulturhaus Osterfeld! Arnulf Rating (Foto), einer der erfahrensten Politkabarettisten der Republik.

    Angefangen hat er im Trio „Die drei Tornados“ mit anarchistischen Songs und Sketchen. Weder Gorleben noch Kreuzberg, keine Uni-Mensa, nicht einmal der kleinste Club in Hintertupfingen war vor ihnen sicher. Damals auf der Bühne in absoluten Freak-Klamotten, heute immer im Nadelstreifen-Anzug mit roten Schuhen unterwegs. Ab und an springt er in den weißen Kittel und damit in die Rolle „Schwester Hedwig“, um den Dampfer des politischen Wahnsinn und Fake-News in rationale, politische Gefilde zu steuern. Wenn er die Überschriften aus dem deutschen Tageszeitungs-Blätterwald kommentiert, bleibt kein Auge trocken! Eine interessante Lehrstunde, wie es politisch auch anders laufen könnte. Freche Kommentare, scharfe Pointen und einige „Tornado-Nummern“ von früher laden dazu ein, noch mehr von diesem sympathischen Künstler mitzubekommen.


    In Stuttgart wurde ein neuer Theaterverein gegründet, das Dialogtheater. Der Name ist Programm. Sehr erfolgreich gab es mehrere Auftritte mit einer Asylanten-Theatergruppe unter der Regie des 1. Vorsitzenden des Dialogtheaters, Karlo Müller. Müller hat wenigstens fünf Theaterstücke in den letzen Jahren geschrieben, selber die Hauptrollen übernommen und wie Woody Allen auch noch Regie geführt. Die jüngste Produktion heißt Marlene, ein Stück über Einsamkeit, Selbstmordgedanken, Liebe und Frustration. Neben Müller glänzen die erfahrene Schauspielerinnen Sonja Kromert als Wirtin Marlene und Sabrina Dannenhauer. Außerdem arbeitet Müller an einem Stück über Demenz, das in verschiedenen Senioren-heimen aufgeführt werden soll. Schon jetzt gibt es praktisch als Nachbereitung der Inhalte einmal im Monat ein Dialog-Cafe im Mehrgenerationen-Haus in Stuttgart-Heslach!. Auch ein Bürgertheater und Kleinkunstabende mit Dialog-Mitgliedern sind geplant.


    Im guten alten Club Laboratorium in Stuttgart, der 1972 gegründet wurde und in dem alle berühmten Kabarettisten, Liedermacher, Singer-Songwriter und Folksänger auftraten, spielte mal wieder Samy Womacka. Der ehemalige Fingerpicking-Star, dem in der guten alten BRD nur Werner Lämmerhirt das Wasser reichen konnte, hat schon lange den Sprung zum Jazzgitarristen gewagt und brillant geschafft. Mit Begleitmusikern aus Prag und Frankreich kam er nach Jahren wieder in den Club, der mittlerweile einer der besten Blues-Adressen in Deutschland ist. Humorvolle Ansagen, hochprofessionelles Spiel. Ein unterhaltsamer Abend, bei dem man Samy ein noch größeres Publikum gewünscht hätte.


    Im Theaterhaus verabschiedete sich Eric Gauthier von seiner Karriere als Tänzer mit dem Programm „The Gift“. Ein Geschenk für sein Stuttgarter Stammpublikum! Mittlerweile ist der Zweiundvierzigjährige mit der Leitung des Gauthier-Theaterhaus-Tanztheaters, mit seinen Auftritten als Songwriter und seinen drei Kindern völlig ausgelastet. Zum letzten Mal ein Soloabend, mit den bekannten humorvollen Erzählungen von biographischen Erlebnissen, mit eigenen Liedern und einer Version von „Geh nicht fort von mir“ von Piaf. In der 60-minütigen Show wurde natürlich auch getanzt, mal ernsthaft, mal mit ironischen Choreo-graphien zu Rollen, die er nie spielen durfte. Zwischendurch zwei Mitspiel- bzw. Mittanz-Aktionen mit dem Publikum, dass ihn mit langem Applaus nach gut 60 Minuten verabschie-dete. Natürlich hofft das Stuttgarter Publikum, dass er wie seine Freunde und Kollegen im gesetzten Alter, mit denen er immer wieder kooperiert hat, in den nächsten 30 Jahren irgendwann mal wieder auf die Bühne zurückkehrt, die so lange sein Leben war. Möge die Übung gelingen!


    Theater, Kleinkunst, Tanz, Jazz und mehr, ein buntes Gemisch ist für das Theaterhaus, in dem in vier Sälen parallel gespielt wird, typisch. Und dann gibt es natürlich ausgesprochene Highlights wie in den letzten drei Monaten. Beginnen wir mit Weltmusik:

    Eine Bühne voll bekannter und exotischer Instrumente, es sind wohl über vierzig, zwei sympathische Musiker, die bereits in Studios an über 500 Plattenproduktionen mitgewirkt haben, da kann an einem Abend im Stuttgarter Theaterhaus nichts mehr schiefgehen. Und die Erwartungen werden nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen!

    artbild_300_buedi_siebertBüdi Siebert (Foto) und Bodo Schopf zaubern in ihrem Programm „The Native Future Projekt“ fantastische Klangbilder als Multi-Instrumentalisten auf die Bühne. Büdi in bunter Kleidung, rote Schuhe und Stirnband wie in den späten Sechzigern, sein Kollege etwas dezenter. Politische und humorvolle Ansagen, ein Abend, in dem das Publikum in Klängen baden kann. Erzeugt unter anderem mit Instrumenten der Naturvölker und geschickt eingesetzter Elektronik! Wer wünscht sich nicht mehr solcher musikalische Ereignisse?


    Und die gibt es. Das hohe Niveau geht bei den 31.
    Theaterhaus Jazztagen Ende März bis Anfang April gleich weiter. Und hier wird im Gegensatz zu Montreux wirklich nur Jazz gespielt. Und das mit hochkarätigen, weltberühmten Musikern, ergänzt durch Perlen aus der heimischen Jazzszene. Als kleine Auswahl sei zum einen auf „Nils Landgren Funk Unit“ hingewiesen. Ein sehr sympathisch Jazzer, Posaunist, Sänger, Bandleader und Festivalleiter. Und er hat vielen Kolleginnen und Kollegen zum Durchbruch in Europa verholfen!

    Fantastische Trombon-Soli, viel Gesang, wobei ich ihn in Kooperationen meist als Instrumen-talist kennengelernt habe. Aber seine Musik geht weit über den puren Jazz hinaus, er arbeitet seit über 25 Jahren auch mit Funk- und Soulelementen.

    Witzige Ansagen im perfekten Deutsch geben dem Abend noch mal was besonderes. Und zum Schluss brachte er auch noch den ganzen Saal zum Tanzen, was dann in „Standing Ovations“ endete.

    Ein weiteres Highlight zwei Tage später. Der Mann, der die Geige im Jazz populär gemacht hat, betritt die Bühne: Jean-Luc Ponty. Zusammen mit Bireli Lagrene - einst ein ein Wunderkind an der Gitarre und legitimer Nachfolger von Django Reinhardt - und Kyle Eastwood am Bass, der Sohn von des berühmten Schauspielers. Was dieses reine Saiteninstrument Trio aus den Instrumenten herausholt, ist beeindruckend. Bunte Klangfarben, dazu eine Mischung aus ruhigen und sehr rhythmischen Momenten, für zwei Stunden war man in einer anderen Welt!

     

    Redaktion: Bruno Schollenbruch

     

    Bildnachweis:
    Arnulf Rating Foto: Ludwig
    Lang
    Christina Zurbrügg Foto: Oliver Topf




    2018-04-14 | Nr. 99 | Weitere Artikel von: Bruno Schollenbruch



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