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    Pudel-Polonaise im Plüsch-Ambiente

    Sieben Jahre lang war das Hansa-Theater krank (beziehungsweise geschlossen) – jetzt spielt es wieder, Gott sei Dank. Wie von Trottoir bereits angekündigt, übernahmen Thomas Collien und Ulrich Waller vom St.-Pauli-Theater mit Unterstützung des Tigerpalastes Frankfurt für zunächst zwei Monate die 1894 gegründete Institution, die einst Weltrang besaß: Nostalgisch-klassisches Varieté vom Feinsten, dezent aufgefrischt, steht dort nun wieder auf dem Programm. Wo einst Grock, Rivel und Houdini auftraten, kommt das Konzept der beiden Neuen beim – oft älteren – Publikum so gut an, dass sie kurz nach der Wiedereröffnung schon einmal um drei Wochen bis zum 5. April verlängern konnten.

    Enno EngelVor großem Promi-Aufgebot von Walter Giller und Nadja Tiller bis zu Udo Lindenberg hatte Polit-Kabarettist Heinrich Pachl durch die glanzvolle Premiere geführt. Später war es unter anderem Schauspielstar Ulrich Tukur, der mit den Hansa-Boys hamburgische Lieder sang und die Artisten ansagte: Erstklassige Vertreter ihres Fachs wie die Grynchenko-Brüder mit Kraft-Balance-Akten, Zauberer Jon Finn, Jongleurin Consuelo Reyes oder auch Angelica Obertaeva mit unverzichtbarer Pudel-Polonaise begeisterten die festlich angezogenen Zuschauer, die derweil Fisch- oder Käseteller des noblen Caterers Fischereihafen-Restaurant genossen. „Genau wie früher“, freute sich eine Dame, als sie sichtlich entzückt den plüschig-eleganten 491-Plätze-Schmuckkasten auf dem Hauptbahnhofskiez verließ. Nun darf man abwarten, was dort die Zukunft bringt.

    Riesenjubel hatte es auch im St.-Pauli-Theater bei Eröffnung der „Nacht-Tankstelle“ gegeben: Kurz vor den Festtagen lud Franz Wittenbrink, Erfinder der (seit „Sekretärinnen“ am Deutschen Schauspielhaus 1995) höchst erfolgreichen szenischen Liederabende, zu einer alternativen Weihnachtsfeier, die jetzt zu Ostern im Schauspielhaus wiederholt wird. Im realistischen Bühnenbild einer real existierenden Kult-Tanke gleich um die Ecke tummelten sich allerlei gestrandete Gestalten – sprich exzellente Schauspieler mit astreinen musikalischen Qualitäten – und sangen sich die Seele aus dem Leib. Ob Marion Martienzen als grauhaariger, dementer Pflegeheim-Flüchtling, Peter Franke als einsamer Seemann auf der Bierkiste, Erik Schäffler als versoffener Weihnachtsmann oder Victoria Fleer als Punkgöre mit Amy-Winehouse-Auftritt – sie alle sowie die kongenialen Instrumentalisten begeisterten mit einem überwiegend fetzigen Mix aus Schlager, Rock und Rap, Volks- und Kirchenlied sowohl Publikum als auch Presse. Dass bei dem Anarcho-Programm inhaltlich mehr dem respektlos-säkularen Zeitgeist denn dem Heiligen Geist der Christnacht gehuldigt wurde, störte dabei niemanden.

    In den Fliegenden Bauten auf dem (da ist er nun aber wieder) Heiliggeistfeld – trafen wir zwei „Dinks“, ein Paar mit doppeltem Einkommen, doch ohne Kinder. Wie die erfolgreichen Mitdreißiger Ralf (Felix Theissen) und Birgit (Ramona Krönke), partyfreudige Liebende, schließlich dennoch zur puren Kinderpflegegemeinschaft mutieren, zeigt der in Köln lebende britische Comedian Mark Britton („Nickelodeon“) in seiner ersten Regiearbeit zu einem von ihm selbst verfassten Stück: „Ein Feierabend für Eltern – Comedy für Moms & Dads“ wurde bei seiner Uraufführung von den Zielgruppen-Besuchern spürbar von Herzen belacht und beklatscht. Temperamentvoll und oft slapstickartig Klischees überzeichnend vermitteln „Cavewoman“ Krönke und „Caveman“ Theissen den fleischwerdenden Kinderwunsch, den Geburtsstress und vor allem den Alltag zwischen Windelwechsel und Einschlaflied. Der Abend des studierten Psychologen Britton (50) ist sympathisch und kurzweilig, aber nicht unbedingt aufregend horizonterweiternd. Dafür hat er zwei Top-Argumente auf seiner Seite: Das Thema ist bevölkerungspolitisch relevant – und der Wiedererkennungswert extrem hoch.

    Das Buch zum Bühnenprogramm legte jetzt ein besonders rühriger Hamburger Comedian vor: In „Smörrebröd in Napoli“ (Rowohlt-Verlag, 8,95 Euro) wandert Sebastian Schnoy (39, Romandebüt: „Rampenfieber“, 2006) nach seinem Solo „Hauptsache Europa“ nun auch auf Papier für Toleranz und die EU werbend über unseren vielfältigen Kontinent. Launig, spannend und teilweise sogar lehrreich liest es sich, wenn der Autor Mentalitäten, Usancen und Historien alter und neuer Mitgliedsstaaten ausmacht: Man merkt Schnoy den einstigen Geschichtsstudenten an, wenn er die komplexe Lage auf dem Balkan aufdröselt. Der Entertainer gibt dafür den Ton an, wenn zum Beispiel wir Deutsche nicht ganz klischeefrei unser Fett wegkriegen: Öfter mal ungesundes, aber köstliches Weißbrot zu genießen statt ewig die verdrießlichen Bio-Stullen zu kauen, lautet nur einer von Schnoys Ratschlägen, wie verkrampfte Germanen vom Savoir-vivre welscher Nachbarn profitieren können.

    Und noch was Schönes zum Schluss: Zwar wurden beim Neujahrsempfang „Arme Ritter“ gereicht – doch das war Tarnung. Schmidt und Schmidt’s Tivoli informierten, dass man 2008 rund 420.000 Besucher zu verzeichnen gehabt habe, was ein Plus von fünf Prozent gegenüber 2007 und einen Kartenwert von 10 Millionen Euro bedeute. Ein Renner ist dabei nach wie vor die „Heiße Ecke – Das St. Pauli-Musical“ mit mehr als 90 Prozent Platzausnutzung im sechsten Jahr. Corny Littmann und Norbert Aust betreiben nach eigenen Angaben somit die erfolgreichsten Theater der Hansestadt. Mit Familienmusical-Macher Christian Berg gründeten beide jüngst eine weitere Firma: Die heißt Schmidt und Berg GmbH, produziert und schickt Stücke auf Tournee, wie ab September „Alice im Wunderland.“

    Redaktion: Ulrike Cordes

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    2009-03-15 | Nr. 62 | Weitere Artikel von: Ulrike Cordes



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