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    Szene und Raum Stuttgart - Frühjahr 2020

    Ein Halbjahr, gefüllt mit Kabarett und Jazz vom Feinsten im Raum Stuttgart!

    Was ist in einem halben Jahr in Stuttgart künstlerisch alles passiert? Ich möchte es diesmal im Jahr meines 50. Bühnen-Kabarett-Jubiläums unter dem Motto „Betreutes Nachdenken“ mit einem Schuss Anarchie den Artikel mal etwas persönlicher gestalten!

    Also! What happens?

    artbild_450_Backblech_2018_Eine wunderschöne Sache zum Beispiel. Die Wiedervereinigung der Supergruppe Backblech.(Foto)

    Die Macherin Sigi Gall hat nicht nur diese Backblech ins Leben gerufen, nicht nur die Gospelgruppe „Union“ mit süddeutschen Spitzen Vokalisten gegründet, ein tolles Soloprogramm auf die Beine gestellt, nicht nur Business-Theater und Workshops gemacht, sondern es auch noch geschafft, drei ausgefallene „Musik-Comedy-Dramen“ zu schreiben und auf die Bühne zu bringen. Und jetzt gibt es wieder „Love hurts“. Wer ist zurückgekommen? Kein Geringerer als Cherry Gehring,der schon mit Wolle Kriwanek der Tonband gesungen hat, unter anderem als Vorgruppe für die Beach Boys, und nebenbei noch ein wichtiger Musiker bei Pur ist. Und jetzt wieder: Backblech! Zuerst hört man nur seine Stimme, an diesem Abend leicht angeschlagen, aber gut und professionell wie immer. Was soll man zu diesem Ausnahme-Stück noch sagen? Backblech sind mit ihrem neuen Gitarristen einfach unschlagbar. Wer als Veranstalter keine Spitzenqualität will, kann gerne auf die Gruppe verzichten.

    Tja. Und dann hat die Gruppe „Wir im Süden“, die Formation „Fuenf“ eine neue CD herausgebracht, und ich hatte das Vergnügen, sie sowohl auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund als auch im Stuttgarter Theaterhaus bei Vorstellungen zu sehen. Die einzelnen Mitglieder tummeln sich auch auf anderen Gebieten, machen „Rudelsingen“ oder moderieren „Offene Bühnen“ in Stuttgart, Waiblingen und Umgebung. Technisch gekonnt, die Inhalte sind Geschmackssache. Und falls „Fuenf“ die Ost-Combo „Niemann“ nicht kennt, sollten sie sich die CD „Wir im Osten“ vielleicht mal zu Gemüte führen. Wer sich für gute A Capella Gruppen wie die (Ur)“Flying Picketts“ (1982-86) mit dem Nummer-Eins-Hit „Only You“, für die Thomanerchor gestählten “Prinzen“ oder für die unerreichbaren „King`s Singers“ interessiert, sollte sich unbedingt diese CD zulegen!

    Seit 40 Jahren macht der Ex-Gymnasiallehrer Jürgen Krug die erste und einzige Kultur-Besenwirtschaft der Welt in Stuttgart Feuerbach. Kaum ein*e Kabarettist*in aus der ersten oder zweiten Reihe hat Jürgen einen Korb gegeben. Ich selbst habe meine halbe LP/CD „No Problem“ 1986 durch einen SWR Mitarbeiter bei ihm live aufnehmen lassen. Man stand im Türrahmen zwischen ausgeräumten Wohn- und Schlafzimmer und spielt je nach Lust und Laune nach Rechts oder Links, nicht nur räumlich, sondern auch politisch gesehen. Mittlerweile sind es zwei Zimmer, eine Wand ist herausgerissen worden und so entsteht ein Mini-Theater mit knapp 71 Plätzen. Hat man in der Anfangszeit noch für nahezu einen Gotteslohn, für Wein, Sauerkraut und Taschengeld gespielt, so gibt es mittlerweile einen annehmbaren Zuschauer-Obolus und somit auch `ne angemessene Gage.

    Nach einer kleinen zwanzigjährigen Pause habe ich die Kleinkunst-Bühne mal wieder betreten und folgende Gruppen und Solisten gesehen: „Vocal Deluxe“ (Foto), drei tolle Stimmen, alle drei ausgebildete Musikerinnen. Die serbische  Zauber-Geigerin Zorana, die mit ihren Solo-Gesangseinlagen sehr humorvoll die Publikumsherzen erobert. Sie spielt auch in diversen Klassik-Ensembles und hat TV-Auftritte mit weltberühmten Popstars wie Sting absolviert. Hervorragend an den Tasten Antonia, die auch komponiert und arrangiert. Dazu die Flötistin Birgit, die komödiantisch moderiert und Management-Erfahrung hat. Das Ganze kommt mit artbild_300_Vocal_Deluxe_niAugenzwinkern emotional gut rüber, Publikums-Mitspiel ist eingeschlossen, wenn z.B. drei "gescoutete" Männer aus dem Publikum in weißen Ballettröckchen einen satirischen Song bildlich kommentieren. Wer die Gruppe im Großraum Stuttgart buchen will, wird bestimmt viel Freude daran haben! Als Solisten sah ich Jörg Beirer und Link Michl, die auch in einem Trio kooperieren. Über Jörg Beirer hab ich schon im letzten Jahr geschrieben. Er ist sehr eloquent, witzig, schafft es, das Publikum schnell auf seine Wellenlänge zu bringen. "Link Michl“, der im Dezember Teile seines neuen Programm in diesem Etablissement mit Erfolg ausprobiert hat!

    In der Cannstatter Initiative „`s Dudelsäckle E.V.“, die im Moment in dem „Cafe Nachbar“ Gastspiele durchführt, habe ich ein interessantes Duo gesehen, dessen Namen ich vorher nicht kannte: PIERROLO. Es handelt sich um das Duo Sylvia Krejci und Pierrolo Korn-Hrejci. Schon die ersten Töne auf seiner Gitarre ließen mich stutzen. So eine professionelle Spielart habe ich von Folkgruppen selten gehört. Kein Wunder. Pierrolo ist ausgebildeter Klassik-Gitarrist. Das Repertoire reicht von „Bei mir bist Du schön“ über bretonische Klänge und Eigenkompositionen bis zu „Folklore“ der Welt. Ich fragte ihn, ob er das Duo „Belina & Behrend“ kennen würde. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er den Gitarren-Professor Siegfried Behrend sehr wohl kannte, Belina jedoch nicht. Für das Duo Duo wäre es sicher eine Bereicherung, wenn sie sich die Platten von „Belina & Behrend“, die ein höheres künstlerisches Niveau als die Ofarims hatten, mal reinziehen würden. Ganz davon abgesehen. Ein ausgefallener Abend musikalisch und atmosphärisch beeindruckend. Wer die Gruppe allerdings sehen oder buchen will, muss sich sputen. Die beiden sind seit Jahren in die Bretagne ausgewandert und kommen nur für kurze Tourneen zurück nach Deutschland.

    artbild_300_Galgenstricke_WIn Esslingen bei den Galgenstricken gab es zum ersten Mal von dem Kabarett-Duo eine Theaterpremiere: „Waidmannsheil“ von der Stuttgartern Autorin Susanne Hinkelbein. Zwei alte Förster auf dem Hochsitz warten auf eine Sau. In ihren Gesprächen arbeiten sie mit viel Humor ihre Vergangenheit auf, Hier wird deutlich, wie sehr sie manchen Menschen misstrauen. Sie reden über ihre Ängste, über Enttäuschungen im Leben, über ihre Wut, aber auch über ihre alltäglichen Freuden. Aktuell beobachten sie dabei Leute aus ihrem Bekanntenkreis, die grade wegen des milden Herbstabends den Wald bevölkern.






    Und was war musikalisch in Stuttgart los?

    Nun ist Stuttgart nicht wie Essen 2010 Kulturhauptstadt Europas, auch nicht „Grüne Hauptstadt Europas“ wie die Ruhrpott-Metropole 2017, eher Feinstaubhauptstadt Europas mit dem weit über 10 Milliarden (laut Bundesrechnungshof) neuen Schrott-HBF-Projekt S21! Ob dieser Schildbürgerstreich je in Betrieb genommen wird?

    Aber Stuttgart hat trotz alledem etwas ganz Besonderes: Das „Jazz Open, das mittlerweile das “Montreux Jazz Festival“ eingeholt hat. Alle Spitzenjazzer und Rock- und Pop-Giganten haben hier in den letzten 25 Jahren gespielt, von Paul Simon bis Nina Hagen, von Herbie Hancock bis Kraftwerk, von Van Morrison bis Marianne Faithfull, Solomon Burke, Steve Winwood, Manhatten Transfer, Fanta 4, Pat Metheny, Tom Jones, B.B. King, James Brown, Chick Corea, Diana Krall, Zaz, Santana, G. Benson, Katie Melua, Dee Dee Bridgewater, David Gilmour und viele andere, die ich in Jahrzehnten gesehen und beschrieben habe. In diesem Jahr gab es neben den Großkonzerten mit Bob Dylan (ausverkauft) und Sting (leider krank geworden) im überschaubaren, wunderbaren Hof des Alten Schlossen unter anderem ein Konzert mit Bobby Mc. Ferrin und Co zu sehen. Kam Bobby noch lange vor seinem Welthit „Don`t worry, be happy“ ins alte Stuttgarter Theaterhaus in Wangen und sang alles in Topform alleine, obwohl man bei geschlossenen Augen denn Eindruck hatte, man würde einer ganzen A Capella Truppe zuhören, so hat er diesmal Verstärkung! Im Schlosshof lässt er sich von seinen Mitmusiker*innen unterstützen. Mal macht er eine kurze Gesangspause, während die Gruppe congeniale Interpretationen seiner Lieder bringt. Ein Erlebnis, dass es ganz natürlichen Gründen nicht mehr so oft geben wird.

    Noch beeindruckender die drei Künstlerinnen aus Afrika, Amerika und Europa, die zum Teil schon vor Jahren in Montreux im Quartett einen unvergessliches „Nina-Simon-Abend“ präsentiert haben. Diesmal ist das musikalische Spektrum noch breiter, Liz Wright, A. Kidjo und eine Super-Sängerin, die kurzfristig eingesprungen ist, fegen wie die Wirbelstürme über die Bühne, stimmlich außergewöhnlich gut, bunt gekleidet und mit großer Spielfreude, die sich auf das Publikum überträgt.

    Wer 2020 nach Stuttgart kommen will, wird Folgendes erleben: Lenny Kravitz, David Sanborn & Lisa Simon, Stanley Clark, Robben Ford, Van Morrison und Cat Stevens alias Yusuf.

    Auch im Theaterhaus gibt es immer zu Ostern die Jazz-Tage, und zwar Jazz pur! Zum zweiten Mal innerhalb der letzten Jahre kam Nils Landgren ins Theaterhaus, diesmal nicht mit Bigband, sondern mit seiner Formation „Four Wheel Drive“, neben dem Bandleader spielen Haffner, Wollny und Danielsson mit. Sie stellten ihre neue CD vor. Das geht nicht nur instrumental ab, sondern Landgren singt zusätzlich Songs berühmter Kollegen. Die Gruppe verjazzt auch Pop-Titel von den Beatles und anderen. Das Publikum ist wie jedes Mal begeistert, auch über die gekonnte, oft witzige Moderation von Landgren.

    Auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund fand ich einen Liedermacher wieder, der schon 1982 mit seinen Kollegen Beck und Brinkmann bei einem Auftritt für den Förster und Oberbürgermeisterkandidat der Grünen auftrat, der dann hoffnungslos gegen Rommel verlor. Fred Ape ist auch als Solist ein Liedermacher mit Alleinstellungsmerkmal. Immer noch sehr politisch, aber auch ein Lied über Manni Burgsmüller, mit dem ich bei Rellingshausen 08 gespielt habe. Persönliche Songs gehören genauso zum Repertoire. Er macht inklusive Booking alles selbst. Ein Künstler mit aufrechten Gang, den man sich wieder einmal anhören sollte. Weitere interessante Veranstaltungen gab es mit dem Publikumsschwarm Bodo Wartke und mit dem letzten Adeligen unter all den proletarischen Kabarettisten: Lutz von Rosenberg-Lipinsky!

    Redaktion: Bruno Schollenbruch


    2020-01-10 | Nr. 106 | Weitere Artikel von: Bruno Schollenbruch





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