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    Trautmann-Knete für die Strasse

    Das Bild stammt aus den wilden end-Sechzigern und den siebziger Jahren: Junge, wilde Spontis machen aus ihren öffentlichen Auftritten politische Happenings. Zu diesen gehörte in Frankreich Jérôme Savary mit seinem Grand Magic Circus. Er gehört zu den Urvätern des Strassentheaters in Frankreich und liess sich vom Trash-Theater auf der deutschen Seite des Rheins inspirieren. "Macht kaputt was Euch kaputt macht" war auch sein Schlagwort. Jene, die heute die Strassenkunst als vollwertig neben Oper, Theater, Musik, Zirkus, Kino, Litteratur etc. etabliert sehen wollen, verweisen daruf, dass die Truppen von Anfang an mit szenografisch und dramaturgisch entwickelten Konzepten die öffentlichen Plätze heimsuchten. Savary will davon nichts wissen. Er, der heute genussvoll seine Zigarren in einer Festung namens Théâtre National de Chaillot qualmt, schildet seine Auftritte als cahotisch und agitatorisch. So sonnt sich jeder in seinen Erinnerungen gerade so, wie ihm dabei am wärmsten wird.

    Heute strebt ein ganz anderes Strassentheater in Frankreich nach höchster institutioneller Inthronisierung und ist dabei fast schon am Ziel. Wenn möglich, soll es ein Netz von Centres dramatiques National (CDN) werden, mit entsprechenden Budgets. So liesse sich dem Schickssal vieler Kompanien entkommen, die Animation in Supermärketn und reizeitparks betreiben müssen, um über die Runden zu kommen. Savary hatte nach einem ersten kommerziellen Auftritt zur Einweihung der "Tour Montparnasse" aus Frust und Ekel vor seinem Kniefall das Spiel auf der Strasse aufgegeben, denn dieses Hochhaus des Schreckens goss die Zerstörung des Künstlerviertels Montparnasse in Beton und Glas. Von Radikal opposition ist heute wenig zu spüren. Dafür wachen die Ansprüche an dramatische Qulaität der Stücke und technische Ausstattung in solche Höhen dass man sich längst wieder Gedanken darüber machen muss, ob Theater im Freien denn wirklich immer auch Strassentheater ist. Dennoch gibt es in dieser Szene ein "Familiengefühl", das Bewusstsein einer eigenen, alternativen Kultur anzugehören. Und diese Familie hat sich in den letzten jahren erfolgreich strukturell organisiert. 1998 wurde unter dem schlichten Namen "La Fédération" die Lobby des Strassentheaters gegründet. Denn wer erhört werden will, der muss einene Verein gründen.  

    Wachstumssektor und Exportschlager  

    Der Kontext war günstig und ist es weiterhin. Strassentheater und neuer Zirkus – beide teilen sich Festivals und Teile des Publikums – sind "Wachstumssektoren" und Exportschlager des französischen Kulturbetriebes. Nicht zuletzt daran dürfte es liegen dass die Lobby von Kulturministerin Trautmann erhört wurde. Starssenkunst wurde zu einem der beiden Föderschwerpunkte im Kulturhaushalt 1999. Da bedutet nicht reichtum für die Sznen, sonden nur die höchste Wachstumsrate im Budget, natürlich auf der dünnen Basis von 20 Mio Francs die 1998 aufgewendet wurden. 1999 gibt es 9 Mio Francs mehr. Das Strassentheater wid immer mit den staatlichen und kulturellen Institutionen in Konflikt stehen und braucht daher seienen eigenen Machtpole, sagt Michel Crespin, Gründer des Festivals von Aurillac. Doch heute balgt sich bereits das Kulturministerium mit den Städten, Gemeinden und Regionen, in denen die Festivals stattfinden, um Einfluss auf die Szene. Man kann das natürlich auch anders sehen. Staatliches Geld verringert die Abhängigkeit von lokalen Gemldgebern, die oft Schönwetterproduktionenn mit bravem Unterhaltungswert für ihre Bürger bevorzugen. Zuwenig Fortschritte habe es in den letzten vier Jahren gegeben, sagt Crespin. Nun endlich ändern sich die Dinge. Sechs in der Vergangenheit besonders erfolgreiche Kompanien wurden auserwählt und erhalten eine "Convention". Das sind Dreijahresverträge di Subventionen von insgesamt 1 Mio. Francs pro Kompanie garantieren. Die Fördersummen für die "kreativsten" Festivals wird erhöht, doch kreativ scheint vor allem gross zu bedeuten und bezeichnet die Mega-Feste von Aurillac und Chalon-sur-Saône.

    Erstmals werden auch Autoren gezielt gefördert. Denn auch im Strassenthater muss konzipiert und kreiert werden. Die Erhöhung des Budgets speist auch die inzwischen zehn "Fabrikationsstätten". Dort gehen Kompanien "en résidence" um neue Stücke zu erarbeiten. Zu ihren Gegenleistungen gehören öffentliche Proben und Begegnungen mit der Bevölkerung.   Die "Lieux de fabrication" und die 1998/99 in Residenz aufgenommen Kompanien (eine Residenz ist meist auf 2-3 Monate begrenzt und einige Kompanien ziehen von Stadt zu Stadt) :   Le Fourneau, Brest : Oposito, Générik Vapeur, Transe Express, Artonik u.a.   Friche la Belle de Mai, Marseille : Artonik, 26000 Couverts, Eclat immédiat et durable   Atelier 231, Sotteville-lès-Rouen : Residenzen für acht Kompanien in Planung   Chalon, l'Abattoir : Les Grooms, Utopium, L'Alama Givré u.a.   Aurillac (Festival d') : Délices Dada, Collectif Orrganum, OFF, ZUR u.a.   L'Avant-Scène, Cognac : Oposito, 26000 Couverts   Le Moulin Fondu, Noisy le Sec   Les Haras, St Gaudens   La Charcuterie, Chalon-sur-Marne   La Fabrique, Lille   Citron jaune, Port Saint Louis   Mairie, service culturel, Beauvais     Dieses Netzwerk bildet den Mittlbau. Der Unterbau, das sind jene Kompanien, die sich weiter von Werk zu Werk durchhangeln und immer wieder neue Beihilfen beantragen müssen; Den Oberbau bilden die Inssitutionen, dei entweder direkt vom Kulturministerium ins Leben gerufen wurden oder, wie Lieux Publics (höchste Rangstufe bisher: Centre National de Création des Arts de la Rue), das schon 1983 von Michel Crespin ins Leben gerufen wurde und die Friche la Belle de Mai beherbergt. Lieux Public wurde zum ersten Dokumletnationszentrum und Verleger in Sachen Strassenkunst.   

    Mediathek für die Strassenkunst  

    Am stärksten mit dem Kuturministerium verwachsen ist Hors les murs, eine professionell ausgestattete Anlaufstelle für ratlose Künstler oder datenhungrige Forscher in Sachen Strassenkunst und Zirkus. Hors les murs koordiniert auch die Ergüsse der debattierenden und schreibenden Zunft, in der sich langsam eine Gruppe von Spezalisten herausbildet, die in der Lage sind, Strassenkunst nach deren eigenen Gesetzen zu lesen und zu beurteilen. Anfang der 90er Jahre übernahm Hors les murs von Lieux Publics (Marseille) die Herausgabe von "Le Goliath", eines Jahrbuches mit Terminen und Infos zu Tourneen, Festivals, relevanten Gesetzen und Bestimmungen etc. Es folgte 1998 die Gründung von Rue de la Folie, der wohl ersten und einzigen Hochglanzdesignrevue der Welt, die sich ausschliesslich mit Strassenkunst befasst. Sie erscheint in französischer Sprache. Dagegen erscheint "Arts de la piste", eine Revue über Zirkus aller Epochen, seit 1996 zweisprachig französch/englisch.  

    Gross oder kreativ?  


    Falls die Ministerin tatsächlich "kreative" Festivals sucht, sollte sie statt auf europäischen Grossveranstaltungen eher dort vorbeischauen, wo künstlerische Leitung und Organisation in den Händen der Teams städtischer Theater liegen. Das bedeutet nämlich, dass dort das Festival Teil einer umfassenden Kulturarbeit ist, die das ganze Jahr über auf die Bevölkerung ausgerichtet ist. Stellvertretend für manche andere seien die Festivals von Cognac an der Charente (wo sonst?) und von Châtillon im Süden von Paris vorgestellt. Beide Festivals stellen ihr jährliches Programm in den Kontext einer Entwicklung über mehrere Jahre. Wie sollen denn auch die Mega-Fetivals von Chalon und Aurillac, abgesehen von der Bewältigung des Anturms, noch ein Konzept entwickeln? Das gilt umso mehr, als dort das "Off" vier Tage lang das Bild der Stadt bestimmt und par définition nicht zu organisieren ist. Den tausenden von Auftritten in Aurillac stehen ganze 25 Aufführungen in Cognac gegenüber. Ein "Off" existiert nicht. Solch überschaubare Grössenordnungen lassen sich trefflich steuern. In Cognac begann die Festival-Leitung (Martine Lézineau und René Marion) gezielt mit Aufführungen, die auf die Architektur der Stadt Bezug nahmen. In den folgenden Jahren wurde jeweils ein Viertel oder ein Park der Stadt heimgesucht. Das Festival trägt den namen Coup de Chauffe (Hitzeschub) in Anspielung auf die Cognac-Distillation. Das ist aus zwei Gründen nur zu verständlich. Denn erstens ist Cognac als solcher tatsächlich unwiderstehlich und zweitens wird das Festival auch von den örtlichen Produzenten Camus und, vor allem, Henessy finanziell und spirituos unterstützt. Und das trotz der Asienkrise, die dem 98%igen Exportprodukt den Boden unter den Füssen wegzieht. Doch stammen 90% des bescheidenen Budgets (1 Mio Francs) aus öffentlichen Etats. Coup de Chauffe betont bewusst jenen Volksfestcharakter, der inzwischen alle Festivals heimsucht, selbst dort wo noch Wert auf potentielle Subversion gelegt wird. René Marion dreht den Spiess um, richtet bewusst ein Fest aus und macht daraus eine subversive Tugend mit sozialem Emulsionseffekt. 1988 verlegte er Coup de Chauffe in das "sozial schwache" Betonburgenviertel Le Crouin, aus eigener Anschauung bis dahin nur den Bewohnern selbst bekannt. So wird das Festival zum Instrument um Ghettos aufzubrechen, wird zum Köder um Menschen in ihrer eigenen Stadt dorthin zu führen wohin sie sonst nie kommen würden. Das hat symbolischen Charakter und brachte zudem eine deutlich messbare Steigerung des Selbstwertgefühls im Viertel. Den Stolz darauf dass mit der Kompanie Oposito genau jene Künstler, die am 19. Februar Weimar als Europas Kulturhauptstadt einläuteten, am Fusse ihrer Betonklötze auftraten wird nur dadurch überhöht dass 28 Bewohner mit den Agitatoren von Metalovoice (TV-bekannt aus dem Yves-Saint-Laurent-Défilé der WM-Eröffnung) den musikalischen Vorschlaghammer schwingen durften und dass  60 Amateursymphoniker im Abschlusskonzert von Opositos "Transhumance" (Herdenwanderung) auftraten. 1999 wird Coup de Chauffe, nach drei Jahren Wanderschaft, am 3. und 4. September '99 zum Ausgangspunkt im Stadtzentrum zurückkehren und zwar, so hofft man, mit den Bewohnern von Le Crouin, um die Parks der Stadt in neues Licht zu setzen. Doch Coup de Chauffe wertet nicht nur die Bevölkerung und die Stadt auf. Die eingeladenen Kompanien werden von insgesamt 20.000 Zuschauern gesehen und verzeichneten 1998 nach ihrem Auftritt im Durchschnitt 12 neue Engagements. 

    "Kunst auf der Strasse"  

    In Châtillon laden Serge Noyelle und Pedro Garcia zu "Les arts dans la rue". Also nicht Strassentheater, sondern Kunst auf der Strasse. Der kleine Unterschied: in Châtillon sind bildende Künstler, Verpackungskünstler, Literaten und Agitatoren auf öffentlichem Pflaster ebenso gefragt wie Theater und Tanz. Denn das Publikum besteht, wie überall, zum grössten Teil bereits aus örtlichen und angereisten Kennern der Szene und Gewohnheit soll nicht aufkommen. Einfach aus dem Angebot der Kompanien auszuwählen reicht nicht mehr aus, um einem Festival Charakter zu geben und vor allem nicht, um sich dem Trend zum konsumierbaren Volksfest zu widersetzten. Das zweitägige Festival in Châtillon ist angetreten, die neu entstehenden Sehgewohnheiten wieder aufzubrechen und den Menschentyp "Strassentheaterkonsument" neu durchzurütteln. Eine dritte Variante bietet Sotteville-lès-Rouen. Das Festival Viva Cité setzt auf aktive Beteiligung, also Aktionskunst, und schickte die Besucher in orangenen T-Shirts und Helmen unter Leitung eines Stadthistorikers auf Besichtigungstour, organisierte den Wettbewerb "Unsere Stadt blüht orange" und liess in Vorschulen die Kinder orangene Skulpturen fertigen. (Warum was Christo nicht dabei? Hasst der orange???)   Zum Vergleich noch einmal die Dimensionen der Grossfestivals im letzten Jahr: Das "In" von Aurillac hatte ein Budget von etwa 5.5 Mio Francs, wovon 2 Mio Francs an die 12 eingeladenen Kompanien gingen (61 Auftritte). Im "Off" boten 315 Kompanien 1.343 Aufführungen. Die staatlichen Subventionen stagnierten seit 1996 bei 1.2 Mio Francs, die Stadt erhöhte ihren Beitrag von 1.4 Mio Francs 1996 auf 1.8 Mio Francs 1998. Aurillac schätzt sein Publikum auf 100,000 Besucher pro Tag, Chalon veranschlagt 80,000. Auch dort wird das Budget hauptsächlich von der Stadt getragen, die 1998 1.4 Mio Francs zu den insgesamt 4.0 Mio Francs beitrug.  0.8 Mio Francs kamen vom Kulturministerium. In Chalon ginge 50% des Budgets and die Künstler und 20% an technische Vorleistung für die Aufführungen, mehr als die 0.8 Mio Fancs die dafür in Aurillac aufgewendet wurden. Alle Festivals, besonders aber Aurillac und Chalon, sehen sich gezwungen, dem Ansturm des Publikums durch Grossaufführungen zu begegnen, die für eine möglichst grosse Menge sichtbar sein müssen. Das erspart Proteste frustrierter Zuschauer, so wie es Michel Crespin als Festvaldirektor in Aurillac widerfuhr als ein verärgerter Besucher, der wegen Andrangs eine (eintrittsfreie) Strassenaufführung nur randweise sehen konnte, erbost die Erstattung seiner Fahrtkosten verlangte (er habe schliesslich bezahlt). Strassentheater gibt's nicht ohne Risiko.

    Redaktion: Thomas Hahn

    1999-03-15 | Nr. 22 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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