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    Umzug – Aufzug – Durchzug

    „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, ist einer der uralten Gedanken, die immer wieder neu formuliert werden. Und er stimmt ja auch. Nur ist es schwer, eine richtige Mischung aus Tradition und Erneuerung zu finden. Das Kabarett Ost hatte da in den letzten 18 Jahren eine schwierige Zeit. Willkommen war es anfangs im Westen als Exot, doch dann sollte es dem Beitrittsgedanken folgen. Solokabarett und keine DDR mehr. Aber Kabarettisten sind auf Widerspruch programmiert. Sie fragten sich, warum soll das, was wir bisher so erfolgreich praktiziert haben, auf einmal nicht mehr gut sein. Sie versuchten zu modifizieren. Die einen verlegten sich auf Jux und Dollerei, und die anderen blieben beim Vergleich mit ihrem Leben in der DDR. Doch die niedrige Pointenfrequenz ist da ebenso eine Verlegenheitslösung wie das parodierte „Die Partei hat immer recht.“ Ob Kleinkunst politisch oder unpolitisch sein sollte, war die nächste Frage. Doch anfechtbar formuliert, ist jeder Gedanke, wenn er zu Ende geführt wird, politisch. Heute haben die Handschriften ihr Publikum gefunden. Nur sind sie mit den Kabarettisten älter geworden. Das gilt für Ost und West gleichermaßen. „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, nur wie?

    Und nun zur Überschrift: Umzug. Ein solcher steht der Leipziger Pfeffermühle bevor. Seit Mitte letzten Jahres steht es fest, das Kabarett muss aus dem Thomaskirchhof 16 ausziehen, weil das im gleichen Haus untergebrachte Bach-Archiv erweitert werden soll. Und öffentliche Gelder vom Bund fließen nur, wenn man über das ganze Haus verfügen kann. Die Stadt, der Vermieter, will bei der Aktion dem Kabarett wirtschaftlich nicht schaden. Sie will zusammen mit der Mühle nach Alternativen suchen. Aber die sind nicht in Sicht. Und die Zeit läuft davon, denn der Mietvertrag ist zum Jahresende abgelaufen. Eine letzte Frist endet Mitte des Jahres. Im Moment bewegt sich nicht viel. Man hat den Eindruck, die Stadt weiß nicht wohin mit der Pfeffermühle und die wartet erst einmal ab. Das wird nicht reichen, um der Situation beizukommen. Fest steht schon, dass der Umzug ohne eine Interimslösung nicht vollzogen werden kann. Etwas mehr Engagement wäre nicht schlecht. Die Leipziger Pfeffermühle ist immerhin nach der Distel das zweitälteste Kabarett im Osten.

    Aufgezogen wurde Mitte Januar bei Sanftwut eine Premiere. Neu war nicht nur das Programm, sondern auch der Umstand, dass Anke Geißler von den academixern auf der Bühne in der Mädler-Passage als Gast ein eigenes Programm vorstellt. Ob das eine pragmatische Entscheidung einer Freiberuflerin ist oder ein erster Schritt in Richtung Solokabarett, wird sich zeigen. „Gewonnen!“ heißt das Programm, und es handelt von einem Lottogewinn im Aggregatzustand des Gedankenspiels. Die Kellnerin Dorothee fragt sich: Was mach ich mit dem vielen Geld? Dabei kommt sie vom Hundertsten ins Tausendste, dann ein Lied, oder eine andere Figur taucht auf, und am Ende erfährt man, dass sie gar nicht gewinnen kann, weil sie den Einsatz für den Tippschein spart. Ehrlich bezeichnet Anke Geißler ihr Programm als Reprise. Es sind bekannte Nummern von Cornelia Molle, Robert Gries oder Tom Reichel, die in einen neuen Rahmen gesetzt wurden. Da steht schon mal was über oder eine Lücke wird sichtbar, das heißt, eine Geschichte mit einem Anfang, einer Entwicklung und einem pointierten Schluss wird da nicht erzählt. Darauf hat der Regisseur Holger Böhme offenbar auch weniger Wert gelegt als auf das Faible der Kabarettistin, das Figurenspiel. Und darin badet sie dann auch. Ihre Figuren sind aber eher durchgeknallte Typen oder Karikaturen als Charaktere. Die Heiterkeit im Publikum ist damit groß, nur tritt das Geschehen etwas auf der Stelle.

    Das dritte Stichwort ist Durchziehen. Und genau das macht die Dresdner Sängerin Anna Maria Scholz alias Annamateur – sie zieht momentan durch. Nachdem sie im Oktober den Cabinet-Preis bekommen hat, sind die Rundfunksender in der Republik auf sie aufmerksam geworden, ihr Auftritt in einer Weihnachtsshow in Winterthur hat die Nachfrage in der Schweiz geschürt. Die rustikale Frau mit großem Herz und feinen Sinnen hat eine Stimme, für die man Vergleiche suchen muss. Sie singt mal zart und verletzlich, mal bluesig aus der Seele, auch operettensoubrettelnd mit Augenzwinkern oder sehnsüchtig wie im Chanson. In ihrem Repertoire tauchen Namen auf wie Susan Vega, Tom Waits, Ray Charles oder auch Tamara Danz. In ihren eigenen Liedern zeigt sie sich als eine Frau, die die große Welt in alltäglichen Begebenheiten findet. Immer trifft sie den richtigen Ton präzise und bleibt dabei aber zugleich unverwechselbar Annamateur. Grandios. Soviel von der Szene Ost in einer Jahreszeit, in der Premieren eher selten sind.

    Redaktion: Harald Pfeifer

     

     

    Premieren

    25.03. academixer: „Degeneration“

    31.03. Die Arche: „Zwischen Ober- und Unterschicht“

    01.04. Die Kugelblitze: „Ungläubig“

    03.04. Herkuleskeule: „Die nackte Wahrheit“

    07.04. Brechke & Schuch: „Ich kann doch nichts dafür, dass es mir schmeckt“

    13.04. Leipziger Funzel: „EntMündigt und AusgeMerkelt“

    2007-03-15 | Nr. 54 | Weitere Artikel von: Harald Pfeifer





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