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    Vom STUTTGARTER BESEN bis „ENTSPANNUNG STEIGT“



    artbild_610_Sigi_GallNach vielen Comedy-Auftritten in der Gruppe spielt Sigi Gall zum ersten Mal ein Solo:
    Entspannung steigt“. Und damit hat sie im Theaterhaus Stuttgart unter der Regie von Jürgen von Bülow und Matthias Messmer einen Treffer gelandet. Mit dem Kunstgriff, als Klavierstimmerin von Sigi Gall auf die Bühne zu gehen, hat sie gleich die Lacher auf ihrer Seite. Frau Gall soll erst in zwei Stunden auftreten, und die Klavierstimmerin nimmt ihren Job sehr ernst. Sie hat auch die Befürchtung, dass ein Pianist wie Jamie Callum über die Tasten läuft und das sensible Instrument praktisch vergewaltigt.  Thematisch geht es um den genauen Umgang mit unserer Sprache, um verrückte Tupperparties, Gott und die Welt und vor allem um Musiker. Auch Wechseljahre, Alter und Tod werden inhaltlich gestreift. Das Stück wechselt zwischen ernsten Passagen mit intensiven emotionalen Momenten und guten Pointen. Beispiel: Sohn: „Wenn ich erwachsen bin, will ich Musiker werden!“. Mutter: „Beides geht nicht!“ Ein besonderes Highlight sind ihre Songs, die sie mit Intensität und Power vorträgt. Begleitet wird sie von Florian Tekale, der eigentlich nur zum Warmspielen für den offiziellen Auftritt auf die Bühne kommt. Aber Sigi Gall spielt nicht nur und singt, sondern macht auch in Erinnerung an ihre Kindheit skurrile Tänze, Ballett-Schritte, die ein Strich- männchen auf der Leinwand vorgibt. Dieser nonverbale Humor wird noch gesteigert, wenn sie zwischendurch mal kurz einen Elvis-Song parodiert. Aber auch mit dem Satz „Du kannst das nicht“ setzt sie sich künstlerisch auseinander. Hat schwarze Pädagogik nicht vielen von uns die Lust am Singen oder Spielen genommen? Nach dem Schlusssong, bei dem das Publikum swingend mitschnippt, gibt es viele Blumen und lang anhaltenden Applaus, der ihre Leistung zu Recht würdigt.


    artbild_250_Foto_Timo_KabelEbenfalls im Theaterhaus fand der alljährliche politische Aschermittwoch von Peter Grohmann unter dem Titel „Wetterleuchten“ statt. Diesmal wurden seine Texte von Salvatore Panunzio, Diethelm Busch und zwei weiteren Musikerinnen begleitet. Mal als Untermalung, mal als Zwischenmusik. Wie immer gab es aktuelle satirische Passagen, unterbrochen von mehr persönlichen Kommentaren, die zwischen Ernst und Humor hin und her schwankten. Das Publikum ging bei dieser Achterbahnfahrt gut mit. Grohmann hat das Theaterhaus mitbegründet und ist einer der bekanntesten Aktivisten gegen Stuttgart 21.


    Ein ausgefallenes Jubiläum gab es in Stuttgart mit dem 25. Stuttgarter Kabarettfestival, veranstaltet vom Renitenztheater, dem Theaterhaus, der Rosenau, dem Merlin und dem Laboratorium. Schon die Gala zur Eröffnung war mit Max Uthoff, Anna Mateur, Gernot Hassknecht und Sebastian Pufpaff im Theaterhaus ein Paukenschlag.

    artbild_610_Gewinner_Besen_
    Zu dem Festival gehört der „Stuttgarter Besen“ im Renitenztheater, ein Kabarettwettbewerb mit öffentlicher TV-Aufzeichnung. Jedes mal treten 8 KabarettistInnen und Comedians an, die  um die vier Preise zu kämpfen. Moderation machte wie in den letzten Jahren gekonnt und politisch aktuell Florian Schröder. Die Jury war mit Lisa Fitz, Intendant Sebastian Weingarten und Vertreterinnen regionaler und überregionaler Zeitungen und dem SWR gut besetzt. In diesem Jahr gewann der Jüngste unter den Anwärtern den „Goldenen Besen“, Martin Frank, der in Bayern auf dem Land groß geworden ist und seine ersten Erfahrungen in der Großstadt München satirisch verarbeitet hat. Den “Silbernen Besen“ gewann die Schweizerin Lisa Catena, die Einzige, die durchweg Politkabarett machte und natürlich auch die Unterschiede zwischen Schweizern und Deutschen treffend herausarbeitete. Den „Hölzernen Besen“ bekam das bekannte „Lehrerkind“ Bastian Bielendorfer, bei dem nicht nur beide Eltern auf seiner Grundschule bzw. seinem Gymnasium unterrichtet haben, sonder auch alle Onkel und Tanten diesen Beruf ergriffen haben. So konnte er mit treffenden Pointen und viel Realsatire bei der Jury punkten. Er hat auch schon mehrere hunderttausend Bücher zu diesen Themen verkauft. Den „Gerhard-Woyda-Publikumspreis“ gewann der Deutsch-Türke Özgür Cebe, der neben Privatem auch einen Schuss Aktualität mit seinen Hieben auf Trump und Erdogan im Programm hatte. Leer gingen Roberto Capitoni mit seinen Nummern über Italiener und Schwaben aus, ebenfall der Schweizer Michael Elsener, der unter anderem über die Fifa und über Sterbehilfe spielte. Der gelernte Sozialpädagoge Matthias Jung konnte mit Nummern über Teenager und einigen humoristischen Alltagssatiren die Jury nicht so überzeugen, genauso  wie das Duo „Suchtpotential“, das mit einem Lied über  diktatorische Führer dieser Welt, die so sind, weil sie zu wenig Sex haben, noch mal Girly-Power in den Saal brachte.

     

    Im Staatstheater lief das Stück „Chelsea Hotel“. Diese musikalische Revue lebt nicht nur von den exzellent gesungenen Songs , vom überzeugenden Spiel des Ensembles (Manuel Harder, Marietta Meguid, Hanna Plaß, Elmar Roloff, Birgit Unterweger, Max Braun, Joscha Glass, Johann Polzer), sondern auch vom Bühnenbild und den Kostümen. Mal erinnern sie an Kämpfer mit Visier oder Schweißerbrillen, mal an schrilles Outfit von Rockstars. Am auffälligsten war ein großes Hummermann-Kostüm. Ansonsten denkt man an die Sechziger und Siebziger Jahre, zwei alte Fernseher, auf denen die Akteure ebenfalls zu sehen sind, Couch, Sessel, ein Haufen Stühle, eine Badewanne, ein Plattenspieler. Neben Rezitationen lebt das Stück, das nach Motiven von Sam Shepards „Cowboy Mouth“ zusammengestellt wurde, vor allem von den Songs von Musikern, die in diesem Hotel gelebt und komponiert haben. Einstieg ist „All Tomorrows Parties“ von Velvet Underground. Aber auch Songs von Leonard Cohen (Chelsea Hotel 2), vom Nobelpreisträger Bob Dylan (Sad Eyed lady of the Lowlands und If you gotta go, go now) werden zu Gehör gebracht. Dazu Lieder von Ramones, Nico, Patti Smith und anderen. Oft in einer kräftigen Lautstärke. Das Publikum war gewarnt, vor dem Theatersaal wurden Ohrenstöpsel verteilt. Bei Balladen ging es dann aber viel ruhiger zu, wie bei der zweiten Zugabe „A case of you“ von Joni Mitchell. Ein gelungener Abend, immer wieder ausverkauft, den man gut auch zum zweiten Mal besuchen kann. Die Regie führte Sébastien Jacobi, die musikalische Leitung übernahmen Max Braun und Hanna Plaß.

     

    Trottoir war auch in diesem Jahr in Freiburg (29. Freiburger Kulturbörse) wieder vertreten. Am interessantesten am Montag war der Auftritt der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart. Ihre Themen und schwarzhumorigen Pointen ließen das Lachen in den Kehlen manchmal ersticken. Bitterböse karikiert sie Essgewohnheiten, Gott und die Welt. Freche, hochprofessionelle Moderationen zeichnen ihren Stil aus. Die Presse ist begeistert. Leider wurde sie nicht für die Freiburger Leiter nominiert. Nach einer Menschen- fresserstory beendet sie ihren Vortrag im Poetry Slam Stil. Eine echte Bereicherung für die deutschsprachige Kabarettszene!

     

    artbilld_250G._Woyda_S.Haymann_Einen Großen des deutschen Kabaretts haben wir verloren. Im Alter von 91 Jahren starb in Stuttgarter der Gründer des Renitenztheaters und langjähriger Leiter Gerhard Woyda. Seit 1961 hatte er mit Kabarett und anderen Kleinkunstformen das Publikum aus dem Großraum Stuttgart begeistert, manchmal auch bewusst verunsichert.
    Ihm waren nicht nur Inhalte wichtig, sondern auch die Form der Darstellung. Für die Hausprogramme schrieb er Satiren und komponierte viele Songs. Noch bis in seinen letzten Jahren trat er mit Matthias Richling auf, den er genau wie Thomas Freitag entdeckt hatte. Und diese beiden hielten bei der Trauerfeier Reden, die sowohl aus emotionalen Erinnerungen bestanden, aber auch mit Pointen aus der Zeit mit Gerhard Woyda gespickt waren. In gleicher Weise nahmen Künstler wie Ron Williams, Ines Martinez mit einem Text von Hanns Dieter Hüsch, und natürlich die Mitarbeiter des Theaters und viele Freunde, Kolleginnen und Kollegen von einem langjährigen Vorbild und Freund Abschied.


    Redaktion: Bruno Schollenbruch

    Bildnachweis:
    Gerhard Woyda Foto: S. Haymann 
    Peter Grohmann Foto: Timo-Kabel
    Stuttgarter Besen Foto: SWr/Tom Oettle


    2017-04-09 | Nr. 95 | Weitere Artikel von: Bruno Schoillenbruch



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