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    Was macht einen guten Walk-Act aus?


    Viele Komiker/-innen, Mimen und Clown/-innen bieten Walk-Acts an. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die leider häufig verkannt wird.

    Ein guter Walk-Act bedeutet mehr, als nur durch die Gegend zu laufen. Die meisten Künstler wissen das – doch die wenigsten Veranstalter denken daran. Für einen gelungenen Walk-Act braucht es bestimmte Voraussetzungen, sowohl von Seiten des Künstlers wie auch des Veranstalters.

    Clownschule Uli TammEin Walk-Act kann vieles sein: Es gibt fast völlig bewegungslose Statuen, riesige Stelzenfiguren, Close-up-Zauberer, Clowns, zunächst nicht erkennbare komische Kellner, visuell sehr ansprechende Eyecatcher, den energetischen Publikumsanimateur bis hin zu Figuren mit enormem Wortwitz. Ihnen allen gemein ist der Verzicht auf eine Bühne als Spielfläche.

    Ohne die unausgesprochene Verabredung „ Wir spielen auf der Bühne und das Publikum schaut uns zu“ gerät die Etablierung des Fokus ins Wanken. Das heißt, ohne den durch Sitzordnung und Beleuchtung vorgegebenen Fokus auf das künstlerische Treiben muss der Darsteller um Aufmerksamkeit kämpfen.

    Erschwerend kommt hinzu, dass Walk-Acts gerne dort auftauchen, wo kein kulturelles Programm erwartet wird und die Bereitschaft, innezuhalten und dem Dargebotenen einen Moment seiner Zeit, seiner Konzentration zu widmen, mitunter äußerst gering ist. Dem Darsteller muss es binnen Sekunden gelingen, Interesse an seiner Darbietung zu erregen und dieses zu erhalten.

    Denn so mobil der Walk-Act ist – die Zuschauenden sind meist ebenso mobil und stimmen mit den Füßen ab. Eine Herausforderung, die dem klassischen Bühnenprogramm in dieser Härte erst einmal nicht widerfährt.

    Ein weiteres Merkmal des Walk-Acts ist die Interaktion mit dem Publikum. Die Reaktion des Beobachtenden wird ins eigene Spiel aufgenommen und der Zuschauer wird dadurch zum Mitspieler. Das fordert ein hohes Maß an Flexibilität, Spontaneität und Schnelligkeit. Auch wenn ich einen noch so tollen Trick im Ärmel habe: Wenn es nicht passt, muss ich mir augenblicklich etwas anderes einfallen lassen. Soziale Kompetenz ist hier eine Grundvoraussetzung, denn schließlich muss ich mein Gegenüber dort abholen, wo es gerade ist, und auf angenehme, lustige Art mit in meine Welt nehmen. Und diese Welten können sehr verschieden sein ...

     

    Auftraggeber beraten

    Grundsätzlich ist es sinnvoll, dem Auftraggeber eines Walk-Acts eine Figur (oder mehrere) an die Hand zu geben, die sich thematisch in die Veranstaltung einpasst. Dabei sollten mehrere Punkte Beachtung finden: So zum Beispiel die Aufgabe der Walk-Act-Figur. Das heißt, findet das Event in einem Restaurant statt, so bieten sich natürlich Figuren mit Gastro-Bezug an, namentlich Kellner, Köche, Gäste, Sänger etc.; bei einem Business-Kongress können das Reinigungspersonal, Gastredner, Security-Leute sein. Von Vorteil ist es, wenn die Figur einen Grund hat, anwesend zu sein, also eine Aufgabe, die sie zu erledigen hat.

    Doch Vorsicht! Ein Beruf macht noch lange keine Figur! Das ist ein Punkt, der maßgeblich ist für die erheblichen Qualitätsunterschiede zwischen den Walk-Acts. Bei der Auswahl der Künstler/-innen ist es wichtig zu prüfen, ob es einen tatsächlichen Comedy-Charakter gibt oder ob es einfach nur ein Keller ist, der ein wenig Klamauk macht.

    Ein Beispiel:

    Ein Kommissar im Fernsehen wäre sehr eindimensional, würde er ohne eine eigene Persönlichkeit daherkommen und lediglich platt und gesichtslos ermitteln. Legendär allerdings wurden nur die Kommissare und Ermittler mit den unverwechselbaren Charakteren – Columbo, Monk, Miss Marple, Schimanski, um nur einige zu nennen. Das gilt für alle Figuren im darstellerischen Bereich, insbesondere im komischen Fach. Leider gibt es einen Trend, dass sich darstellerisch wenig Bewanderte mit Brillen und schiefen Plastikzähnen aus dem Karnevalsbedarf ausstatten und ohne künstlerische Arbeit an der jeweiligen Figur als „komische“ Kellner oder Hausmeister auf ihr Publikum losstürmen.

    Grundsätzlich kann eine stabile Figur alle möglichen Berufe ausüben; so könnten ein Atze Schröder oder ein Olaf Schubert als Kellner, Hausmeister oder Securityguard und auch in tausend anderen Berufen eine gute Figur machen. Das, was sie komisch macht, ist der Charakter, also die Art, wie sie kellnern, bewachen, scheitern etc. Gute Figuren bringen meist eine eigene Geschichte, eine komische Mission oder ein komisches Problem mit, dass mit dem Beruf nichts zu tun haben muss; die sogenannten negativen Eigenschaften sind eine Goldgrube für die Komik.

    Auf den Websites der Walk-Act-Anbieter kann man meist erkennen, ob die Figur Namen, Eigenheiten, charakterliche Vorzüge und Fehler hat oder ob es sich einfach nur um das Klischee des Kellners, des Fotografen oder der Putzfrau handelt.

    Besteht der Unterhaltungswert nicht in der Komik, sondern im Zaubern, der Wortakrobatik oder dem Stelzenlaufen, ist eine gut gearbeitete Figur natürlich wenig von Belang; hier interessiert in erster Linie die Qualität der dargebotenen Kunstfertigkeit.

    Wird eine Veranstaltung geplant, so sollte ein weiterer Punkt im Auswahlverfahren des Walk-Acts sein, festzustellen, wer das erwartete Publikum ist, wie viele Gäste kommen werden und welche Atmosphäre angestrebt wird.

    Bei einem Business-Kongress, zu dem der Gast im edlen Zwirn erscheint und wo Geschäftsabschlüsse angestrebt werden, unterstützt eine realitätsnahe, dezentere Figur das Geschehen sicher besser als eine schrille, laute. Diese ist eher am Platze, wenn im Getümmel eines „Tages der offenen Tür“ ein Glanzlicht gesetzt wird. Man soll sie schließlich gleich sehen und hören. Auf Messen, bei denen der geneigte Besucher einer wahren Reizflut ausgesetzt ist und wo häufig eine erhebliche Geräuschkulisse vorhanden ist, bietet eine visuelle Figur, die womöglich gar nicht spricht, wie zum Beispiel eine Baumfigur, eine für den Gast angenehme Möglichkeit, „in Ruhe“ zu schauen. Bei einer Familienfeier werden gerne volkstümlichere Comedy-Figuren gebucht, nicht zuletzt, weil mit ihnen die Wahrscheinlichkeit am Größten ist, dass alle, auch die Kinder, darüber lachen können. Und wenn es etwas poetischer werden soll, so empfiehlt sich die Pantomime.

    Liegt die Gästezahl bei 200 und weniger, ist es für den Walk-Act, besonders für den eher gesprächigen, interaktiven, wichtig, sich immer wieder zurückziehen und neu erscheinen zu können. Das Publikum wird so nicht überfrachtet, kann sich den Inhalten der Veranstaltung widmen und freut sich, wenn es eine neue Begegnung gibt. Es ist sinnvoll, den Auftraggeber auf diese kleinen Abwesenheits-Zeiten hinzuweisen, denn gerade beim Walk-Act ist weniger oft mehr. Manch ein Veranstalter mag denken „Den habe ich für 2 Stunden gebucht, soll er auch 2 Stunden arbeiten!“, doch ein 2 Stunden langer Walk-Act en bloc (bei kleiner Gesellschaft) könnte die Gäste überstrapazieren.

    Das Ziel einer Veranstaltung sollte (fast) immer sein, dass die Gäste sich wohlfühlen!

     

    Kassandra Knebel

    Coach für Walk-Acts und komische Figuren

    AdNr:1007

     

     

     

     


    2010-06-15 | Nr. 67 |





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