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    Wie viel Varieté braucht der Mensch?

    In manchen Wagen der Stuttgarter Straßenbahn findet man kurze, nachdenkenswerte Texte und Gedichte statt der sonst üblichen Werbung. So las ich auf dem Weg zur diesjährigen Absolventenshow „No roots“ der staatlichen Berliner Artistenschule, die im Rahmen der Sommer-Gastspiele im Stuttgarter Friedrichbauvarieté auftrat, die Zeilen von Friedrich Rückert: „Von deinen Kindern lernst du mehr als sie von dir: Sie lernen die Welt von dir, die nicht mehr ist. Du lernst von ihnen eine, die nun wird und gilt.“ Diese Zeilen fielen mir wieder ein, als ich (selbst etwa dreimal so alt wie die Absolventen) zu verstehen versuchte, welche Gedanken wohl zu den Openings und zu den Übergangsszenen zwischen den einzelnen Nummern geführt haben könnten. Da war viel zu spüren von Einsamkeit und Ratlosigkeit, vielleicht auch etwas von der Befürchtung, nicht gebraucht, nicht wahrgenommen zu werden. Ein Lebensgefühl derjenigen, die am Eintritt ins Berufs- bzw. Erwerbsleben stehen? Vielleicht; jedenfalls etwas gewöhnungsbedürftig in einem Programm, in dem es doch darum gehen sollte, dem Publikum das in vier Jahren Artistenschule Erlernte zu präsentieren. Ein „Abend voller Dynamik und Spielfreude, Witz und Charme, der die Bandbreite der klassischen Zirkus- und Varietédisziplinen widerspiegelt“ war angekündigt. Das wurde auch immer wieder erreicht, sowohl in den Einzelnummern als auch manchmal in den Zwischenszenen, Dennoch fühlte ich mich emotional immer wieder ausgebremst. Dass sich die jüngeren Zuschauer durch die angedeutete Perspektivlosigkeit eher in ihrem eigenen Lebensgefühl abgeholt und durch die dann folgenden artistischen Leistungen zu eigenen Taten angespornt fühlten, das bleibt zu hoffen.

    Clown TheaterNicht ausgebremst fühlte ich mich jedenfalls bei Martin alias Herr Benedict. Auch er scheint zunächst zu spät aufgestanden zu sein, bekommt in der Bahn mit Anzug und Krawatte und schwarzem Aktenköfferchen nur noch einen Stehplatz, hält sich aber bereits mit der anderen Hand in einer Halteschlaufe fest, die dann sehr schnell zum unteren Ende seiner Strapaten mutiert. Der scheinbar langweilige und schüchterne Beamte verwandelt sich in den kraftvollen Artisten und prägt sich so tiefer in das Gedächtnis ein als die artistisch ebenso leistungsstarken weiteren drei Luftnummern: Felix, ebenfalls an den Strapaten, Verena am Vertikalseil und Medea am Trapez. Weiterhin gab es zu bewundern : Pavel mit Bodenakrobatik, Fabio mit einer Kombination aus Keulen-Jonglage und Stabdrehen, Carlos mit Handständen und Sprüngen, Benno & Johannes mit Diabolos und Danilo, jüngstes Mitglied des Absolventenjahrgangs, aber schon dreifacher Deutscher Meister und Teilnehmer an den Sportakrobatik-Weltmeisterschaften, mit Handstand-Equilibristik. Einzig Katja alias Madame Putzick polarisierte mit ihrer etwas derben Comedy-Nummer, in der sie sich ziemlich übergangslos durch die verschiedenen Varieté-Nummern zappte, was zu etwas im Friedrichsbaupalast ganz Seltenem führte : zu ein paar kräftigen Buhs, aus jüngeren Kehlen übrigens.

    Die beiden anderen Gastspiele des Sommers im Stuttgarter Friedrichsbauvarieté waren eindeutig Musik-dominiert. Zwar sind die Herren von Tango Five (Veit und Gregor Hübner und Bobbi Fischer) auch begnadete Komödianten. In ihrem neuen Programm „Euroflott“, in dem sie den Weg von fünf Musikern aus dem nicht näher lokalisierten Osten in den goldenen Westen nachzeichnen, nehmen sie ihre Gags aber soweit zurück, dass man sich zwar gut unterhalten fühlt, aber noch deutlicher als früher wahrnimmt, was für hervorragende Musikanten da auf der Bühne stehen! Mit dabei und nahtlos in das Ensemble integriert sind diesmal Patrick Manzecchi und Fee Hübner, die singende Schwester von Veit und Gregor. Am 25. und 26. Oktober ist dieses Programm übrigens nochmals in Stuttgart im Theaterhaus zu erleben.

    „Wie ein Köter mit vier Beinen“, titelte treffend die Stuttgarter Zeitung, als sie versuchte, das Tangopaar Enrique y Judita zu beschreiben, das zusammen mit dem Sexteto Andorinha (Tango-Orchester) und Sergio Gobi (Gesang und Radiosprecher) sein Programm „Radio Tango“ im Friedrichsbau uraufführte. Die beiden, die auch privat ein Paar sind, betreiben in Stuttgart ein Tango-Studio, sind in Deutschland aufgewachsen, haben in Buenos Aires bei den alten Tangomeistern studiert und wurden 2006 in Buenos Aires im Stil Tango Salon mit dem Weltmeistertitel ausgezeichnet. Ein Gastspiel, mit dem der Friedrichsbau wieder einmal erfolgreich seine Bühne einem varieténahen, musikalischen, noch dazu lokal gewachsenen Programm öffnete.

    Wenn dieses Heft erscheint, läuft in Stuttgart bereits das neue große Herbstprogramm „Bitter Sweet“, durch das unter der Regie von Ralph Sun der preußische Zauber-Entertainer Hieronymus und der Travestiestar Tomasz führen. Hollywoodvamp und Diva Tomasz wird ab dem 26. Oktober von Frl. Wommy Wonder, der Nr. 1 auf dem Sektor Kabarett & Travestie in Baden-Württemberg, abgelöst. Für das Publikum wieder einmal die Gelegenheit, dieselben Artisten mit denselben Darbietungen in einem grundlegend veränderten Rahmen zu erleben! Seit seinem ersten Gastspiel 1998 im Friedrichbau nennt sich Wommy übrigens varietésüchtig. Frl. Wommy Wonders alljährliches, mehrwöchiges Sommergastspiel im Stuttgarter Renitenztheater hieß in diesem Jahr „Beflügelt“, nicht, weil er an seine Studienzeit (als Michael Panzer hat er erst katholische Theologie und dann Germanistik mit Schwerpunkt alte Sprachen abgeschlossen) erinnern wollte oder gar einen Engel zu spielen versucht hätte, sondern weil er sich von zwei ebenfalls studierten Pianisten im Wechsel begleiten lässt. Auch wenn er Chanson interpretiert, deren Texte nicht aus seiner Feder stammen, klingen sie doch so, als wären sie von ihm. Und man kommt gar nicht auf die Idee, sie mit der Urfassung zu vergleichen. Ja, das ist Bühnenpräsenz in Reinkultur. Das gilt natürlich auch für seine diversen Bühnenfiguren, wie die Maskenbildnerin Susi, die Garderobenfrau oder den Putzdrachen Elfriede Schäufele mit den beiden putzigen Drachen auf den Schuhspitzen. Da darf dann die neue Sissi-Kult-Nummer zum original Filmton schon einmal ein klein wenig schwächer ausfallen als in den vergangenen Jahren. Das tut der Stimmung keinen Abbruch.

    Aktualisierte Infos auf der Homepage: Frl. Wommy Wonder

    Schon am 3. und 4. Oktober ist Frl. Wommy Wonder mit einem „Best-of“-Soloprogramm erneut im TraumZeit-Theater in Backnang zu erleben. Auch Magier Harry Keaton kommt dort wieder: Am 24. Oktober mit „Liebeszauber“. Und zum 6. Backnanger Weihnachtsvarieté, durch das wiederum Hayashi zaubert (er moderierte in Backnang im vergangenen Jahr erstmals ein Varieté-Programm), Mario Danee mit komischer Artistik die Lachmuskel strapaziert und der Theaterdirektor als Michael van Reed eine Illusion beisteuern wird, haben sich 7 Schüler von der staatlichen Artistenschule Berlin angesagt, um vom 21. November 2008 bis zum 11. Januar 2009 ihre Nummern aus den Sparten Diabolo, Trapez, Kontorsion, Handstand-Partner-Akrobatik, Hula-Hoop und Antipoden-Jonglage vor dem verwöhnten und kritischen Backnanger Publikum auszuprobieren. Auch danach wird es wenigstens vorerst weitergehen im Backnager TraumZeit-Theater. Dank Sponsoren und über 60 Theater-Partnerschaften konnte die Schließung im Januar 2009 abgewendet werden. Die Backnanger Bürger scheinen also zu wissen, was sie für ein außergewöhnliches Theater in ihren Mauern haben.

    Im Jahr 2009 wird das Backnanger Angebotsspektrum in Richtung Kleinkunst erweitert werden. Einen Vorgeschmack gab es schon jetzt beim nach 2004 zum zweiten Mal durchgeführten Wettbewerb „Backnager Treppenwitz“. Den Eröffnungsabend bestritt außer Konkurrenz der Kölner Kalle Pohl mit seinem Soloprogramm „Kalles Kiosk“. Die von Gregor Oehmann entworfene Wandertrophäe nebst Geldpreis gewann diesmal der gebürtige Ostwestfale und Wahlberliner Volker Surmann mit Ausschnitten aus seinem Programm „Gescheiter scheitern“. Das Publikum durfte zum ersten Mal aus den insgesamt sieben Finalisten ebenfalls einen Preisträger wählen. Der Preis, verbunden mit einem Engagement-Angebot im TraumZeit-Theater, ging an Andrea Witschi aus der Schweiz.

    Redaktion: Manfred Hilsenbeck

    AdNr:1096, ArtNr:1082      

    2008-09-15 | Nr. 60 | Weitere Artikel von: Manfred Hilsenbeck





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