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    Wo Berge sich erheben

     


    Der Titel dieses allseits beliebten Volksliedes ist nicht zufällig gewählt. In der Schweiz erheben sich nun mal Berge zum Himmel, und die führen den Blick in die Höhe statt in die Weite. So kommt es, dass bei uns viele Politiker, Wirtschaftskapitäne, Bürokraten und noch so mancher nicht ein Brett vor dem Kopf haben, sondern eine Felswand. Auf jeden Fall lässt sich das Debakel um die Landesausstellung 2001, die nun zu einer Expo 02 verschoben worden ist, nicht anders erklären. Vor allem Künstlerinnen und Künstler, im weitesten Sinne Kulturträger hätten auf den Arteplages im Seeland (kleine künstliche Inseln im Bieler-, Neuenburger- und Murtensee) zu Worte kommen sollen. Doch sie finden nicht die gleiche Sprache wie die Leute, die das Sagen haben, allen voran der für die Wirtschaft zuständige Bundesrat Pascal Couchepin. Protzig kehrt er den Chef heraus und verkündet lauthals, er sei der Boss, und hierzulande sei es immer noch üblich, dass nicht die Untergebenen befehlen. Nun, da haben wir’s: Aus ist’s mit der freien Schweiz! Untertanen sind wir geblieben! Nur andere Landvögte haben wir bekommen. Und Jahrzehnte lang haben wir’s nicht gemerkt.

    Ob es eine Expo 02 wirklich geben wird, ist im Moment noch schwer zu sagen. Die Auflagen des Bundesrates sind schwer zu erfüllen, die Hürden hoch. Im Weiteren steht die Leitung auf wackligen Füssen. “Viele Köche verderben den Brei”, sagt ein Sprichwort. So verlassen wir uns denn lieber auf die vielfältige Kunstszene, die es in der Schweiz auch ohne Nabelschau gibt. Sie bringt immer wieder hervorragende Künstler auf die Bühne, auch wenn diese nicht mit der Unterstützung durch den Bund und die Kantone rechnen können.

    Die acapickels, Expertinnen für Stützstrümpfe, Wetthäkeln, Badezimmer-Intimitäten und quellfrischen A-cappella-Gesang, sind wieder mit einem neuen Programm auf Tour, nun mit der “Homestory”. Sie sind zwar aus der WG ausgezogen. Doch ohne Mobiliar können sie nun noch hemmungsloser häkeln und sich unglücklich verlieben. Die vier heart-chor-Mauerblümchen brauchen nichts, - nur sich selbst und einander. Dazu ihre Handtaschen, Hüte, Deuxpièces und natürlich – ihre Einkaufswagen. Die verschaffen die nötige Mobilität. Das dritte Programm blocht nach wie vor Politiker vom Parkett. Doch vorwiegend tuschelt das schrille Quartett über intimste Sorgen und Nöte. Wie eh und je. Nur noch hemmungsloser. Ob gesteppt oder gesungen, ihr offenherziges Badezimmergeflüster wirbelt jeden Hormonspiegel durcheinander. Ihre Einlagen sind kabarettistische Leckerbissen. Für den Frühling gibt’s übrigens nur noch wenige Programmtermine. Aus persönlichen Gründen schalten die vier Damen zwischen Mitte April und Mitte September 2000 eine Tournee-Pause ein. Anschliessend sind sie aber wieder voll für das Publikum da.

    Kürzlich war im Basler Teufelhof-Theater Premiere des neuen Stückes “High Nanny” von Fatal dö, einem spitzbübischen Kabarett-Duo, bestehend aus den beiden Damen Rosetta Lopardo und Ursula Portmann. Sie konfrontieren die Zuschauer erneut mit Einsichten und Ansichten zum Thema “Kinder, Küche, Karriere”. Auf gewohnt fatale Weise natürlich: Sehr frech und sehr weiblich. Als Outfit benützen sie typisch männliche Macho-Attribute: Lederhosen, Cowboy-Hut, Staubmantel und Colt in Wildwest-Manier. Mit beissendem Spott, gepfefferter Überspitztheit und charmanter Unverblümtheit provozieren sie eine satirische Gegenwelt. Freilich nicht, ohne sich auch über das eigene Geschlecht lustig zu machen.

    Ein neues Programm stellt auch Hans Suter vor. Nach seinen erotomanischen Milieugeschichten erzählt er nun aus dem Alltag des schweizerischen Durchschnittsbürgers. Ein körperbewusster Sozialarbeiter arbeitet mit einer Aktivierungstherapeutin an der Beziehung. Rasenmäher und Hunde fehlen nicht in seinen zubetonierten Überbauungen. Immerhin hat er auch Ideen und Vorschläge: Autobahn-Magerwiesen, wo seltene Flora und Fauna gedeihen; verbotene Spielautomaten und erlaubte Casinos zur Sanierung der Bundesfinanzen; Emissions-Zertifikate zur Finanzierung des Holocaust-Fonds und dergleichen mehr. Der Titel seines Programms: “sischwiesisch” oder zu Deutsch “ Es ist, wie es ist”.

    So wie es ist, ist es leider auch mit dem Pfannestil Chammer Sexdeet. “Schotter – ein Stück Abend” wird Ende Januar zum letzten Mal zu sehen sein, und so auch die jetzige Besetzung des sehr beliebten Musikkabaretts. Simon Hostettler (Gesang, Piano) wird für ein Jahr nach New York gehen, wo ihm die Stadt Bern ein Atelier zur Verfügung stellt. Peter Rinderknecht (Gesang, Kontrabass) wird sich einem Theaterprojekt widmen. Immerhin bleibt mit Res Wepfer (Gesang, Gitarre, Komposition und Text) der Kopf bestehen. Er probt bereits mit einer anderen Formation. Das neue Programm und das neue Ensemble stellen sich im März bereits dem Publikum vor.

    Neue Produktionen gibt es auch von Tritonus (“Papierstau”, Musikkabarett über den Milleniums-Bug), Singtonic (“blütenweiss & bügelfrei”, ein musikalisch-spritziges Waschprogramm), Peter Hunziker (“3 x Schwarzer Kater”, schwarz-weis[s]e Humoritaten nach Literaturtexten) und Klappvox (Ensemble für szenische Musik).

    Zum Schluss erwähne ich gerne die aktuelle Produktion von Full House. “Schwindel-Erregend” ist ein clowneskes Stück, das die besten Elemente von Theater und Film derart kombiniert, dass daraus eine neuartige Kunstform entsteht, das “Live-Kino. Dank atemberaubenden Kletterszenen, hervorragenden “Special-Effects”, hautnahen Liebesszenen und visueller Komik erlebt man Theater wie im Film. Man geht mit auf eine Schwindel-Erregende Gratwanderung, womit sich auch der Kreis zum Titel dieses Beitrags wieder schliesst. Aber eben - wie man weiss, können auch friedliche Berge Gefahren bergen...

     

    Redaktion: Peter Niklaus
    1999-12-15 | Nr. 25 | Weitere Artikel von: Peter Niklaus





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