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    Zauberei zwischen Theater und Comedy

    So spielt das Leben: Da habe ich hier das letzte Mal noch über das neue Programm von Anam Cara mit dem schönen Titel „Backstage" geschrieben und nun musste ich erfahren, dass es dieses Duo (Christoph Borer und Michel Gammenthaler) bald nicht mehr geben wird! Anlässlich eines Seminars für den Ortszirkel Koblenz des Magischen Zirkels von Deutschland erzählten sie, dass Michel demnächst Vater wird (herzlichen Glückwunsch!) und sich deshalb mehr seiner Familie widmen möchte. Da die beiden immer sehr hohe Ansprüche an Ihr Zusammenspiel hatten und dafür keine Zeit mehr sein wird, werden sie schweren Herzens ihre Zusammenarbeit ruhen lassen. Deshalb möchte ich hier die wahrscheinlich letzte Gelegenheit ergreifen und noch ein paar Worte über dieses ungewöhnliche Duo und seine Produktionen verlieren.

    Anam Cara – das Wort stammt übrigens aus dem Keltischen und bedeutet soviel wie Seelenfreund – war nach meinem Dafürhalten der einzige ernstzunehmende Versuch im deutschen Sprachraum, die Zauberkunst zu einer Theaterkunst zu machen. Ob sie daraus auch ein „theatrales Erlebnis" gemacht haben, wie es ihre Werbung versprach, soll hier einmal dahingestellt sein, aber Theater haben sie wirklich gemacht. Allerdings war das wohl nur möglich, weil es sich eben um ein Duo handelte, wodurch erst richtige Dialoge möglich wurden. Die Soloprogramme anderer Künstler als Ein-Mann-Stücke zu bezeichnen, erscheint mir immer etwas hoch gegriffen, auch wenn diese im Theater aufgeführt werden. Für mich ist aber auch nichts gegen ein schönes Soloprogramm einzuwenden, denn die Illusionskunst steht für sich selbst und muss nicht unbedingt zu einer Theaterproduktion werden. Das sehen Anam Cara allerdings ganz anders und erhoben deshalb für sich selbst und (leider) auch für andere oft sehr dogmatisch sehr hohe Ansprüche. Vom ersten zum zweiten und leider auch letzten Programm der Beiden gab es gerade in dieser Hinsicht eine deutliche Entwicklung mit positiver Tendenz. Hatte die Story des ersten Programms noch deutliche Schwächen, so stimmte bei „Backstage" fast alles. Da ich beim letzten Mal dieses Programm schon sehr gelobt habe, sei mir nun noch die Formulierung des einzigen Einwandes gestattet, den ich dagegen hatte: Mir war die Rolle des Publikums dabei nicht ganz klar. Sollte sich der Zuschauer wie der Teilnehmer einer herkömmlichen Zaubervorstellung verstehen (dagegen sprachen Bühnenbild und die Dialoge der Beiden) oder handelte es sich bei den Zuschauern um ein richtiges Theaterpublikum (dafür wurde es aber zu oft direkt angesprochen und einbezogen)? Möglicherweise ist dieses Problem gar nicht zu lösen, was dann aber gegen die Zauberei als reiner Theaterkunst sprechen würde. Mir persönlich wurde hier jedenfalls der Brechtsche Verfremdungseffekt viel zu stark strapaziert. Leider werden wir nun nicht mehr erfahren, wie das nächste Programm von Anam Cara ausgesehen hätte, aber dafür durften wenigstens die Zauberer noch ein Seminar der Beiden erleben, das durch ihr perfektes Zusammenspiel überaus unterhaltsam und lehrreich wurde. Nun hoffen wir auf die entsprechenden Soloproduktionen von Michel und Christoph ...

    Völlig anders ist das Programm von Eckart von Hirschhausen, den ich mit „Filetspitzen" in der „Blauen Biwel" in Koblenz erleben durfte. Dabei bin ich mir bei ihm gar nicht mehr sicher, ob ich überhaupt für ihn zuständig bin, denn die Zauberei kommt nur noch am Rande vor. Da Eckart aber vom Zaubern herkommt und dies auch nicht leugnet, erkläre ich mich einfach mal für zuständig, zumal ich seine Entwicklung (Karriere klingt immer so kommerziell) fast von Anfang an begleiten konnte. So erhielt ich bereits 1993 einen Anruf vom Zeltvarieté „et cetera", wo er damals zusammen mit dem hervorragenden Clown Felix Gaudo durch das Programm führte. Dieser Anruf führte zu einem Artikel für die „Magische Welt" und brachte ihn auf deren Titelseite. Danach sah ich ihn bei den deutschen Meisterschaften 1996 in Dresden gewinnen und ein Jahr später bei den Weltmeisterschaften am gleichen Ort ausscheiden, weil er die Zeit überschritt und auch ein zu gutes und damit zu kompliziertes Englisch für dieses internationale Publikum sprach. Zwischenzeitlich schloss er sein Medizinstudium ab, promovierte in Kinderpsychiatrie und begeisterte mich noch einmal völlig als Conférencier einer Zaubergala in Köln. Dort trat er schon mehr als Comedian denn als Zauberer auf und diese Entwicklung scheint sich nun weiter fortzusetzen – auch mit dem Think Theatre, über das ich ebenfalls beim letzten Mal berichtete. Allerdings scheint er mir auch die Rolle des Comedians in Richtung Kabarett zu überschreiten, denn „Filetspitzen" enthält einige Passagen, die weit über den leider oft so niveaulosen Comedybrei hinausgehen, der uns so oft serviert wird („Das war der politische Teil, es wird gleich wieder lustig"!) Im Gegensatz zu Anam Cara hat Eckart aber keinen feststehenden Text, sondern improvisiert sehr viel (manchmal vielleicht sogar zuviel) und entscheidet konkret auf der Bühne, was als nächstes kommt. Das Stilmittel ist ganz bewusst bei Dieter Hildebrand entlehnt und passt gut zu Eckart von Hirschhausen. Nur muss man damit sehr dosiert umgehen, sonst hat der Zuschauer plötzlich das Gefühl, hier sei gar keine Struktur mehr im Programm und der Künstler müsse tatsächlich nach den richtigen Worten suchen. Mir scheint sich hier ein sehr interessanter neuer Comedycharakter zu entwickeln, für den ich aber vielleicht schon beim nächsten Programm wirklich nicht mehr zuständig sein werde, denn da geht es mehr um Medizin als um Zauberkunst. Aber wenn Eckart auf diesem Niveau bleibt, dann soll mir auch das recht sein!

    Zum Schluss – wo sind nur wieder die Zeilen geblieben? – möchte ich noch auf die Deutschen Meisterschaften vom 3. bis 5.10.2002 in Leverkusen hinweisen. Die Vorbereitungen laufen auf vollen Touren, das „Forum" ist ein bewährter und sehr schöner Kongressort und das Programm scheint toll zu werden. Ich halte Sie weiter auf dem Laufenden und das nächste Mal geht es um die eigentlich für heute vorgesehenen neuen Romane über die Zauberkunst. Bis dahin bin ich Ihr/Euer

     

    Andino ( Dr. Andreas Michel)

     

    2002-06-15 | Nr. 35 | Weitere Artikel von: Dr. Andreas Michel





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