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    Zurück zur Politik …

    Jean-Marie Maddedu, Gründer von Les Piétons (die Fussgänger) ist u.a. a Gender-Spezialist. Zu seinen grössten Erfolgen gehörte ¨die Männerbrigade der Strassenfeger von Corps de balai international. Später folgte „Les Piétonnes". Das Publikum sass im Kreis, die Fussgängerinnen wurden von Männern gespielt. Den Kreis nimmt Maddedu jetzt wieder auf, wenn auch mit einer völlig anderen Arbeit, gereift und mit politischer Aussage. „Jardin de femmes" ist Strassentanztheater. «We are twelve angry/crazy/lovely women» skandieren bis singen die zwölf Tänzerinnen und Choreografinnen aller Farben, Kontinente und Sprachen. Von der Geburt bis zum Trauerzug, über Strandposen und Kriegsterror bis zur Parodie auf vulgäre Anmache spielen und tanzen die weiblichen Apostel (Clown-Guru Maddedu bedient Schlagzeug und Klangmaschinerie) das Bild der Frau, so wie es real aussieht und so wie es die Konsumgesellschaft vorspiegelt. Bewegend ist schon der Anfang wenn zwölf mal vier Porträtfotos gealterter Frauen in schwarz-weiss an eine Leine geklammert Karrussell fahren. Trotz Protestes gegen Vergewaltigung etc.  ist der „Frauengarten" eher eine getanzte Komödie in welcher Art brut und Béjart eine frech-bunte Ehe eingehen.

    Eine gebückte Rentnerin in schwarz stochert zwischen den Autos, mitten im Durchgangsverkehr. An ihrer Leine eine Art Hund, leblos und bereits platt gewalzt. Die Alte ist todesmutig und dem Einkaufsverkehr droht der Herzinfarkt. „Journées Rose" heisst das Programm von Caroline Amoros alias Compagnie Princesses Peluches. Rose bleibt mehrere Tage in der Stadt und man gewöhnt sich an ihre Erscheinung. Doch eines Morgens rätseln Passanten über eine Inschrift auf dem Strassenpflaster die einen rassistischen Folterakt in England beschreibt. Sie stammt von der Aktion in der Rose die Schandtat mit kleinen Plüschbären symbolisierte. Vielleicht sah man sie auch in einem Salatbeet mitten in der Stadt Zeitungstitel aushängen. Auch in England selbst und in Belgien haben schon „Journeés Rose" stattgefunden. Wer sonst im Strassentheater bietet heute so gelungene politische Performance im Low-Budget-Format an?

    Métalovoice sind nicht weniger engagiert, doch ihr Format wiegt wesentlich schwerer. In „La Presse, oratorio industriel" beweisen sie nicht nur politischen Willen, sondern auch die Fähigkeit sich selbst zu korrigieren. Noch im Sommer traten sie mit Streichern an und versuchten, ihr harten Rhythmen in Harmonie zu versüssen. Doch schon im September, auf „Coup de Chauffe" in Cognac, waren sie wieder auf Metallo-Kurs. An ihrem Raumschiff mit den vielen Videomonitoren änderten sie zum Glück nichts. „La Presse" skandiert das Recht auf grossartige Träume, proklamiert Denk- und Redefreiheit sowie die zerpressten Utopien des 20. Jahrhunderts. Und plötzlich war sie wieder da, die Energie in der Métalovoice Poesie und Industrie zu verbinden verstehen.

    ... hinein in die Wohnviertel ...

    ... mit KompleXKapharnaüm – ein „lokales Strassen-TV." Zwei Wochen lang interviewen und filmen sie die Einwohner in deren Wohnzimmern. Am Abend des Umzuges stehen diese zum Teil auf ihren Balkonen und grüssen. Ihre Wohnungen sind in farbiges Licht getaucht. Die Interviews werden auf Häuserwände projiziert. Der Wagen, der den Umzug führt ist vollgestopft mit Rekordern, Projektoren, Computern und Kabeln. Komplex aber ohne Chaos. Im Gegenteil, die ästhetische Linie wird hart verteidigt, aus den Wohnblocks werden lebendige Lichtskulpturen. Und mancher der hinter dem Wagen herläuft, ruft erregt zur Musik:" Das war ich!"  Die Interviews fasern nicht in Sozialarbeit aus, doch Mancher „schüttete sein Herz aus" in Sotteville bei Rouen zum Festival Viva Cité. So verbindet sich moderne Technik mit den Ideen von neuer (alter) künstlerischer Freiheit auf der Strasse.

    ... und mit der Kompanie L'Elephant vert ! Vier futuristische Fantasy-Ritter, stellare Kreuzfahrer oder was auch immer in schwarzen Arbeitsanzügen, behängt mit allerlei technischen Apparaten, verwunderten in Sotteville die Bewohner eines Wohnblockes. Dank elektronischer Wünschelruten beherrschen sie die Magie, aus Klängen Wurfgeschosse zu machen. So bewerfen sie sich mit akustischen Kühen, Flugzeugen, Eiern, Schafen oder auch "Vive la France!" von denen die meisten ihren Empfängern im Hals stecken bleiben und konvulsivischen Schluckauf verursachen. Auch für die Zuschauer gibt es Möglichkeiten, mitzuspielen. Dass „Faunèmes" Klänge zerlegt, sagt schon derTiltel. Es ist ein der unterhaltsamsten, originellsten Deambulationen der letzten Jahre.

    ... und Feuer frei !

    Leicht verlaufen hat sich in Cognac die Compagnie Carnavires. „Les Illumineurs" ist eine Parade mit Feuerwerk und Musik, ein diabolischer Tanz dargeboten wie ein archaisches Ritual aus einer Art Unterwelt und dennoch kein Halloween-Kitsch. Phonstärke, die exzellente Bemalung der Gesichter, die Kostüme, Knallfrösche etc. und die manchmal rasend schnelle Bewegung des Zuges – es ist alles da um den Zuschauer in Atem zu halten und den buchstäblichen Lauf zum Abenteuer werden zu lassen. Eine der wenigen überzeugenden, spannenden Paraden. Allein, beim „Coup de Chauffe" in Cognac wurden sie vom Erfolg auf dem falschen Bein erwischt. Der Zug wälzte sich durch viel zu enge Strassen der Wohnviertel und von den (nie erwarteten) 6.000 konnte nicht einmal ein Zehntel die Schönheit der satanischen Tänze geniessen. Frust auf allen Seiten. Und man muss sich fragen ob breitere Strassen das Problem gelöst hätten. Auch wo der Zug auf weiterem Pflaster für ein Pyro-Intermezzo Halt machte, standen Tausende aussen vor. Die „Erleuchter" sind ein grosses Erlebnis, nur als Abschluss oder Höhepunkt eines Festivals einfach zu intim. Eine Gefahr der beim „Festival d'Aurillac" die Kompanie Oposito mit ihrer neuen Parade geschickt auswich. „Les Trottoirs de Jo'bourg' (beruhend auf Erinnerungen an drei Jahre Arbeit mit der Bevölkerung in Johannesburg, u.a. für die Eröffnung der Panafrikanischen Spiele) zogen sie als Weckruf am frühen Morgen um 5h30 durch die Stadt.

    Als pyrotechnisches Superspektakel in der Vertikale (im Unterschied zu den sich horizontal bewegenden Paraden) ist „Babel" von Théâtre Attrape eine Alternative zu Groupe F mit ihrem kongenialen „Un peu plus de lumière" dessen weiss-gelbe Licht- und Feuerorgie auch ein Olymiastadion verzaubern würde. Die Brüsseler Kompanie Théâtre Attrape platziert dagegen 20 Perkussionisten und Sänger auf einem Gerüst aus vier Etagen. Die Musik klingt mal nach Meredith Monk, mal nach Burundi Drummers und bietet grosse Momente, wenn man sich auch insgesamt bei so vielen Händen und Stimmbändern vielschichtigere Kompositionen erhoffen dürfte. Interessanter als der jazzige Singsang bei Groupe F ist sie allerdings. Und die Pyro-Effekte in „Babel" sind nicht nur originell und überraschend, sondern sie sollen sich vor allem mit der Musik konzertieren und mit der Lichtorgie zusammen ein Gesamtkunstwerk schaffen. Und das Versprechen ist längst nicht so leer wie man vermuten könnte. Es gelingen innerhalb der sechzig Minuten einge wirklich euphorisierende Bilder. „Babel" ist im Grunde nichts anderes als eine zeitgenössische Variante der Versailler Musik- und Lichtorgien unter Louis IVX. Dank des kleinen Festivals „Cergy soit!" konnte „Babel" am 22. September aufgeführt werden. In Deutschland wäre es zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich wegen ostentativer Schönheit abgesetzt worden.

    Abgesetzt werden in Australien ganz einfach die Stars des Strassentheaters, Strange Fruit  Trottoir 32, S. 52). Ab 2002 wird ihnen jegliche staatliche Förderung gestrichen. Anscheinend ist es der Regierung wichtiger, ihre Kühe gegen das Rülpsen zu impfen (das tun sie wirklich!). Verstehe wer will.

     

    Redaktion: Thomas Hahn


     

    2001-12-15 | Nr. 33 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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