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    100 Jahre Kabarett

    Was haben Friedrich III. von Brandenburg und das deutsche Kabarett gemeinsam? Das Datum! Das ist mitnichten Zufall, sondern hat einen guten bzw. schlechten Grund. Am 18.Januar 1701 kürte sich Friedrich in Königsberg zum König in Preußen. Darauf nahm die deutsche Reichsgründung am 18. Januar 1871 in Versailles Bezug, und als der konservative Schriftsteller Ernst von Wolzogen 1901 in Berlin sein „Überbrettl“ eröffnete, wählte er dafür ebenfalls den 18. Januar. Das Überbrettl blieb nicht lange allein. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten schossen in Berlin, München, Wien und anderswo die Kleinkunstbühnen wie Pilze aus dem Boden. Alle diese Bühnen hatten aber Vorläufer und Vorbilder, die am Ufer der Seine in Paris zu finden waren. Im Montmartre wurde am 18. November 1881 das Cabaret „Chat noir“ gegründet und vom Miauen dieser schwarzen Katze und ihrer Nachkommen haben sich die deutschen Gründungsväter anstecken lassen. Folgerichtig sind die ersten Plätze der eindrucksvollen und umfangreichen Dokumentation Da machste was mit … – 100 Jahre Kabarett (Bear Family BCD 16901, 16902, 16903, 16904; 4 CD-Boxen à 3 CDs, 287 Tracks, ca. 16 Stunden, umfangreiche Infos) Aristide Bruant und Yvette Guilbert (Aufnahmen 1884/1885 bzw. 1890), zwei Urviechern des französischen Cabarets, vorbehalten; dann erst folgt der Herr von Wolzogen. Auf 12 CDs wird die Geschichte des deutsche Kabaretts nachvollzogen, von ihren Anfängen bis in unsere Tage: ein einmaliges Mammutprojekt. Fast 300 Titel werden vorgestellt, zu jedem gibt es eine Extraseite mit Informationen im Booklet. Dieses Riesenwerk haben Volker Kühn und das Label Bear Family vollbracht, die auch in der Vergangenheit schon manch außergewöhnlich umfangreiche Dokumentation zusammen produziert haben. In der ersten Box wird die Frühzeit des Kabaretts vorgestellt, von 1901 bis 1933. Auf der 1. CD erlebt man die ersten Schritte dieser 10. Muse, wie sie Wedekind, Waldoff, Valentin, Reutter, Käthe Dorsch, Roda Roda oder Fritz Grünbaum küsste. CD 2 und 3 dokumentieren dann die tollen Zwanziger mit einer legendären Hochzeit des deutschen Kabaretts, und das heißt des deutschsprachigen Kabaretts. Die Verbindungen der Kleinkunstszenen von Berlin, München und Wien waren gegeben und strahlten bis Prag und Budapest aus. Wer zählt die Sänger, nennt die Namen: Hesterberg, Ebinger, Kühl, Lion, Hase und die Herren Bois, Hansen, O’Montis, Weinert, Busch oder Platte, die u. a. vertreten sind. 1933 ist Schluss mit lustig. Den Nazis ist das Kabarett zu Recht suspekt. Künstler, Linke und Juden werden in die Ecke gedrängt (Waldoff und Valentin), verfolgt, vertrieben, eingesperrt und umgebracht. Es gibt nur wenig Kabarett in den Jahren von 1933 bis 1945, die Katakombe des Werner Finck und das Kabarett der Komiker sind Ausnahmen, die unter ständiger Gefährdung agieren. Im jüdischen Kulturbund gab es noch ein wenig Kabarett, in den KZs, und die Nazis versuchten für ihre Zwecke Komiker einzubinden, wie z. B. Weiß Ferdl oder das Duo Tran und Helle (Jupp Hussels und Ludwig Schmitz). CD 4 dokumentiert das Kabarett unterm Hakenkreuz. Viele Künstler, die ins Exil getrieben wurden und von dort mit ihren Mitteln gegen die Nazis arbeiteten, sind auf CD 5 zu hören, z. B. Muliar aus Wien und London, Therese Giese mit der Pfeffermühle, Erika Manns aus Zürich, Dor Paulsen aus den Niederlanden, Annemarie Hase aus London, Erich Weinert aus Moskau und Karl Farkas und Oskar Karlweis aus den USA. Die Aufnahmen stammen z. T. von Rundfunksendungen, die während des Krieges für deutsche Hörer ausgestrahlt wurden. Unmittelbar nach Kriegsende fanden sich sofort wieder alte und neue Kollegen zusammen, um erneut Kabarett zu machen, wie auf CD 6 zu hören ist. Die Münchener Schaubude (mit Ursula Herkings), das Düsseldorfer Kom(m)ödchen und in Berlin die Insulaner um Günter Neumann waren Nachkriegsgründungen, die auch heute noch bekannt sind. Es fällt auf, dass die Auseinandersetzung mit dem vergangenen Naziregime hinter tagesaktuellen Fragen zurücksteht. Die gegenwärtige Not war wichtiger als die Fehler der Vergangenheit. Mit dem Wirtschaftswunder der Fünfziger und Sechziger steigt wieder das Selbstbewusstsein der Deutschen und das Kabarett beginnt frecher zu werden, wie CD 7 belegt. Neue Namen tauchen auf, Neuss und Müller, Kreisler und Lore Lorentz, Hüsch und das Bügelbrett bringen frischen Wind ins Kabarett, der dann in den späten Sechzigern immer stürmischer bläst. Die Radikalisierung der Studenten, der Protest gegen den Vietnamkrieg der USA und die angestrebte Revolution erreichen die Kleinkunstbühnen (CD 8) und die Straße. Hüsch, Degenhardt, Süverkrüp, Kittner, das Reichskabarett, das Bügelbrett, Biermann und Neuss sprechen ein neues Publikum an und mischen direkt mit bei Aktionen und Kampagnen. Doch auch die Medien, Rundfunk und Fernsehen, damals noch auf wenige, öffentlich-rechtliche Sender beschränkt, entdecken das Kabarett als publikumswirksames Format und entwickeln eigene Sendungen. Übertragungen ganzer Programmpremieren der Lach- und Schießgesellschaft oder der Stachelschweine mit prominenten Gästen waren üblich. Eigene Sendungen wie „Hallo Nachbarn“ oder noch später der „Scheibenwischer“ kamen dazu. Auch speziell für Schallplatten wurden eigene Formen erdacht, wie Ausschnitte der „Politparade“ auf CD 9 belegen. In den Siebzigern und Achtzigern (CD 10) war die große Revolution schon abgeblasen, das Kabarett wendete sich wieder den kleineren Themen zu. Die Kohl-Ära beginnt, auf den Kabarettbühnen wird mehr gemenschelt und auch mehr Nonsens und Unsinn verbreitet. Skurrile Künstler wie Emil, Phillip Arp, Ortrud Beginnen oder Polt und Zimmerschied betreiben hintersinnigen Unsinn, während die drei Tornados anarchistischen Frohsinn verbreiten. Doch da war ja noch ein anderes, ein kleineres Deutschland und eine offene bzw. verschlossene deutsche Frage. CD 11 widmet sich dieser und wie Kabarettisten hüben und drüben damit umgingen. Die Distel und die Pfeffermühle, die Stachelschweine und die Insulaner, so unterschiedlich die Antworten, so bewegend war die Frage. Eine eigene CD, die das DDR-Kabarett dokumentiert, fehlt leider in der Sammlung, es ist doch eher eine Westdokumentation. Auf CD 12 hört man das (überwiegend politische) Kabarett der Nachwendezeit. Die Beispiele von Buchholz, Schramm, Rogler, Pispers, Priol, Deutschmann, Rating, Jonas, den Missfits, Beltz oder Schmidt verstellen ein wenig den Blick darauf, wie Comedy und Comedy-Elemente das heutige Kabarett beeinflussen. Was soll man abschließend zu solch einer umfangreichen Dokumentation sagen? Anerkennung? Glückwunsch? Danke? Weiter so? 16 anregende, manchmal auch anstrengende Stunden, in denen man sowohl klüger gemacht als auch gut unterhalten wird.

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    2007-09-15 | Nr. 56 |





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