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    Arbeitslos und obdachlos

    Bevor der Spaß beginnt, seien 2 CDs hier besonders gewürdigt: Wir sind die Millionen! (Chlodwig/BMG 74321626162) heißt der erste Arbeitslosensampler in Deutschland. Zwei Frauen aus Geldern, beide lange arbeitslos gewesen, hatten die Idee dazu. Sie veranstalteten einen Wettbewerb und wählten aus der Fülle der eingeschickten Lieder acht für die CD aus. Zur Unterstützung steuerten zudem neun prominente Künstler Titel bei, z.B. Deter, Maffay, Brings, Fury in the Slaughterhouse. Aus dem Erlös wird ein Arbeitslosenverein unterstützt.

    Eiskalt zwo
    (Pläne 88823) ist eine Produktion zugunsten Obdachloser. Zwölf Beiträge bekannter Gruppen und Künstler, schön paritätisch aus Ost und West, hat Siggi Kohlhage zusammengestellt. Maffay, Nena, Mey, Pur, Puhdys, Silly, Gundermann und Karat sind u.a. vertreten. Bekannte Namen, bekannte Titel lautet hier das Rezept der Hilfe.

    100 Jahre Kästner

    Anläßlich des 100sten Geburtstags dieses außergewöhnlichen deutschen Dichters gab es mehrere CDs mit verschiedenen Interpretationen. Mit die besten lassen sich auf der CD Ernst Busch 3 (Pläne 88827/ 20 Tracks) hören. Dieser exzellente Schauspieler konnte ebenso kraftvoll wie einfühlsam Texte vortragen und singen. 1967  trafen sich beide Herren um die vorliegende Produktion abzustimmen. Sie haben den Schwerpunkt auf die politischen und Antikriegsgedichte gelegt. Zwei Epigramme auf der CD werden darüberhinaus von Kästner selbst gelesen. Hoffentlich erscheint in Zukunft noch mehr von Busch, diesem abgewickelten Künstler, auf CD.

    Kästner und Busch sind auch auf einer anderen CD zu hören: Die kleine Freiheit (Duophon 01483/ 18 Tracks). Erich Kästner als Kabarettautor in Originalaufnahmen erläutert der Untertitel. Hier sind Aufnahmen von 1928 bis 1932 (Mosheim, Hansen, Busch, de Kowa) und von 1946 bis 1952 (Herking, Gross, Platte) vereinigt. Kluge Texte von großen Interpreten vorgetragen, eine Perlenkette des Kabaretts.

    Kurz oder lang über Kabarett
    Zum Start ein Appetithäppchen: Wolfgang Neuss ist Der Mann mit der Trommel (Mercury 558855-2/ 39 Tracks; 122:07 min; z.T. live). Ausschnitte aus seinen Filmen und seinen (wenigen) Kabarettprogrammen vereinigt auf einer Doppel-CD. Der alte Neuss fehlt leider, doch das Booklet zeigt, wo mehr zu finden ist. Der gemeinsame Auftritt von  Biermann und Neuss ist hier ziemlich komplett (wenn auch zerrissen) widergegeben. Ein wunderbarer Spötter, jedem empfohlen, hier zum Kennenlernen.

    Ein Jahrzehnt später gab's, und jetzt als Doppel-CD, Das Beste von Heino Jaeger (Raben Records 94558/ 22 Tracks; 55.44 und 42:52 min; z.T. live) zu hören. Dessen ebenso schrullig-bizarre wie präzise Satire setzt bis heute Maßstäbe. Was wie oberflächlich dahergeblödelt erscheint, offenbart feinstes Gespür für die Risse in der Wirklichkeit. Seine Radioratgebernummern: "Fragen sie Doktor Jaeger" und seine Reportagen zeigen die Wechselwirkung von Medienschwachsinn und Kleinbürgerlichkeit im Land. Genau und mehr als einmal hinhören, es lohnt gewiß.
    Was soll man zu Hanns Dieter Hüsch noch sagen? Er hat die Jahrzehnte überdauert, sich verändert, ist sich treu geblieben, hat immer fleißig produziert. Heute weiß er nette, kluge, kleine  Geschichten zu erzählen (so auch auf dieser Doppel-CD), voller Humor, Toleranz und Lebensweisheit, am liebsten vom Niederrhein und von Bekannten, Bekanntem, Verwandten und Fremden. Also, ich Sach ma nix! (Intercord 8226272/ 21 Tracks; live), aber jut isses. ... einen hab ich noch (Rüssl Rekords/Polydor 559731-2 / 27 Tracks; live; 44:04 min) droht uns Otto. Sein Humor ist nicht mehr ganz so frisch, aber er kann was. Vielseitig, zappelig, komisch und voller Tempo unterhält er heute noch gut mit Liedern, Sketchen und Witzen.

    Vielseitigkeit zeichnet auch Hans Werner Olm aus. Rundgelutscht (eastwest records 3984-25210-2/ 40 Tracks) heißt seine neue Scheibe und er präsentiert sich überzeugend als Chauvi, Parodist (Kennen Sie noch den Botho-Lucas-Chor mit "Danke"?), Schauspieler und Sänger. Inhaltlich etwas flach im mainstream, aber gut gemacht.

    Worüber schnattern Leute aus dem Mediengeschäft am liebsten? Na über die Medien natürlich. So auch Monty Arnold in All that Arnold (Zampano/BMG 74321598792 / 27 Tracks; live). In einer Art Vortrag plaudert, singt und parodiert er sich durch die Fernsehgeschichte. Rühmann, Schreinemaker, I. Christen, Biolek und, und, und werden intelligent, interessant und witzig versaftet. Mit den Shootingsstars ist das ja manchmal so ein Problem. Das erste Programm war schon fragwürdig, aber die Feuchte Seite (EMI 724349822320/ 24 Tracks, live) von Ingo Appelt ist einfach nur schmierig. Mit dem schleimigen Charme eines Kaffefahrtconferenciers gibt er alte Witze, Zoten...oder  was sie nie über Sex wissen wollten (Untertitel) zum Schlechten. Vermutlich wähnt er sich mit seiner selbstgefälligen Art obercool und provokativ, doch es ist nur ohne Geist, abgestanden und platt.

    Provokativer ist dagegen H.-G. Butzko mit seiner Butzkolonne (Con anima/BMG CA 9901; ISBN 3-931265-19-6 ; 20 Tracks; live). Er reibt sich an den Crazy-Party-Gaga-Musical-Comedy-Shows, am easy living, am seichten Zeitgeist. Politkabarett is voll out, Inhalt is sowat von out- er versucht es trotzdem. Und er schlägt sich und die anderen wacker. Einfalls- und abwechslungsreich, mit Tempo, wenn auch gelegentlich etwas bemüht, so werden die Themen durch den Abend gebracht. Ein Schwein wird Metzger (Con anima/BMG 9804/ ISBN 3-931265-16-1/ 22 Tracks; live) offenbart Thomas Reis. Er plaudert uns durch sein junges Leben in den Siebzigern, seine Sozialisation sozusagen, bis in die Jetztzeit. Zeitschilderungen, nicht erfüllte (erfüllbare) Ansprüche und die erreichte banale Wirklichkeit. "Ich bin der, vor dem ich mich immer gewarnt habe" lautet das Motto. Dazwischen immer wieder Anrufe der Mutter, man entflieht seiner Herkunft eben doch nie. So traurig, so komisch, so unterhaltsam.

    Live & direkt (Palatina Viva 98002/ 16 Tracks; z.T. live) surft Christian Chako Habekost mit uns durchs Internet. Ist ja auch für viele noch ein fremdes Ding, so läßt sich gut darüber scherzen. Weitere Ziele seines Spottes sind die  Auswüchse des Tourismus und  die vielen (überflüssigen) Ängste im Land. Als Bonus singt der Mann noch vier Lieder, das kann er nämlich auch. Ein netter Abend. Der Versuch einen Kater für eine Woche in Pflege zu geben, bei fremden Leuten (wie der eigenen Mutter), bringt jede Menge Niedertracht zwischen den Menschen zutage. Camillo (Merkton/BMG 74321467882/ 8 Tracks; live)  heißt das reizende Tier von dem   Ulli Keuler erzählt. Dieses und anderes Atmosphärisches (Heimatdichter, einen stillenden Vater, eine mißglückte Fußballreportage, u.a.) aus dem Schwäbischen führt er uns eindringlich vor. Es darf fröstelnd gelacht werden. Sex TV, Rickis Popsofa, 4 um 10 und Brisko Schneider seien hier als bekannt vorausgesetzt und nicht erklärt: Die Wochenshow Best of (PolyGram 559949-2/ 24 Tracks). So gut und so schlecht wie die Sendung.

    Lang oder kurz über Lieder
    Eine Amerikanerin in Berlin macht The big show (Zampano/BMG 74321607182/ 22 Tracks; 1:07:41; live). In Dinglish erzählen Gayle Tufts & Rainer Bielfeldt am Klavier wie es einer alleinstehenden, übergewichtigen aber motivierten amerikanischen Sängerin mit Karriereabsichten im Showgeschäft in Berlin/Deutschland so ergeht. Ein überzeugendes Paar, charmant, witzig und musikalisch überzeugend.

    Ein anderes Paar, die Sängerin Susanne Grütz & Hubertus Schmidt am Klavier, lädt uns ins Café Knax (R.U.M./Loewenzahn LZ 2302/  18 Tracks) ein. Die beiden waren schon in der DDR tätig, bekannt und gelobt, zu recht wie die Scheibe belegt. Sie pflegen schwarzen Humor mit Liedern u.a. von Grasshoff, Hacks, Brecht und Reimann.

    So ein Leben (R.U.M./Loewenzahn LZ 2312/ 18 Tracks; 70:39 min) beschreibt Hubertus Schmidt auf seiner Solo-CD in Underground-Chansons mit anderen Texten eben jener Autoren. Ein Vergleich beider CDs ist aufschlußreich: Stimme, Stimmung und Charakter beider Interpreten ist ganz unterschiedlich, jeweils aber auf ihre Art sehr überzeugend. Beide Künstler, ihre Lieder und Autoren sind der Entdeckung wert.

    Tamara Danz und Gerhard Gundermann, zwei legendäre und viel zu früh gestorbene Rockpoeten der DDR, haben im November 1994 in Potsdam ein gemeinsames Konzert gegeben. Jetzt ist davon eine Doppel-CD unter dem Titel Silly + Gundermann & Seilschaft unplugged (BMG Berlin 74321608262/ 15/16 Tracks; live) erschienen. Ein Muß für Fans, ein Soll für die, die's kennen- und verstehen lernen wollen mit der Kultur im Beitrittsgebiet.

    Eine andere Rocklegende der DDR, Pioniere des deutschsprachigen Rocks, aber immer umstritten, hat jetzt 30 jähriges Jubiläum: Die Puhdys 1969-1999 (BMG Berlin 74321636152/ 20 Tracks). Ein Sampler mit Neueinspielungen.

    Wenn Funny van Dannen an Uruguay (Trikont US 0259/ 23 Tracks; live) denkt, kann er auch nicht sagen  warum. Ist es etwa nur wegen drei "U"s im Wort? Wer weiß? Diese Art von lakonischem Humor, der so einfach und doch so tiefsinnig ist, ist typisch für ihn. Es ist einfach genial, wie sich Pathos auflöst in Banales, wie große Worte sich im Schlichten verlieren, im Alltäglichen verschwinden. Die Reime stimmen, die Musik ist beiläufig raffiniert, die Texte sind vorder- wie hintersinnig. Nichts zum auf die Schenkel schlagen, aber man möchte sich vor schmunzeln/grinsen in die Hose machen - oder man findet es blöd.

    Die Geschwister Pfister erzählen The voice of Snow White (Traumton 44487 27 Tracks). Schneewittchen also, mit wunderbar schnulzigen Liedern, gespielt von diesem begnadeten gemischten Trio, die Zwischentexte des Märchen erzählt Walter Schmidinger. Das Märchen ist ja tendenziell grausam und so ist die Story auch diesmal nicht so sahnesüß wie gewohnt. Aber ein Genuß allemal.

    Hatten wir nicht schon mal das Vergnügen?
    (da music 13000-2/ 12 Tracks) fragen uns die Herren Karl Dall & Peter Ehlebracht und ihr Ballast-Orchester. Ja, hatten wir. Bei den Insterburg & Co , seligen Angedenkens,  hatten die beiden jene Lieder schon gesungen, die jetzt auf diese CD gebrannt wurden. Eine nette Erinnerung.

    Unheilbar gesund
    (Mercury 538874-2/ 19/22 Tracks) bekennt Georg Kreisler auf dieser Doppel-CD. Eigenwillig makabere Lieder aus den Fünfzigern und Sechzigern, die diesen Kabarettisten so bekannt gemacht haben. Keiner singt Kreisler besser als Kreisler.

    1967 hat Barbara, diese stille französische Chansonsängerin, eine Platte in deutscher Sprache herausgebracht, die damals für Aufsehen und Ärger sorgte. In Deutschland ist sie jetzt erstmals unter dem Titel Barbara singt Barbara (Mercury 558519-2/ 20 Tracks; 66:37min), zusammen mit 7 französischen Liedern auf CD erschienen. Lieder von eindringlicher Schönheit, die auch heute noch bezaubert.

    Ein Liedermacher, der seit Jahrzehnten seine Fans hat, Höhen und Tiefen hatte und trotz aller Wandlungen immer erkennbar blieb, ist jetzt mit drei Doppel-CDs gewürdigt worden: Hannes Wader. Sein Werk ist in drei Kategorien eingeilt worden und die CDs entsprechend zusammengestellt worden: Der Poet (Mercury 538537-2/ 13/14 Tracks), Der Rebell (Mercury 538540-2/ 12/15 Tracks) und Der Volkssänger (Mercury 538543-2/ 21/23 Tracks). Zu allen Liedern   sind die Texte im Booklet enthalten. Seine Lieder sind harmonisch und schön, manchmal jedoch, wie bei den Arbeiterliedern, auch zu schön. Eine sehr gelungene und angemessene Ausgabe, die sicher viele Freunde finden wird.

    Zwei kleine Perlen noch zum Schluß: Albernes und Frivoles (Duophon 01433/ 21 Tracks) in Originalaufnahmen von 1923-1931 aus Berlin und Wien. Mehr oder weniger bekannte Lieder mit der Eleganz und dem Schmalz der Zwanziger.

    Musikalisches Kabarett in klassischen Interpretationen von 1921-1933 ist unter dem Titel Ramona Zündloch (Duophon 01463/ 20 Tracks) erschienen. Busch, Hesterberg, O'Montis, Rosen, Hansen Ebinger, Weinert, Waldoff u.a. sind darauf versammelt, also alles was gut und erhaltenswert ist. Zur Freude und zur Inspiration sehr gut zu gebrauchen.

    1999-06-15 | Nr. 23 |





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