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    Comekratisches Hannover

    Also wirklich. Startet so ein Plauderzauberer einfach eine Programmreihe am schlechtest besuchten Tag in einem alten Kino in Hannover-Linden, sagt noch nicht mal vorher, wer kommt - und raubt allen anderen die Schau. Der „Lindener Spezial Club“, den Desimo seit einem Jahr regelmig am letzten Montag im Monat auf die Bhne bringt, ist nicht nur weiterhin so notorisch ausverkauft, dass auch alle „After-Work“- und „Late-Night“-Sondershows nichts helfen, sondern hatte gar schon einen Fernseh-Spezialauftritt - was in Hannover ja nun nicht jeder vorweisen kann. Dazu zogen Desimo & Co. zu einem Sondertermin um ins GOP, was zwar nicht den leicht ldierten Charme des Apollo-Kinos mit einbringen kann, aber immerhin schn Nostalgie verbreitet. Doch war der Termin, bei dem ausnahmsweise mal die Knstler feststanden, auch in den TV-Zuschauerzahlen so erfolgreich, dass Desimo auf Fortsetzung sinnt. Dann aber im Apollo-Kino. Und mit kleinen Einspielseln vom Geschehen hinter der Leinwand. Da solls auch hoch hergehen, was man sich gut vorstellen kann, wenn, wie im Januar, Hildegard Knefs lange vergessene Schwester Irmgard Knef auf das unverwstliche Chaostheater Oropax trifft und der Automatenmensch Niels dazwischen rumwtet. Oropax bewies in Hannover auch bei seinem Tourneestopp im Pavillon, dass selbst 20 Jahre Bhnenlaufbahn nix an den Auftritten glattgebgelt haben - heiliger Schwachsinn hilf, das ist Gehirnwsche pur. Ob sie bei Desimo allerdings Chancen auf den Publikumspreis „Spezialist“ haben, lsst sich kaum spekulieren. Erstmals zum Ein-Jahrestag des Clubs verlieh das Stammpublikum diese Ehrung im Herbst 2003, Hannovers Hauskabarettist Matthias Brodowy hielt die Laudatio mit einer neuen Strophe seines Hannover-Liedes, in der sich vllig berraschend „mitten in Linden“ auf „Spa finden“ reimte und krte die Erwhlten: Klaus Jrgen "Knacki" Deuser aus Kln, ein Mann, der auf Tischen steppt - mit Rollschuhen unter den Fen. Der feierte gleichzeitig, dass seine Show „Nightwash“ nun aus dem WDR ins die „groe“ ARD gewandert ist. Sammy Tavalis aus Berlin zeigte sich als Mnnlein wie Weiblein gleichermaen perfekt, lsst, hoch musikalisch und mit brasilianischem Karneval im Blut, auch noch die Puppen tanzen - der Mann knnte ohne bertreibung das Schild umhngen: Ich bin fnf Knstler. Und mit Bernhard Wolff, dem Rckwrtssprecher aus Brugmah, sonst Hamburg genannt, wurde als dritter einer der Abrumer der Lindener-Spezial-Show geehrt. Nchstes Mal darf das ganze Publikum entscheiden - in Kanzlers Heimatstadt gehts halt auch bei der Comedy ganz demokratisch zu - comekratisch sozusagen.

    Auch beim Nachwuchspreis des Theaters am Kchengarten (tak), dem „Fohlen von Niedersachsen“, darf das Publikum abstimmen - allerdings wird sein Votum durch das Urteil einer Jury ergnzt. Die Kenner-Crew aus Journalisten, Stammgsten und Mitarbeitern musste schlielich den ganzen dreitgigen Marathon durchstehen. Einige Spreu mischte sich da unter den Weizen, doch mit Hagen Rether, bekannt als Mann am Klavier bei Dr. Ludger Stratmann, siegte ein geistreicher Charakterkopf, schn bse, musikalisch fit und erfrischend querdenkend, der in seinen lakonisch platzierten Sprchen lieber das Missverhltnis zwischen Erste-Welt-Luxus und Armut und Kinderarbeit in Asien und Afrika anprangert, statt ein weiteres Mal Madame Merkels Frisur durchzukauen. Auf den freut sich Hannover vier Tage solo im November. Doch das Ringen um den ersten Platz war eng: Der Lrracher Parodist Florian Schrder lie Boris Becker und Marcel Reich-Ranicki auf der Buchmesse zusammenprallen und Wolf von Lojewski Stoiber interviewen und fuhr auch sonst jede Menge Prominenz auf. Er trifft seine Opfer in Tonfall und Haltung, nur blieb sein Witz teilweise etwas an den uerlichkeiten hngen: Das kostete ihn, so lustig sein 20-Minuten-Auftritt auch war, letztlich wohl den Sieg. Den tak-Preis fr die „erwachsenen“ Knstler, den „Gaul von Niedersachsen“ kann sich brigens am 12. Mai Lars Reichow abholen - der „Klaviator“ mit dem trockenen Witz war Hannovers Liebling der vergangenen Saison.

    Schlielich kann man nicht immer denselben whlen. Nicht immer Urban Priol zum Beispiel, auch schon ein „Gaulist“, dessen Fanschar das Tak inzwischen sprengt und der deshalb mit seiner Jahresrckschau in den greren Pavillon umzog - und auch den im Handumdrehen ausverkaufte. Mehr als zwei Stunden Lachen ohne Reue, da mit Geist - ob Regierungspolitik oder Wirtschaftskrise, der Mann-dem-die-Haare-zu-Berge-stehen findet berall die kitzligsten Stellen. Einen Abend spter hatte Hannovers Urgestein Dietrich Kittner Premiere mit seinem neuen Programm, und das war klar die falsche Reihenfolge. Nach den brillanten Priol-Tiraden wirkten Kittners Kritteleien glanzlos; seine Pointen zwar berwiegend frisch, aber unausgefeilt. Nur sein Nachrichten-Einstieg zeigte die frhere Schrfe, doch die Briefe, mit denen er die Herrschenden gerne mal dreist drangsaliert, trafen diesmal selten wirklich wunde Punkte. Vor allem aber stimmte diesmal die Haltung nicht: Kittner klagte, statt anzuklagen, er beschwerte sich, statt mit der Leichtigkeit des Spotts die Missverhltnisse blozustellen. Da muss er wohl nicht nur noch mal feilen, sondern eher schon hobeln.

    Sonst sind hier derzeit eher die stdtischen Sparer die Ober-Hobler der Region. Fiel erst schon das Knstlerhaus mit seinem Chansonprogramm den Rotstiften zum Opfer, so sind in Langenhagen jetzt das Kabarettprogramm und auch die Mimuse bedroht. Lange Jahre war Udo Pschel dafr federfhrend, in Doppelfunktion als stdtischer Angestellter und Mitglied des rhrigen Vereins Klangbchse, der ehrenamtlich einen Groteil der Mimuse-Organisation bewltigt. Nachdem Udo Pschel, der auch schon bei diversen GOPs fr Leben im Hause sorgte und die Programme zusammenstellte, nun seinen Ruhestand antrat, stellen sich die ffentlichen Geldgeber offenbar eine Umstellung auf komplette Ehrenamtlichkeit vor - ob damit aber auch ein amtliches Programm zu machen ist, bleibt zu bezweifeln. Festivalcharakter hat die Mimuse durch Ausdehnung auf den gesamten Herbst eh‘ weitgehend verloren; statt eines frher hausgemachten Hhepunktes „FUNtastisch“ gabs diesmal eine tourende Varietshow zu sehen - gelungen zwar, aber eben ohne den Kick des besonderen. Groe Namen wie Wall Street Theatre, Bastian Pastewka & Olli Dittrich sowie Django Asl fllten jedoch auch in diesem Herbst mhelos den groen Theatersaal Langenhagen, Blent Ceylan mit seinem Kabarett „ la trka“ und Werner Steinmassls Hommage an Karl Valentin setzten im kleineren „daunstrs“ wrdige Akzente - man tut halt, was man kann.

    Was gabs sonst? Ein furioses Gastspiel von Peter Shub mit dem Zirkus Roncalli in Hannover. Man glaubt, seine Nummern zu kennen, den Luftballon, der am Kopf klebt, den unsichtbaren Hund an der Leine, die kleine Kamera mit ihrem „sexy“ Stativ. Doch wenn man Krperknstler Shub erlebt, mit dieser absoluten Przision und dem rasanten Tempo, berraschen seine Nummern doch aufs Neue. Und gewarnt sei: Vor der ersten CD von Fischbrtchen 1 Euro, die als frisch gebackene Gewinner des Allegra-Wettbewerbs von „Ediths Talentschmiede“ des Quatsch Comedy Clubs nunmehr den Berliner Friedrichstadtpalast einen Abend lang fllen durften. Das Ergebnis davon steht noch aus, doch die fies-fischige Ohrwrmer der CD krabbeln unauslschlich ins Gedchtnis rein. Da singt es dann tief drinnen den ganzen Tag „Im Puff gibts kein‘ Rabatt“ oder gar „Arsch aus der Hose Mann“. Und Erholung bietet nur die sanfte Hymne auf den Fupflegesalon. Das Duo aus Hannover hlt halt, was sein Name verspricht.

    Ebenfalls ein guter Name aus Hannover: Matthias Brodowy. Sein neues Programm "Voll ins Schwarze oder Wie wir Tante Ilses Urne bei ebay noch zu Geld gemacht haben" feierte eine erfolgfreiche Premiere im tak Hannover.

    Brodowy traf, wie der Titel schon sagt, voll ins Schwarze des Zeitgeistes:

    Harte Zeiten, miese Stimmung. Nur die Pessimisten sind noch gut gelaunt, denn die Schwarzseher bleiben immer im Recht. Selbst die nimmermden Kleinaktionre haben erkannt: Der Mensch lebt nicht vom DAX allein. Die Kassen sind leer, Schlaglcher pflastern mautfrei die Straen und die Lobbys haben das Land fest im Wrgegriff. Immerhin, die Betriebsrenten der Vorstnde sind sicher.

    Alles geht schief und luft falsch. Trotzdem gilt ab jetzt: Hnde hochkrempeln und in die rmel gespuckt! Es ist alles eine Frage der Kreativitt. Brodowy macht sich auf und durchforstet als Agent 2010 in geheimer Mission die unbegrenzten Mglichkeiten in diesem Lande. Gut getarnt als Comedian in Nadelstreifen kmpft er sich durch den Dschungel der Republik und bringt als V-Mann voller Elan die rettende Formel unters Volk. Geschttelt und gerhrt. Seine Waffe ist das Mundwerk, seine Munition das Wort, sein Ass im rmel die Musik.  

    „Voll ins Schwarze“ ist das vierte Tourneeprogramm des hannoverschen Kabarettisten, der auch der „Lucky Luke der Bhne“ genannt wird: Er ist der Mann, der schneller spricht als sein Schatten. 1999 von Hanns Dieter Hsch entdeckt und ausgezeichnet unter anderem mit dem Kabarettpreis „Prix Pantheon“ und dem „comedy award“ von radio ffn gehrt der waschechte 72er zu den jungen Wilden des deutschen Kabaretts.

    Regie fhrte der tak-Leiter Horst Janzen. Und hier ist er auch wieder zu sehen am 21. und 22. Mai. Weitere Termine: Die Calenberger Kabarettwochen in der Werkstatt Galerie Calenberg gehen in die zweite Runde mit den „Frauenversteher“ Carsten Hfer (2./3.4.) und Urgestein Helmut Ruge, der nach 40 Jahren auf der Bhne feststellt: „Jetzt wei ich, wo Gott wohnt“ (17.4.). In Langenhagen freuen wir uns auf die „Generation Yps“ mit Hennes Bender (1.4.) und auf Herbert Knebels Affentheater (23.4.). Bereits am 8. Mai erwartet uns alle wieder eine lange Theaternacht mit viel Kleinkunst und Kabarett und am 8. Juli startet fr vierzehn hoffentlich schne Freiluftabende wieder das Kleine Fest im Groen Garten.

    Bis dann,

    Redaktion: Evelyn Beyer

    2004-03-15 | Nr. 42 | Weitere Artikel von: Evelyn Beyer





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