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    Der brave Soldat schweigt


    Man nennt ihn auch den Günther Jauch der Comedy. Er ist u. a.: Moderator der Catbird Comedy Show, der Schmidt-Weihnachtsshow sowie auf der MS Europa und in den Quatsch Comedy Clubs Hamburg und Berlin, mit seiner C-Company Initiator des alljährlichen Catbird Comedy Pokals, Fernsehmann mit eigener Show bei Tide TV und nicht zuletzt Solo-Interpret mit Programmen voll meist treffender Alltagsbeobachtungen und respektlosem Humor („Ich bin ein freies Land“). Bei all dem sahnt er ordentlich Preise ab – zum Beispiel den ffn-Comedy Award und die Heilbronner Lorbeeren. In seiner Heimatstadt Hamburg ist Sebastian Schnoy (37) längst omnipräsent. Wie macht der Junge das bloß? Und nun schreibt er auch noch Bücher.

    „Rampenfieber“ lautet der im Falle Schnoys eher überraschende Titel seines ersten Romans (Satyr Verlag, Berlin, 9,90 €). Es geht darin um Robert, der im Fernsehen schnell reich und berühmt werden will: Er wird Statist, geht zu Castings für Werbespots von Müllerreis bis Autobild, schreibt ein eigenes Stand-up-Comedy-Programm, mit dem er es immerhin zu einem Auftritt in Lüneburg bringt. Viel erlebt er auch als Warm-Upper der Show des selbstbewussten Tony Krüger sowie mit seiner linkslastigen Öko-Freundin Karin. Dazu der Autor: „autobiografisches Milieu, ansonsten Fiktion.“

    Sein frisch formulierter Band lebt von entlarvenden Blicken auf die Branche, von der Sympathie mit dem gutwilligen, aber noch ungelenken Helden – und notabene von seinem schnodderigen Witz. Bei der Book-Release-Party im voll besetzten Café Keese erlebte Schnoy, Ex-Geschichtsstudent und Ex-Musiker, jedenfalls, was er gewohnt ist: viel Gelächter und rauschenden Beifall.

    Vor zwei Jahrzehnten wären die Szene-Hamburg-Berichte in Trottoir wohl deutlich kürzer ausgefallen, denn damals „hatte Kabarett in dieser Stadt kein Zuhause.“ Es gab höchstens mal Gastspiele, wie sich Ulrich Waller jetzt erinnerte. Deshalb gründete der Theatermann 1987, kurz bevor „ein unglaublicher Boom“ einsetzte, in der Kultur-Fabrik Kampnagel das „Hamburger Kabarettfestival“. In diesem Spätsommer feierte Wallers längst etablierter Spott-Event 20. Geburtstag unter dem Post-WM-Motto „Nachspielzeit“. Männer und Frauen der ersten Stunde wie Horst Schroth, Matthias Deutschmann und Gerburg Jahnke kamen dafür nunmehr ins St. Pauli-Theater und ins Polittbüro – neben neuen Stars wie Hagen Rether und Serdar Somuncu („Hitler Kebab“). Insgesamt gab es 36 Programme mit 56 Künstlern, die von vielen Fans besucht wurden.

    Der Hamburger Literat Matthias Wegner und Schauspieler Burghart Klaußner erinnerten dabei in einem leisen, subtilen Beitrag an einen Urvater, für den Berufsausübung noch Lebensgefahr bedeutete: Im Mittelpunkt ihrer Matinee stand Werner Finck (1902–1978), 1929 Mitbegründer des Berliner Kabaretts „Katakombe“. Wenn Finck in einer Zeit, in der „auffallend viele nicht auffielen“, etwa den Hitlergruß „aufgehobene Rechte“ nannte, dann wusste nicht nur sein Publikum Bescheid – auch die Gestapo war dabei. Die „Katakombe“ wurde 1935 geschlossen, der Akteur („Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder soll ich mitkommen?“) ins KZ Esterwegen verbracht, entlassen, später (wegen seines „Kabarett der Komiker“) vor das berüchtigte Sondergericht Berlin-Moabit gestellt. „Finck, leider gedrosselt“ erhielt Berufsverbot, meldete sich aus taktischen Gründen freiwillig zur Wehrmacht, kam ins Untersuchungsgefängnis. Als alles mehr oder weniger überstanden war, gelang dem „Traumtänzer mit lichten Momenten“ eine Nachkriegskarriere („Der brave Soldat schweigt“), doch fand er die Demokratie kabarettistisch gesehen deutlich reizloser.

    Das überwiegend ältere Publikum im St. Pauli-Theater zeigte sich begeistert und beeindruckt – doch Wegners und Klaußners Finck-Matinee hätte mehr und auch jüngere Besucher verdient. Denn es ist sinnvoll, dessen künstlerische Größe, die in schlimmer Zeit Fährnisse seines Standes in geistige Höhepunkte verwandelte, nicht zu vergessen.

    Redaktion: Ulrike Cordes

     

    Termine

     

    bis 25.2.    „Witzigmann & Roncalli Bajazzo“, ein Festmahl für die Sinne;
                   Stadtpark

    10.1.–18.3. „Jahrmarktzauber“, Moderation: Juno; Kehrwieder Varieté-Musik-
                    Theater

    26.–28.1. 5. Hamburger Comedy Pokal, 10 Stadtteilkulturzentren, Finale:
                     Schmidts Tivoli

    2006-12-15 | Nr. 53 | Weitere Artikel von: Ulrike Cordes





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