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    Frankensinger

    Die Wintersaison brach mit Festivals, Themenreihen, Wettbewerbe und prallen Programmheften herein. So hat z.B. das Würzburger AKW - bislang eher bekannt für schrille und experimentelle Konzerte – sein Herz für Plüsch und Glamour entdeckt und steigt mit der Kölner A Cappella-Formation „Vocaleros“, dem Travestie-Star „France Delon“ und dem exzellenten Nürnberger Musikkabarett „The Hormonelles“ recht  ambitioniert ins neue Kleinkunstprofil „Showplatz AKW“ ein. Einen gelungenen Startschuß dieser Reihe feuerten die international besetzten Vocaleros ab,  mit ihrem Programm „Ye Ye“ zur gleichnamigen neuen CD. Zwar sind nach wie vor einige wenige Nummern unnötig „überarrangiert“ doch wird das durch die Stilvielfalt im Repertoire (Soul, Pop, Rock, Chanson, Gospel, Afro, Blues, Jazz...) und beeindruckende Song-Highlights wettgemacht. Fünf markante Bühnenpersönlichkeiten mit unverwechselbaren Stimmen teilen sich gleichberechtigt Ansagen und Solonummern. Mit perfektem Vokalsound und ausgelassenem Ansagengeblödel erobern sie im Handumdrehen die Sympathien des Auditoriums. Der Zugabenteil hatte beinahe die Dimension einer dritten Programmhälfte. 

    Nach McHärder nutzt nun auch das zweite TBC-Mitglied Georg Königer die Spielpausen des fränkischen Kult-Kabaretts TBC um Eigenes auf die Bretter zu bringen. Zusammen mit Andrew bildet er das Comedy-Theatre „The Güten Jüngs“, die normalerweise die amerikanische Westküste rauf und runtertingeln nun aber höchsterfreut feststellen, daß ihr englischsprachiges Stück „Get Outta Here“ auch hierzulande bestens ankommt. Königer gibt einen deutschstämmigen Hausmeister mit Krautakzent und Andrew den Techniker. Sie verkünden dem Publikum, daß die eigentliche Vorstellung ausfällt, ziehen dabei über den nicht vorhandenen Star des abends her, geraten höchst unterhaltsam aneinander und vom Hundertsten ins Tausendste. Mit  Slapstick, der obligatorischen Bluesnummer und andere Kabinettstückchen zeichnen die „Güten Jüngs“ kleine Psychogramme des typischen Amerikaners und des typischen Europäers.

    Mit dem Krefelder Achim Konejung war ein Altmeister des deutschen Kabaretts Gast im Sommerhäuser Bockshorn und dessen Impresario M. Repiscus, hatte bei Konejungs aktueller Produktion „Feuer unterm Arsch„ auch die Regie geführt. Hemdsärmelig und in der Stimmlage zwischen Dieter Thomas Heck und Werbeverkäufer bei einer Butterfahrt betritt Konejung die Bühne. Der direkte Anflug aufs Humorzentrum landet anfangs eher bei den einfacheren Gemütern. Doch was so polterig beginnt, erweist sich im Ganzen als wohldurchdachte und nuancenreiche Kabarettshow mit vielen stilistischen Finessen wie Kaspertheater, hervorragenden Songs und dem perfekten "Satireservice für den Jahrtausendwechsel".

    Das Lustprinzip nennt sich ein kongeniales Damen-Duo aus München, daß sich voll und ganz dem deutschen Liedgut der 20er bis 50er Jahre verschrieben hat. Am Flügel und Akkordeon begleitet Birgit Otter souverän und läßt sich auch mal zur zweiten Stimme oder Programmansage hinreißen. Im Rampenlicht und Zentrum des Bühnengeschehens steht jedoch Rose Bihler Shah mit ihrem unerschöpflichen Arsenal an Gestik, Mimik, Grimassen und einer virtuosen Stimmbandbreite. Die ausgebildete Opernsängerin zieht alle Register einer hinreißenden Komödiantin. Eine weitere Trumpfkarte von Lustprinzip ist die Songauswahl, die sich vorwiegend auf unentdeckte Schätze des deutschen Unterhaltungsliedes konzentriert. Statt der x-ten Interpretation von „Kann den Liebe Sünde sein“ und alten Filmschlagern kommen die eigenartigen Geschichten vom "Kongoneger" oder dem "Neanderthaler" zu Gehör, man amüsiert sich über die "billige Anette" oder "Donna Clara". Man muß es gesehen haben, was Rose Bihler Shah aus eben diesen Liedern an Theatralik und Komik herauskitzelt: Höhepunkt ist zweifellos ihre Pavarotti-Parodie "O sole mio", wohl dem, der vorher auf der Toilette war...

    Premierenstimmung in der gut gefüllten Nürnberger Tafelhalle. Etwa 400 Zuschauer sind gekommen um den Einstand eines Beinahe-Damenduos zu erleben. Die eine Hälfte der Holy Sisters heißt auf der Bühne France Delon, ohne Fummel und Perücke Frank Conradi. Die andere Häfte stammt aus der Oberpfalz, trägt ein gewagtes Decolletée zum Kontrabaß und heißt Lizzy Aumeier. Hyperaktiv wie Tunten ja oft sind, stöckelt France von einer Bühnenseite zur anderen, läßt sich über Frauenprobleme aus, während die Aumeier versucht, im Songprogramm weiterzukommen. Der ironische Schlagabtausch der beiden ist über weite Strecken improvisiert, was der Wirkung aber keinen Abbruch tut. Auch wenn die Holy Sisters an diesem Abend den vollen Bonus der Lokalmatadoren einstreichen, und sich vielleicht auch ein wenig darauf ausruhen, die Show der ungleichen Damen ist sehenswert.

    Kann man ein Janosch Kinderbücher auf die Theaterbühne bringen? Viele können es nicht! So war die Inszenierung von "Oh wie schön ist Pananama" am Würzburger Stadttheater ein Griff ins Klo, während das Ensemble vom "Theater am Neunerplatz" mit der Janosch's Dreiecksgeschichte vom "Kleinen Schweinchen", das dem Bären sein "Tigerschen" ausspannt, einen Volltreffer landete. Eine Stunde brillantes Kindertheater, bei dem auch Erwachsenen gerne mit drin sitzen. Drei liebenswert und präzise herausgearbeitete Charaktere, 3 Songs, die im Ohr bleiben und eine kindgerechte Aufarbeitung der Janosch-Fabel über die Freundschaft. (Anfragen: 0931- 415443)

    Die Schweinfurter Naturfreundehaus war mit seinen 300 Sitzplätzen eine Nummer zu klein für die Wellküren, die die Disharmonie im Rahmen der Frauenbwoche eingeladen hatte. Die 3 Wellsisters rissen schnell alle Sprachbarrieren nieder und hatten die Lacher auf ihrer Seite, als sie gegen die männerdominerte bayrische Dorfgemeinschaften zu Felde zogen. Frauenselbsthilfetips wie das Ruhigstellen von Schnarchern wurden begeistert entgegengenommen. Sarkastisch verteilten die Schwestern der Biermösl Blasn auch Hiebe aufs eigene Geschlecht und einige Zuschauerinnen ließen sich daraufhin zum Mitsingen bei "Frauen in die Bundeswehr" hinreißen. So wird auch bitterböse Satire von der Realität schnell wieder eingeholt.

    Und nun zur Entdeckung der Saison: 10 Jahre hatte die Schauspielerin und Diseuse Heike Mix mit ihrem Duo "Der Keuschheitsverein" süddeutsche Bühnen mit Kaffeehausliedern der 20er und 30er Jahre versorgt. Im neuen Programm nimmt sie sich zusammen mit ihrem Pianisten Markus Rummel die Lieder der Claire Waldoff vor und beleuchtet das Leben dieser Berliner Krawallschachtel.  Das brandneue Waldoffprogramm "Ich will aber gerade vom Leben singen" dürfte die Mix schnurstracks in die Upperclass deutscher Diseusen befördern. Sie zeichnet einen sorgfältig recherchierten und liebevoll zusammengestellten Bilderbogen über das Leben, die Zeit und natürlich die Lieder der "Ur-Berlinerin" Claire Waldoff alias Klara Wortmann aus Gelsenkirchen. Nicht zuletzt durch die erstklassige Regie von Georg Königer vom Totalen Bamberger Cabaret (TBC) entstand hier ein facettenreiches Brettlprogramm mit Anekdoten, Witzen und Gassenhauern, die den Zuschauer die Berliner Luft der 20er und 30er Jahre schnuppern lassen. Die Melodien und Refrains der Waldoffschen Hits wie "Hermann heeßt er", "Hannelore, schönstes Kind vom Hall'schen Tore", "Wer schmeißt denn da mit Lehm", "Warum soll er nich mit ihr" oder der Zille-Hymne "Sein Milljöh" gehen einem nicht mehr aus dem Ohr und die gestenreiche Interpretation der Strophen dazwischen sind fesselnde Millieustudien sowohl über die kleinen als auch über die feinen Leute der Berliner Gesellschaft.  So bekommen die in der Kabarettgeschichte leider weit unter Wert gehandelten Lieder von Claire Waldoff durch Heike Mix keine ehrfurchtsvolle Hommage, sondern eine schnoddriges, freches Comeback, das man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte. (Anfragen: 0931-6677906)

    Trotz ihrer brachialen Stimmgewalt und dem Wiener Schmäh Bonus taten sich die vier alten Haudegen von Vier Xang anfangs nicht leicht, den berühmten Funken zu zünden. Lustige A Cappella Programme gibt's nun mal wie Sand am Meer, und einige Abstecher nach Kalau schienen meine Skepsis zu bestätigen. Die stimmlichen Qualiäten von Vier Xang sind umwerfend, der Humor schwankt zwischen derb und schräg. Da braucht man ein bißchen, um reinzukommen, doch als mit dem Gospel "Bremen" (auf die Melodie von "Amen") die ersten Dada-Tupfer gesetzt werden und sich das Quartett zum österreichischen Jodellandler mitten im Publikum verteilt, geht das Burgtheaterpublikum aus der Reserve und der 2. Programmteil wird zum Selbstläufer. Am Ende lassen sich die vier sangeswütigen Österreicher nicht lumpen und halten noch einen reichen Zugabenfundus bereit.

    Redaktion: Volker Peter

     
    1999-06-15 | Nr. 23 | Weitere Artikel von: Volker Peter





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