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    Her mit den Puppen!

    Was wird bei Künstlern immer beliebter? Der Zweitkörper! Ein Objekt, eine Puppe, ein Alter Ego als Projektionsfläche der eigenen Fragen und Sorgen. Man muss kein gelernter Puppenspieler sein. Immer mehr vermischen sich Kunstsprachen aller Art und es ist nur natürlich, dass auch das Objekttheater mehr und mehr Regisseure fasziniert. Denn das Puppenspiel von heute bietet ein Echo auf die Frage nach der Zukunft des Homo Sapiens. Der Cyborg spukt in vielen Köpfen, und die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unschärfer. Die Verbindung zwischen Menschmaschine und den Ursprüngen der Zivilisation verläuft auf einer Hyperbel zwischen Theater, Choreografie und Puppenspiel.

    Seit Jahrzehnten wissen alte Hasen des Genres, beispielsweise der mit seiner Kompanie in Paris beheimatete Philippe Genty, wie spannend es ist, mit Puppen und Objekten die Mäander des Unterbewusstseins zu erforschen. In seinem neuen Werk „La fin des terres“ begegnen die Personen gigantischen Abbildern ihrer selbst. Sie werden zum Spielball geheimnisvoller Kräfte, zu denen auch ihre erotischen Wünsche gehören. Eine gigantische Libelle bemächtigt sich der weiblichen Hauptfigur, die sich daraufhin glatt in das Tier verliebt. Das Labyrinth des Stücks ist die Seele dieser Frau, sie ist das Ende der Kontinente, und hier öffnet der Suchende auch die Türen zu seinen eigenen Ängsten. Diebisch amüsiert sich Genty mit Kastrationsängsten. Eine gigantische Dame mit Scherenbeinen lässt er auftreten, und die ist in der Tat beunruhigend. Puppen werden plötzlich lebendig und lebende Figuren lösen sich in nichts auf. Ein großer Teil dieser Suche nach dem Ende der Welt führt übers Tanztheater, wo die multiplizierten Ichs sich in einem verwirrenden Schilderwald verlieren. Die großen Puppen werden von mehreren Tänzern gleichzeitig geführt und scheinen gerade deshalb eigene Kräfte zu besitzen, genauso wie ein feines Gespür für komplexe, spielerische Choreografie. Das Stück ist tänzerischer und leichter als vorherige Arbeiten Gentys, aber auch weniger eindringlich. Wer Genty bisher nicht entdeckt hat, wird aber dennoch fasziniert sein.

    Ein viel kleineres Format, aber deshalb nicht weniger bewegend, ist „L’homme qui respire (pas)“ von Michal Svironi (www.lapassionatasvironi.com), einer israelischen Mimenkünstlerin und Regisseurin, die ebenfalls in Paris lebt. Dieser Mann, der (nicht) atmet, ist ihr Bühnenpartner Alex Sander Dos Santos. Sie schleppt ihn, pflegt ihn, trägt ihn. Das Stück ist eine Hommage an die Liebesgeschichte ihrer Großeltern polnischer Abstammung. In Weiß gekleidet, mit Clown-Nase, interpretieren sie ein erdiges Ballett großer Emotionen. Immer wieder finden sie die kleine Geste, die tiefste Stimmungen ausdrückt, das Ganze mit wohltuendem Mut zur Langsamkeit. In Schräglage wie in einer Zentrifuge erfinden sie immer neue, überraschende Wege, auf- und übereinander zu liegen oder zu stehen, um sich im Gleichgewicht zu halten. Nicht nur choreografisch ist das ein Leckerbissen. Auch metaphorisch gelingt der Wurf absolut zielsicher. Zwei ganz neue Arten von Puppen hat Svironi sich einfallen lassen. Zuerst eine Art Riese wie der Geist ihres Geliebten, in dessen Bauchhöhle sie klettern wird, um es sich gemütlich zu machen. Dann eine Tonfigur, die vor unseren Augen den knetenden Händen entspringt, immer dabei zu zerfallen und sich neu aufzubauen. Es ist eine ganz eigene Mischung aus Puppenspiel, Mime, Tanz und Zirkus. In der Tat spielen sie im Zirkuszelt, wo die nötige Höhe für die Akrobatik in des Mannes leibhaftigem, übergroßem Totensack gegeben ist. Die Stimmungen zu yiddischer Musik sind umwerfend, ebenso wie die Ausdruckskraft beider. La Passionata Svironi heißt die Kompanie, und sie steht vor einer beachtenswerten Karriere zwischen Frankreich und Israel.

    Vielleicht wird sie einst in Frankreich so bekannt sein wie Ilka Schönbein es heute schon ist. Es darf wieder von Ilka die Rede sein, denn ein weiteres Mal hat ein neues Stück von ihr in Paris Premiere. Und wieder geht diese begnadete Künstlerin des Körpertheaters von einem Text aus. Es ist der ungeheuerliche Roman „Warum das Kind in der Polenta kochte“, eine Art autobiografisches Delirium der Rumänin Aglaja Veteranyi, Kind einer Zirkusfamilie unter Ceaucescou. Zum Irrsinn der Eltern gesellt sich hier der Terror, unter einem totalitären Regime den Verstand zu verlieren. Für die Autorin führte dieser Weg in den Freitod. Aber was heißt da „frei“? Ilka entführt uns mit zwei kongenialen Partnerinnen in eine Art Bretterbude à la Magritte, wo die Hauptfigur die Schrecken ihrer Kindheit neu durchlebt. Vom Glanz des Zirkus bleiben ein Zylinder und viel Ruß im Gesicht. „Chair de ma chair“ (Fleisch meines Fleisches) nennt sie, was hier unter Aussparung der politischen Aspekte des Romans wie ein Racheschrei der „missbrauchten, verstoßenen, abgetriebenen, ungeliebten“ Kinder dieser Welt klingt. Puppenspiel studierte sie unter anderem, doch macht sie eher Maskentanz als Marionetten. Und so schuf sie zu diesem Passionsstück der Unschuldigen viele Mondgesichter aus Pappmaschee, von denen so manches aussieht, als sei es von Kinderhand zerrissen worden. So weit hat sie es inzwischen gebracht in ihrer Kunst, dass selbst ein halbes Gesicht aus ihrer Maskenwerkstatt so lebendig aussieht, dass man ihr eigenes dahinter glatt vergisst. Und wenn sie ihren Körper der Kinderfigur zur Verfügung stellt, dann erscheinen dessen Knochen wie Totengebeine. Sie spielt nicht mit Marionetten, sie wird selbst zur Marionette, an ihren eigenen, unsichtbaren Fäden hängend. Diese Spaltung des Körpers und der Bühnenfigur eignet sich bestens, um die Schizophrenie Aglaja Veteranyis in zerrissenen Masken einzufangen. Makabre, diabolische Szenen, und immer wieder Versuche zu erklären, warum das Kind in der Polenta kocht. Nach dem Applaus gibt’s dann tatsächlich Polenta für Alle. Die Solidarität mit der Verzweiflung unschuldig gequälter Kinder ist vielleicht auch Schönbeins Irritation darüber geschuldet, dass diese Ausnahme-Künstlerin in Deutschland noch immer nicht die Anerkennung findet, die ihr gebührt. Es ist, wie sie mit dem Namen ihrer Kompanie wohl von Anfang an vorausahnte: Theater Meschugge.

    Aus den Niederlanden kommt Judith Nab, die in diesem Jahr auf Mimos in Périgueux ihr neues Stück kreierte. Auch sie unterhält eine enge Beziehung zu Frankreich, was schon der Name ihrer Kompanie bestätigt: Théâtre Espace. Auch Nabs Kreation „No talking“ ist so eine aktuelle Mischform, hier aus Tanz, Mime, Videokunst und Puppenspiel. Dressur könnte man noch hinzufügen, denn Nab, in einem roten Overall einen verrückten Professor spielend, trägt ihren grünen Papagei auf der Schulter. Oder eine Frau, die dann aussieht wie eine Schaufensterpuppe, später aber zu tanzen beginnt. Magie, Triebe, Sex, Tiere und Machtinstinkt sind die Zutaten dieser skurrilen Geschichte. Der Vogel findet’s merkwürdig unnatürlich, dass der Mensch die Welt dominiert. Der Professor hat sich in seine Hütte zurückgezogen um zu erforschen, mit welchem Zauber er die Welt beherrschen kann. Da steckt natürlich etwas von Faust drin und von weiteren Mythen, die Nab sich auf zeitgenössische Weise aneignet. „No talking“ spielt in einem Käfig, wo das Tier einbricht, bzw. aus dem Menschen ausbricht. So beunruhigend die Personen und Bilder auch sein mögen, der Papagei und die Videos bringen auch Leichtigkeit und Humor. „No talking“ ist ein sehr interessanter Beitrag zur Debatte, wie das Theater von Morgen aussehen soll und wird. Wäre Mimos ein auf die Zukunft orientiertes Festival, so hätte der Preis dieser Ausgabe nur Nab gehören können.

    Ein neues Stück hat auch das exzellente japanische Duo 86B210 (Trottoir 51), das wiederum mit prägnanter Köpersprache und ungeheuerlicher Ausstrahlung besticht. Doch wichtiger ist die Nachricht, dass Fumie Suzuki und Keiko Iguchi sich nun für mindestens ein Jahr in Paris niederlassen. Die beiden Ausnahmetänzerinnen, deren Stil oft vereinfachend als Synthese aus Butoh und zeitgenössischem Tanz erklärt wird, suchen nun Auftrittsmöglichkeiten in Europa, nachdem sie Anfang 2006 schon in Berlin mit einer improvisierten Performance zu Gast waren. Auch ihre Impros sind atemberaubend. Es geht bei ihnen eben weniger um ein choreografisches Konstrukt als darum, sich energetisch mitzuteilen und eine Art Bannstrahl auf das Publikum zu werfen (www.geocities.jp/dance86b210).

    Redaktion: Thomas Hahn

    2006-12-15 | Nr. 53 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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