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    Kritik: Karneval als Kulturkampf: Pink Punk Pantheon 2008



    Die Kunst des kabarettistischen Karnevals besteht darin, das rheinische Traditionstreiben, an sich schon eine Form der satirischen Kleinkunst, mit seinen eigenen Mitteln zu überbieten und dabei Politik, Gesellschaft, religiöse und andere Autoritäten deftig zu kritisieren. Vereine und Satzungen, Sitzungen und Präsidenten, Aufmärsche, Tänze und Büttenreden werden persifliert und in neue Dimensionen des Witzes getrieben. Die Karnevalsrevue Pink Punk Pantheon bot all das 2007/08 in ihrer 25. Session. Pink Punk Pantheon kommt als Herrensitzung des Vereins FKK Rhenania daher. Anstatt eines Elferrats sitzt das Duo Infernal Fritz Litzmann (Reiner Pause) und Her(r)mann Schwaderlappen (Norbert Alich) in Fräcken mit zu kurzen Ärmeln, Hochwasserhosen und mit Brillantine im Haar dem dreistündigen Treiben vor. Die Band Ten Years Alfter beherrscht sämtliche musikalischen Richtungen virtuos, vom Büttenredentusch bis zu Legenden des Hardrock. Das Bühnenprogramm zu Füßen des Präsidiumsthrons war künstlerisch hochklassig und rasend komisch. Axel Cruse und Gernot Voltz gaben zwei respektlos angeschrägte Stadtsoldaten, letzterer ferner den Finanzbeamten Herr Heuser, der die über Jahre intransparent gemachten Vereinsfinanzen geordnet und dabei ein Minus in zweistelliger Millionenhöhe errechnet hatte. Der „Vereinstürke“ Tunc Deniçer trieb unter anderem als Gebärdendolmetscher dem Publikum Tränen vor Lachen in die Augen. Beate Bohr, Gabi Busch, Manni Holländer, Richard Herten, Uwe Kania, Sia Korthaus, Karin Krömer, Sangit Wolfgang Plyn, Massimo Tuveri, Gerhard Vieluf, Klaus Wacker und Maryam Yadtzschi agierten durchweg sprachlich, schauspielerisch und musikalisch begnadet. Running Gags waren die Annäherungsversuche des Präsidiums an das weibliche Service-Personal, welches das Präsidentenpult laufend mit Kölsch versorgte. Als der erkrankte Norbert Alich (alias Hermann Schwaderlappen) fehlte, oblag es Fritz Litzmann allein, nicht nur den beständigen Alkoholstrom niedrigpegelig zu halten, sondern auch den Serviererinnen mit dem Ausruf: „Du bist katholisch, mein Kind!“ um den Hals zu fallen und bei Flucht nachzusetzen. Für Auflockerung sorgten Fußtrupps von Jakobsweg-Pilgern in Anoraks und Sandalen, die Litzmann nach eigener griesgrämiger Aussage an die Horden des Evangelischen Kirchentags erinnerten, welche das Rheinland im vergangenen Sommer heimgesucht hätten. Rauchverbot und Tempolimit, Steilvorlagen für politische Karnevalisten, verwandelte das „Kommando Helmut Schmidt“ der „Außerparlamentarischen Raucher-Opposition“ (APRO) glänzend. Einer der Höhepunkte der Sitzung war der „fundamentalistische“ Elferrat mit der angeklebten Barttracht eines Islamistenführers, der sich mit dem Kommando-Ruf „Allemallachen“ um die Reinheit des Sitzungskarnevals sorgte. Denn die reine Lehre duldet kein Weibsvolk im Karneval. Nachforschungen vom Präsidiumstisch, wie viele Protestanten sich im Publikum befänden, bedienten ebenso den „Kulturkampf“ als Leitmotiv der Sitzung wie Beschwerden über Muselmanen, die an der Autobahn bei Wesseling ein Tempolimit erwirkt hätten, nur damit Autofahrer langsam fahren und den Ruf des Imams vom Minarett hören müssen. „Das ist Kulturkampf von der schlimmsten Sorte, mir mein Tempo vorzuschreiben!“, empörte sich Litzmann. Der Kölner Kardinal Meißner, Herr über ein „entartetes Kirchenfenster“ und angeblich voller Neid auf die adventliche Christbaum-Lichtinstallation des Bonner Posttowers, kriegte sein kabarettistisches Fett weg. Pink Punk Pantheon ist immer noch frisch wie ein gerade gezapftes Kölsch.

    Redaktion: Isolde Grabenmeier

    2008-03-15 | Nr. 58 | Weitere Artikel von: Isolde Grabenmeier





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