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    Musikalische Bibelexegese und ein Salatblatt auf der Glatze des Tischnachbarn

    Wenn die Stadtportraitisten großer Magazine nach München reisen und über die Stadt an der Isar schreiben, dann kommt meist ein Stadtteil weniger gut weg: Schwabing. Da werden ein paar Zeilen geschrieben über die Vergangenheit als Künstlervorstadt, in der es sich ganz gut leben ließ, weil der Vorort noch nicht zur Landeshauptstadt gehörte und noch nicht ganz so streng beobachtet wurde. Und dann wird über die Fastfoodmeile hergezogen, die hinter Schwabings Mitte, der Münchner Freiheit, beginnt, über einen eigentlich ausgestorbenen Stadtteil, der sich nur am Wochenende an den Abenden füllt, wenn die Märchenprinzen aus der Provinz in der großen Stadt einen draufmachen wollen. Dass mit der Lach- und Schießgesellschaft und dem Lustspielhaus mitten in der größten Imbissbude Münchens gutes Kabarett geboten wird, wurde an dieser Stelle schon des öfteren erwähnt und hat sich mittlerweile auch woanders herumgesprochen. Aber dass es auch das gute, alte Münchner Kellertheater in Schwabing noch gibt, das nimmt so recht keiner mehr wahr. Jörg Maurer ist als genialischer Musikkabarettist, der die Masse seiner Ideen in immer wieder neuen Programme zur Schau stellt, wohl bekannt. Seit beinahe zehn Jahren nun ist er auch Leiter seines eigenen Theaters, Jörg Maurers Unterton, das inzwischen zu München gehört, wie der mit Weißbier gestillte Nachdurst am Folgetag eines Oktoberfestrausches. Wer sich sicher ist, das neue Programm vom Jörg Maurer schon zu kennen, der sollte schnell einmal nachsehen im Programmteil seiner Zeitung. Denn der Mann ist derart produktiv, dass es eigentlich ständig etwas Neues von ihm zu sehen gibt. Sein derzeitiges Programm „Rippenklau und Apfelsnack“ ist die musikalische Aufbereitung der Bibel in 120 Minuten. Dem einnehmenden Geschichtenerzähler, dem professoral-verrückten Klaviervirtuosen und dem schmunzelns-cholerischen Liedermacher – all das ist Maurer nämlich – fällt eigentlich zu jedem Thema etwas ein, und sei es – wie die Bibel – noch so sperrig. Maurer scheut vor nichts zurück. Diesmal behauptet er sogar in höherem Auftrag unterwegs zu sein: „Es wird berichtet, dass in einem Lande weit nördlich von Tigris und Euphrat ein Kabarettist lebte, Jörg Maurer geheißen. Und der Herr flüsterte ihm des Nachts ins Ohr: Gehe hin und sammle die Geschichten und Lieder rund um den Apfelbaum, und bringe sie dann denen zu Gehör, die daran Gefallen finden!“ Gehört – getan. Wer übrigens Montags in den Unterton geht, der wird so manches Wunder erleben. Denn montags wird gezaubert im Keller unter der Kurfürstenstraße. „Magic Monday“ ist eine Veranstaltung die mit zum Ruhm Münchens als eine der Zaubermetropolen Deutschlands beiträgt. 

    All das kommt gut an beim Publikum, auch wenn der Unterton selten für große Schlagzeilen sorgt. Die hat wieder einmal die Lach- und Schießgesellschaft gemacht. Nachdem sich das gerade erst gegründete Hausensemble überraschend bereits nach einem Programm wieder getrennt hatte, beschritt der Chef des Ladens, Till Hofmann, ganz neue Wege. Er suchte und fand einen neuen Autor für das Team. Für die Texte wird fürderhin der Politcomedian Michael Ehnert verantwortlich sein, der mit dem Bader-Ehnert-Kommando bundesweit für Furore gesorgt hat. Die Darsteller wurden in einem bundesweit ausgeschriebenen Casting ausgewählt und so ist das Münchner Ensemble eine doch recht gesamtdeutsche Truppe geworden. Die Kölnerin Sonja Kling und die zwei Wahlberliner Thomas Wenke und Michael Morgenstern bildenzusammen mit Ecco Meinecke die neue Hausmannschaft. Meinecke steht als einziger der vier Darsteller für das Münchnerische in der Lach- und Schießgesellschaft. Er ist ein Urgestein der Kleinkunstszene in der Stadt. Als Kabarettist, Folk-, und Klezmermusiker steht er beinahe jeden Abend auf der Bühne und als Bandleader der Münchner Bombastband Innersoul ist er so etwas wie der weiße James Brown Bayerns. „Jenseits von Oz“ soll das neue Programm heißen, das im Sommer vorgestellt werden soll. Die Lach- und Schießgesellschaft will es wieder einmal wissen und macht wieder einmal alles ganz anders.

    Ein Kabarettist präsentierte im Laden eben jener Lach- und Schießgesellschaft im Februar sein neues Programm. Der mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2004 ausgezeichnete Philipp Sonntag machte seinem Ruf als schrulliger Alltagsphilosoph in seinem Neuen Programm „Nasse Füße kalte Nase“ alle Ehre. Sonntag kommt als Kleinkunst-Woody-Allen daher, der nicht mehr ganz jung seine ebenfalls in die Jahre gekommen Frau verlassen hat, um zu seiner Mutter ins Altersheim zu ziehen, von wo aus er seine Beziehung mit dem kolumbianischen Popstar Shakira zu pflegen, die er auf einer Party bei Gucci persönlich kenne gelernt hat. Dabei ist viel vom alternden Körper des untreu gewordenen Mannes die Rede und Sonntags Kabarett gerät beinahe zu so etwas wie Frauenkabarett für Männer ab 50. Absurdität reiht sich an Absurdität. Dass in Deutschland beinahe alles mit einem Salatblatt als Garnitur serviert wird, bringt den Solisten derart auf, dass er zum Psychopathen wird. Die Augen hinter einem schwarzen Balken versteckt, berichtet er von seiner Abartigkeit. Er könne einfach nicht anders: immer wenn er ein Salatblatt auf seinem Teller finde, dann nehme er es in die Hand und lege es auf die Glatze eines Tischnachbarn. Die lustvolle Beichte in der Nachmittagstalkshow: „Ja, ich gestehe!“ Ein eigenwilliges Programm des ewigen Kabarettneurotikers, das wieder einmal etwas ganz besonderes ist.

    Redaktion: Andreas Rüttenauer

    Agentur Olivia Reinecke
    AdNr:1089 

    2004-03-15 | Nr. 42 | Weitere Artikel von: Andreas Rüttenauer





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