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    Rückblick 15. Kulturbörse Freiburg

    15. Kulturbörse Freiburg: letzter Frühling der Kleinkunst

    Eigentlich hatte man das Spiegelzelt - im vergangenen Jahr von Besuchern vor allem als Ort der Ruhe vor den Toren der Messhalle genutzt - in Halle 1 des Freiburger Messegeländes verlegt, um mehr Publikum für das dort gebotene Programm zu begeistern. Ohne sonnendurchflutete Zeltatmosphäre aber wirkte das Spiegelzelt so museal, dass trotz Integration in das Messegeschehen die Publikumsresonanz ausblieb. Diesmal hielten sich die Besucher lieber in der Halle vor dem Spiegelzelt auf, wohin sich wenigstens ein paar Sonnenstrahlen verirrten. Schade um die Kleinkünstler, die ihre Talente im Spiegelzelt vor leeren Stuhlreihen verspielten. Schade, dass das BusinessForumKultur, das als Erweiterung der Kulturbörse gedacht war, im Spiegelzelt ein Schattendasein fristete. Einen kleinen atmosphärischen Tod ist die diesjährige Kulturbörse also schon gestorben, und das noch bevor 2004 die ganze Börse auf den Januar verlegt wird. Für viele Aussteller ist dies das Ende eines lieb gewonnenen Frühlingserwachens mit Straßentheater und - abgesehen von einer potentiellen Terminkollision mit dem Kölner Karneval - kein zeitliches, sondern eher ein Problem des passenden Ambientes. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Angebot im Aussenbereich schon jetzt bewusst auf ein Minimum reduziert worden war. Trotzdem übertraf die 15. Internationale Kulturbörse Freiburg mit nahezu 300 Ausstellern, 70 Kurzauftritten und weit über 2.200 Besuchern alle Erwartungen.

    Mit 17 Ensembles lag der Schwerpunkt der diesjährigen Kulturbörse auf Kabarett. Eindrucksvoll spiegelte die in Freiburg gezeigte Auswahl den Zeitgeist fein wie ein Seismograph und war manchmal sogar näher am politischen Geschehen angesiedelt als die Politik selbst. Zielscheibe war die amerikanische Kriegspolitik. Dem Kölner Kabarettisten Thomas Reis gelang mit "wo der Horizont der Erkenntnis tief steht, werfen Zwerge lange Schatten" ein Einstieg, der die Meßlatte hoch ansetzte. Reis brillierte mit einem eloquent vorgetragenen Bogen, der von der Weltpolitik bis hin zu Absurditäten des Alltags reichte und den geforderten Schöpfungsbedarf als Wortschöpfungsbedarf enttarnte. Ausgefeilt schlich sich der intellektuell vorgetragene Humor des Österreicher Kabarettisten Severin Groebner ins Unterbewußtsein des Publikums. Wie fühlt man sich, wenn man als potentieller Schwiegersohn im Schrebergarten des Silbertannen-Faschisten sitzt? Groebners Unbehagen, das sich geradezu sichtbar auf seinem Schoß niederliess, wandelte das Publikum zu Leidensgenossen. Keine Zeit für Applaus blieb Kai Magnus Sting, der sich mit seiner immer gegen den allgemeinen Wahrnehmungstrend gebürsteten, sich in wild aus ihm hervorbrechenden Sätzen verhaspelnden Alltagslogik als echter Enkel von Hans Dieter Hüsch erwies. Der Quereinsteiger Hans Gerzlich stellte nicht die Frage "wie geht es", sondern "worum geht es". Früher habe eine kompetente Abordnung ehrenwerter Bürger wenigstens noch gefragt "wollt ihr den totalen Krieg", heute hingegen hält sich niemand mehr mit Höflichkeit auf. Gerzlich, der sich gleichzeitig wunderte, dass es kein Katzenfutter mit Mäusegeschmack gibt, lieferte mit seinem dicht vorgetragenen Programm Kabarett in Höchstform.

    Der Mittwoch Abend stand mit einem kompakten zweistündigen Programmblock erstmals geschlossen im Zeichen des Varietés. Zauberer Ken Bardowicks bewies seine Qualitäten als wahrhaft verblüffender Moderator, der trotz seiner eigenen Kernkompetenz, nämlich die Spur zum Erfolg aufzunehmen, nie die Fährte zu den von ihm angekündigten Künstlern und seinem Publikum verlor. Hochkarätige Künstler wie die Vertikalseil Artistin Akita, der Tempo-Jongleur Daniel Hochsteiner, der visuelle Komiker Kai Eikermann, das Jongleur-Duo lukaluka und der Hardcore Diabolo Jongleur Axel S. reichten sich den artistischen Staffelstab. Schade nur, dass man in der Abfolge der temporeichen Nummern nicht auf Dramaturgie geachtet hat, die Artistin Akita gleich am Anfang ein Feuerwerk abbrannte und der visuelle Komiker Kai Eikermann mit der undankbaren aber bravourös gemeisterten Aufgabe konfrontiert wurde, mit seinem Breakdance gegen die fünf beeindruckenden Streetdancer der Makova Dance Crew bestehen zu müssen.

    Ausserhalb der beiden Themenschwerpunkte Varieté und Wortkunst überraschte das Duett Complett mit Flamenco Musik und einer spanischen Gitarre in einer ungewöhnlichen Akrobatikdarbietung. Immer wieder kreisen die Köpfe der Kleinkünstler um die immer gleichen Grundthemen. Erfrischend anders die Darbietung "Bildschirmschoner" der Comedy Truppe Unter Niewo. Eine Frau und ein Mann sollen von einem schwulen Pärchen bei einem Date zum gemeinsamen Abendessen verkuppelt werden. Die Szene eskaliert in einem nimmer enden wollenden Déjà-vu peinlicher Kennenlern-Sequenzen. Wie in einem Perpetuum mobile spulen sich die Alptraum artigen Szenen immer wieder von vorne ab, müssen von den Akteuren immer wieder durchlebt und erlitten werden. Am Ende setzt sich der gesunde Menschenverstand über das scheinbar faktisch Unvermeidbare hinweg und erringt einen Sieg der Liebe.

    Einen Sieg über die Schwerkraft errang der Ausnahmekünstler Mädir Eugster vom Rigolo Tanzendes Theater mit seinem Jonglage-Tanz "Balance". Palmäste unterschiedlicher Längen fügte Eugster zu einer schwebend leichten Skulptur zusammen. Einer optischen Täuschung gleich und der Schwerkraft Hohn spottend wirkte das leichte Gefüge wie das wuchtige Skelett eines Sauriers und schien sich doch nur an einem seidenen Faden aufgehängt um seine eigene Achse zu drehen. "Balance" versetzte das Publikum derart in meditative Trance, dass man eine fallende Stecknadel als störendes Geräusch empfunden hätte.

    Bei den Aussenauftritten war die dank raffinierter Technik belebte überdimensionale Kuh des Französischen Straßentheaters Théâtre de la Toupine unangefochtener Publikumsliebling. Mit Temperament am Rande des Wahnsinns lockte der Düsen getriebene Ulik das Publikum wie der Rattenfänger von Hameln spektakulär und mit Tempo statt mit Flötentönen. Bei der Feuerwehr vollführte Oberbranntmeisterin Aiki wie eine lebende Flamme beeindruckende Luftakrobatik in trockenen roten Tüchern über den Köpfen des Publikums. Das australische Straßentheater Duo Cassel & Collins führte mit überbordendem Temperament vor Augen, dass sich Straßentheater durchaus mit Lustgewinn aus dem kalten deutschen Frühling auch hinein in die wohl temperierte Halle verlegen läßt. Ein Zeichen, das Mut für die 16. Internationale Kulturbörse Freiburg machte.

    2003-06-15 | Nr. 39 |





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