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  • Themen-Fokus :: Clown | Mime

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    Straßenclowns in Zentral-Amerika: Mango und Dango

    Straßentheater machen ist für Clowns ja eine recht nahe liegende Sache. Zu Hause oder in Südeuropa kann man sich gut ausprobieren.

    Aber wie ist es, in armen Ländern, in Ländern der so genannten „dritten Welt“, in anderen Kulturen auf der Straße zu spielen?

    Wie reagieren die Leute? Geht das überhaupt? Wird man Geld von seinem Publikum bekommen? Kann man das wagen, als Clown aus der privilegierten „ersten“ Welt?

    Derrick Gilday und Megan Treloar, zwei Clowns (Mango und Dango) aus San Diego/Kalifornien haben sich mutig dazu entschlossen, es auszuprobieren.

    (Interview übersetzt aus dem Englischen)

     

    Kassandra Knebel: Ganz schön mutig von euch! Was habt ihr erwartet?

    Mango: Wir haben eigentlich befürchtet, dass wir nicht in der Lage sein würden, überhaupt Geld mit Straßentheater zu verdienen. Wir hatten, um ehrlich zu sein, sogar ziemliche Angst. Wir hatten keine Ahnung, was die Leute denken würden. Werden sie uns akzeptieren mit dem, was wir machen, werden sie es mögen? Ja, vor allem: Werden sie es mögen?

    Dango: Wir wussten nicht, wie viel Geld wir mit unseren Straßenshows verdienen würden, also haben wir natürlich etwas Geld von zu Hause mitgenommen. Unsere Hoffnung war, einfach genug einzunehmen, um zu überleben.

    KK: Wie habt ihr denn angefangen?

    M: Der erste Ort, an dem wir gespielt haben, war Mexico City. Es ist einschüchternd, dort auf der Straße zu spielen, denn es gibt sonst niemanden, der das tut. Da hat es richtig gut getan, in Mexico City wenigstens einen Zirkus zu sehen. Insbesondere haben wir uns gefragt: Wie werden die Mexikaner es aufnehmen, dass zwei Gringos (nicht gerade liebevoller Spitzname der Süd- und Mittelamerikaner für US-Amerikaner) hierher kommen und Sachen machen, die noch keiner hier gesehen hat?

    KK: Und wie haben die Mexikaner reagiert?

    M: Sie waren so neugierig, dass wir immer riesige Menschenaufläufe verursacht haben. Jeder hat angehalten, um zuzuschauen, und wenn wir fertig waren, sind sie einfach nicht mehr weggegangen. Sie sind einfach stehen geblieben und haben uns angestarrt, während wir gepackt haben und gehen wollten.

    KK: Wie haben die Leute denn darauf reagiert, wenn ihr darauf hingewiesen habt, dass sie euch Geld in den Hut werfen sollen?

    D: Sie haben etwas in den Hut geworfen. Wenn ihre Kinder gelacht haben, gaben sie uns ein paar Pesos, um uns zu zeigen, dass sie unsere Arbeit respektieren.

    M: Sie waren ziemlich von uns angetan. Überall, wo wir auftraten, haben sie gelacht, waren neugierig. Sie mochten es gerne, einbezogen zu werden, ein Teil der Show zu sein.

    D: Ich denke, hier in Zentralamerika gibt es kaum Performance Art. Es gibt nur unglaublich viel Fernsehen. Gleichzeitig sind aber auch viele Leute auf der Straße. Die meisten sind den ganzen Tag draußen und sie würden gerne irgendetwas sehen. Und wenn du dann auftauchst und dich den Blicken aussetzt, dann nehmen sich die Leute gerne die Zeit, dir zuzuschauen. Sie amüsieren sich, sie lieben das total.

    KK: Wie lief das mit der Gage?

    D: Wir haben herausgefunden, dass es am meisten Geld gibt, wenn Touristen zuschauen, klar. Die Einheimischen kommen gern und zeigen große Begeisterung für unsere Arbeit. Das gibt uns ein gutes Gefühl, das lässt uns aufblühen.

    M: Wir haben immerhin durchschnittlich 750 Pesos pro Show auf der Straße eingenommen.

    KK: Wie viel ist das?

    M: Das sind 7 bis 15 Dollar (10 € = 12 $). Und wenn man bescheiden ist, kriegt man ein Doppelzimmer für ca. 5 $ die Nacht. Das heißt, wir hatten genug Geld, um zu schlafen und um zu essen.

    KK: Wie lange seid ihr schon unterwegs?

    D: Fünfeinhalb Monate.

    KK: Und ihr spielt die ganze Zeit?

    D: Ja, wir haben überall, wo wir waren, gespielt, und überall unser Geld damit verdient.

    Am Anfang haben wir ausschließlich auf der Straße gespielt. Irgendwann sind wir dann zum ersten Mal in einer Bar aufgetreten.

    KK: Wie läuft das denn? Besprecht ihr die Show mit dem Wirt und der macht dann ein paar Tage Werbung für euch?

    M: Wir erzählen von unserer Show. Eine Audition haben wir nie gemacht. Die Betreiber sagen dir dann meistens, wann es am besten ist zu spielen. Bei manchen Bars kannst du nach einer kleinen Basis-Gage fragen und ob du den Hut rumgehen lassen darfst. So haben die Veranstalter nicht viel zu verlieren.

    Am Anfang zum Beispiel haben wir freies Essen und Trinken bekommen und jeder noch 5 Dollar zusätzlich. Damit konnten wir unser Zimmer bezahlen. Das ist nicht viel, aber wir haben klein angefangen. Wir wussten ja noch nicht, wie viel Gage wir verlangen konnten.

    KK: Ihr habt auf der Straße und in Bars gespielt. Wo noch?

    Wir haben auch kostenlose Auftritte gemacht für Kinder, für Schulen. Das ist total schön! Die Kids sind so glücklich darüber. Sie lieben Clowns. Sie haben uns nach Autogrammen gefragt und die Schuldirektorin hat uns Limo und Lutscher angeboten.

    KK: Wie seid ihr denn eigentlich auf die Idee gekommen, als Straßen-Clowns zu arbeiten?

    M: Wir haben ein paar beeindruckende Shows gesehen und beschlossen, auch so etwas zu machen.

    Dann haben wir die San Diego Circus School besucht. Das hat uns weit vorangebracht!

    D: Wir sind dann mit den Techniken, die wir auf der Zirkusschule gelernt haben, auf die Straße gegangen. Wir hatten kein Script, keine Idee, wir haben einfach drauflos improvisiert. Wir haben nur 7 Dollar verdient mit unserer allerersten Show. In San Diego kann man 100 Dollar pro Show verdienen – aber wir haben uns immerhin getraut.

    M: Ja, es war super, dass wir einfach losgespielt haben. Wir haben unser Handwerk ausprobiert und angewendet, anstatt zu grübeln, ob’s funktioniert. Wir haben unsere Tricks aus der Schule probiert. Klar passiert es am Anfang, wenn du noch keine funktionierende Show hast, dass dein Publikum das Interesse verliert und einfach geht.

    D: Es ist schwierig am Anfang. Du denkst: „Sie sollten sich amüsieren, sie sollten respektieren, was ich hier tue.“ Und wenn sie’s nicht tun, willst du einfach gehen – aber es geht nicht, da musst du durch.

    KK: Und jetzt, was spielt ihr jetzt? Ist es eine sich aufbauende, zusammenhängende Geschichte oder eine Sequenz von Tricks und Gags?

    M: Es ist definitiv eher eine Abfolge von Ereignissen. Wir arbeiten mittlerweile sehr viel mit Publikumsbeteiligung.

    D: Wenn Mango einen Trick zeigt, fange ich an, mit einer Dame im Publikum zu flirten. Mango wird eifersüchtig – so entstehen auch Geschichten.

    KK: Sprecht ihr eigentlich Spanisch?

    D: Ja, allerdings nicht viel. Für Clowns reicht das. Am Anfang spielten wir ohne Sprache. Wir fürchteten, nicht antworten zu können, falls man uns etwas fragt. Mittlerweile haben wir sogar kleine Dialoge.

    Wir haben schnell gelernt, wie wichtig Sounds und Lärm sind. Am besten sind pfeifen oder lustige Geräusche machen, so kriegen wir das Publikum.

    KK: Was ist mit euren Props und Kostümen, eurem Make-up?

    M: Wir haben einfache Kostüme, sie sollen leicht sein. Unsere Schminkpalette besteht fast nur aus Stiften, so dass wir wenig Gepäck haben. Unser Make-up ändert sich öfter mal. Wir deuten das Clownsgesicht nur an. Und wir spielen ohne Nasen. Ansonsten müssen wir Macheten, Fackeln und Hula-Hoop-Ringe transportieren. Das ist nicht so viel.

    KK: Wo habt ihr denn bisher gespielt?

    D: In Mexico, Belice, Guatemala, Costa Rica und Panama.

    M: Ich mochte Guatemala am meisten, dort waren kaum US-Touristen, sondern nur Einheimische und Touristen aus Südamerika. Und für die dortigen Verhältnisse haben wir viel Geld verdient.

    KK: Zu welcher Tageszeit habt ihr gespielt?

    D: Wir haben meistens ein bis zwei Shows am Tag gemacht, und das vorwiegend gegen 4 bis 6 am Nachmittag, meistens in der „goldenen Stunde“ gegen Sonnenuntergang. Das Licht ist dann perfekt und die Leute gehen gerne nach der Arbeit raus. Die Kinder sind auch noch wach. Also, das ist die beste Zeit.

    In den Bars dann nachts. Gute Beleuchtung ist da natürlich wichtig.

    KK: Wie lang ist eure Show?

    M: 20 bis 30 Minuten.

    KK: Ihr konntet also gut davon leben?

    D: Oh ja, konnten wir. Wenn man mehr Geld braucht, muss man einfach öfter spielen.

    Kommt auch darauf an, wie man reisen möchte. Wenn man nur 5 Dollar zahlt für seine Unterkunft, ist das natürlich nicht das beste Zimmer.

    KK: Wie ist das, in einer anderen Kultur zu spielen?

    D: Es heißt ja, in Mittelamerika seien die Leute so konservativ und katholisch. Wir haben sie als sehr offen empfunden. Ich weiß nicht mal, ob es so schlimm wäre, religiöse Witze zu machen.

    KK: Was würdet ihr zusammenfassend über eure Reise sagen?

    D: Reisen und Auftreten sind ein guter Weg, Land und Leute wirklich kennen zu lernen. Die Leute öffnen einem die Herzen und die Türen. Du siehst viel mehr, man akzeptiert dich anders, es ist viel leichter, so zu reisen, weil man mit den Leuten interagiert. Außerdem ist es ein guter Weg, sein eigenes Land und sich selbst freundlich zu repräsentieren.

    Wenn du irgendwohin kommst und du machst dich selbst zum Narren, zum Clown, denken viele Leute: „Die sind ja nett – die lade ich ein.“ Auf diese Weise haben wir einige Leute getroffen, die wir ohne unsere Straßenshow niemals kennen gelernt hätten.

    Ich will gar nicht mehr anders reisen. Auch wenn man nicht wirklich viel verdient.

    KK: Noch ein paar Worte an die Künstler in Europa?

    D: Wenn ihr das machen wollt – macht es! Die Welt steht euch offen. Es ist emotional sehr erfüllend und eure Taschen werden auch gefüllt sein. Ihr werdet viel Spaß haben!

    Redaktion: Kassandra Knebel

     

    Hinweis:

    Derrick und Megan kommen im Mai nach Europa.

    Dort werden sie – wie könnte es auch anders sein– eine Straßentheater-Clowns-Tour machen.

    Mehr Infos im Internet unter people.tribe.net/mangoanddango.

     

    AdNr:1085b  

    2006-06-15 | Nr. 51 | Weitere Artikel von: Kassandra Knebel





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