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    Wunder und Wahnsinn


    Die Welt ist allenfalls lächerlich, aber nicht zum Lachen. Das stellte auch Thomas Reis im Lustspielhaus fest; und die Leute lachten darüber. In seinem Programm „Ein Schwein wird Metzger“ führte der Kölner Kabarettist nicht geringeres vor als die Metamorphose einer Generation. Fröhliches Frühstücksfernsehen sei ihm verhaßt, er habe es lieber ehrlich: verkatert und grantig – und bisweilen zotig: Fragt der Moderator: „Sie können also ihren Mann am Spermageschmack erkennen?“ Meint die Kandidatin: „Ich kann’s ja mal probieren“. Ist das frauenfeindlich? "Ja, klar! Wir trauen uns wieder.“ Am besten ist Reis, wenn er haßt: Hunde, Spießer und den Störenfried aus dem Publikum. Da kannte er kein Pardon. Das war gut.

    Leiser und literarischer trat Franz Hohler an. Noch im vermeintlich Unbedeutenden entdeckte er eine bedeutungsvolle, mithin poetische Spur und folgte ihr gemächlichen Schrittes, bis daraus eine Geschichte entstand. So bereitete es ihm keinerlei Mühe, aus dem Tod eines kleinen Käfers auf einer Südseeinsel den Weltuntergang abzuleiten. Freilich begründete er das alles; bekanntlich ist ja das Gleichgewicht der Natur äußerst labil. Und vermutlich hat der Weltuntergang, da ist Hohler beizustimmen, bereits begonnen. Sein Programm "Wie die Berge in die Schweiz kamen" gehörte zu den Glanzleistungen des einmonatigen Kabarettfests im Lustspielhaus anläßlich seines fünfjährigen Bestehens.

    Grandios gerieten auch die Auftritte des Hamburger Duetts "Herrchens Frauchen", des immer wieder ausgezeichneten Henning Venske sowie das Gastspiel von Karl Dall, dem mancherorts unterschätzten Helden der Unterhaltungsindustrie. Insgesamt 17 Programme wurden von rund 6000 Zuschauern gesehen. Davon, daß das Kabarett angeblich in einer Krise steckt, war nichts zu merken. Vielmehr bewahrheitete sich: Das Lustspielhaus gehört inzwischen zu den wichtigsten Spielstätten Deutschlands. Darauf dürfen die beiden Hausherren Nils Loenicker und Jan-Peter Petersen zu Recht stolz sein. Als sie vor fünf Jahren antraten, ohne Subventionen das Haus in der Ludolfstraße zu sanieren, dachten nicht wenige, das sei Wahnsinn. Mittlerweile zählt man 40000 Besucher jährlich und erfreut sich bester Kontakte zu den besten Kabarettisten. Und die kamen dann auch fast alle, zu gratulieren. Auch entstanden neue Kontakte. Erfreut resümierte Loenicker: "Die Familie ist größer geworden."

     

    Showcase Beat Le Mot

    Meine liebste Produktion in diesem Quartal: "Grand Slam" von "Showcase Beat Le Mot" im Februar auf Kampnagel. Die Szene, in fluoreszierendes Licht getaucht, zeigte einen Tennisplatz und fünf Zelte. Aus den Boxen hallte und dröhnte „Welcome To The Pleasure Dome“, nach einer guten Weile tänzelten vier Tennisspieler aus den Zelten und betrieben eine groteske Gymnastik, während der fünfte Akteur den folgenden Monolog hielt: „Guten Tag, ich bin eine Tennisballwurfmaschine. Ich stehe hinter der Auslinie und spucke mit Worten. (...) Ich liebe runde filzige Formen, mit Würfeln kann ich nichts anfangen. Ich bin eine Tennisballwurfmaschine. Mir flie-gen die Bälle um die Ohren. Ich glaube, es ist Krieg.“ Im Vergleich zur Vorjahrsproduktion fiel "Grand Slam" kürzer und konzentrierter aus. Aber noch immer versteht es das sechsköpfige Kol-lektiv aus dem Umkreis des Gießener Instituts für angewandte Theaterwissenschaften sein Publikum mit fabelhaftem Irrsinn zu verzaubern und herauszufordern.

     

    Georgette Dee und Terry Truck

    Nicht umsonst leitet sich das Wort Leidenschaft von Leiden ab. Jeder weiß das, aber niemand besingt es besser als Georgette Dee. Immer wieder das selbe Lied. Und doch immer wieder großartig. Mit ihrem vortrefflichen Pianisten Terry Truck gastierte die Diva wieder einmal im Tivoli, um alte und neue, eigene und fremde Lieder zum Vortrag zu bringen. Das Programm hieß "Evergreens – die roten Lieder“ und führte die Liebe als eine Angelegenheit zwischen Wunder und Wahnsinn vor. Mit fabelhafter Ironie setzte sich die Diseuse über das Leidenschaffende hinweg. Womöglich, schlug sie vor, sei es besser, nicht zu lieben und statt dessen zu gucken, wie es bei anderen nicht geht. Wenn man dann aber doch wieder liebt und also leidet, geht man am besten mit seinem Selbstmitleid in eine Kneipe, und versucht, es unter den Tisch zu trinken, und robbt endlich, nachdem das gelungen ist, an die Theke, um dort gleich in eine neue Affäre zu geraten. So ist das Leben. Man begibt sich in eine dunkle Bar, und wenn man herausgeht, ist es draußen bereits wieder hell. „Das ist schon okay“, sagt die Dee.

     

    Ausblick und anderes

    Der 52jährige Diether Krebs gastierte im St. Pauli-Theater mit dem Programm "Diether Krebs und ungebetene Gäste". Das Publikum feierte einen ehrlichen Künstler, einen Handwerker, der antrat, die Leute zu unterhalten. Ein Profi und Perfektionist. Und doch wäre der Abend noch viel besser gewesen, wenn er auf manchen der ungebetenen Gäste und auf die Band verzichtet, statt dessen sich selbst mehr dargestellt hätte. Das immerhin versuchte Andrea Bongers, Mitglied der Kulttruppe Mägädäm, mit ihrem intimen Liederabend "Lalala". Den Berlinern und Berlinreisenden empfehle ich übrigens Martin Buchholz, der tritt vom 7. Oktober bis zum 31. Dezember im Tränenpalast auf.

    Vom 25. Mai bis zum 20. Juni richten die Hamburger Kammerspiele das 13. Kabarett-Festival aus. Ansonsten gab es in der Freien und Hansestadt einigen Trubel um kleinere Privattheater. Am schlimmsten schien das "Piccolo-Theater" betroffen, dessen Intendant schon zur Kapitulation bereit war. Man gab nun die eigene Spielstätte auf und bespielt künftig das Atrium, eine Kleinkunstbühne im Schanzenviertel. In seiner Existenz bedroht ist auch das "Theater im Zimmer"; derzeit berät man noch, wie, ob und mit wem es weitergehen kann. Erfreulich immerhin: Am 30. April eröffnet eine neue Spielstätte: Auf St. Pauli im Zelt der "Fliegenden Bauten" hat dann das "Tiger Lillies Varieté" Premiere. Und last but not least wagte das Schmidt eine sogenannte "Kiez-Soap-Opera". Zumindest die Premiere der "Pension Schmidt" gelang vortrefflich. Über den Fortgang lesen Sie im nächsten Heft. Bis dahin, beste Grüße

    Redaktion: Jörg Noll

    1999-06-15 | Nr. 23 | Weitere Artikel von: Jörg Noll





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