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  • Szenen Regionen :: Frankreich

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    Theater mit dem Rücken zur Strasse


    Wer noch von Strassentheater spricht, ist eigntlich von gestern. Doch wie soll man benennen, was heute mehrheitlich auf Strassen und Plätzen gespielt wird, da sich jede Kompanie ihr eigenes Nest baut ? Das Festival Chalon dans la rue machte deutlich dass sich der Trend durchsetzt, jedem Theaterstück seine eigene, originelle Bühne zu errichten. Das ist auch eine Folge der gestiegenen Produktionsbudgets.

     

    "Chalon dans la Rue" Wo geht’s hier zur Strasse ?

    Die Compagnie Off schlüpft für ihr « Carmen » in das rostige Rund eines ausgedienten Gastanks. Am Boden und auf Rundläufen über den Köpfen der Zuschauer spielen die (hochkarätigen) Opernsänger ein groteskes Patchwork, frei nach Bizet. Ein Delirium in dem die Zuschauer von den Akteuren eingeschlossen und permanent umrundet werden. Genau das Gegenteil also der im Strassentheater üblichen Konstellation. Doch bleibt der Blick auf den Himmel offen. Eine Stufe radikaler sind die 26000 Couverts mit « Direct ». Die Kompanie die einst mit « wahrem » Strassentheater begann, spielt mit den Zuschauern die Live-Produktion einer Piraten-TV-Sendung. In einem Hangar wird das Publikum als Geisel genommen. Am Ende steht das Sturmkommando der Polizei vor der Tür. Das Publikum betrachtet die demagogische Dialektik zwischen TV-Dreh und der auf dem Bildschirm erscheinenden Illusion und kann frei umherlaufen. Das weiss zu schätzen wer das in einer Ausstellungshalle entstandene, aus Pappkartons gebastelte Labyrinth der Compagnie L’Ange à deux têtes durchlaufen hat. Jeweils acht Personen durchkriechen in « Boâte » immer enger werdende Gänge und begegnen Predigern der Apokalypse, grunzenden Monstern und warzigen Alchimisten. Royal de Luxe sind zwar zu einer bescheideneren Gröss als in « Peplum » zurückgekehrt, doch ziehen sie nun mit ihrer eigenen Zuschauertribüne von Festival zu Festival. In « Petits contes nègres » verarbeiten sie Eindrücke einer Reise über die Dörfer in Kamerun. Der Dorfplatz mit roter Erde, auf dem sie dort einge ihrer Episoden aufführten, wird exakt nachgestellt. Die vielen leichten, blechernen Marionetten wurden nach afrikanischem Vorbild in Recycling gebastelt.

    Vorliebe für dämonische Rituale

    So hat die Ära des Post-Strassentheaters begonnen. Grosse Produktionen verlangen nach einem massgeschneiderten szenischen Raum sicher eine Antwort darauf dass der Tross der Zuschauer sich immer zahlreicher schon vor Beginn der Aufführung versammelt und jeden Platz sowieso in ein improvisiertes Theater verwandelt  Immer grösser wird daher der Aufwand an Logisitik und Finanzen. Was diese Indoor-in-Outdoor-Produktionen mit Strassentheater verbindet ist die Vorliebe für dämonische Rituale mit Fegefeuerdramatik die mit Wollust und Geisselung dem Publikum den höllischen Kick verpassen wollen. Die Kompanie L’Arbre à Nomades stellte bei Chalon dans la rue ihre neue Produktion « U.P.H. » vor, die in den « Abattoirs » ihre triebhafte Gestalt annahm. Der ehemelige Schlachthof van Chalon ist nun eines von fünf Fabrikationszentren in Frankreich wo Strassentheater-Kompanien sägen und schweissen, proben und wohnen. Etwa zehn Kompanien pro Jahr sind hier « en résidence », oft mehrere gleichzeitig. L’Arbre à nomades stellen ein paar Holzcontainer auf die Strasse, verlorene Ladung eines imaginären Lasters (welch passender Doppelsinn). Auf und zwischen den Kisten räkeln und gebärden sich die « Prostituierte von Babylon » und allerlei geifernde Inkarnationen der Wollust im Angesicht des jüngsten Gerichts, triefend im Fett des dargereichten Spanferkels. Im Inneren der Kisten sind Totenschädel, Zivilisationsmüll etc. zu besichtigen. Das von Pierre Layac und Jacques Quentin gestaltete Festival von Chalon sur Saone machte deutlich wie wenige, so die « Urbanologues associés » von Les Piétons, sich noch mit den real existierenden Mauern auseinandersetzen. Vor dem Schwarm der Neugierigen flüchtet sich ein Urbanologe in die Höhen der Fassadenkletterei, dirigiert von Jean-Marie Maddeddu, dem Gründer der Kompanie. Was von dem Ziel bleibt, Fassaden neu entdecken zu lassen, Stadtbild und Bewohner zusammenzuführen, so wie es zuletzt noch René Marion in Cognac mit seinem Festival Coup de chauffe gelang, ist Volksbelustigung, die im übrigen verstärkt auf im Mittelalter beliebte Formen zurückgreift.

    Tanz im öffentlichen Raum

    Vom Leben in der Stadt beeinflusst zeigten sich zwei Tanzproduktionen.  Die Kompanie Saltindanse tourt mit « Le cabaret mouvementé », einer Folge getanzter Episoden zu Partylust und Pennerleid, kraftvoller Tanz mit einer Prise Akrobatik der allen Festivals ein Publikumshit ist. Der mit Hip Hop nichts gemein hat sondern mittelaterliche Farce genauso verarbeitet wie Charleston, und dennoch klar urbaner Tanz ist. Bei der Kompanie Artonik rollt für « Caliente » der Bühnenraum auf seinen eigenen Rädern. Ein Wohnwagen mit Überlänge erlaubt den Blick auf sieben neurotische Städterinnen in Bad oder Küche. « Caliente » ist ein eindringlicher Querschnitt zwischen Tanz und Körpertheater, der auch auf Europas führendem Festival dieses Genres, auf Mimos, seinen Platz fände.

    Denn gerade geht Mimos 99 mit dem Thema « Die Wahrheit des Körpers » zu Ende. Das Festival brachte spannende Entdeckungen aus den Sparten Performance, Mime corporel und Comedy. La Ribot, eine Performance-Mimin mit Tanzausbildung und Vorliebe für Surrealismus gewann den Preis der Kritik. Für die interessantesten Entdeckungen aus Tschechien, Österreich, Kanada etc. wird im nächsten Trottoir Platz sein.

    Fado von der Strasse

    Paris hat eine Stimme abzugeben im Weltkonzert  des Tango, die Stimme von Bévinda. Die zierliche Sängerin kreiert Fado so wie Paris seine Parks bevölkert : in allen Farben und Akzenten. Die Kompositionen verflechten Saudade mit Flamenco, Rock, Jazz, Lyrik, Tango, Bossa Nova und arabischen Klängen. Kein Song gleicht dem anderen und doch sind alle unverkennbar Fado. Bévinda lebt in einem der afrikanischen Viertel von Paris. Ihr Fado ist ein Produkt der Grossstadt, schaut mehr auf die Strasse als ins Innere der Seele. Bévinda kam schon im zartesten Alter nach Frankreich, sang mit Tanzorchestern und sang in der Sprache ihrer Heimat erst ab 1991. « Im Fado ist der Ausdruck wichtiger als die Musik. Die Melodien sind einfach. Der Fado gehört dem Volk. » Trotzdem singt sie keine Standards sondern eigene Kreationen. Am Schluss des Abends im brechend vollen Musikschuppen im Bastille-Viertel verwandelt Bévinda die Saudade in ein rauschendes Fest. Ein Kopfnicken, ein Lächeln genügen und das Publikum singt mit. Gerade wenn sie die « Stadt des Schnees » besingt und wir Heimweh erwarten dürfen, wirft sie sich ins Feuer des Flamenco. Ihre aktuelle CD heisst « Chuva de anjos » (Es regnet Engel). Ihre Vielseitigkeit drückt sich am besten auf « Terra e ar » von 1996 aus sowie in einem Abstecher auf ihr Album « Pessoa em Pessoas ». Hier vertont sie Gedichte von Portugals grösstem Poeten mit einem Kammerorchester (alle CD bei Mélodie). Doch auf der Bühne bringt Bévinda nicht Nostalgie sondern Witz und Lebensfreude pur.

    Das jonglierende Gesamtkunstwerk

    Jérome Thomas und François Chat ist der Anspruch gemein, Jonglage zum Kunstwerk zu erhöhen. Dabei steht für Jérôme Thomas weiter der Spass am weissen Ball imVordergrund während Chat philosophisch wird. Bei Thomas wird der Ball zur Dramatis Persona. Die vier Freunde, die in « 4 » an dem Kunstwerk teilhaben, grummeln wie Hobbits und verzaubern wie Fabelwesen von Shakespeare. Tischtennisbälle fallen wie Tropfen in eine Wasserschale, die vier Jongleure lassen einen Reigen von Champagnerperlen in die Luft steigen, oder reiten selbst auf weissen Gummibällen.   Im Schlussbild fallen hunderte von Bällen aus dem Bühnenturm. Ganz anders François Chat. Der Minimalist hat für « Rotation» einen Musiker ins Zirkusrund geholt, der mit elektrischer Laier den Bogen vom Mittelalter bis zu orientalischer Dreigroschen-Meditation spannt. « Alles ist rund, ein Zyklus ». Chat hält das für mitteilenswert. Da braucht der Ball kaum noch in Erscheinung zu treten. Nach einem gelungenen Debut mit « L’œuf du vent » und einer Arbeit mit Bob Wilson, « Wings on the Rocks », hält er sich nun, absurderweise,  für einen Tänzer und Mimen. Lieber sollte er ab und zu einen Ball fallen lassen. Noch merkwürdiger ist in der Erneuerung der Jonglage, dass ausschliesslich Männer am Ball sind, wie an den Töpfen und Pfannen der Haute cuisine. Welcher magische Kreis verwehrt den Frauen hier den Zutritt ? Mehr Jongleure im nächsten Trottoir.

    Auf seinem Festival « Dans la Jongle des villes » lud Jérome Thomas auch Babeth Gros und Rémy Balagué ein, die zusammen das Duo Vent d’Auban bilden. Die Beiden sind Bodenakrobaten, Tendenz Clown. Ihr Stück « Pas touche terre » (Nich’ an’ Boden kommen ») durchläuft das schwierige Liebesspiel des Erwachsenwerdens im Zeitraffer. Bis ein Kuss zustandekommt, führt der Weg über viel Akrobatik, Versteckspiel, Stabhochsprung und Spass am Spiel mit der Lust des Anderen. Der Regisseur Christian Coumin hat einen feinen Blick für archetypische Mimik von köstlicher Komik. Zum Schluss verraten die Beiden, dass sie im Workshop mit dem Théâtre du Mouvement gelernt haben, wie man im Auf- und Durcheinander der Körper die Bühne überquert, ohne den Boden zu berühren. Eine der schönsten Allegorien auf die Kraft der Liebenden. 

     

    Redaktion: Thomas Hahn

     

     

    Termine :

     

    Jonglage, Akrobatik :

    Les frères Kazamaroffs, « Cirque clandestin »

    Zirkusselt am Canal de l’Ourcq

    75019 Paris

    Metro Ourcq oder Crimée

    3. Nov.-3 .Dez.

     

    Tanz-Avantgarde :

    Système Castafiore

    Chor : Marcia Marcellos (ex-Sängerin von Tuxedomoon)

    Théâtre de l’Athénée

    Square de l’opéra Louis-Jouvet

    75009 Paris

    9.-13. Nov.

    http://www.athenee.com   www.athenee.com

     

    Tango :

    Haydee Alba

    (eine der besten lebenden Tango-Sängerinnen)

    Opéra Bastille

    18-31. Dez.

     

    Hip Hop, Rap, Graffiti etc :

    Rencontres des cultures urbaines

    Grande Halle de la Villette

    28. Okt.-14. Nov.

    http://www.la-villette.com   www.la-villette.com

     

    Nouveau cirque :

    Cirque Plume, « Mélanges – Opéra Plume »

    La Villette

    8 .Okt.-31. Dez.

    http://www.la-villette.com   www.la-villette.com

     

     

    Napolitanisches Kabarett :

    « zwischen Carlos Gardel und Buster Keaton »

    Mauria Gioia, «Contrasirena »

    Im Zeltbau, 84/86, rue de la Roquette, Metro Bastille

    Ab 28 . Sept.

     

    1999-09-15 | Nr. 24 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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