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    2012 - ein komprimierter Rückblick

    2012 war ein Jahr, in dem irgendwie nichts fertig geworden ist. Ein bißchen Reformgestöpsel, ein bißchen Euro-Rettung, ein bißchen Weltuntergang - wenn ein Jahr eine Person sein könnte, dann wäre 2012 Claudia Roth: Nicht ganz abgestürzt, aber irgendwie trotzdem zum Heulen.

    Das Sperrigste zuerst: 2012 hat wieder viel Europa stattgefunden.

    Bis Mitte des Jahres war Europa das Ergebnis einer leidenschaftlichen Liebesaffäre einer deutschen Physikerin, die sich einem französischen Playboy mit abgelaufenem Verfallsdatum hingegeben hat. Doch die amour fou zwischen Onschöla Merkel und Nikolas Sarkozy wurde vom französischen Wähler brutal beendet. Die neue Achse Merkel-Hollande knallt noch nicht so richtig, weil beide über das leidenschaftliche Temperament eines Hans Eichel verfügen. Leider ist dann auch noch die griechische Wirtschaft völlig überraschend eingebrochen. Und das nur, weil man den griechischen Bürgern sämtliche Einkommensmöglichkeiten gestrichen hat, um den Banken ihre Zinsen bezahlen zu können.

    Seitdem wurde mehrfach sowohl die endgültige Rettung als auch der endgültige Untergang Europas verkündet. Das gehört mittlerweile zur Grundausstattung eines Jahres, so wie Ostern, Weihnachten, Abstiege des 1. FC Köln und Ausfälle von Horst Seehofer. Wir haben inzwischen nicht nur “Rettungsroutine” (wieder mal ein Wort des Jahres, das kein Mensch benutzt, außer in diesem Fall von Wolfgang Bosbach), sondern auch Untergangsroutine. Leider hat BILD dann im Herbst die schöne Schlagzeile “Wir sind Nobelpreis“ ausgelassen.

    Und immerhin entdeckt die europäische Politik jetzt ganz langsam, dass man Banken nicht immer nur Rettungsmilliarden in den Arsch blasen muss. (Die europäische Politik, nicht die deutsche. Bei uns regiert die FDP mit einem Finanzminister, der mal für das Schwarzgeld seiner Partei zuständig war.) Sondern dass man sie auch in den selbigen treten kann, sprich: Bankenaufsicht. Und da hat sich dann auch noch völlig selbstlos die Deutsche Bank als abschreckendes Beispiel zur Verfügung gestellt. Beim Handel mit Emissionsrechten hat sich das größte deutsche Geldinstitut etwa so seriös verhalten wie eine griechische Reederei mit Geschäftssitz in Panama.

    Zurück zu Trennungen und Liebe - die dramatische Trennung von Merkozy war nicht die einzige wichtige Trennung des Jahres: Heidi Klum hat Seal rausgeschmissen, Angela Merkel zog nach und trennte sich von Norbert Röttgen, Thomas Gottschalk von seinem guten Geschmack, und Christian Wulff von seinem Amt. Ein unvergesslich peinliches Kapitel der politischen Geschichte: Ein Staatsoberhaupt, das trotz 200 000 Euro Jahresgehalt nicht darauf verzichten konnte, sich von einem halbkriminellen pudeldauergewellten Finanzschmierlappen aushalten zu lassen, um ein paar lausige Kröten zu sparen. Und dann kriegt er noch nicht mal einen richtigen Skandal zustande, sondern nur einen sehr deutschen: Ein Rücktritt wegen eines vergünstigten Kredites für ein häßliches verklinkertes Einfamilienhaus, also ein Rücktritt wegen Geldes, das er auch noch zurückzahlen muß. So etwas wäre in Italien undenkbar.

    Damit bleibt Deutschland vorbildlich, vergleichen wir nur einmal die Preise für Winken: In Deutschland winkt ein Bundespräsident schon für 200 000 Euro im Jahr, dagegen in Italien bei der Crashfahrt der Costa Concordia im Januar - einmal Winken vor der Insel Giglio kostete 400 Millionen. Davon könnte man Joachim Gauck ab jetzt 2000 Jahre lang winken lassen. Wegen solcher Winkpreise ist Italien ja auch fast pleite.

    Getrennt wiederum hat sich auch die SPD von der Idee, man könne mit drei Mann als Kandidat gegen Merkel antreten. Damit begann Peer Steinbrücks kometenhafter Aufstieg vom Kandidaten-Kandidat zum Kandidaten der SPD: Ein Nominierungsparteitag mit Riesenglamour, eine ganze Halle in rot-blau-weißem Licht, der Kandidat jubelnd im Lametta-Regen, Helmut Schmidt sprach minutenlang mit einem leeren Stuhl - pardon, das war Clint Eastwood und die Nominierung von Mitt Romney. Warum auch sollte man Peer Steinbrück mit Lametta überschütten? Da denkt man sofort, “jetzt hört doch auf, den armen Mann auch noch mit Geldscheinen zu bewerfen. Und wer hat das bezahlt - die Stadtwerke Bochum?” Doch Steinbrück hat bereits Großes geleistet: Nur durch seine Nominierung  wurde weiten Teilen von Union und FDP zum ersten Mal klar, dass es Politiker gibt, die Nebeneinkünfte haben! Noch dazu höhere als sie selbst.

    Nie fertig werden auch die Piraten. 2012 war das Jahr ihres Aufstiegs. Und ihres Abstiegs. Nicht dass die etablierten Parteien auch nur einen Hauch mehr an Programmatik vorweisen könnten, doch im Bereich Unterhaltsamkeit konnten die Piraten dieses Jahr durchaus mit Horst Seehofer mithalten: Unverständliche Nazi-Vergleiche, Parteitag im Bällebad, bizarre Auftritte wie der von Geschäftsführer Johannes Ponader bei Günther Jauch (unvergesslich, mit einem Wandteppich bekleidet ausschließlich mit seinem I-phone kommunizierend), und offen ausgetragene Ratlosigkeit. Davon können die anderen Parteien nur lernen: Horst Seehofer und Markus Söder im Bällebad abgeben! Wenn man Glück hat, werden sie dort von ihren Eltern vergessen.

    Nur in einer Partei, die dringend Betreuung für ihr Führungspersonal bräuchte, kann man auf so eine sinnlose Schnapsidee wie das Betreuungsgeld kommen. Gemeinsam durchgesetzt mit Familienministerin Kristina Schröder. Kristina Schröder ist die späte Rache der Konservativen an den Frauen.

    Und das Betreuungsgeld - man bezahlt Menschen Geld dafür, dass sie für eine staatliche Leistung nicht in Anspruch nehmen. Wehe, das macht Schule. Ich möchte gerne auf die Leistung des Verfassungsschutzes verzichten - wo kann ich das Geld abholen? 

    Die Ermittlungspannen im Falle des rechtsradikalen Terrortrios vom NSU dürften klar Platz 1 auf der Liste der peinlichsten politischen Versagen des Jahres einnehmen. Ein Dickicht von Ermittlungsbehörden - Bundesamt und Landesämter für Verfassungsschutz, BKA, LKAs, LMAA - in dem an mehreren Dienststellen zum gleichen Fall die Akten geschreddert wurden. Zufällig. Wozu braucht man da einen Verfassungsschutz? Man kann doch stattdessen bei Aldi einen Aktenvernichter kaufen. Und dabei gibt es wirklich genug Gruppierungen, die unserem Land gefährlich werden können: Wir haben hier Neonazis, Hells Angels, Salafisten und die FDP. Und was macht der Verfassungsschutz? Die Linke beobachten. Wahrscheinlich weil es viel interessanter ist, statt stumpfer Neonazis oder zottelbärtiger Salafisten Sarah Wagenknecht beim Baden zu beobachten.

    Dichtester Verfolger bei den politischen Rohrkrepierern des Jahres war die Energiewende. Eigentlich eine tolle Sache - Atomausstieg! Regenerative Energien! Leider wird die Energiewende von Menschen wie Peter Altmaier und Philipp Rösler schlechter organisiert als die Inbetriebnahme eines Berliner Großflughafens. Man baute Windräder in der Nordsee und merkte erst danach, dass da keiner wohnt. Und dass man Leitungen braucht, um den schönen Strom von da weg zu kriegen. Immerhin: Gerade noch gemerkt, lieber lange Leitung als gar keine! Als Konsequenz will der Peter statt Leitungen aber lieber weniger Windräder bauen, und der Philipp fand Windräder schon immer fast so doof wie weite Teile der Bevölkerung mittlerweile die FDP finden. Denn auch unter Philipp Rösler hat die FDP dieses Jahr keine Möglichkeiten ausgelassen darauf hinzuweisen, dass man nicht immer die gleichen Vorurteile gegen die Partei bemühen muss. Sondern dass sie wirklich so sind: Ein Ausbund an klientelgesteuerter Schamlosigkeit. Beispiele: Die Belehrung von entlassenen Schlecker-Mitarbeiterinnen, die Verhinderung eines Hilfsfonds für die Opfer von ärztlichen Kunstfehlern, das neue Mietrecht, und die Streichung FDP-inkompatibler Passagen des Armutsberichtes der Bundesregierung.

    Zensieren und Weglassen war ohnehin ein ganz wichtiges Element des Jahres. Beim Berliner Flughafen hat man den Brandschutz weggelassen und auf absehbare Zeit auch die Flugzeuge, bei Stuttgart 21 die Kostenplanung, und zensiert hat nicht nur Philipp Rösler, sondern auch die UEFA. Wir werden nie erfahren, was wirklich in der 22. Minute des EM-Gruppenspieles Deutschland gegen Holland geschah: Man sah, wie Jogi Löw listig einen Balljungen foppte, was aber nur nachträglich in die “Liveberichterstattung” hineingeschnitten worden war.

    Warum? Was wurde uns vorenthalten? Protestbanner, Hundekadaver, Nasebohrereien von Präsident Janukowitsch? Und wurde vielleicht auch die deutsche Abwehr beim Halbfinale gegen Italien nur nachträglich reingeschnitten? Sie wirkte jedenfalls so, als sei sie nicht wirklich da.

    Auch andere Dinge werden wir nie erfahren. Z.B. warum das ZDF aus maximaler geografischer Entfernung vom nächsten Fußballspiel “live” vom Ostseestrand berichtet hat. Noch dazu mit Katrin Müller-Hohlenstein und Oliver Kahn: Die Usedomina und die Grillwurst, unvergesslich.

    Doch die Mehrheit war sich einig, es war ein ganz großes Jahr des Sports. Allein schon deswegen, weil die Bayern alles Wichtige verloren haben.

    Bleiben wir beim Weglassen - da fällt mir noch Facebook ein, die lassen gerne was weg, und zwar sowohl den Datenschutz als auch die Einlösung vom beim Börsengang dahergeschwatzten Versprechungen. Selber schuld, wer von so was Aktien gekauft hat. Facebook ist die Fortsetzung der Stasi mit anderen Mitteln und hat in einem einzigen Jahr mehr Daten gesammelt als das soziale Netzwerk der DDR in 40 Jahren.

    Und noch etwas weggelassen hat die CDU, und zwar bei ihrem letzten Parteitag ein Wahlkampfthema. Weil da nichts ist hat man das ganze dann “Merkel” genannt und sich damit gebrüstet, die Vorsitzende mit einem “nordkoreanischen” Ergebnis von 102% bestätigt zu haben. Das macht man jetzt so. Bei der SPD war es dann mit 93% wenigstens noch ein “kubanisches” Ergebnis, und bei Claudia Roth mit unter 0 nur noch ein “doofes” Ergebnis. Mit ganz doll ironischen Begriffen wie “nordkoreanisches” oder “kubanisches” Ergebnis will man offenbar andeuten, dass man auch in der deutschen Parteiendemokratie auf die Aufstellung von Gegenkandidaten aus praktischen Erwägungen verzichtet.

    Man stelle sich vor, Wladimir Putin gäbe bekannt, er sei mit einem “neostalinistischen” Ergebnis gewählt worden, hahaha! Nein, aber Putin hat nicht so richtig Humorfeeling. Ein paar junge Frauen mit Wollmützen haben in einer Kirche “Gott bewahre uns vor Wladimir Putin” gesungen, was hielt er für Gotteslästerung und dafür zwei Jahre Arbeitslager für angemessen hielt.

    Putinesk empfindlich waren wie immer die Religiösen. Im einen Fall reichte ein harmloses Filmchen, und schon waren Millionen auf die Straße und zündeten amerikanische Fahnen an. Das ist nebenbei der Berufstipp 2012 für Gestrandete: Amerikanische-Fahnen-Händler in muslimischen Extremisten-Wohngegenden, da hast du ausgesorgt.

    Im anderen Fall reichte ein eher dümmliches Titanic-Titelbild für eine Klage des Papstes, und das wiederum für ein Protest-Anketten des Titanic-Chefredakteurs an den Hamburger Michel, wobei er übersehen hat, dass der Hamburger Michel evangelisch ist. Daraus ist dann die “Ökumene-Jetzt”-Bewegung entstanden.

    Was war noch? Jubiläen: 40 Jahre Bobbycar, 50 Jahre Rolling Stones, 70 Jahre Alice Schwarzer. Am besten gehalten davon hat sich ganz klar der einzige Gegenstand der Kulturgeschichte, der noch unzerstörbarer ist als Keith Richards: Das Bobbycar.

    Der Witz des Jahres stammt zweifellos von Angela Merkel, erzählt in der Bundestagsdebatte am 22.11.: “Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung.” Da ist sogar Rainer Brüderle vor Lachen sein Glas Riesling aus der Hand gefallen.

    Und das Bild des Jahres war ebenso zweifellos die in fassungsloser Selbstbegeisterung verharrende Jubelpose von Mario Balotelli nach dem 2:0 gegen Deutschland. Da steckte ALLES drin: wenigstens einmal triumphiert ein zahlungsunfähiges Entwicklungsland wie Italien über die übermächtigen Deutschen.

    Das war 2012: Wirtschaftlich war Deutschland obenauf und sportlich am Boden; der Dax rannte und die Spieler lagen auf dem Rasen und heulten. Man kann sagen: Es steht mental 4:4.

    Und nächstes Jahr ist ein neues Spiel.

    Thilo Seibel
    50677 Köln
    Telefon: 0178-796 69 89
    Web: thiloseibel.de
    E-Mail: seibel@netcologne.de
    2012-12-19 | Nr. 77 | Weitere Artikel von: Thilo Seibel



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