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    Wenn der Bach fließt und Musik in vielen Farben schillert

    Wer will sich da noch zurechtfinden, wenn Klassik sich mit Pop und Jazz vermischt, wenn Genres sich derart vermischen, dass man bei keinem Konzert mehr vor Überraschungen sicher ist.  Diese Neuorientierung in der Musikwelt ist auch eine Reaktion auf Publikumswünsche. Eine erfreuliche Reaktion, denn es geht nicht allein ums Musizieren, sondern um Kommunikation auf musikalischer Ebene, um den Dialog zwischen Interpreten und Zuhörern. Und nur so kann es gehen. Ich hab es erlebt.

    Harfe-Recitals haben Seltenheitswert. Eine glückliche Fügung war es darum, die junge Harfenistin Silke Aichhorn in einem außergewöhnlichen Programm mit Harfenklängen vom Mittelalter bis zur Gegenwart zu erleben.

    Silke Aichhorn stellt in ihren Konzerten nicht nur die klangliche Vielfalt der Harfe dar. Sie moderiert und informiert und sucht in Musik und Gespräch den Kontakt zum Publikum. Dabei widerspricht sie den gängigen Klischees von der ausschließlichen Lieblichkeit und Zartheit der Klänge des heute vielgespielten Saiteninstruments. Über Bänkellieder und Volksweisen, Bach und sogar Smetanas „Die Moldau„ begibt sie sich in die Gegenwartsmusik. In Andres kontemplativer  „Elegie über den Tod eines Schäfers„ erweist sich die Harfe als aussagekräftiges Instrument für alle Facetten und Applikationen neuer Kompositionskunst. Und Pearl Chertoks skurriler Ragtime „Harpicide„ at midnight„ gerät unter den Händen dieser begnadeten jungen Künstlerin zu einem musikalischen Ereignis. Mit „Even among the insects„ zelebriert Silke Aichhorn ihr Instrument und ihre Stimme. Einfach toll.

    Ebenso ausgefallen und genial auch die Konzertpremiere des Duos DRUMSfusion

    Drumsfusion gelingt der Versuch, die (Musik-) Welt um viele schillernde Farben reicher zu machen. Einmal mehr zeigt sich, dass es nicht mehr braucht als zwei exquisite Musiker, eine Menge Kreativität und die Idee, der Komplexität der Musik noch einige neue Elemente hinzuzufügen. Was Manfred Schmidt, Percussionsinstrumente, und Dirko Juchem, Blasinstrumente, bei der Premiere ihren Zuhörern direkt in Herz und Seele transportieren, ist eine Klangreise in das Innerste der Musik, in die Liaison zwischen Melodie und Rhythmus. Dabei verlassen die beiden Musiker sehr bewusst traditionelle Vorstellungen. Rhythmik entfachen Querflöte und Basssaxofon, und die Trommeln und Kesselpauken malen melodiöse Klangfarben.

    Die Instrumente fusionieren zu einer klanglichen Vielfalt, die an keiner Stelle an ihre Grenzen stößt. In „Barquino„ schaukelt das kleine Boot über die Wellen der bewegten See. In den angenehmen „Farben des Windes„ wiegen sich die Blätter des  Baumes und chinesische Bambusflöten erinnern an das ferne Asien. Selbst im Zusammenspiel scheinen die beiden Interpreten permanent solistisch zu agieren, geben sich Raum, um Klänge zu färben. Virtuos und mit scat-Applikationen  entwickelt Dirko Juchem beim „Toujour, toujour„ aus rhythmischen Kapriolen meditative Melodiebögen. Impulsiv gestaltet Manfred Schmidt auf Pauken, Toms, Congas und Bongos die Urgewalt der „Eruption„.

    Diese Klangreisen begeistern, nehmen es mit auf den faszinierenden „Tauchgang in deine Seele„, in dem der Zauber des Klanges  Kontemplation, Aufregung und Spannung ungewohnt wohltuend verbindet. Hin und wieder dringen Latino-Rhythmen durch den Klangteppich, lassen die Realität spüren wie etwa beim „Australian Tango„. Und am Ende schafft Drumsfusion die Quadratur des Kreises im Blues auf „Blumenvase„ und Bassquerflöte.

    Bei all dem Neuen bewährt sich aber auch das Alte. Und wer meint, die Hits der Sechziger und Siebziger seien nur was für Nostalgiker, der irrt. Geändert hat sich,  dass die Konzerte heutzutage bestuhlt sind. Geändert hat sich aber nicht, dass die Musik jener kultigen Zeit jung geblieben ist und im symphonisch – rockhaftigen Gewand auch heute nicht viel mehr als drei Minuten pro Song braucht, um die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Vier lebende Legenden dieser musikalischen Hoch-Zeit präsentieren die Zeitlosigkeit des Rock, Soul und Pop. Bei fabelhaften Arrangements von Ulf Weidmann für Band und das Radio Sinfonie Orchester Sofia gehen einem kalte Schauer über den Rücken, wenn Barry Ryan vor dezenten Lichteffekten sein „Eloise„ aus den Boxen ins Auditorium schickt  und sein „Her hair was the colour of the sun„ wiederbelebt.

    Der Nazareth – Frontmann Dan McCafferty genießt es, wenn bereits die ersten Töne von „This flight tonight„  Aha-Erlebnisse hervorrufen. Mit seiner weichen Reibeisenstimme realisiert er vor allem die großen Rockballaden wie „Guilty„ mit der markanten Slide-Guitar im Background und den Riesen-Kuschel-Welthit „Love hurts„. Da fällt der Übergang leicht zu dem exponierten Interpreten des soulvollen Soul. Percy Sledge hat das Gefühl in seinen Songs so souverän verkörpert wie er seinen Smoking trägt. Weicher als er hat kein anderer von „Warm and tender love„ erzählt. Sein „Special prayer„ lässt das Auditorium dahinschmelzen. Und ehrfürchtig kniet er nieder  vor seinem Welthit „ When a man loves a woman„.  Grammy - Preisträger Christopher Cross, Stimm-Eunuch wegen seiner extremen vokalen Hochlage  und Stimm-Akrobat in „Save ourselves„ lässt keinen Zweifel an seiner Vormachtstellung in der Westcoast -Music aufkommen. Traumhaft schön sein „Sailing takes me way„ und sein Texas-Rock´n Roll „Run like the wind„. Wer´s sich in anhört, wird was verpassen. Denn dieser Event macht echt Spaß.

    Weniger Freude habe ich an der Musik von Dean Brown und der Dean Brown Group gehabt.

    Bei einem Konzert anlässlich der Präsentation der Debüt - CD „Here„ der Dean Brown Group blieben Inspiration und Kreativität als unabdingbaren Zutaten für gute Musik fast gänzlich auf der Strecke. Dean Brown  war Sideman vieler Jazz- und Funkgrößen und ist als hervorragender Gitarrist über jeden Zweifel erhaben. Auch seine Mitmusiker Bernhard Wright (Piano),  James Genus (Bass) und Juju House (Drums) sind absolute Könner. Elektrisierend ist der Sound,  desillusionierend allerdings der Eindruck, dass nun dem Jazz der entscheidende Kick gegeben werden könnte. Was aus den Boxen strömt, ist ein durchaus hörenswerter Mix aus Rock, Rhythm´ and Blues und vor allem aber dem Jazz-Funk. Dem gnadenlos nach vorn treibenden Rhythmus hat sich alles andere anscheinend unterzuordnen. Das, was in die Beine geht, was das Blut in Wallung bringt, bleibt das musikalische Hauptargument der Gruppe, dass sie dem Auditorium in anfangs mit mehr als 30-minütiger Funkkraft lautstark  einhämmern will. Auf der Strecke bleibt vor allem die Inspiration, die Kreativität, die Vielfarbigkeit. Nur selten blitzen neue musikalische Gedanken auf, etwa dann, wenn Dean Brown effektvoll mit Gitarreneffekten spielt, wenn er Melodiefetzen zerlegt und wieder zusammengesetzt.  Oder dann, wenn den wenigen Grundakkorden und den monotonen Grundrhythmen eine sphärische Harmonik davonrennt,  wenn James Genus solistisch am Bass nach kreativen Auswegen sucht und  Bernhard Wright sich einmal mehr anstacheln lässt zu virtuosem Fingertanz auf dem Keyboard.

    Und spannend wird’s, wenn sich mitten im Funk der gute alte Swing durchsetzt. Aber es ist halt „Electric City Land„ angesagt, der selbst bei „Big Foot„ Schatten auf den Blues wirft. „Tell it like it is!„ Es ist, wie es ist. Ich hatte mehr erhofft.

    Erfreulicher ist da schon, was sich derzeit in einem Tonstudio am Rhein entwickelt. Lulo Reinhard, Sinti-Swinger, Gitarrist unter anderem bei den „I Gitanos„  geht auf Solopfaden. Mehr darüber im Interview.

     

    Bis demnäx.

    Euer Bernhard Wibben 

     

    2002-06-15 | Nr. 35 | Weitere Artikel von: Bernhard Wibben





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