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    Artisten sprengen Schubladen

     

    Trotz des zerstörerischen Dezembersturms von dem sich noch nicht alle Zirkuskompanien erholt haben brachte das erste Quartal einige Premieren. Der Cirque Baroque hat sich des Frankenstein-Themas angenommen was viel rauchende, tiefschwarze Dramatik versprach. Und zeigte sich überraschend sanftmütig. War in « Ningen », dem vorherigen Epos, die Biografie Mishimas der Ausgangspunkt, so geht es in « Frankenstein » um das Verhältnis zwischen der Kreatur und ihrem Schöpfer, im physischen und geistigen Sinn.  Ellen UrbanDas Thema birgt noch mehr Gewalt als « Ningen », doch Christian Taguet und Augustin Letelier verleihen dem Schauspiel mehr Sanftheit durch verstärkten Einsatz von Tanz, getragen von einem höheren Anteil weiblicher Interpreten die auch an den großen Jonglage-Tableaus mit den wirbelnden Keulen teilnehmen die bisher reine Männersache waren. Das Gruseln verbreiten die Herren dafür vor dem Beginn, wenn sie als Sensenmann, Gnom und Feuerspucker durch die Zuschauerränge ziehen. Das Bühnenbild, in « Ningen » noch liebevoll harmonierend von Paravents bis ‘Rosensteg’ ist zum Baugerüst geschrumpft. Wie gewohnt wird das Spektakel von Musik begleitet, die diesesmal deutlich an Subtilität gewonnen hat. Wie « Ningen », existiert auch « Frankenstein » in Versionen für Zelt und Bühne .

    Familien mit Rythmus

    Kleiner und bescheidener im Budget doch nicht weniger märchenhaft ist die Compagnie Rasposo. Ein echter Familienzirkus (fünf Personen), doch mit modernen Ideen. Das gilt obwohl ihr Stück « Triptyque » mit magischen Bildern der Mittelalters spielt. Der Titel wird nun für die kleine Truppe unerwartet berühmt, da auch Bartabas das neue Stück seines Pferdetheaters Zingaro so genannt hat. Wie lieb, oder auch : wie naiv ist die Familie Molliens, dem Pseudo-Tartaren den Titel kampflos zu überlassen. Auch in Rasposos « Triptyque » treten ja Pferde auf. Die neue Produktion dieses Cirque-théâtre ist ein Kleinformat und heißt « Mademoiselle ». Das Ambiente ist geprägt von Charleston, Kabarett, Art-déco und Kostümen im Stil der goldenen Zwanziger. Daß es sich um Zirkus handelt, bestätigen Trapez und Seiltanz, den sogar die Katze beherrscht. Da wird nicht filosofiert wie beim Cirque Baroque sondern auf einfache, direkte Art mit viel Charme das Publikum umgarnt, gesungen und jongliert. Rasposo und hat mit « Le fou de Bassan » noch ein romantisches Stück im Jahrmarkt-Theater-Stil das 18. Jahrhunderts im Programm und hat ihr gesamtes Repertoire zur Aufführung auf Theaterbühnen bearbeitet. Im Zelt tritt die Rasposo-Familie häufig auf Straßentheaterfestivals auf.

    Himmlisch wird es mit Le Cirque du grand céleste. Das enge Zelt der kleinen Truppe birgt einen frontalen Bühnenraum in dem der Zirkus ganz von allein zum intimen Kabarett wird. Mit viel Humor werden die klassischen Nummern von Dompteur und Magier in Kabarettstücke verwandelt. Das ist Familienzirkus zu Salsa, Samba und Jazz bei dem die Kinder wie in einer Straßentheateraufführung im ersten Rang hocken. Dabei sind die Nummern hochklassig und auf den engen Raum zugeschnitten. Hochradburleske mit Jonglage und Kulissenunfällen – so präzise geregelt wie bei Buster Keaton -,  Löwensatire in im eiförmigen Schlafanzug, Dompteur im Käfig und Verarbeitung des Traumas per Spielzeugauto – die Komik ist dennoch nur ein Aspekt des Repertoires. Den poetischen Gegenpol bildet der Feürtanz von Sabine Koller, deren Fackeln im eigenen Wirbel abheben  in Richtung 1001 Nacht, archaisch und unwiderstehlich charmant zugleich. Da kann Salome noch etwas dazulernen. Oder die zweite Jongleuse, die als Froschkönig-Prinzessin mit ihrer Kugel spielt. Fast schon Kontorsionistin, mindestens Gymnastin und genauso märchenhaft. Grand celeste ist ein gutes Beispiel dafür daß die Kategorien klassischer bzw. neuer Zirkus mehr und mehr obsolet werden. Immer mehr Truppen finden zu einer eigenen Identität und ziehen aus neu und klassisch was sie jeweils vorwärts bringt.

    Künstler mit Stallgeruch

    Moderne Kunst wird Zirkus dann wenn Choreografen oder bildende Künstler in die Projekte einsteigen. So gesehen bei der Compagnie Foraine von Adrienne Larue, die mit Daniel Buren, Christian Boltanski und anderen Schöpfern die Symbiose sucht.

    Oder in « Vita Nova », dem Abschlußstück 1999 des Centre national des arts du cirque, der Zirkusakademie in Chalon en champagne. Wie das Choreografenpaar Hela Fatoumi und Eric Lamoureux Zirkus und Tanz miteinander vermischt, das versetzt von Anfang bis Ende in Champagner-Laune. Dort wird internationaler Nachwuchs ausgebildet. Der Direktor dieses Konservatoriums, Bernard Turin, beauftragt jedes Jahr einen Choreografen oder Theaterregisseur, ein Stuck mit dem Abschlußjahrgang zu kreieren. Der Titel der neuesten Kreation, « Vita Nova », ist programmatisch. In der Leichtigkeit der Akrobatik und der Transparenz der Figuren hört irgendwo der Tanz auf, fängt der Zirkus an. Doch so flüssig vermischt wie hier hat man es bisher noch nicht gesehen, nicht einmal im legendären ‘Cri du caméléon » von Josef Nadj.

    Um Leichtigkeit, Freiheit, Gleichgewicht geht es bei der Compagnie Foraine von Adrienne Larue und Dan Demuynck. Hier kommt der neue Zirkus so fein ziseliert, mit so viel Finesse präsentiert wie die nouvelle cuisine. Ein paar Nummern sind es nur, doch die entstanden in Zusammenarbeit mit Buren, Boltanski und anderen. Buren spielt mit seinen gestreiften Paravents aus denen er eckige oder runde Röhren entstehen läßt. Diese bewegen sich auf und ab, entfalten sich oder ziehen sich zusammen. So werden Reiter, Musiker und Akrobaten mal ver-, mal enthüllt. Lange Pausen für Clownereien während des Umbaus wechseln mit Zirkusbildern von ungewohnter Schlichtheit und Intensität. Andere Nummern sind eher humorvoll und erinnern an Marcel Duchamp, z.B. das Pferd im transparenten Regenmantel, gefolgt von einer Kuh mit umgeschnallter Milchflasche. Und diese Milch macht Musik… Tiere ? Nummern ? Tatsächlich. Alles was der nouveau cirque doch überwinden wollte ! Und nun das. Adrienne Larue schlägt spielend die Brücke von Tradition zu Avantgarde, spricht im ersten Tableau wütende Pamflete von Buren über die Mißachtung von Kunst und Künstlern, später folgt der reitende Roboter oder auch ein meditatives, kunstvoll komponiertes Bild aus Seiltanz, Akrobatik, Cellist, Clown und Magierin – ein lebendes Zirkusfoto, inßeniert von Boltanski. « Et qui libre ? » ist Zirkus für Gourmets.

    Hühnertanz mit Popeye

    Abel & Gordon sind zwei alte Bekannte, die immer noch mit ihrem ersten Stück, « La danse des poules » die Bühnen heimsuchen. Als Theaterclowns sind sie unschlagbar. Das Stück war schon mehrfach in Deutschland zu sehen und dann natürlich in deutscher Fassung. Die beiden sind als Belgier und Kanadierin reichlich sprachgewandt, nicht nur im Schreiben der gestotterten Dialoge. Ihr « Hühnertanz » ist in etwa ein Häßliches-Entlein-Remake à la Buster Keaton / Popeye mit einem Schuß Karl Valentin oder Jacques Tati. Ein neues Stuck von Abel & Gordon wird es erst 2001 geben. Zwei andere Stucke, « L’Evasion » (Der Ausbruch) und « Poison » (Gift) haben die Beiden noch im Repertoire und touren ständig. Da kann man verstehen daß es ein paar Jahre braucht bis etwas Neues entsteht.

    Gesang mit Wurzeln

    Zur hohen Kunst : Gnome, Märchenfiguren, elisabethanische Königinnen wie sie gurren, rülpsen, krähen, gackern, schnattern, aber auch singen. Eine Art Konzert also ist dieses « A-Ronne II »  für Fünf Stimmen, nach einem Hörspiel von Luciano Berio, für die (nackte) Bühne inßeniert von Ingrid von Wantoch Retkowski. Ein rezitatives Madrigal, gespickt mit höchst sexuellen Anspielungen an Geburt, Tod und Phallus : « ta bouche : l’anus : in my beginning : aleph : is my end : ein gespenst geht um : »  Von A bis Ronne, das ist das altitalienische Alfabet von A bis weit hinter Z. Und im Text klingt an was den Menschen beschäftigt : das Johannes-Evangelium, Dantes Divina Comedia, das kommunistische Manifest und Roland Barthes. Doch von einem Auftrittsort zum nächsten braucht es nur einen Kofferraum für die Kostüme und einen Dachgepäckträger für die antiken Stühle sowie gute Akustik am Zielort. Der glucksende Holterdipolter-Minimalismus enthält neben Madrigalkunst auch Anspielungen an Volks-, Wander und Protestlieder. Kurios und befreiend.

    Alte Liedtradition neu zu erfinden, das ist auch das Erfolgsrezept von Evasion, einem weiblichen Multikulti-Sextett das in Deutschland nicht mehr unbekannt ist und am 7. und 8. Juni im Bonner Pantheon Theater auftritt. Die familiären Wurzeln der Sängerinnen liegen in Algerien, Portugal, Italien und der Bretagne und doch stammen sie alle aus demselben, neuen Frankreich der grauen Vorstädte mit ihren bunt gemischten Bewohnern. Und nun singen sie in zwanzig Sprachen traditionelle Lieder von allen Inseln und Kontinenten. Leicht verjazzt, nur vom Piano begleitet und auf der Bühne dezent choreografiert. Altes Pathos in neuer, ansteckender Frische. Ihre neue CD heißt « Peuples amants » : Völker, in Liebe vereint (Scalen 024032). Polyphonien aus Madagascar, Russland, Haiti oder Venezuela sind dort zu hören und auch neu getextete, poetisch-abstrakte Kampflieder einer neuen Art. Nicht für eine bestimmte Revolution, sondern für den Sieg der Rosen ganz allgemein.

    Redaktion: Thomas Hahn

    Termine


    La Villette

    Carmen, Compagnie Off (F) Straßenoper (s. Trottoir III/99) 8.-25. Juni

    Calcinculo , Cie Feria-Musica (B) Musik-Zirkus 19.7.-9.9.

    Les gumes, Le Phun (F) Straßentheater 16.-24.9.

    Eine Jonglage-website im Internet: jongle.net

    AdNr:1099 

    2000-06-15 | Nr. 27 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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