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    Fliegende Bauten vor Absturz bewahrt

    Der Schrecken zuerst: Über die sehr zu liebenden Fliegenden Bauten sollte in dieser Ausgabe nur im Zusammenhang mit deren jüngster Eigenproduktion zu lesen sein - ihre Zehn-Sängerinnen-Show "Tenoritas". Doch dann meldeten die Betreiber des Blauen Zelts, Matthias Kraemer und Sebastiano Toma, Insolvenz an.

    Was war geschehen? In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen ist es eben nicht immer möglich, ein 500-Plätze-Haus samt Gastronomiebetrieb zu füllen. Sponsoren (Holsten, Sylt-Quelle, Nil-Zigaretten) gab es, doch hätten es mehr sein dürfen. Und auch der Besuch beim Hoffnungsträger "Tenoritas" ließ bei 50 Prozent Platzausnutzung zu wünschen übrig. (Dabei hat das nun auf Tournee gegangene Programm der jungen Profisängerinnen, die nach dem Vorbild der Zehn Tenöre ein Medley aus Klassik, James-Bond-Soundtrack und 50er-Jahre-Schlager a cappella intonieren, Schwung und Klasse - wenn auch Regisseur Rhys Martin in Bezug auf Technik und Gag-Beiwerk besser dezenter verfahren hätte.)

    Doch anscheinend gibt es ein gutes Ende: Nach einigem Hin und Her mit einem Konsortium um Konzertveranstalter Karsten Jahnke, Kiels Ostseehallen-Geschäftsführer Bernd Hölke und Medienunternehmer Frank Otto hat Indra Wussow, Gesellschafterin der oben genannten Sylt-Quelle, die Fliegenden Bauten für 300.000 Euro gekauft. Wie man hört soll die langjährige Bauten-Sponsorin Wussow, studierte Literaturwissenschaftlerin, eine anerkannte Förderin von Kunst und Kultur sein. Und das Schönste: Kraemer und Toma, die das Theater vor mehr als 20 Jahren gründeten und unermüdlich ihr besonderes künstlerisches Qualitätsbewusstsein bewiesen haben, bleiben als angestellte Geschäftsführer erhalten. Hals- und Beinbruch!

    Nun zu einem anderen Thema: Hamburg - bald ein neues Zentrum der deutschen Impro-Szene? Vielleicht bahnt sich da etwas an. Nachdem vor einem Jahr an dieser Stelle Mignon Remé von Hidden Shakespeare von einem Festival in der Stadt geträumt hat, war es im Frühjahr soweit: Steife Brise, die zweite Profi-Truppe in der Hansestadt, feierte ihren zehnten Geburtstag mit dem "1. German Impro Open" in Alma Hoppes Lustspielhaus. Fortsetzungen alle ein oder zwei Jahre sollen folgen, vielleicht gibt es ab Sommer 2004 sogar ein internationales Festival, gemeinsam organisiert mit Hidden Shakespeare.

    Befreundete, renommierte Truppen aus der ganzen Republik traten beim Theatersport und in der Langform gegeneinander an: Drama Light (Heidelberg), Isar 148 (München), Emscherblut (Dortmund), Hidden Shakespeare (Hamburg), German All Star Team (Nürnberg). Die Zuschauer fungierten als begeisterte Juroren. Gruppensieger wurden die Hamburger: Hidden Shakespeare in der Langform, die Gastgeber gefielen als bestes Theatersport-Team. In der Sparte "Maestro" wurde Sigi Weckerle aus Nürnberg zum besten Spieler gekürt.

    Können und Phantasie der Spieler, Besucherzahlen und Stimmung im Saal waren an allen Abenden gut. "Es kommt es uns aber auch stark auf den Austausch mit anderen Spielern an, zum Beispiel bei den Workshops", betonte Thorsten Brand, Gründer und einer der Leiter von Steife Brise, gegenüber TROTTOIR. Man darf wahrlich gespannt sein, wie es auf Hamburgs Impro-Brettln weitergeht.

    Was passierte sonst im ersten Kleinkunst-Halbjahr 2003 an der Elbe? Das erste Premieren-Heimspiel gab im Januar eine Hamburgerin mit schwäbischen Wurzeln, Käthe Lachmann, im Schmidt: Szenen aus dem Leben und Lebensgefühl paarungsfähiger Großstädterinnen präsentierte die beliebte Komikerin unter dem Titel "Sitzriesen auf Wanderschaft". Dabei gibt die 31-jährige als Single-Eppendorferin eine öde Party, eröffnet eine Luderschule ("Kleidung nur ins homöopathischen Dosen") und produziert die verrückte Gartensendung "Haus und Hecke". Alltags-Beobachtungsgabe und Wandlungsfähigkeit, Stimme und jede Menge Charme machen das skurrile Können der Lachmann aus, das sich jedoch durch verbessertes Timing und mehr inhaltliche Stringenz noch steigern ließe.

    Wichtige Akzente in der Comedy-Szene setzten zwei Wettbewerbe, die den Nachwuchs voran bringen wollen (siehe TROTTOIR Nr. 38). Viele Besucher und ein positives Medienecho fand der durch Sebastian Schnoy initierte und gemeinsam mit Peter Rautenberg vom goldbekHaus sowie neun weiteren Stadtteil-Kulturzentren organisierte und mit 3.000 Euro dotierte "1. Hamburger Cup of Comedy". Der erste Preis ging nach Frankfurt am Main, an die wahnwitzige A-Cappella-Gruppe U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern. Hamburgs Ruf rettete Michael Krebs: Der 28-jährige Klavierkabarettist kam auf den zweiten Platz. Fazit: Der nächste Cup (musste in 2. Hamburger Comedy Pokal umbenannt werden) wurde bereits ausgeschrieben und wird am 22. bis 24. Januar 2004 ausgelobt.

    Um den Nachwuchs verdient gemacht hat sich auch die Vereins- und Westbank, deren mit 15.000 Euro dotierter "Jugend kulturell Förderpreis" diesmal in der Sparte Kabarett vergeben wurde: Nach anfänglich "mauem" Zuspruch gestaltete sich das Finale in den Hamburger Kammerspielen dann doch sehr erfreulich - wobei sich ein Trend in Richtung Musik- und Politikkabarett abzeichnete: Der politisierende Klavierkabarettist Matthias Brodowy (Hannover, 1. Preis), sein Hamburger Kollege Bodo Wartke (2. Preis), der 20-jährige Politkabarettist Benjamin Eisenberg (3. Preis), Klavierkabarettist Tom van Hasselt (Rostock, Sonderpreis der Jury) sowie das Unikum Kai Magnus Sting (Kiel, Publikumspreis, der Saal tobte) machten die Qual der Wahl groß. Da müssen die charmanten "Partygirls" aus Magdeburg erst noch an Format zulegen... In einer "Preisträgerwoche" stellten sich die Sieger in Alma Hoppes Lustspielhaus noch einmal dem Publikum, und auch beim Hamburger Kabarettfestival durften sie mitmischen.

    Das zog dieses Jahr um: Gemeinsam mit seinem Gründer und Leiter, dem sehr verdienstvollen Ulrich Waller, bis dato Chef der Kammerspiele, hat das Festival nun in Thomas Colliens kleinem, stimmungsvollen St. Pauli-Theater nahe der Reeperbahn sein Stammhaus gefunden. Die im vergangenen Jahr begonnene Kooperation mit anderen Kleinkunstveranstaltern wurde dafür erst einmal hinten angestellt.

    Das 17. Veranstaltungsprogramm war nach bewährtem Muster überwiegend mit Spitzenkräften der ganzen Republik bestückt sowie diesmal mit regionalen Stars von Pause und Alich über Badesalz und Herbert Knebel bis Ina Müller, diese solo und mit Edda Schnittgard als queen bee. Entsprechend dem Festivalmotto "Friendly Fire" begannen Matthias Deutschmann, Heinrich Pachl und Arnulf Rating den Reigen mit einer Nachlese auf den Irak-Krieg: Als "Komitee für vertrauensstörende Maßnahmen" - Stahlhelm auf dem Tisch und die Parole "Nie wieder ohne uns" an der Wand - wetterten die drei Kabarettgrößen gegen Bush, Fischer, Merkel und Co. Das hatte Witz auf gewohntem Niveau, kam allerdings über die Verbreitung bekannter Positionen ("Wir sind bildungsmäßig im Keller, aber zum Schießen reicht's") nicht hinaus.

    Zu Kabarettwochen in kleinerem Rahmen lud zuvor - bereits zum zweiten Mal - das von Nikolaus Besch überaus erfolgreich geführte Gastspiel-Theater "Haus im Park" in Bergedorf: "Es gibt leider nur wenig gute, niveauvolle Komödien - da wollen wir den Aspekt des Hintergründig-Humorvollen eben mit einem weiteren Genre abdecken", erläuterte Besch gegenüber TROTTOIR seine Grenzerweiterung, die 2003 als "Bayerische Kulturwochen" firmierte: Gerhard Polt und die Biermösl Blosn, Urban Priol, Django Asül und Dieter Hildebrand sorgten naturgemäß für ein volles Haus, das seit 1999 / 2000 immer öfter mit Qualitätskabarett den Geschmack seines Publikums trifft.                                 

    Redaktion: Ulrike Cordes

    2003-09-15 | Nr. 40 | Weitere Artikel von: Ulrike Cordes





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