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    Begräbnis oder Höhenflug ?

     

    Die fetten Jahre sind vorbei. Frankreichs Markt für Straßenkunst, unbestreitbar Europas Lokomotive des Genres, hat Sand im Getriebe. Der Reigen verkleinerter oder gänzlich eingestampfter Festivals bildet sich gerade erst. Im nächsten Herbst droht Katerstimmung. Schuld sind zwei Tendenzen, die sich gegenseitig hoch schaukeln. Zum einen der vorauszusehende Anstieg der Produktionskosten, vor allem im Straßentheater. Was haben die Intermittents (siehe Trottoir Nr. 40), die Saisonarbeiter der Kultur, nicht alles angestellt um ihren Zugang zur Arbeitslosenversicherung zu retten. Streiks auf den größten Sommerfestivals, und im Herbst Kommandoaktionen in TV-Nachrichtensendungen, Big Brother und mehr, Nacktdemos in Kulturbehörden, einen Alternativvorschlag zur Reform ausgearbeitet, Happenings aller Art, Großdemos in Paris und allen großen Städten. Allein, es rührte weder die Regierung noch den Präsidenten. Die Konsequenzen werden im Laufe des Jahres messbar sein. Vor allem werden Interpreten, wenn sie denn überhaupt noch von ihrem Beruf leben wollen, wesentlich höhere Gagen bzw. feste Anstellungen verlangen müssen. Für viele Festivals und Kompanien wird das nicht zu finanzieren sein. Schon gar nicht, wenn die Budgets schrumpfen. Denn zweitens wird immer mehr Entscheidungskompetenz von Paris in Regionen, Departements und Städte verlagert. Dezentralisierung heißt das und ist in einem Land, das auf vielen Gebieten eine Karikatur von Zentralismus abgibt, nicht unpopulär. Leider betreibt die Regierung Etikettenschwindel. Denn im Bereich der Kultur bedeutet Dezentralisierung zuerst einmal, dass das Kulturministerium einem Haufen Festivals die Förderung streicht. Frei nach dem Motto : Wollt Ihr bei Euch in der Provinz ein Festival, so ist das Euer Bier. Nur eine kleine Auswahl, die laut Ministerium von « nationalem Interesse » sind, gibt es weiterhin Geld. Für Lokalpolitiker wird das noch oft genug Anlass sein, ihren Teil des Geldes gleich mit zu streichen. Vor allem aber droht die Kreativität zu verflachen. Das Risiko, einem Bürgermeister zu missfallen droht die Schere im Kopf zu schärfen. Was das alles in der Praxis bedeutet, bleibt abzuwarten. Denn genauso gut mag es die Radikalität fördern indem manche Kompanien gar nicht erst auf Förderung hoffen und im Off der Festivals umso lautstarker ihre Gesellschaftskritik formulieren. Eine derartige Polarisierung zwischen Kopf-im-Sand und freiem Flug ist durchaus wahrscheinlich. Verunsicherung herrschte auch in Sachen Zukunft von Chalon dans la rue (chalondanslarue.com). Nach dem wenig eleganten Rauswurf der Direktoren Pierre Layac und Jacques Quentin ging die Angst um, das an der Anzahl der Kreationen gemessen größte Festival Europas könne eingespart oder in hausbackene Folklore umgewandelt werden. Mit der Nominierung von Pedro Garcia dürfte nun gewährleistet sein, dass Chalon dans la rue weiterhin ambitionierte Kreationen zeigen wird. Alles andere dürfte Garcia das Herz bluten lassen, denn er gehörte zum Stab des (bereits vor drei Jahren weggesparten) Festivals Les arts dans la rue in Châtillon im Süden von Paris, das kein Mittelmass duldete.

    Werden Kreationen wie « SquarE » der Kompanie Komplex Kapharnaüm dann noch möglich sein ? Politisch engagiert und dabei aufwändig in der Produktion ist das « lokale Strassen-TV » eine Aufführung in der die Bewohner eines Stadtviertels zu Akteuren werden. « SquarE » ist mehr als ein Umzug durch die Strassen mit Projektionen an Häuserwände. Da sehen wir die Bewohner des Viertels im Interview, oder sie grüßen einfach. Und folgen dem nächtlichen Umzug oder stehen am Balkon und winken. Denn die Kompanie bringt Wochen damit zu, die Menschen kennenzulernen und Interviews zu produzieren. Auf dem Festival Coup de Chauffe (www.coupdechauffe.com) in Cognac war die bisher radikalste Version zu sehen. Nicht nur weil Mann und Frau über den idealen Partner diskutierten (unfreiwillig komisch und sehr aufschlussreich) und eine zensiertes TV der Zukunft persifliert wurde. Vor allem wurden Arbeiter des Cognacproduzenten Martell zu Hauptfiguren. Um gegen Rationalisierung und den Umbau eines Familienunternehmens in eine moderne, Gewinnmaximierung anstrebende Corporation zu protestieren, waren sie im Frühjahr in den Hungerstreik getreten. Eine Welle von Entlassungen konnten sie damit nicht verhindern.  Gesellschaftlicher Protest aller Art, auch jener der Künstler, wurde zum Thema des Abends. Das tat dem Ablauf des Festivals nicht weh, obwohl Martell zu den Sponsoren gehört  (gehörte ?). Komplex Kapharnaüm beginnen, ihr Konzept auch außerhalb Frankreichs anzubieten.  Jede Aufführung ist einmalig und passt sich, in den Grenzen des Konzeptes, den Menschen vor Ort an. Fruchtbar ist auch die Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern. Auf Coup de Chauffe war das eine Percussion-Truppe, die auf Cognacfässern recht industrielle Rhythmen schmiedet. (www.komplex-kapharnaum.net)

    Man wäre versucht, zu sagen : sollen Frankreichs Kompanien sich doch Rat holen von Straßenkünstlern in Ländern, in denen es dafür keine Förderung gibt. Zum Beispiel in Portugal. Zum Beispiel Teatro Ka. Doch weit gefehlt. Die Kompanie hofft zuallererst, ihre Produktionen auf französischen Festivals zu verkaufen. Glück hatten sie damit, spät aber hoch verdient, in Cognac.  Mit « Asas do Destino » verliessen sie bereits 2002 das Festival in Holzminden als Preisträger. Ihr neues Stück, « Noites de dia », eine Studie über Blindheit und das nicht-sehen-wollen produzieren sie zum Teil in résidence in Chalon. Die Regisseurin Judite Da Silva Gameiro schrieb « Asas do Destino » als Gruß an ihren verstorbenen Vater. Daher also der Methusalem auf Stelzen, die Engelsfigur und der Tod, sinnlich und anziehend  in seinem türkisfarbenen Schleier. Viel Mut und Talent gehören dazu, so tiefgründig mit der Poesie zu spielen, ohne je in Kitsch abzugleiten. Der Schutzengel im Kampf mit dem Sensenmann (im romanischen Kulturraum natürlich eine Sensenfrau) ist choreografisches Stelzentheater, das die Stelzen völlig vergessen lässt. Ein barockes, nur scheinbar religiöses Gemälde, dessen Stille allen Lärm übertönt, den jene verbreiten, die per Dezibel den Tod zu verdrängen suchen. Sähen sie diese « Schwingen des Schicksals », nähme ihr Bedarf nach akustischer Betäubung schlagartig ab. Denn wer so voller Stille und Frieden in den Tod tanzt, kann nicht lügen. Auf subtile Art scheint das Stück Angst zu machen, denn es wird weit weniger gespielt als es verdient. ( teatroka@vianw.pt)

    Ähnlich poetisch war eine nächtliche Begegnung mit den « steinernen Fischen » des Duos Tournemine. Die seltsamen Echsen überraschten das Publikum in fahlem Licht am Straßenrand, der gleichzeitig Waldrand war. Im dunklen fragt man sich umso mehr, wie sie unter ihren starren Reptilköpfen überhaupt etwas sehen können. Die beiden « Poissons Pierre » sind das Gegenteil von Stelzenläufern, kriechen am Boden und verkörpern den tellurischen Part der Sagen- und Märchenwelt. Dabei spielen sie elegant und diskret mit den Passanten ohne auf sie loszugehen. Ob Stein oder Fisch, in ihnen steckt viel Wärme. (Compagnie Tournemine, Le Champ des Toiles – Le Lac, 86130 Saint-Cyr)

    Zwischen Himmel und Erde, die Holländer von Tuig in « Salto Vitale. » Vierzehn Meter in die Lüfte geschraubt wird ein Akteur auf hölzernem Gestänge. Da können keine Stelzen mithalten. Am Boden Musiker und Operateure der Mechanik. Ein poetisches Ritual, das mit Wasser und Feuer spielt, den Zuschauer intim berührt und gleichzeitig durch die gigantische Dimension der Statik beeindruckt. Die Dramatik steigt von Minute zu Minute, obwohl der Ablauf eigentlich vorgezeichnet ist. Am Ende der Absprung, die Schleuder, die Ejakulation. In deren Erwartung aber steigt die Spannung ins Unermessliche. (info@fransbrood.com)

    Von den beiden Stücken im Repertoire von Tango Sumo ist das gleichnamige ungleich spannender als das humoristische « Expedition Paddock ». Nichts gegen burleskes Theater, aber « Tango Sumo » ist einfach sensibler gestrickt. In einem Viereck aus Seilen, wie in einem Boxring, wird aus gemeinsamem Frühstück am runden Tisch eine getanzte, akrobatische Konfrontation zweier Athleten. Ein Duell (mit der Schwerkraft). Begleitet vom Bandoneon, spielen die Tänzer mit der Trägheit ihrer Körper als gelte es, neue physikalische Gesetze zu erfinden, als Spiegel der psychologischen Konfrontation. Zwischen Anziehung und Abweisung entseht Magnetismus wie im Tango, in einer völlig anderen Bewegungssprache. Eine Delikatesse für das interessierte Publikum. Dagegen ist « Expediton Paddock », eine groteske Bande Strafgefangener, die über ihre Matratzen hüpft, weit mehr geeignet, die Passanten eine Zeit lang vom Shoppingdrang zu heilen. (www.tangosumo.com)

    Redaktion: Thomas Hahn

    2004-03-15 | Nr. 42 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn





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