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    Der Kiez macht mobil

    Im pastellfarbenen Foyer hängen - ein Geschenk von Kabarett-Festival-Chef Ulrich Waller - große Fotos von Satire-Papst Matthias Beltz und Spott-Chansonette Ortrud Beginnen: "Unsere Schutzheiligen", sagt Lisa Politt.

    Im September haben Hamburgs grande dame des aggressiveren (Musik-)Kabaretts und ihr Partner Gunter Schmidt (seit 19 Jahren gemeinsam als "Herrchens Frauchen" bekannt) ein eigenes Haus namens "Polittbüro" eröffnet: konsequent antizyklisch in Zeiten der Rezession und auf der Sündenmeile Steindamm gleich am Hauptbahnhof - im ehemaligen Ballsaal und Kino "Neues Cinema", das zuletzt dem glücklosen Schauspielhaus-Intendanten Tom Stromberg als Zweigstelle diente. "Wir haben schon lange Spaß daran, Veranstalter zu sein", sagt Schmidt, der mit Lisa einst die "SchlapplacHHalde" mitbegründet hatte. "Wir sind ja nicht mehr so jung, ich 46, der Gunter 45, da will man nicht mehr dauernd unterwegs sein", nennt Politt, Trägerin des Deutschen Kabarett-Preises 2003, als Motivation.

    Rund 200 Plätze hat die stil- und stimmungsvolle Bühne, die beide zunächst für zwei Jahre gepachtet und selbst sowie mit Freundeshilfe renoviert haben: eine Größenordnung, die ihrer Meinung nach ideal für die Verbindung von inhaltlichem Anspruch und Wirtschaftlichkeit ist. Geld von der Kulturbehörde gab's nur einmalig und minimal, die frisch gebackenen Theaterleiter investieren statt dessen einen zweistelligen Betrag aus eigenen Taschen: "Das Theater muss sich tragen, mehr nicht", formuliert die Dame des Hauses, "unsere Brötchen verdienen wir weiterhin mit Auftrittsgagen." Bei Ticketpreisen von moderaten 12,50 Euro hoffen sie auf ein breites Stammpublikum.

    Neben Unterhaltung wünschen sich Politt und Schmidt selbstredend Reibung, Spannung, Auseinandersetzung - auch im geplanten Kindertheater. Kabarett  er ersten Liga - weniger Comedy - sowie Lesungen und Chansonabende renommierter Schauspieler wie Rolf Becker und Hannelore Hoger sollen das Programm ausmachen, das Politt und Schmidt dabei zu 30 Prozent selbst gestalten wollen. Für einen verheißungsvollen Einstieg sorgten auf der Eröffnungsgala illustre Gäste, die auch in Zukunft im "Polittbüro" gastieren werden, darunter Michael Ehnert, Alma Hoppe, Corny Littmann, Fanny Müller, AprillFrisch und Mägädäm, Nessie Tausendschön, Popette Becantor, Pigor & Eichhorn... Ein neues Haus erhält auch das Schmidt-Theater. Dafür muss jedoch - im Januar - das alte Gebäude erst einmal abgerissen werden. Fast genau 15 Jahre, nachdem Corny Littmann und Norbert Aust ihr gedeihliches Etablissement für Schauspiel, Comedy und Varieté am Spielbudenplatz nahe der Reeperbahn gegründet und damit für kulturelle Neubelebung des ganzen Kiez gesorgt hatten, ist die plüschige alte Bude, das frühere "Zillertal", allzu marode geworden.

    Nachdem dort kurz vor Toresschluss noch "Die Henkersmahlzeit" als 369. Folge der St. Pauli-Soap "Pension Schmidt" gereicht wurde, sorgt nun die stadteigene Sprinkenhof-Gesellschaft für einen sechsgeschossigen Neubau: Darin wird das Theater größer als zuvor (380 statt 230 Plätze), auch das gastronomische Angebot wird erweitert. Für die oberen Etagen sollen Firmen gewonnen werden, die möglichst im Entertainment tätig sind - für Littmann und Aust auch ein Stück Standortpolitik. Die Neueröffnung ist für August 2005 angepeilt.

    Nebenan im Schwester-Theater Schmidts Tivoli rockt und poppt derweil - mindestens noch bis zum Frühjahr - dessen zweite hauseigene Musicalproduktion. Das bereits aus ihrer Vorgängerin "Swingin' St. Pauli" bekannte Dreamteam Thomas Matschoss (Buch), Heiko Wohlgemuth (Songtexte) und Martin Lingnau (Musik) kreierte mit Regisseur Corny Littmann ein bunt gemischtes Kaleidoskop von Kiez-Bewohnern und -Bummlern rund um die titelgebende, einst real existierende Imbissbude "Heiße Ecke 24". Da geht es überwiegend laut und lustig zu, ortsübliche derbe Witze eingeschlossen - doch auch Momente von Romantik, Melancholie und Einsamkeit fehlen nicht. Und weil das Ganze - wenn auch mit eher grobem Pinsel gemalt - vor Lokalkolorit nur so strotzt, zudem flott inszeniert ist, die Musik ins Ohr geht und vor allem extrem spielfreudige Darsteller in wechselnden Rollen glänzen, eroberte die so wieder auferstandene "Heiße Ecke 24" das Herz von Publikum und lokaler Presse im Sturm und damit einen neuen Platz an der Reeperbahn.

    Um Kiez-Geschichte, allerdings auf höherem geistigen Niveau, geht es auch noch ein Haus weiter: in Thomas Colliens traditionsreichem St. Pauli-Theater, in dem der qualitätsbewusste und erfolgreiche  Ex-Kammerspiele-Chef Ulrich Waller (s.o.) nach Querelen an der Hartungstraße seine neue Heimatstatt gefunden hat (wir berichteten). Zum Einstieg schrieb und inszenierte Waller "Auf der Reeperbahn... die St. Pauli-Revue": Unter der hervorragenden musikalischen Leitung von Herbert Kauschka begeben sich sehr präsente Mimen wie Peter Franke und Gerhard Garbers in dieser "historischen Peep-Schau" auf Zeitreise auch zur früheren Kiez-Unterhaltungskultur. Wo nämlich im "Alkazar" weltberühmte Artisten auftraten, Hans Albers filmte oder bis in die Nazi-Zeit die Gebrüder Wolf ihr legendäres "Snuten un' Poten" sangen, da hatten schon um 1800 Schausteller und Gaukler ihre Buden: auf dem späteren Spielbudenplatz. Ergo ein vergnüglicher und lehrreicher, allerdings auch ein wenig betulicher Abend. (Wiederaufnahmen sind geplant.) In Zukunft sollen im St. Pauli-Theater erstklassiges Kabarett und entsprechende Comedy, gern mit Hamburg-Profil, mehr denn je über die Bühne gehen. So feierte bereits Dirk Bielefeldt alias Herr Holm als "Der Glückstrainer" wieder eine größtenteils zu Recht umjubelte Premiere. Und das Kabarett-Festival im vergangenen Sommer wurde dort ja auch schon mal eröffnet.

    Redaktion: Ulrike Cordes

     

    2003-12-15 | Nr. 41 | Weitere Artikel von: Ulrike Cordes





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