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    „Außergesetzlicher Notstand“ im Kabarett Charly M.

     

    Die Karl-Marx-Allee in Ostberlin ist eine der imposantesten Straßen der Stadt und bei Touristen schwer beliebt. Darum reiht sich in den Erdgeschossen der „Arbeiterpaläste“ eine Gaststätte an die andere. Was es hier nur wenig gibt, ist Kultur. Darum war der Vermieter sofort begeistert, als das Kabarett Charly M. Ende vergangenen Jahres Interesse an dem Lokal neben dem alten Kosmos-Kino anmeldete. Jetzt steht dort in großen, leuchtenden Buchstaben „Politisches Kabarett“ über der Tür, und es klingt fast ein bisschen trotzig. Das beginnt schon beim Namen: Charly M. wie Karl Marx. So nannte ihn in einem untergegangenen Jahrzehnt die westdeutsche Linke, um den Ruf des Vordenkers ein bisschen zu entstauben. Nach der Wende haben das einige von den Ostdeutschen übernommen, die nicht endgültig genug von der reinen Lehre hatten. Das Kabarett Charly M. wird von denselben Betreibern geführt wie das Kartoon. Dieses entwickelte sich schon kurz nach der Wende zu einer Institution des professionellen Politkabaretts, das zwar die wunden Punkte trifft, dem vorwiegend touristischen Publikum auf Berlinfahrt aber auch nicht die Laune verdirbt. So hält man es nun auch bei Charly M. „Wer lacht, hat noch Reserven“ ist ein Motto des Hauses.

    Das Charly M. leistet sich ein festes Ensemble, das aus den Kabarettisten Lara Wendel und Peter Hiller sowie dem Pianisten und musikalischen Leiter Wolfram Lauenburg besteht.

    Das erste Programm „Außergesetzlicher Notstand“ ist eine solide Nummernrevue, die von den beiden Darstellern schauspielerisch sauber und mit präzise vorgetragenen Pointen gespielt wird. Es wird gesungen und gesprochen und kräftig berlinert. Aber gleich zu Beginn grenzt man sich von den ebenfalls auf Lokalkolorit setzenden, jüngeren Hauptstadtkomödianten ab: Sowohl Cindy aus Marzahn als auch Kurt Krömer kriegen nach wenigen Minuten eins auf den Deckel. Denn in Charly M., das will man damit klar machen, geht es nicht um Klamauk oder Rambazamba. Hier geht es schon noch um politisches Bewusstsein, auch wenn man damit gleich beim Hauptproblem des politischen Kabaretts der Gegenwart anlangt: Ins Kabarett gehen sowieso nur die, die der gleichen Meinung sind wie die auf der Bühne, um sich ihre Meinung bestätigen zu lassen. Das führt zu einer schmunzelnden Betulichkeit, die von Subversion oder Bewusstseinsbildung so weit entfernt ist wie die DDR von einem anständigen Latte Macchiato. Unter diesen Vorzeichen machen Wendel und Hiller aber das Beste daraus: Auf einer Metaebene reflektieren sie dieses Problem sogar einige Male. Mehr wollen sie nicht und mehr will das Publikum nicht. Und so steht am Ende ein kurzweiliger Abend in einem hübschen, liebevoll betriebenen, neuen Kabarett, das auch an durchschnittlichen Abenden gut zur Hälfte gefüllt ist – und zwar auch mit jungen Menschen, die man sonst an solchen Orten selten sieht. Und das ist für ein politisches Kabarett gar nicht einmal so wenig.

    Redaktion: Susann Sitzler

    2008-03-15 | Nr. 58 | Weitere Artikel von: Susann Sitzler





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