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    Lachen hilft, Lachen bewegt, Lachen tut einfach gut.

    Erfahrungsberichte wie auch wissenschaftliche Studien bestätigen die positive Wirkung dieser gesunden Augenblicke der Freude. Der Verein arbeitet mit dem Ziel der Professionalisierung, Erweiterung und Kontinuität der Clownarbeit in therapeutischen Einrichtungen. Seit Anfang 2007 ist der Verein auch Mitglied im „Deutschen PARITÄTISCHEN Wohlfahrtsverband, Landesverband Berlin e. V.“ Wir trafen uns mit Paul Kustermann (PK), Mitbegründer und Clownbotschafter des Landesverbandes Berlin.

    Clownschule Uli TammTROTTOIR: Die Roten Nasen wurden 2003 gegründet und wuchsen aus der langjährigen Clownarbeit im Krankenhaus, die in Berlin 1995 begann. Was habt ihr in den letzten Jahren erreicht?

    PK: In den letzten 10 Jahren ist viel bewegt worden unter den Medizinern. Alle Ärzte, Betreuer und Krankenpfleger würden es gerne sehen, wenn Clowns in ihre Einrichtung kämen. Und es gibt immer mehr Künstler, die gerne als Clowns arbeiten möchten.

    TROTTOIR: Wenn man im Krankenhaus liegt, ist einem meist nicht gerade zum Lachen zumute ...

    PK: Es geht nicht immer ums Lachen, es geht oft darum, Stimmungen aufzunehmen und greifbar zu machen, also, in die Realität zu bringen. Das kann Romantik sein, Trauer, es können auch Ängste, Sterbenswünsche sein.

    TROTTOIR: Wie ist das mit Trauer und Sterbenswünschen? Das bringt man mit einem Clown erst einmal nicht in Verbindung. Wenn da ein kleiner Mensch sitzt, der fühlt, dass er sterbenskrank ist… Was meinst du damit: die Trauer aufzunehmen?

    PK: Der Clown ist ein Wegbegleiter, er ist sehr neugierig und auch sehr labil. Er erlebt das im Moment. Er denkt nicht an die Folgen. Wenn zum Beispiel ein Kind sagt „ Ich werde sowieso sterben. Ich will nur weg und will mit keinem reden“, dann nimmt der Clown wahr, dass ein Wunsch geäußert wurde: Und dann lässt der Clown das erstmal gewähren. Das erlebt der Betroffene von anderen vielleicht nicht. Die Eltern wollen alles besser machen, die Ärzte heilen, die Schwestern helfen und der Clown ist möglicherweise der Erste, der kommt und sagt : „Oh, da weiß ich auch nicht weiter.“ Vielleicht entsteht in der Leere die Frage, was danach kommt. Der Clown könnte fragen: „Bist du schon mal gestorben? Wie ist es denn, wenn man stirbt?“ Es gibt viele Möglichkeiten. Er könnte sagen. „Dann lass uns lieber gleich zu sterben versuchen. Aber bevor ich sterbe, will ich Kuchen.“ Und plötzlich bereitet man ein Sterben vor wie einen Geburtstag. Mit einer alten Frau, die sterben wollte, habe ich einmal alles durchgespielt, was man tun kann, um zu sterben: Luft anhalten, zum Himmel fliegen, aus dem eigenen Körper steigen.

    TROTTOIR: Erlaubt es euch denn der Klinikalltag bzw. die Masse an Patienten, die sich alle auf den Clowns-Besuch freuen, lange bei jemandem zu bleiben? Müsst ihr nicht auch ein Pensum erfüllen?

    PK: Es kommt nicht auf die Menge der Zeit an, sondern auf die Qualität der Zeit, die wir mit den Menschen verbringen. Wenn man es schafft, zusammen ein wunderbares Gefühl zu erreichen, dann ist die Begegnung zeitlos.

    TROTTOIR: Wie sieht so ein Tag aus?

    PK: Wir kommen an und machen zuerst eine Übergabe mit dem Pflegepersonal. Wir kriegen eine Liste von allen, die besucht werden könnten, und sprechen alle kurz mit der Schwester durch. Was hat der Mensch, wie ist er drauf? Reingehen ? Lieber nicht? Warum nicht? Hat er eine ansteckende Krankheit?

    TROTTOIR: Was wäre dann?

    PK: Zu den „ Ansteckenden“ gehen wir zuletzt, um keine Keime herumzutragen.

    TROTTOIR: Schützt ihr euch nicht?

    PK: Doch! Manchmal sind wir komplett vermummt mit Kittel, Haube, Schuhen und Maske, mit Clownsnase obenauf. Manchmal stehen wir sogar vermummt in einer Schleuse und dürfen nicht mal ins Zimmer rein und versuchen, eine Kommunikation aufzubauen.

    Manche Patienten liegen an vielen Maschinen angeschlossen oder im Wach-Koma, da können wir nicht viel machen, aber wir gehen hin. Man kann die Hand halten. Das kann sehr viel bedeuten.

    TROTTOIR: Was müssen die Künstler mitbringen, um Clowns zu werden? Sind alle ausgebildete Clowns?

    PK: Ja, wir bevorzugen professionelle Clowns.

    Aber wir geben auch Talenten aus anderen Bereichen eine Chance, d. h. professionellen Darstellern oder Leuten aus dem therapeutischen Bereich. Aber auch dann ist eine spezielle Ausbildung für diese Aufgabe nötig.

    TROTTOIR: Muss man diese Ausbildung bei euch machen?

    PK: Ja, zum Teil. Es gibt Menschen die zu uns kommen, die bereits ausreichende Bildungsprozesse hinter sich haben. Trotzdem müssen wir schauen, ob wir zusammenpassen. Entweder durch unsere eigene einjährige Ausbildung, oder zumindest einem Praktikum bei uns. Wege gibt es viele.

    TROTTOIR: Die Ausbildung kostet sicherlich etwas? Kann man sich das leisten?

    PK: Ja, das kann man sich leisten. Das letzte Clown Labor bei uns lief über 4 Monate mit 96 Unterrichtsstunden und kostete etwa 900 €. Es waren 16 Teilnehmer. Die Themen des Clown Labors umfassten: Feste Figur; Arbeit als Solist und mit einem Partner; Arbeit in Gruppen; Fertigkeiten und spezielle Skills; Impro-Technik; Interaktive Spiele; Auftrittsstrukturen wie Türrahmen-Hallos, Anfang/Mitte/Ende, Spannungsbögen und Intimer Raum als Bühne; Natürlich auch Glaubwürdigkeit und Clownlogik sowie Spiel mit Masken und Kostüm.

    TROTTOIR: Wenn man die Ausbildung gemacht hat, kriegt man dann eine Stelle bei euch?

    PK: Nein. Das ist nicht gesagt. Wir haben nicht immer vakante Stellen. Wenn man Monate lang miteinander gearbeitet hat, kann man manchmal feststellen, dass jemand noch nicht so weit ist, oder dass man vielleicht nicht zueinander passt.

    TROTTOIR: Wie viele Clowns seid ihr?

    PK: Wir sind zwei Gruppen, Berlin und Baden Württemberg. Zusammen sind wir 22 Clowns, davon 16 in Berlin.

    TROTTOIR: Und wie viele Arbeitseinsätze gibt es?

    PK: Wir haben in Berlin ca. 20 Programme, also Orte, an denen die Clowns spielen.

    Das heißt es sind ungefähr 45 Clownsauftritte im Monat für je 2 Clowns, also einen Schnitt pro Clown von etwa 5 bis 6.

    TROTTOIR: Wie hoch sind die Gagen?

    PK: Die Vergütung kann man nicht nur in Geld bemessen. Viel weniger als bei einer Gala, aber mehr, als wenn man für eine KiTa auftritt. Wenn man wöchentlich ein Mal spielt, kann man vielleicht seine Miete davon bezahlen. Aber neben der Gage gibt es auch andere Vergütungen, wie regelmäßige Trainings, Austauschprogramme, ein internationales Clown Camp, medizinische Fortbildungen, Coachings zur Teambildung und Supervisionen wegen der emotionalen Schwere der Arbeit.

    TROTTOIR: Bietet ihr wieder eine Ausbildung an?

    PK: Ja, im nächsten Jahr. Einen oder mehrere Kurse für Clowns, die sich zum Klinik-Clown weiterbilden möchten. Und auch für komplette Neueinsteiger.

    TROTTOIR: Vielen Dank für das Interview. Du hast das Schlusswort ...

    PK: Es ist die schönste Arbeit, die ein Künstler machen kann. Ich danke auch für das schöne Interview.

    AdNr:1007

     

     

    2008-12-15 | Nr. 61 |





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