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    Der Kampf geht weiter



    Es wird also kein Trottoir-Magazin mehr geben, und damit auch keine Kritik mehr zur Straßenkunst. Ein Zeichen der Zeit. Es geht nicht mehr vorwärts, sondern zurück. Der Kampf um Freiheit im öffentlichen Raum beginnt jedes Jahr aufs Neue. „Kunst auf der Straße wird heute leichter akzeptiert als noch vor zwanzig Jahren, aber gleichzeitig ist das Klima rauer geworden“, sagen Franck Etcheverry und Gloria Aras, die als Duo Etxea wieder dort ansetzen, wo es vor dreißig Jahren in der Straßenkunst losging. Ludger HollmannWie kann man Leuten vermitteln, dass sie nicht dazu geboren wurden, wie Automaten durch die Straßen zu rennen? Das scheint heute schwieriger zu sein als je zuvor. Die Akzeptanz betrifft offiziell eingerichtete Zonen, räumlich und zeitlich begrenzt – die Festivals. Daneben macht sich Zensur breit. Caroline Amoros bekommt das ganz besonders zu spüren. Ihre Kompanie Princesses Peluches macht die besten engagierten Performances überhaupt. Aber da sie Slogans auf das Pflaster malt, kneifen alle den Schwanz ein. Selbst die Kooperative 2r2c in Paris, die doch eigentlich Straßenkunst verteidigen soll, verbeugt sich vor der Polizeipräfektur und den Behörden. Amoros absolvierte im Frühjahr ein Spießrutenlaufen durch die Verwaltung, obwohl erwiesen ist, dass ihre Farbe selbst vom Regen wieder weggewaschen wird. Die Behörden fürchten wohl doch mehr, dass sich da etwas in den Köpfen des Publikums festschreibt, nämlich dass man sich Sachen vorstellen kann, die in der funktionalen Sterilität des urbanen Alltags nach Revolution riechen. Schließlich wird bei Sportveranstaltungen die gleiche Farbe von den Behörden selbst für Markierungen verwendet. Etxea drückt das so aus: „Versucht doch mal, mit einem erhobenen Arm einkaufen zu gehen.“ Wie politisch geprägt alles Körperliche ist, das predigen auch im Tanz viele Choreografen, z. B. das Pariser Kollektiv Attentat chorégraphique. Die stellten an einem Sonntag Sofas auf einen Metro-Bahnsteig und begannen, davor zu tanzen. „Den öffentlichen Raum muss man sich halt erobern“, sagt die quirlige Chefin der Bande, Sandra Abouav. Das tat sie sehr geschickt. Denn es gibt in Frankreich kein Gesetz, das verbietet, in einer Metrostation Sofas aufzustellen. Keins, das verbietet, vor diesen Sofas zu tanzen. Und keins, das verbietet, solch ein Happening zu filmen und das Video ins Internet zu stellen (bei Dailymotion). Es war ein Sonntag im März. Ein Wahltag. Der richtige Tag für ein Tanz-Attentat an der Metrostation Concorde, wo jeden Tag Hunderttausende ein-, aus- und umsteigen. Der Anlass zur Aktion war Wut darüber, dass seit Jahren Obdachlose gezielt aus den Stationen vertrieben werden. Glatte Bänke, auf denen die Clochards noch pennen konnten, weichen Einzelsitzen und Bänken mit Metallbügeln. Das Phänomen greift um sich, in der Metro, auf den Champs-Elysées, im urbanen Raum überhaupt. Nicht nur in Frankreich. Je mehr Clochards es gibt, umso subtiler, aber auch brutaler, wird ihnen mitgeteilt, dass sie unerwünscht sind. Und dann macht Ikea in der Metro Werbung für seine Wohnzimmer! Dass eine Gesellschaft erst Armut produziert, sie dann unter den Teppich kehrt, indem sie Obdachlose „wie Tauben vertreibt“, das ist für Abouav und ihr Kollektiv unerträglich. Der Tanz, den sie auf dem schmalen Bahnsteig aufführten, war eher unkoordiniert, darauf ausgelegt, durch Unordnung die erzwungene Ordnung und Sterilität erfahrbar zu machen, die den funktionalen Fluss der urbanen Hektik bestimmt. Da sieht man in grausiger Deutlichkeit, mit welchen Scheuklappen das Volk durch die Straßen rennt. Das Video mit der „Kit Dance Party“ in der Metro erschien im März auf Dailymotion und war ihr erster großer Wurf. Der neueste ist nun auch in Sachen Videokunst ein Highlight. Da amüsieren sie sich in einem Discountmarkt, zwischen Kühlregalen und Ordnungshütern. Mit einer ausgefeilten Choreografie schreien sie ins Milchregal, wie der Mensch als Massenhuhn verzweifelt, wenn er ausgerechnet in der Einkaufsbatterie zu sich selbst finden soll. In „Travailler +“ (mehr arbeiten) sind die Überwachungskameras ins Video integriert. Da sehen die Tänzer dann erst recht wie eine Kommandoeinheit aus.

    Wie eine Kommando-Attacke begreifen anscheinend einige das spektakuläre „Memento“ (s. Trottoir Nr. 65) von KomplexKapharnaüm. Da klagte die örtliche Vereinigung der Kriegsveteranen gegen das Festival Les Turbulentes in Parthenay, um zu erwirken, dass die Kompanie nicht in der Nähe des dortigen Kriegerdenkmals aufführen darf. In einer Kleinstadt mit 10.000 Einwohnern ist das gar nicht einfach.

    Das nächste Opfer politischer Mutlosigkeit ist das Kollektiv Ornic’art aus Marseille. Deren „Kärcher-Ballade“ ist eigentlich das ideale Folgestück für eine Performance von Princesses Peluches, denn da heißt es: Wasser marsch, und die Straße gesäubert! Satirisch überhöht natürlich, und unbotmäßig, aber mit viel Seife aus Marseille und einer Rutsch-Choreografie voll urbaner Gleitfähigkeit. Das alles dient in ihrer Fiktion dazu zu testen, ob durch die Säuberung nun mehr Zärtlichkeiten ausgetauscht werden. Zu Beginn wird gegen Sarkozys Politik gewettert, und so wird die Performance auch selten aufgeführt, und schon mal illegal. Aber dann gibt’s natürlich auch kein Geld für die Kompanie. Sie berichten, dass ihnen schon öfter gesagt wurde: „Wir würden das Stück ja nehmen, aber nur ohne die politischen Statements am Anfang.“ Das verweigern sie. Im Gegenteil, sie organisieren selbst kleine Festivals in Marseille und Paris unter dem Titel „Désordre urbain“ – Chaos in der Stadt. Eine Kampfansage. Da „besetzen“ Künstler ein Viertel und rufen dort jeden Tag aufs Neue „Baustellen“ aus. Es kann sehr experimental zugehen, aber nicht systemlos. Alle studieren eingehend die „sichtbaren und unsichtbaren, sozialen, architektonischen und historischen Grenzen“, die das Viertel durchziehen. Erst danach setzt man sich zusammen und definiert die geeigneten Formen von Performance. „Désordre urbain 2010“ lädt im Mai auch das Kollektiv Non Grata mit dessen Wanderfestival Diverse Universe nach Paris ein. Alle Mitglieder von Non Grata sind anonym, und bei ihren Happenings kann es richtig zur Sache gehen. Willkommen in den 70ern, der Kampf beginnt von vorn (www.ornicart.org, www.nongrata.ee)

    Ziemlich kratzfest sind auch Les Antipodes, eine Kompanie aus Nizza, die sich dem Outdoor-Tanz verschrieben hat. Sie reiben sich gerne an Wänden oder den Schäferhunden des Publikums. In „Ad Libitum“ erzählen sie von Migranten, Armut und dem Willen, Mauern zu überwinden. Ihr ganzes Hab und Gut sind Jutesäcke und das Publikum darf helfen, die zu tragen. Es wird wirklich gewandert, bis die große Mauer erreicht ist, und der symbolische Kampf der Mobilität gegen die Blockade der Materie. Diese Tänzer schonen sich nicht. Auch in ihrem Trio „Les Ponctuels“ (die Pünktlichen), wenn sie Zeitung lesend auf einer Parkbank sitzen, ist es mit der Ruhe schnell vorbei. Sind sie Banker oder Obdachlose? Aus der Funktionalität des Business ausgebrochen, haben sie plötzlich Zeit, bemächtigen sich ihres Körpergefühls und entledigen sich ihrer Anzugjacken. Dann suchen sie den Kontakt, auch körperlich, mit den Zuschauern.http://compagnieantipodes.free.fr/Web%20publi/clip%20acceuil.html

    Den Coup der Saison in Sachen Mobilität landete allerdings Nathalie Pernette mit ihrer Kompanie und dem Programm „Les Miniatures“, vier kurzen Stücken von drei bis zwanzig Minuten Länge, einzeln aufgeführt. Da läuft das Publikum von „La Rose“ zu „L’apparition“ oder von „L’insomnie“ zu „Les oignons“. Die Leute warten dreißig Minuten oder länger, um drei Minuten Tanz zu sehen! Recht haben sie, diese Miniaturen sind so sensibel, überraschend, filigran gestaltet und getanzt, dass das Konzept voll aufging. So stand etwa Chalon dans la rue ganz im Zeichen Pernettes (www.compagnie-pernette.com).

    Eine fast unsichtbare Art, den öffentlichen Raum zu erobern zeigten, ebenfalls in Chalon, Ici Même aus Grenoble. „Vous laisseriez-vous guider par un(e) inconnu(e)?“, fragen sie: Würden Sie sich von einem/r Unbekannten führen lassen? Und zwar mit geschlossenen Augen, Hand in Hand, mitten durch den Stadtverkehr! Einmal als Blinder erfahren, wie die Stadt klingt, wenn man ihr wirklich zuhört und ihre Geräusche nicht nur als Hintergrund betrachtet. Auch eine Art, subversiv innere Mobilität zurückzuerobern (www.icimeme.org).

    Redaktion:
    Thomas Hahn

    AdNr:1069   



    2010-06-15 | Nr. 67 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn



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